Und endlich die Bildhauer Zürn

Seit einem halben Jahr, wenn nicht schon länger, finde und finde (und finde) ich Holzbildwerke und -hauer in Oberschwaben oder, sagen wir, in der Region nördlich und östlich des Bodensees. Es fing, glaube ich, an mit dem Pfullendorfer Konrad Hegenauer (zweite Hälfte 18. Jahrhundert) und dessen Vater Felizian. Durch Hegenauer kam ich auf den Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager, der nicht nur ein Buch über die Werkstätten der Hegenauers (es gab noch mehr Schnitzer in der Familie) veröffentlicht hat, sondern auch eines (schmalrückig, aber gehaltvoll)  über Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Ruez (alle 18. Jahrhundert). Hinzu kamen der großartige Anton Sturm in Füssen (auch er ein Zeitgenosse von Konrad Hegenauer) und zuletzt der Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenck (ziemlich genau hundert Jahre vor Hegenauer geboren) und mit ihm die ganze Sippe der Schenck-Bildhauer.

Ein ums andere Mal begegnete mir bei meinen virtuellen Streifzügen durch Kirchen, Klöster und Museen der Name Zürn und ich ahnte schon, dass ich über Hans, Martin und Jörg Zürn eher früher als später den einen und anderen Beitrag ins Netz würde stellen wollen.

Das zweibändige Mammut-Werk (insgesamt 830 Seiten) über Die Bildhauerfamilie Zürn liegt für mich in der Badischen Landesbibliothek zur Abholung bereit und mit einer oxymerotischen Mischung aus Vorfreude und Grauen stelle ich mir vor, wie ich in Bälde Claus Zoege von Manteuffels Beitrag zur Kunstgeschichtsschreibung in Händen halten und mehr oder weniger schwer atmend nach Hause tragen werde. Es ist immer gut, wenn ich um Weihnachten herum eine Beschäftigung habe, der ich mich vor und nach den familiären Verpflichtungen widmen kann.

Der „Stammvater der berühmten oberschwäbischen Bildhauerfamilie Zürn“, wie es bei Wikipedia heißt, war Hans Zürn, mit dem Zusatz „der Ältere“, wobei es sich beim jüngeren Hans Zürn um seinen zirka 1585 geborener Sohn handelt. Zum Auftakt der Beitrags-Serie (denn eine solche wird es, mit Unterbrechungen, wohl werden) über die Zürns hier ein Heiliger Jakobus von Hans Zürn (ca. 1560-1631), leicht erkennbar an den beiden Muschel-Broschen:

Hans Zürn: Hl. Jakobus, um 1613, Lindenholz, Foto: Mattes
(Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Christoph Daniel und andere Mitglieder der Bildhauerfamilie Schenck

Schon sein Vater Hans Christoph und sein Großonkel Hans „versorgten“, wie Brigitte Lohse in Lohse 1960 schreibt, „die Kirchen in und um Konstanz bis hinauf nach St. Gallen mit Altarfiguren“. Am 26.8.1633 wurde Christoph Daniel Schenck von seinem Vater in St. Johann zu Konstanz zur Taufe angemeldet. Die Schencks waren aus Mindelheim an den Bodensee gezogen, Mindelheim liegt zwischen Memmingen und Landsberg am Lech, gut 130 Kilometer von Konstanz entfernt. „Für Christoph Daniel ist seine Geburtsstadt immer der Mittelpunkt seines zwischen Einsiedeln und Zwiefalten abgrenzbaren Schaffensgebietes geblieben.“ Lohse 1960, S. 7

Für Brigitte Lohse ist Christoph Daniel Schencks eigentliches Betätigungsfeld das der Kleinplastik, wozu auch Elfenbein-Miniaturen, beispielsweise die „Verspottung Christi“, ein Relief von 1685 im Format 9,2 x 5,5 cm, oder ein 11 cm hoher Hl. Sebastian zu zählen sind. Andere sahen in ihm anscheinend primär einen Schöpfer religiöser Großplastik, wie aus einer Bemerkung von Sabine Haag zu folgern ist, die dann Johann Caspar Schenck, einen älteren Verwandten von Christoph Daniel, als dessen von Konstanz nach Wien umgezogenen Lehrmeister für Kleinplastisches ins Spiel bringt (in: Rosengartenmuseum 1996).

Neben Christoph Daniel Schenck, der insbesondere seine kleinplastischen Arbeiten erfreulicherweise zu signieren und zu datieren pflegte, haben wir es also in Sachen Holzbildhauerei mit dem Vater Hans Christoph und dessen Onkel Hans zu tun. Außerdem gab es besagten Johann Caspar Schenck, von dem man biographisch u. a. weiß, dass er aus derselben Familie und Konstanzer Werkstatt stammt, dann nach Innsbruck gegangen und 1674 in Wien gestorben ist. Desweitern war da noch ein Georg (er blieb in Mindelheim), ein Christoph (Großvater von Christoph Daniel), ein Philipp und ein Simon Schenck (der ging von Mindelheim nach München). Ein jüngerer Bruder von Christoph Daniel, dem hier mein Hauptinteresse gilt, hieß Johann Kaspar. Ob der auch Holzbildhauer war? Es steht zu befürchten.

Obere Bildhälfte: Christoph Daniel Schenck: Cruzifixus, 1685/87, Mariaberg bei Gammertingen (in: Rosengartenmuseum 1996)
Untere Bildhälfte (oben): Pietà in der Pfarrkirche von Markdorf, entweder Christoph Daniel oder Johann Caspar Schenck zuzuschreiben (in: Lohse 1960)
Obere Bildhälfte: Christoph Daniel Schenck und Werkstatt: Maria Magdalena, 1684/85 (in: Rosengartenmuseum 1996)
Untere Bildhälfte: Pietà in der Pfarrkirche von Markdorf, entweder Christoph Daniel oder Johann Caspar Schenck zuzuschreiben (in: Lohse 1960)

In diesen drei wunderschön geformten Gesichtern (des Gekreuzigten, der Maria Magdalena und der Maria aus dem Vesperbild) denselben Bildschnitzer wiederzuerkennen, scheint mir eine relativ leichte Übung zu sein. Brigitte Lohse sieht das auch so. Im Ausstellungskatalog von 1996 (Rosengartenmuseum 1996) wird die Maria Magdalena dagegen nicht Christoph Daniel, sondern Johann Caspar Schenck zugeordnet, obwohl es dafür keine zwingenden Gründe gibt. Vielleicht ist es unter Kunsthistorikern verpönt, seinen Augen zu trauen?

Zur Seite über Christoph Daniel Schenck bitte hier weiterklicken.

Sculpo ist …

… Lateinisch und heißt ich schnitze. Aber nicht nur ich schnitze, sondern auch er, sie und mitunter sogar es schnitzt, respektive hat geschnitzt. Womit der Themen- und Gegenstandsbereich dieser (meiner) Website hoffentlich ungenau genug umrissen wäre. Ungenau genug, weil: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Eine Zeitlang hielt ich es für angebracht, meine eigene Holzbildhauerei und die der anderen räumlich (Raum im Sinne von webspace) zu trennen. Ohne den Sinn von Grenzziehungen grundsätzlich negieren zu wollen, scheint mir mittlerweile das Prinzip der Verflechtung (oder der Kreuzung) das natürlichere und daher auf längere Sicht das kommodere zu sein.

Teurer Sturm im Wasserglas oder: Ein Rechtsstreit im 18. Jahrhundert

Der von mir hochgeschätzte Bildhauer (Holz und Stein) Anton Sturm leistete sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Füssen einen 12 Jahre währenden Rechtsstreit (1727-39) mit seinem Nachbarn, dem Hufschmied Jacob Kloz. Es ging um einen an Sturms Haus angrenzenden Stadel, den der Hufschmied hatte bauen lassen, ohne dass der Bildhauer in der Bauphase dagegen Einspruch erhoben hätte. Sturm hatte sich darauf beschränkt, mit einem Stück Kohle an seiner Hauswand die maximale Höhe des Stadels zu markieren. Obwohl diese Obergrenze von Kloz nicht überschritten worden war, verlangte Sturm bald darauf den Abriss des Stadels oder aber die Veränderung des Satteldachs zur besseren Abführung von Regen- und Schmelzwasser, durch dessen schädlichen Einfluss er sein eigenes Haus in Mitleidenschaft gezogen sah.

Sturm selbst gab später an, dass ihn das juristische Verfahren insgesamt 300 Gulden gekostet habe. Für diese Summe hätte man den Stadel wahrscheinlich zehnmal abreißen und wieder neu aufbauen lassen können, denn für Sturms eigenes Haus, in dem sich Wohnung und Werkstatt befanden, wurde in dieser Zeit zum Zweck der Besteuerung ein Wert von 400 Gulden angesetzt. Von den 262 in die Steuerliste aufgenommenen Häusern erreichten insgesamt nur 24 den relativ hohen nominellen Wert von 400 Gulden, 10 von diesen 24 Häusern lagen im Wert über 400 Gulden, der Steuer-Wert des wertvollsten Hauses betrug 800 Gulden.

Diese lustige Geschichte aus dem Privatleben eines der großen schwäbischen Bildhauer des Spätbarock und Rokoko findet man in einem von der Stadt Füssen anlässlich einer Sturm-Ausstellung 1990 herausgegebenen Katalog-Heft, das man für 6,00 EUR (inklusive Versand) beim Füssener Kulturamt bestellen kann. Unbedingt kaufen, solange es noch nicht vergriffen ist!

OHREN 13

Wenn in der Werkstatt etwas Neues entstanden ist, muss es natürlich hier unter WERKSTATT vermeldet werden. Das gehört sich so. Dass es fast nur Ohren sind, die dann präsentiert werden, fällt mittlerweile sogar mir auf. Heute habe ich deshalb eine Skizze auf ein Eichenbrett geworfen, die letzten Endes zu etwas führen soll, das kein Ohr sein beziehungsweise darstellen wird. Nein, auch kein Auge noch eine Nase oder dergleichen.

Details wie immer im WORKSHOP.

Wahrscheinlich bin ich quercophil und (manchmal) technophob

Dieses drehwüchsige Exemplar der Gattung Quercus robur (Stiel-Eiche) steht seit wahrscheinlich mindestens 200 Jahren im Karlsruher Stadtgarten und war vor dessen offizieller Einrichtung 1877 vermutlich einer von vielen Bäumen des Sallenwäldchens. Schon seit 1877 muss man Eintritt zahlen, um sich in seiner Nähe aufhalten zu können. Neuerdings wird man sogar erst nach Passieren einer martialisch-massiven Ein- und Auslassanlage aus Edelstahl, in die selbstverständlich eine maschinelle Dauerkartenleseeinrichtung integriert ist, zu ihrer Majestät der alten Eiche vorgelassen. Man kann sich nur wundern, wie unverhältnismäßig viel Abschottungsaufwand hier getrieben wurde und wie wenig davon an anderen Orten zu finden ist. Ob man nun als nächstes um die Festungstore herum die eher symbolischen Metall-Zier-Zäunchen , die mir gerade einmal bis zum Schritt reichen, ersetzen wird durch meterhohe Absperrgitter mit oder ohne Festungsgraben davor und/oder dahinter? Ganz im Ernst: mir gefällt das nicht. Und vor allem vermisse ich die älteren Herren, die nach Kassenschluss noch eine Stunde lang an den Toren standen, um (ausschließlich) die Dauerkartenbesitzer einzulassen und allen Besuchern, die den Stadtgarten verließen, ein freundliches „Auf Wiedersehen und kommen Sie gut nach Hause“ mit auf den Weg gaben.

Ein Holzbildhauer, der Anton Sturm nicht kennt, ist nicht wirklich ein Holzbildhauer

Zu meiner Entschuldigung, falls es einer solchen bedarf, kann ich darauf verweisen, dass ich zwar spätestens ab 1994, nämlich nach Ablegung meiner Meisterprüfung im Holzbildhauerhandwerk, Holzbildhauer war, mich aber nie primär als solchen verstanden habe. Ich wollte „konzeptuell“ arbeiten, das Theoretisieren schien mir für einen zeitgenössischen Künstler (als der ich trotz gelegentlicher Dementis gelten wollte) essenziell zu sein, allemal wichtiger war es mir jedenfalls, als die tägliche holzbildhauerische Praxis. Es war, wie es war.

Dies zu meiner Entschuldigung (oder auch nicht) deshalb, weil ich mit dem Namen Anton Sturms bis gerade eben noch allenfalls verband, dass es sich bei seinem Träger um einen süddeutschen Bildhauer handelte. Keine Ahnung hatte ich, was für ein Bildhauer dieser Sturm gewesen ist! Viel mehr als eine Ahnung von seiner Kunst habe ich auch jetzt noch nicht. Aber schon diese Ahnung flößt mir großen Respekt ein. Sturm lebte in Füssen und seiner Hauptwerke kann man im Kloster Ottobeuren und in St. Mang in Füssen ansichtig werden. Hier ein paar weitere Bilder und Notizen.

Eine Pietà von Anton Sturm (in Holz) im österreichischen Breitenwang, zehn Kilometer südlich von Füssen, 1724/28 (Foto: Herbert Wittmann).

Einigermaßen auf dem richtigen Holzweg?

Notizzettel-Skizze, 9 x 9 cm

Wenn man bzw. ich ein Ohr nach dem anderen schnitzt bzw. schnitze, dann kann man das Ohr nach kurzer Zeit auswendig. Und dann tauchte nicht erst heute die Frage auf, ob das überhaupt stimmt, was ich da schnitze. Oder ob das nicht mein persönliches Fantasie-Ohr ist, eine Form, die sich verselbständigt hat, gewissermaßen autonom geworden und dem Abbildungs-Kontext entkommen ist. Das wäre ja noch schöner: entlaufene autonome Ohren! Die kommen für mich derzeit überhaupt nicht infrage. 

Also habe ich mein anatomisch korrektes Anatomie-Buch aufgeschlagen und das dort objektiv richtig (Einwände wurden heute nicht zugelassen) dargestellte Ohr abgezeichnet und obigen Zettel mit Klebeband in Augenhöhe (mit dem Ohr auf Augenhöhe) an die Wand neben meiner Werkbank geklebt. So konnte ich mich während der Schnitzarbeit immer wieder vergewissern, dass ich noch einigermaßen auf dem richtigen Holzweg bin.

Was dabei herausgekommen ist, sieht man hier.