Kolumne Rechts-Links

Ich habe eine recht präzise Vorstellung davon, was für mich „links“ ist, ohne jedoch eine allgemeine Definition geben zu können, die ohne Beispiele auskäme. Die Spürnase für alles Linke verdanke ich hauptsächlich meiner eigenen linken Vergangenheit, womit ich vor allem meine Studentenjahre an der Berliner FU (1976-1983) meine. Damals sah ich mich selbst als Teil der linken Szene, die mit Lehrveranstaltungsboykotts (wir nannten es „Streik“), Demonstrationen und Hausbesetzungen von sich Reden machte. Was im Gegensatz dazu „rechts“ sein könnte, versuche ich seit November 2015 mit einer Serie von dichotomischen Gegenüberstellungen herauszufinden. Dass es sich dabei allenfalls um eine sehr komprimierte Form der Kolumne im traditionellen Sinn handelt, möge mir der von der Zeitung her kommende Leser nachsehen.

Der sogenannte Rechte ist eine politische Charaktermaske, die vor allem von den Linken, aber nicht nur von diesen, unter der Phrase des „Kampfs gegen Rechts“ jedem aufgedrückt und aufgenötigt wird, der theoretisch die linke Weltsicht in Frage stellt und praktisch der linken Politik im Wege steht. Da ich seit geraumer Zeit bei mir selbst eine notorische Neigung feststelle, linke Welt- und Wirklichkeitsinterpretationen für abstrus und linke Politik für eine Zumutung zu halten, werde ich, wenn ich mit meinen Ansichten nicht hinterm Berg halten will, wohl nicht umhin kommen, mich an das Tragen der politischen Maske des Rechten zu gewöhnen. Da es ermüdend, nicht sexy und letzten Endes sinnlos ist, beharrlich darauf zu bestehen, kein Rechter zu sein, habe ich mich dazu entschlossen, das Tragen der Larve des Rechten unter Vorbehalt zu akzeptieren, d. h. unter der Bedingung, selber so lange an ihr herum zu schnitzen (schließlich bin ich gelernter Holzbildhauer), bis ihre Züge mir vertraut, will sagen: mehr oder weniger wie meine eigenen vorkommen. Die in der Serie Kolumne Rechts-Links sich ansammelnden diametralen Gegenüberstellungen machen Details eines Gesamtmaskenbildes sichtbar. Es geht, wie gesagt, um die Rekonstruktion einer politischen Charaktermaske, an der ich persönliche Korrekturen vorgenommen habe. Ob dies mein „wahres“ politisches Gesicht ist oder nicht, mögen anderer entscheiden.

Abschließende Bemerkung: Politische Entlarvungen sind in meinem Fall relativ sinnlos, da ich bereitwillig (wenn auch mit maskenschneiderischen Abänderungen) das als Larve akzeptiere, was man mir in einem paradoxen Akt der Demaskierung durch Maskierung aufdrücken wollte. Wer also meint, mich als „rechtsstehend“ demaskieren zu sollen und zu wollen, wird verblüfft feststellen, dass das, was er vor und nach meiner Ent-Larvung in Händen hält, schon mehr oder weniger das ist, was er zum Vorschein bringen wollte.

P. S.: In „Lichter des Toren“ schreibt Botho Strauß: „Eine moralische Position, die man mitunter ‚rechts‘ nennt, gibt es nicht korporiert. Rechts kann nur der Neugierige abseits stehen. Er hält eigentlich keine Position, sondern ist vielmehr ein Idiosynkrat, den kollektive Selbsttäuschung, routinierter Gesinnungsbetrieb, intellektuelle Liebedienderei erschrecken. […] Der Beiseitestehende muß daher im Beiseitesprechen sich üben und wird immer spröder und paradoxer reden.“