Max Osborn über Adolph Menzel

Bei hochsommerlichen 30 Grad entschloss ich mich heute, mit der Lektüre von Max Osborns Der bunte Spiegel (zuerst New York 1945) zu beginnen. Der Untertitel sagt, worum es sich bei diesem Buch handelt, nämlich um „Erinnerungen aus dem Kunst-, Kultur- und Geistesleben der Jahre 1890 bis 1933“. Die dem Buch vorangestellte „Hommage von Thomas Mann“ wirkt ein wenig gestelzt und ist allzu deutlich um einen hohen Ton bemüht, entspricht damit aber in etwa dem Stil des Verfassers Max Osborn (1870-1946), einem Sohn aus gutem Hause, nämlich aus dem einer Kölner (jüdischen) Bankiersfamilie. Im Eingangskapitel Von Kunst und Künstlern handelt der erste Aufsatz von dem Maler Adolph (von) Menzel (1815-1905), das „von“ in Klammern gesetzt, weil der Adel ein persönlich erworbener war. Die Erhebung in den Adelsstand erfolgte erst als der Erhobene und gleichzeitig zum Ritter des Schwarzen Adler-Ordens Ernannte (um nicht zu sagen: Geschlagene) bereits 83 Jahre alt war in Anerkennung seiner künstlerischen Leistung.

Als Max Osborn geboren wurde, war Adolph Menzel schon in der Mitte seiner Fünfziger. Sie lernten einander kennen, als Osborn noch ein sehr junger Mann und Menzel bereits ein älterer Herr war. Zu ihm habe Menzel, schreibt Osborn, einmal gesagt: „Gezeichnet wird links, radiert rechts, gemalt mit beiden Händen“; es dürfte klar sein, dass mit „radieren“ hier nicht „ausradieren“ gemeint war. Menzel muss ein besessener Zeichner gewesen sein, der nie ohne mehrere Skizzenblöcke aus dem Haus ging. So besteht wohl sein eigentliches oder basales Werk (und hier ist mit „eigentlich“ bzw. „basal“ nicht nur auf die entmutigende Quantität, sondern auch auf die noch entmutigendere Qualität angespielt) aus tausenden von Zeichnungen, mit denen der Künstler teilweise sehr nachlässig umging, etwa indem er Blätter, auf denen sich schon Skizzen befanden, beim Aquarellieren probehalber mit farbigen Pinselstrichen bedeckte. Hätte er auf dem Tablet gezeichnet, wäre ihm das nicht passiert, aber uns wäre eine Reihe von reizvollen Palimpsesten entgangen. Dass es bei Menzel einen fließenden Übergang von der Skizze zur Malerei gab, zeigt sich an nicht wenigen Zeichnungen, die, gerade wegen des kleinen Formats, wie Schwarz-Weiß-Fotografien von Gemälden aussehen. Ich gestehe, dass mir die Skizzen, die wie Skizzen aussehen, lieber sind als die schwarz-weißen Mini-Malereien. Aber nun zeichne ich auf ein und dasselbe Blatt unversehens eine zweite Skizze, die mit der ersten, unter der Überschrift „Max Osborn über Adolph Menzel“ begonnenen, nur noch indirekt etwas zu tun hat und die mit „Über Adolph Menzel“ zu betiteln wäre. Vielleicht ein andermal, wobei daraus dann wohl eine ganze Skizzen-Serie werden müsste, denn der kleine große oder große kleine Adolph von Menzel ist mit ein, zwei Skizzen nicht zu erfassen, das Thema Menzel ist ein mäandernder Strom von einem Thema.