Martina Ziegenthaler im EnBW-Foyer (2004)

Ein Schatten ist ein Hase ist eine Hand
Martina Ziegenthaler zeigt Stoffobjekte im EnBW-Foyer

Spätestens seit Gertrude Stein vertrauen wir darauf: eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Aber ist darum auch eine Teekanne eine Teekanne eine Teekanne? Wer in jungen Jahren seine Erfahrungen mit Schattenspielen gemacht hat, der weiß, dass die Realität unterhalb des über die Zimmerdecke hüpfenden Hasen keineswegs „Hase“ heißt, und dass mittels einer Lichtquelle an die Wand geworfene Menschendaumen auf zauberische Weise zu Hundeohren werden können. Derart über das mögliche Auseinanderklaffen von Sein und Schein spielerisch belehrt, sind wir bestens vorbereitet auf eine Begegnung mit Martina Ziegenthalers Wand- und Raumobjekten.

Hier eine Frau, die eine Kanne in die Höhe hält, dort die Füße eines Kindes, schräg gegenüber wahrscheinlich Frauenbeine und Damenschuhe, vis-a-vis zwei Personen, die in nicht genau erkennbarer Weise mit- oder gegeneinander agieren – die Objektserie „50 qm“ handelt von häuslichen Begebenheiten, deren Details ebenso im Verborgenen bleiben wie die meisten Einzelheiten der sieben kunstledernen Momentaufnahmen, die auf jeweils 130 x 100 Zentimetern Bildfläche in der mittleren der drei Ausstellungskojen präsentiert werden. Denn in all diesen akkurat genähten Stoff-Tableaus sehen wir nur die Ränder der Formen und Ereignisse scharf, was sich innerhalb der monochromen Flächen und der am Ende doch nicht erzählten Geschichten abspielen mag, entzieht sich der Kenntnisnahme. Vom Umriss des nicht erkennbar strukturierten Ganzen auf dessen mögliche morphologische und inhaltliche Beschaffenheit zu schließen – das ist die Aufgabe, vor die wir uns hier gestellt sehen. Und wer sich an die Schattenspiele seiner Kindheit erinnert, der weiß, wie leicht man dabei einer (Selbst-)Täuschung erliegen kann.

Was sich in den „50 qm“-Bildern hie und da schon angedeutet hat, tritt bei einer zweiten, „minicare“ genannten Werkgruppe noch deutlicher hervor: die wahrnehmungspsychologisch ebenso grundlegende wie mitunter prekäre Unterscheidung zwischen Gestalt und Umgebung funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen. Während wir beim unbefangen-alltäglichen Sehen unwillkürlichen dies oder jenes erblicken, scheinen wir bei einigen dieser sieben Wandbilder wissen zu müssen, was wir sehen wollen. Plötzlich könnte man meinen, beim Wahrnehmen von Dingen ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit zu haben. Ist das nun eine Frau mit Handtasche oder eine dunkle Fläche, umgeben von einer rosafarbenen neben einer hellblauen? Ohne den Kotext der übrigen Handtaschen-Bilder dieser Serie hätte die „illusionistische“ Deutung von „minicare/6“ wohl von vornherein keine Chance. Am überzeugendsten sind Ziegenthalers „minicare“-Arbeiten jedoch immer dort, wo sich beide Lesarten gleichermaßen zwanglos anbieten. Jedes Entscheiden-Wollen liefe in diesen Fällen auf einen Akt fragwürdiger Willkür hinaus.

Wie das Ganze eines Kleidungsstücks in flächige Einzelteile zu zergliedern, beziehungsweise umgekehrt aus diesen zusammenzusetzen ist, hat die 1969 in Bayreuth geborene und jetzt in Karlsruhe lebende Künstlerin während ihrer Ausbildung zur Direktrice von der Pike auf gelernt. Der Welt der Nähte, Stoffe und Schnittmuster ist Martina Ziegenthaler auch nach ihrem Kunststudium an der Nürnberger Akademie (zuletzt bei Hanns Herpich) treu geblieben. Dies gilt auch für eine dritte Gruppe bildartiger Objekte, die unter dem Titel „weißer Sonntag“ eine feingliedrige Binnenstruktur verbinden mit dem Eindruck von blendender Helle und träumerisch-schwebender, beinahe überirdischer Leichtigkeit.

Komplettiert wird die sehenswerte Werkschau, zu der auch ein kleiner Katalog erschienen ist, von fünf ungewöhnlich dimensionierten weißen Stoffhauben (jeweils 80 Zentimeter Durchmesser), genannt „mühelose Handarbeit“ – womit diese Objekte an der Grenze zur Skulptur unseren Vorstellungen von dem, was Mühe macht, ebenso zuwiderlaufen wie unseren Annahmen über das richtige Größenverhältnis von Frauenköpfen und deren Bedeckungen.

Noch bis zum 7. Mai, montags bis freitags 10:00 bis 18:00 Uhr im Foyer des EnBW-Gebäudes, Durlacher Allee 93, 76131 Karlsruhe (Katalog: 7,- EUR).

[Badische Neueste Nachrichten]