Porträt des Künstlers als Don Quijote

In unserem hier publizierten Dialog umkreisen wir (Michael Schneider und ich) gerade das Thema des künstlerischen Tuns als Handwerk. Und Michael, der so gut wie alle Maler kennt und von allen und über alle alles gelesen hat, erwähnt ein Gedicht des malenden Metaphysikers Giorgio de Chirico aus dem Jahr 1945, wobei gleich erwähnt werden soll, dass wir uns damit ungefähr im Jahre 15 nach dem Ableben des vom Gros der „Kunstwelt“ anerkannten Malers gleichen Namens befinden. Man wird also wohl sagen müssen, das Gedicht von de Chirico wurde nicht nur posthum veröffentlicht, sondern auch posthum von ihm selbst verfasst:

Morgengebet eines echten Malers

Herr, mein Gott, mache, dass mein Handwerk als Maler
Sich immer mehr vollende.
Bewirke, Herr mein Gott, dass ich mit Hilfe des Materials
Bis zum letzten Tag meines Lebens
Große Fortschritte erziele.
Gib mir, mein Gott, auch Intelligenz,
Auch mehr Kraft, Gesundheit und Willenskraft,
Damit ich stets meine Emulsionen und mein künstliches
Öl Verbessern kann.
Damit sie mir immer mehr Hilfe seien,
Dass sie beitragen zur Materie meiner Malerei,
Zur größeren Transparenz und Dichte,
Zum steigenden Glanz und Fluidum.
Herr, mein Gott, steh mir bei,
Vor allem anderen inspiriere mich,
Dass ich die Probleme des Materials
Bei meiner Arbeit als Maler löse.
Damit ich der Malerei den Glanz wiedergeben kann.
Den Glanz, den sie seit fast einem Jahrhundert verloren hat.
Hilf mir, mein Gott, die Ehre der Malerei
wiederherzustellen.
Indem ich die Probleme der Materialien löse.
Denn die metaphysischen und spirituellen Probleme,
Die lösen inzwischen die Kritiker
Und die Intellektuellen,
Amen.

1975, dreißig Jahre nach der Entstehung des Gedichts und drei Jahre vor de Chiricos leiblichem Tod, stellt Peter Sager in einem „Zeit“-Artikel, dessen geistvoll-launige Qualität von den heutigen „Zeit“-Genossen kaum noch erreicht wird, fest, beim späten de Chirico handle es sich um „einen Künstler, der für die einen als Renegat des Surrealismus längst tot, für die anderen neu geboren war als Konvertit zur Klassik.“ Insgesamt, so Sager, falle es ihm schwer beim Anblick der Bilder aus den 1970er Jahren „nicht von der Tragikomödie eines Alterswerks zu sprechen.“

Noch einmal 40 Jahre nach Sagers Artikel kann man das offenbar auch ganz anders sehen. In seinem Hinweis auf eine Chirico-Ausstellung in Istanbul 2016 (Giorgios Vater Evaristo wurde dort geboren) nennt Alain Truong die letzte Schaffensphase des Künstlers zwischen 1968 und 1976 „neo-metaphysisch“ und spricht von einer „erneuerten malerischen, konzeptuellen und philosophischen Vision“, die sich zeige in Werken „in tune with contemporary Pop Art.“ (Hier der Link zum ganzen Artikel.)

G. de Chirico: Selbstbildnis, 1953, Öl auf Leinwand (mein Titelvorschlag: „A Portrait of the Artist as Another Don Quixote“)

Mein Malerei-Lexikon von A-Z (1986) des Schweizer HONOS-Verlags schreibt über den de Chirico nach de Chirico nur kurz und bündig: „1945 beginnt sein Spätwerk mit surrealistischen Elementen.“ Das „Spätwerk“ umfasst eine Zeitspanne von 33 Jahren.