Max Kaminski in der Kunstakademie Karlsruhe (2004)

Ein Meister der dunklen Fülle
Max Kaminski schenkt der Kunstakademie eine Abschiedsausstellung

Vermutlich würde eine insbesondere auch in metrischer Hinsicht geeignete Kaminwand, an der dieses große Feuer in Öl Platz finden könnte, gar nicht so leicht zu finden sein. Im Lichthof der Karlsruher Kunstakademie kommt das zwei mal drei Meter große Werk „Ödenpullach im Winter I“ (2004) natürlich genauso mühelos unter wie die ihm vis-a-vis in hufeisenförmiger Reihung präsentierten 32 Kaltnadelradierungen aus den Jahren 1983-1999.

Nicht als noble Geste der Akademie gegenüber dem Maler, sondern als Abschiedsgeschenk des Malers an die Akademie will deren Rektor Erwin Gross diese Ausstellung verstanden wissen. Abschiedsgeschenk deshalb, weil Max Kaminski mit dem vergangenen Jahr seine Lehrtätigkeit in Karlsruhe nach nunmehr 23 Jahren beendet hat. Quasi als Gegengeschenk der Akademie gab es ein gerahmtes Foto, das den jungen Künstler in verwegener, lateinamerikanischer (1960-62) Pose zeigt. Jung war der 1938 in Königsberg geborene Maler in den 60er Jahren vor allem in Berlin, wo er an der Hochschule der Künste studierte. Von dort aus erklomm er auch die ersten Sprossen der Karriereleiter, bevor er 1981 seine Professur für Malerei in Karlsruhe antrat und wiederum Jahre später ein Atelier in Ödenpullach bei München bezog. Heute lebt Kaminski in Augsburg und Marseilles.

Eine Verbindung zwischen dem einen Gemälde und den vielen Radierungen scheint auf den ersten und selbst noch auf den zweiten Blick allein durch die äußeren Umstände gegeben zu sein. Erst ein beharrliches Lauschen auf das, was unter der sichtbaren Oberfläche raunt, nimmt Gemeinsames wahr. Hier züngeln vor dunklem Hintergrund Flammen in Rot und Gelb zwischen angehäuften Ästen hervor – dort sieht man schwarze Gestalten einander umschlingen oder die Trommel schlagen, man erkennt Messer, Schwerter, immer wieder Kreuze und kronenartig Gezacktes, hört und sieht womöglich auch jenen Hahn, bis zu dessen Krähen Simon Petrus, sich an einem Kohlenfeuer wärmend, den Erlöser drei Mal verleugnen sollte, nachdem er zuvor dem Knecht des Kaiphas mit einem Schwertstreich das rechte Ohr abgetrennt hatte.

Nicht dass hier das Evangelium des Johannes illustriert worden wäre, aber ein Stoff von gleicher Wucht und Tragweite muss es wohl gewesen sein, der in diesen Radierungen seinen Niederschlag gefunden hat. Kaminskis Art der figürlichen Kunst lässt uns über die äußere Gestalt des Gezeigten häufig im Unklaren, selten aber über dessen innere Natur. Das schemenhaft Ungeheure dominiert, kaum ein Mensch oder Ding wagt sich ins Offene, allenthalben geistert es schatten- und umrisshaft, wohlkomponierte Gemenge aus fragmentarischen Gesten und Gegenständen bilden rätselhafte Zusammenhänge. Was hier geschieht, geschieht weitgehend im Verborgenen, vielleicht im schwachen Licht einer Straßenlaterne oder eben im flackernden Schein jenes Ödenpullacher Winterfeuers. Kaminski zeigt uns auch und gerade die im Dunkeln, doch zeigt er sie uns so, dass wir sie bei einer späteren Gegenüberstellung nicht wiedererkennen würden. Ihrem Inhalt nach Studien aus dem Reich des Nicht-Geheuren – formal gesehen Exempel der bildnerischen Ellipse fernab des allenthalben geübten Reduzierens: so zeugen Kaminskis „Abschiedsbilder“ von der verhaltenen Expressivität eines Meisters der dunklen Fülle.

Bis zum 28. Mai 2004 in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Reinhold-Frank-Str. 81-86, Montag bis Freitag 9-21 Uhr, Samstag 9-17 Uhr.

[Badische Neueste Nachrichten]