Martin Kemminer, Jürgen Schanz, Irmgard Schneider, Angela Wörner im Rathaus Stutensee-Blankenloch 2005

Einführungsrede zu einer Ausstellung mit Arbeiten von Martin Kemminer, Jürgen Schanz, Irmgard Schneider und Angela Wörner im Rathaus Stutensee-Blankenloch am 15.6.2005

Meine Damen und Herren, bei einer Ausstellungseröffnung am vergangenen Wochenende – es begab sich in einem Karlsruher Vorort mit einer gewissen künstlerischen Vergangenheit – legte der Eröffnungsredner gleich zu Beginn Wert auf die Feststellung, dass er von Kunst keine Ahnung habe und wenn er etwas Schönes sehen wolle, lieber in die Berge gehe, anstatt sich in Kunstausstellungen bei schlechter Luft und wenig Bewegung die Gesundheit zu ruinieren. Seine beiden Assistentinnen brieten unterdessen in großen Pfannen bayerische Wurst- und Nudelspezialitäten, zu deren Verzehr das Publikum nachdrücklich ermuntert wurde. Sie haben hier und heute insofern Pech als ich Ihnen weder Assistentinnen noch Kulinarisches bieten kann und mein Bekenntnis zur Ahnungslosigkeit in Sachen Kunst nicht so kurz, bündig und bayerisch unverblümt ausfallen wird wie bei jenem erwähnten Redner vom letzten Wochenende.

Meine Damen und Herren, seit vielen Jahren macht Angela Wörner als Schmuckdesignerin kreative Ketten, aber seit 12 Jahren schmiedet sie als Ausstellungsdesignerin auch die „Kreative Kette Karlsruhe“. Ich selbst habe bereits drei Mal den Vorzug genossen, mich in derselben sozusagen als Kettenglied eingereiht zu finden.

Das lateinische „creare“ bedeutet soviel wie „erschaffen, zeugen, ins Leben rufen, ernennen, erwählen“. In einem weiten Sinn ist also derjenige kreativ tätig gewesen, der für das In-der-Welt-Sein von einem irgendwie benennbaren Etwas („Bild“, „Ring“, „Messer“, „Erwin“) verantwortlich gemacht werden kann und muss. Die Bibel verweist übrigens auf das Wort als dem Ursprung von allem, was gemacht ist. Es heißt dort: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort, alle Dinge sind durch das Wort gemacht und ohne das Wort ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Daran sehen Sie auch, wie wichtig solche Eröffnungsreden sind, werden doch die Exponate überhaupt erst dadurch zu gemachten Sachen, dass jemand ein Wort über sie verliert. Aber ganz im Ernst: erst durch das parallele Vorhandensein eines sprachlichen Kontexts, also dadurch, dass man über die Dinge spricht, sie dabei benennt, beschreibt und in einen gedanklichen, also sprachlichen Weltzusammenhang einordnet, entsteht der Unterschied zwischen Kunst und Krempel, Professionellem und Dilletantischem, Bemerkenswertem und Belanglosem, wahrscheinlich sogar der zwischen Ding und Nicht-Ding.

Wenn ich eingangs angedeutet habe, dass ich ebenso wie mein bayerisch kochen lassender Vorredner keine Ahnung von Kunst habe, dann steht dahinter die Erfahrung, dass das Reden über Kunst heute Mühe hat, in den aktuellen kunstszenarischen Explosionsereignissen als deren sprachlich-kreativer Anteil mit enthalten zu sein. Sprache im Kontext von Kunst kündigt zwar an, wirbt um Aufmerksamkeit und Kaufinteresse, sagt aber nur noch ungern, womit man es eigentlich zu tun habe und wie dieses beschaffen sei. Gott als Gott wurde bereits vor längerer Zeit für tot erklärt, Gott als Wort, das nach dem Johannesevangelium die Dinge kreiert, indem es sie benennt, scheint derzeit auf dem Felde der Kunst in den letzten Zügen zu liegen. Was bleibt ist Beliebigkeit, die dann eben eher zuerst als zuletzt auch eine Beliebigkeit des Benennens und des Darüber-Sprechens ist.

Meine Damen und Herren, lassen Sie sich von meinen etwas depressiv klingenden Sätzen nicht die Stimmung verderben. Denn die gute Nachricht ist: das ganze hat auch eine fröhlich-bunte und dynamisch-vitale Seite. Nur wir auf sprachkompetente Partner angewiesenen Verbalerotiker leiden gelegentlich darunter, dass wir für die tradierten Kunst-Sprachspiele kaum noch Mitspieler finden und über die Regeln der neuen Kunst-und/oder-dies-und-das-Sprachspiele eine allgemeine Einigung nicht in Sicht ist.

Kommen wir nun aber endlich zu Martin Kemminer, Jürgen Schanz, Irmgard Schneider und Angela Wörner, deren Kreationen von heute an hier im Rathaus zu sehen sind. Alle erwähnbaren biographischen und werktechnischen Details unerwähnt lassend, möchte ich die vier Kreativen der alphabetischen Reihe nach mit
kurzen, zumeist quasi-lyrischen Zitaten einführen, die ich den Unterlagen entnommen habe, die mir bei der Vorbereitung dieser Rede zur Verfügung standen.

Martin Kemminer (der Fotograf)

Ich zitiere Claus Temps, der im Zusammenhang mit Martin Kemminers Fotoarbeiten Anfang des Jahres in ein und demselben Text zweimal ein Gedicht von Ingeborg Bachmann zitiert hat. Er hielt es offenbar für passend. Ich schließe mich seiner Meinung an.

„Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten.“

Dies, wie gesagt, ein Gedicht von Ingeborg Bachmann – als ob sie Martin Kemminers La-Palma-Bilder gekannt oder erahnt hätte. Es sind auf den Fotos zwar keine Rosen zu sehen, aber die überaus reiche Flora dieser Canareninsel schwingt wohl, das behaupte ich jetzt einmal kühn, in der Aura dieser Werke mit.

Jürgen Schanz (der Messermann)

„Kampfmesser Rambo. Gesamtlänge 43,5 cm, Klingenlänge 31 cm, Gewicht 730 g. Doppelschliff-Klinge aus Stahl ATS 34, Griffschalen aus Schichtholz, Lederscheide mit Druckknopf-Sicherungsriemchen. Es ist wohl mehr ein exotisches Messer für die Vitrine, denn eines für die Praxis. Imponierend die scharfen, nadelspitzen Widerhaken auf dem Messerrücken. Der voluminöse Griff taugt auch für größte Männerhände. Gekonnt angepasste, originelle Scheide. Als Haumesser tauglich. Durchschlug armstarke Äste mit einem Hieb.“

Das war ein … Gedicht von Kurt Schreiner, er bezieht sich auf ein offenbar beachtliches Werk des kunstfertigen Schneidwerkzeugmechanikermeisters, das in dieser Ausstellung leider nicht zu sehen ist.

Irmgard Schneider (die Malerin)

„Die Bilder von Irmgard Schneider sollen die Fantasie des Betrachters anregen.“ Da ich mir vorgenommen habe, das Vorstellen der Künstler im Prinzip mit Zitaten zu bestreiten, die eigentliche Arbeit also von anderen getan haben zu lassen, konnte und wollte ich Ihnen diesen Satz nicht ersparen. Er stammt aus einer Quelle, die ich hier diskret verschweige. Ich nehme diesen Satz also umgehend zurück und behaupte sozusagen das Gegenteil. Betrachter, deren Fantasie angeregt werden muss, sollten zu den handelsüblichen Drogen, aber nicht zu Kunstwerken greifen. Bilder, die nicht sie selbst, sondern Stimmungsmacher und Fantasieerreger sein wollen, gehören in die Apotheke und taugen nicht für die Kunstausstellung. Mit Irmgard Schneiders Bildern hat das alles aber überhaupt nichts zu tun, denn diese taugen etwas, sind etwas für uns nur dadurch, dass sie zunächst etwas für sich selbst sind und das letzte was sie wollen und sollen ist, Mittelchen für Zweckchen zu sein.

Angela Wörner (die Schmuckgestalterin)

Ich bringe Ihnen einen Text von Uli Held zu Gehör, die mit ihrer ebenfalls lyrischen Grundgestimmtheit der poetischen Qualität von Angela Wörners Schmuck-Kreationen angemessenen sprachlichen Ausdruck verleiht.

„Auffallend ist der Einfluss der Natur auf das Gesamtschaffen der Künstlerin. Gleichsam wie die Natur die widersprüchlichen Formen von Gegensätzen harmonisch miteinander zu verbinden vermag, bringt die Künstlerin in ihren Schmuckstücken einander widerstrebende Formen harmonisch zusammen. Der Vollkommenheit der Natur entlehnt, zeichnen sich ihre Schmuckstücke durch eine Art schlichter und natürlicher Sachlichkeit aus. Sie vermag es, lineare und runde Formen zu einer einzigartigen ausbalancierten Form zu verschmelzen.“ – Schön gesagt, warum hätte ich versuchen sollen, es noch besser zu sagen.

Das Wetter ist ja mittlerweile wieder eines, das Schmelz- und Verschmelzungsprozessen aller Art und allerorten durchaus entgegenkommt. Schmelzen Sie nun also sommerlich ungeniert dahin beim Anblick der hier versammelten schönen Dinge in dieser zunehmend sich weitenden, abend-sonnigen Landschaft der Kunst und des Kunstartigen.