Karl Manfred Rennertz im Heidelberger Kunstverein (2004)

Vom Gleichen im Wechselnden
Karl Manfred Rennertz im Heidelberger Kunstverein

Um der durchreisenden Zarin Katharina der Großen prosperierende Intaktheit vorzugaukeln, wo in Wahrheit nur Miserabilität zu entdecken war, ließ Fürst Grigorij Alexandrowitsch Potemkin im Russland des 18. Jahrhunderts die so genannten Potemkinschen Dörfer aufstellen. Kulissenartige Fassadenkonstruktionen schoben sich als illusionäre Attrappen korrigierend vor die elende Wirklichkeit, deren Wahrnehmung den hochherrschaftlichen Augen auf diese Weise erspart bleib.

„Schattenmann“ und „Schattenfrau“, die beiden von Karl Manfred Rennertz vor zwei Jahren geschaffenen, an die drei Meter hohen schwarzen Holzfiguren, sind vom Eingang her gesehen Respekt gebietende, durchaus integer wirkende Erscheinungen. Geht man jedoch an ihnen vorbei um sie herum, zeigt sich die Fragwürdigkeit ihrer Natur: maskenartig ausgehöhlt erweisen sie sich als leere Hülsenformen, werden unwiederbringlich entlarvt als die Potemkinschen Dörfer der Paarbeziehung – das Urbild von Adam und Eva als überlebensgroße, schattenhaft-substanzlose Täuschung, welcher auf Dauer aber nur derjenige erlegen bleiben kann, der darauf verzichtet, sich im zur Verfügung stehenden Erfahrungsraum frei zu bewegen.

Zusammen mit dieser auch „Schwarzes Paar“ genannten Doppelskulptur werden in den Räumen des Heidelberger Kunstvereins derzeit weitere 25 neuere und neueste Arbeiten des in Baden-Baden und Zürich lebenden Künstlers präsentiert. Große schwarz-rote Gouachen auf Papier nehmen die floral wirkenden Formen einiger plastischer Arbeiten auf, kleine patinierte Bronzen und grünlich bemalte Betongüsse, meist Köpfe, fügen sich trotz der materialen Differenz bruchlos in den Rennertzschen Figurenkanon ein. Während bei einem Bildhauer wie beispielsweise Werner Pokorny ein anderes Material immer auch ein anderes Spiel anderer Formen impliziert, scheinen Rennertz‘ Gestalten – gleich ob aus Holz oder aus Bronze, ob in Beton oder auf Papier gebannt – immer die nämlichen zu sein, was aber keineswegs daran liegt, dass die notorisch flexiblen Materialien Beton und Bronze das nur mit einiger Gewalt formbare Holz einfach abbilden würden, getreu der Devise: wo Holz war, soll Beton werden.

Das typisch Rennertzsche Sich-ähnlich-Bleiben der Bilder im Wechsel der Materialien mag damit zu tun haben, dass bei dem 1952 im Rheinland geborenen, mit seinen Kettensäge-Figuren bekannt gewordenen Bildhauer der Weg vom Körper in die Kunst grundsätzlich ein kurzer und ein unmittelbarer ist, kaum irritiert durch tüftlerisches Konstruieren und aufwendige, also indirekte technische Herstellungsverfahren. Die Ähnlichkeit der Werke ergab sich quasi naturwüchsig aus der Ähnlichkeit der Körperbewegung, die im jeweiligen Werkstoff oder dessen Vorform ihren unverfälschten Niederschlag fand. Nicht umsonst nannte man den Schüler von Alfonso Hüppi vom Beginn seiner Karriere in den 80er Jahren an immer wieder „expressiv“. Allein die gewaltigen Holz-Stücke der jüngsten Schaffensperiode – es handelt sich um gestalterisch unspektakuläre, mit der Kettensäge ausgehöhlte Halbstämme – legen die Vermutung nahe, dass die körperliche Aktion hier in höherem Maße konzeptuell gesteuert war als bis dato bei Rennertz üblich.

Die jetzt in Heidelberg gezeigte Ausstellung war in ähnlicher Zusammenstellung bereits in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis), Riga (Lettland), Kaunas (Littauen) und Düren (Rheinland) zu sehen und wird nächstes Jahr abschließend in der Kunsthalle Erfurt gastieren.

Bis 12. September 2004 im Heidelberger Kunstverein, Hauptstr. 97, geöffnet Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Mittwoch 11-20 Uhr (Katalog 10,- Euro).

[Badische Neueste Nachrichten]