25. September 2017

Deutschland hat gestern gewählt und ich habe derweil gezeichnet (womit ich nicht sagen will, dass ich mich um den Urnengang gedrückt habe). Hier zwei weitere Beispiele (eines von gestern, das hell-dunkle Bild von heute) für das, was ich „Ungegenständlicher Naturalismus“ oder „Abstrakter Naturalismus“ nenne.

Lothar Rumold: „Ränder und Grenzen 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

Lothar Rumold: „Licht und Schatten 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

24. September 2017

Heute setzte ich die Arbeit am hier eingerichteten Bildarchiv (siehe Menüleiste) fort. Ich habe mich für eine im Hauptstrang chronologische Ordnung des Archivs entschieden – nicht zuletzt, weil ich damit die Möglichkeit habe, unter der Jahreszahl einen Überblick über das Jahr in künstlerischer Hinsicht zu geben. Diese Jahres-Berichte unterliegen im Idealfall der ständigen Revision – nicht nur im Fall des noch laufenden Jahres. Auch die zurückliegenden Jahre bieten im Licht aktueller Entwicklungen neue Ansichten. Etwas, was einem zunächst zentral und gewissermaßen zukunftsträchtig zu sein schien, kann sich im Nachhinein als temporär und peripher erweisen und umgekehrt.

Wenn man beim Anordnen der Arbeitsresultate dem Zeitablauf folgt, entspricht dies dem natürlichen Ablauf der Ereignisse. Das Bilden von Werk-Gruppen zum Zweck ihrer Präsentation fällt so vermutlich leichter, auch wenn dabei unter Umständen Arbeiten in einem gemeinsamen Topf (hier hinter den Kulissen „Galerie“ genannt) landen, die unter einem anderen Aspekt in unterschiedliche Töpfe gehört hätten.

Nicht die eine und wahre Ordnung gibt es, sondern derer sind unendlich viele. Da ich dazu neige, mit der Lösung von Ordnungsproblemen (Sternbild Jungfrau) mehr Zeit zu verbringen als mit dem Zeichnen von Zeichnungen und dem Malen von Bildern, muss ich einer pragmatischen Lösung den Vorzug geben vor einer ausgeklügelten und „idealen“.

23. September 2017

„Reflexzone 3“, Tablet-Zeichnung (23.9.2017)

„Reflexzone 4“, Tablet-Zeichnung (23.9.2017)

Diese Bilder sind nicht abstrakt, sondern abbildend oder darstellend gemeint, auch wenn sie sich von ähnlichen abstrakt oder nicht-darstellend gemeinten Bildern, wenn es sie gäbe (wahrscheinlich gibt es sie), kaum unterscheiden lassen würden. Dargestellt wird eine das einfallende Licht reflektierende, leicht bewegte Wasseroberfläche über bläulichem bzw. grünlichem Grund. Der Betrachter hat also nicht die Freiheit, sich für dieses oder jenes oder gar kein Bildthema zu entscheiden bzw. in den Bildern irgendetwas anderes zu sehen als eine leicht bewegte, das Licht reflektierende Wasseroberfläche über bläulichem bzw. grünlichem Grund. Tut er es dennoch, handelt er auf eigenes Risiko und muss selber zusehen, wie er mit seiner für mich fragwürdigen Entscheidung klar kommt. Wenn ich einen für Kunsthistoriker brauchbaren Kategorienamen vorschlagen sollte, würde ich diese und ähnliche Bilder (the best ist yet to come) dem „ungegenständlichen Naturalismus“ zuordnen. Gut fände ich auch: „abstrakter Naturalismus“, weil wir es dabei mit einem exemplarischen Fall von contradictio in adjecto zu tun hätten, was zum Denken zwingt (und also mit „zum Nachdenken anregen“ nichts zu tun hat). Die Verwendung dieses Terminus könnte aber zur Annahme verleiten, meine Bilder seien abstrakt gemeint, was ein Irrtum wäre. Denn wie gesagt: Diese Bilder sind nicht abstrakt, sondern abbildend oder darstellend gemeint. Auf meine Frage, was sie denn darstellen, wenn sie keine Gegenstände zeigen, antworte ich mir: Wahrnehmbares ohne Ding-Charakter.

22. September 2017

 

Es gibt die gewissermaßen in der Natur vorkommende „Abstraktion“ – in Anführungszeichen deshalb, weil hier nicht Abstand von etwas genommen, also nicht in diesem Sinne abstrahiert wird. Den Bereich zwischen dem, was wir – allgemein – die Dinge oder Gegenstände und im Besonderen Duschvorhang oder Badewanne nennen – wir nehmen ihn, besser gesagt: in ihm ständig wahr. Es ist ein namenloser Bereich, in dem uns die Bezeichnungen fehlen. Ein paar Wörter müssen genügen: Schatten, Linie, Fläche – viel mehr gibt es nicht. Das, was sich in diesem Bereich, sozusagen im Abstands- oder Zwischen-Raum, an Licht-, Linien- und Formspielen ereignet, bleibt weitgehend unbenannt. Für mich ist es immer mehr das eigentlich Interessante.

21. September 2017

Auf meinen Stadtgarten-Seiten habe ich heute eine neue Galerie eröffnet. Sie heißt: „Im Japan-Garten“. In der digitalen Welt geht so etwas ganz leicht – eine Galerie neu eröffnen. Erst recht dann, wenn man mit Fertigbau-Elementen arbeitet. Treten Sie hier ein und schauen Sie sich in aller Ruhe um. Bei Fragen, insbesondere bei solchen nach Größe und Preis der Exponate, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

20. September 2017

Eine überarbeitete und zur kurzen Kurzgeschichte erweiterte Fassung des Beitrags von gestern findet man hier.

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Theoretisch neige ich zur Serien-Tat, und zwar in Wort und in Bild. Über die vierte oder fünfte Folge (im TV heißt das neuerdings „Episode“ und man fasst die Episoden zu gleichfalls durchnummerierten sogenannten Staffeln zusammen) einer Serie komme ich allerdings in der künstlerischen Praxis selten hinaus. So erging es mir mit den Masken (und diesen mit mir), die ich im letzten oder vorletzten Jahr in Serie gehen lassen wollte. Nach der siebten Maske war dann erst einmal Schluss. (Den Plan, diese Serie eines Tages fortzusetzen, habe ich allerdings noch nicht ganz fallen gelassen.) Zwei neue Serien-Ideen kamen mir heute in den Sinn.
xxxxxDie erste Serie könnte unter dem Titel „Auflösungs-Erscheinungen (m)eines Bücherregals“ laufen. Was da in Erscheinung treten würde, indem mein Atelier-Bücherregal sich unter meinen Händen auflöst, wären Bücher – in der Regel Kunst-Bild-Bände. Einen nach dem anderen könnte ich hier vorstellen und hätte damit bei einer Einzel-Vorstellung pro Tag etwa ein Jahr lang zu tun.
xxxxxDie zweite Serie, die mir in den Sinn kam, wäre in Bezug auf das Haupt-Auswahl-Kriterium für den Inhalt der Einzel-Folge zunächst ebenso einfach gestrickt. In den Fokus einer Folge könnte jedes Werk der bildenden Kunst geraten, dessen Urheber im Jahr des Schaffensprozesses genauso alt war wie ich – genauer gesagt: wie ich, als ich die Auswahl traf. Das würde die Serie zu einer Aneinanderreihung von Wort-und-Bild-Beiträgen mit linear ansteigender Alterskurve oder -linie machen, wobei es nicht um das Alter der präsentierten Werke, sondern um das der dahinterstehenden Werk-Schöpfer ginge. Als Serien-Titel fände ich „Taten, deren Täter bei der Tat so alt waren wie ich bei ihrer Präsentation“ zwar ein wenig sperrig, er würde aber das Gemeinte durchaus zutreffend beschreiben. Als Kurztitel käme in Frage: „Die Altersgleichheits-Serie“.

Das nachstehende Bild von Josef Albers würde in beide Serien passen. Denn ich fand es im zweiten Buch, das (bis heute) in meinem Atelier-Bücherregal stand – links davon nur noch ein Band über „Aktzeichnungen Großer Meister“ – und als Jahr seiner Entstehung ist 1950 angegeben, das Jahr, in dem Albers im März 62 Jahre alt wurde:

Josef Albers: „Homage to the Square“, 1950, Öl auf Hartfaser, 52,4 x 52,1 cm

Albers lebte damals in New Haven, gut hundert Kilometer nordöstlich von New York, und war zum Direktor das Department of Design an der Yale University berufen worden. Zur Vorgeschichte nur dies: Nachdem Albers von 1930-33 stellvertretender Leiter des Bauhauses in Dessau gewesen war, gelang ihm 1933 zusammen mit seiner Frau Anni der rettende Sprung in die amerikanische Freiheit und ans Black Mountain College in North Carolina.
xxxxxDas oben abgebildete, relativ kleinformatige Werk ist zufällig kein x-beliebiges, sondern eines der ersten (wenn nicht das erste) aus der berühmten Serie(!) „Homage to the Square“. Mit 62 Jahren begann Josef Albers die Bilder zu malen, die man für gewöhnlich mit seinem Namen in Verbindung bringt. Er tat es dann noch ein Viertel Jahrhundert lang. Ich kann nicht sagen, dass ich es bedauere, dass mir heute ausgerechnet dieses Buch in die Hände fiel und ich aufgrund der Altersgleichheits-Serien-Idee just an dieses Bild geraten bin. Im Gegenteil.
xxxxxMit der „Hommage ans Quadrat“ von 1950 verbindet mich das Alter des Schöpfers. Künstlerisch fühle ich mich heute dem jungen Albers  näher als dem gleichaltrigen, das heißt: seine frühen Zeichnungen interessieren mich mehr als seine abstrakten Etüden. Er war ungefähr dreißig, studierte an der Kunstgewerbeschule in Essen und unterrichtete zugleich als Volksschullehrer in Bottrop, als er diese Zeichnung anfertigte:

Josef Albers: „Haus mit Bäumen in Nottuln“, um 1918, Bleistift und Tusche auf Papier, 35,1 x 26,1 cm

19. September 2017

An Debatten über Kunst, also darüber, ob etwas Bestimmtes (oder wann etwas im Allgemeinen) Kunst sei (oder nicht sei), versuche ich möglichst nicht teilzunehmen. Bei meiner Arbeit spielt der eine wahre oder irgendein anderer Kunstbegriff keine Rolle. Es kommt aber vor, dass mir etwas begegnet, wovon ich sagen möchte: Seht her – das ist Kunst! Und nicht euer akademisch korrekt ausgedachtes oder vermeintlich marktkonform auf Hochglanz poliertes Surrogat, auf das ihr mit demselben sprachlichen Ausdruck („Kunst“) Bezug zu nehmen pflegt. Solch eine Emanation widerfuhr mir gestern vor dem Karlsruher Hauptbahnhof.

Der Bereich vor dem Haupteingang des Bahnhofs dient immer wieder Musikanten und Entertainern verschiedener Art als Bühne für kürzere oder längere Auftritte. Regelmäßige Gastspiele gibt ein russischer Teufelsgeiger, dem sich vor einigen Monaten ein  Kontrabassist angeschlossen hat, der dem Virtuosen noch nicht ganz (aber bald) das Wasser reichen kann. Auch wenn die beiden mittlerweile eine zwar variable, doch zugleich immer größer werdende (ich frage mich, wie das geht) Fan-Gemeinde haben, meine ich doch nicht dieses bemerkenswerte Duo, wenn ich Kunst-Emanation sage.

Der Sänger war um die Fünfzig und trug einen Mantel, Schlapphut und Brille. Aus dem Rucksack auf seinem Rücken kamen die Töne oder Geräusche eines Schlagzeugs, die ihm den Takt vorgaben oder dabei halfen, nicht aus demselben zu geraten. Als Mikrophon diente ihm sein Handy, das (ich glaube sogar drahtlos) an den Lautsprecher im Rucksack angeschlossen war. Im Repertoire des Karaoke-Sängers auf der Walz werden wohl die deutschen Schlager der 1960er Jahre breiten Raum einnehmen, denn während ich mich in Hörweite aufhielt, sang er drei davon hintereinander weg (die Texte kannte er auswendig), darunter „Rote Lippen soll man küssen“ und „Du bist mein erster Gedanken“. Er sang nicht wirklich gut, aber auch nicht nachgerade schlecht. Wenn er immer mal wieder einen Ton nicht ganz traf, machte das nichts aus, im Gegenteil: mir kam es so vor, als müsse es so sein – wegen der künstlerischen Authentizität. Richtig wäre in diesem Fall falsch gewesen. Es störte den hingebungsvoll singenden Sänger nicht, dass ihm niemand zuzuhören schien. Man ging in relativ großem Abstand an ihm vorbei, niemand blieb stehen. Auch die für gewöhnlich dort herumlungernden dubiosen Gestalten lungerten gerade woanders herum. Ich war der Einzige, der sich in den Bannkreis wagte und eine Münze in die an seiner Brust befestigte leere Blechdose warf. Warum ist das Kunst? Ich weiß es nicht und ich will es auch fürs erste gar nicht wissen. Es reicht mir, dass mir vollkommen klar ist: Das ist Kunst! Und wären wilde Tiere da gewesen, wie es im Orpheus-Song von Reinhard Mey heißt, – sie hätten sich auch um diesen Orpheus friedlich geschart, dessen bin ich mir sicher.

(Ein überarbeitete und zur kurzen Kurzgeschichte erweiterte Fassung dieses Beitrags findet man hier.)

18. September 2017

Der diesjährige, traditionell zusammen mit meiner Frau Ute Deussen fabrizierte Ferien-Reisebericht ist (im Prinzip) fertig: Gironde 2017.

Ute Deussen und Lothar Rumold: „Côte Sauvage“, 2017, Farbstift auf Papier, 10,5 x 15 cm – © U. Deussen & L. Rumold

16. September 2017

Es soll ein paar Besucher meiner Website geben, die vorwiegend meine Journal-Beiträge lesen. Die haben dann von meinen neuen Stadtgarten-Seiten möglicherweise noch gar nichts mitbekommen. Speziell für diese hier der Link zu jenen.

Im Stadtgarten, digitales, bearbeitetes Foto – © Lothar Rumold

15. September 2017

Tablet-Zeichnung (15.9.2017) – © Lothar Rumold

Elefanten halten zwar vergleichsweise still (insbesondere dann, wenn sie genau so alt sind wie ich, was im Fall von Rani der Fall ist), aber für meinen Geschmack noch nicht still genug.

13. September 2017

Im Dialog mit Michael Schneider (→ zum Dialog) habe ich heute behauptet, jedes vermeintlich frei geschaffene Werk gerate dem authentischen Künstler unwillkürlich zum Versuch eines Selbstportraits. Und ich fuhr fort: „Bei Dir [Michael] erkennbar an Deiner Farb- und Form-Palette, zu der Du unwillkürlich immer wieder greifst. Bei mir liegt der Fall komplizierter, aber im Prinzip ähnlich.“ Dazu hier noch zwei ergänzende Worte.

Künstler drücken sich in ihren Werken aus, heißt es. Jeder weiß das, auch wenn er sonst über Kunst nichts oder fast nichts weiß. Meinetwegen soll man das auch in Zukunft weiter so sagen, ich kann daran ohnehin nichts ändern. Dennoch halte ich diese Redensart im Grunde für falsch oder schärfer: für grundfalsch. Das, was man den künstlerischen Ausdruck im Medium des Werks nennt, ist der Versuch, etwas zustande zu bringen, worin man sich (halbwegs) wiedererkennen kann. Der Autor, der etwas formt, ist nicht das Ich, das sich ausdrückt. Sondern er ist eine Instanz zwischen Ich und Werk. Und diese Instanz bemüht sich, das Werk so zu formen, dass es dem Ich ähnlich sieht. Wenn die Redeweise vom sich ausdrückenden Künstler etwas Zutreffendes beschreiben würde, dann bestünde eine unmittelbare Verbindung zwischen mir und meinem Werk. Man müsste geradezu von partieller Identität sprechen, zumindest auf der geistigen oder charakterlichen Ebene. Dass diese im Schaffensprozess angestrebt wird, bezweifle ich nicht. Aber sie ist nicht apriori gegeben. Es braucht den Autor (jeder Künstler ist Autor seines Werks), um ein Werk so zu formen, dass es so aussieht, als habe sich das Künstler-Ich darin ausgedrückt.

Mein Fall liegt komplizierter als der von Michael Schneider, nicht weil ich komplizierter bin als er (ich glaube ich bin eher einfach gestrickt), sondern weil mir ein einziger Medien-Typus nicht genügt, um mir auf die Spur zu kommen. Um dem Rechnung zu tragen und auf meine Weise Einheit in der Vielfalt meiner Wege zum Ich herzustellen, oder um irgendwie Ordnung zu schaffen, habe ich in letzter Zeit gedanklich mit dem Begriff der Versammlung gespielt. Die Versammlung wäre so etwas wie eine Werk-Klammer oder ein geistiger Ort, an dem sich Unterschiedliches versammeln könnte. Eine Ordnungskategorie der Meta-Werk-Ebene. Habe ich darüber nicht schon geschrieben? Und wenn schon.

11. September 2017

Heute im Exotenhaus im Karlsruher Stadtgarten: eine unerwartete Begegnung der tierischen Art., Tablet-Zeichnung nach Fotografie – © Lothar Rumold

 

10. September 2017

Das Wetter heute: heiter bis leicht bewölkt … 

Tablet-Zeichnungen (10.9.2017) – © Lothar Rumold

7. September 2017

Bilder von Michael Schneider – © Foto: Michael Schneider

Michael Schneider sagt in seinem heutigen Beitrag zu unserem bereits im Juni begonnenen Dialog (→ Dialog mit Michael Schneider: „Der Künstler ist autonom, schon lange, seit J. A. Carstens, der (glaube ich) einer der ersten war, die Autonomie für sich beanspruchten. Eine schöne und quälende Situation zugleich, vor allem wenn man wie ich das Talent hat, sich’s schwer zu machen. Wenn ich mich frage, ob ich ein Zentrum finden kann oder mehrere Zentren, […] komme ich ins Schwimmen, wie wäre das Wort dafür? Nenne ich Begriffliches oder Titel, wird es schnell ungefähr oder irreführend.“ Und dann: „Was eint das alles? Ein wenig geht es mir wie den Romantikern. Diese wollten die Vergangenheit wiederaufleben lassen, sie wollten gotische Bilder malen, und ein wenig finde ich mich selbst in einer vergleichbaren Lage vor.“

6. September 2017

Bei Albrecht Dürer lese ich: „Die schönen Dinge zu erforschen, dazu dient wohl ein guter Rat. Doch soll derselbe angenommen werden von denen, die gute Handwerker sind. Denn den Ungelernten ist es verborgen wie dir eine fremde Sprache. Das aber mag jeder tun, der ein Werk gemacht hat: dasselbe vor den gemeinen Mann stellen und ihn urteilen lassen. Der erkennt gewöhnlich das Ungeschickte, wenn er auch das Gute nicht erkennen kann. Wenn du dann eine Wahrheit hörst, dann magst du dein Werk danach verbessern.“

Fünfhundert Jahre später käme kein Künstler mehr auf die Idee, den „gemeinen Mann“ nach Werk-Fehlern suchen zu lassen. Umgekehrt würde schon eher ein Schuh draus: Alles, was von Hinz und Kunz als Fehler bezeichnet wird, hat die Kunst-Probe bestanden. Mit dem Verständnis dieser Umwertung der Werte hätte man einen der Schlüssel zum Verständnis der sogenannten Moderne.

4. September 2017

Tablet-Zeichnung (Spuren und anderes an der Côte Sauvage bei Royan), 25.8.2017.

2. September 2017

Wir waren vielleicht eine Woche in Le Chay, da wies mich Michael Schneider in einer E-Mail darauf hin, dass derzeit in Paris eine große Hockney-Ausstellung stattfinde – aber das sei mir ja wahrscheinlich bekannt. Nein, das war mir neu, und natürlich überlegten wir, ob auf der Rückfahrt nicht ein kleiner Umweg über Paris einzuplanen wäre. Wir nahmen dann aber doch den direkteren Weg über Troyes und Nancy, in der Hoffnung, den Ausstellungsbesuch noch vor dem Ende der Show im Centre Pompidou nachholen zu können. Gestern, am ersten Tag nach unserer Rückkehr, lieh ich mir aus der Badischen Landesbibliothek einen neu aufgenommenen Band über David Hockney aus. Es stellte sich heraus, dass es sich um den Katalog zu besagter Ausstellung handelt.  Ob das nun der Ersatz für die endgültig entgangene Ausstellung sein soll oder vielleicht auch das entscheidende Hilfsmittel zur intensiven Vorbereitung auf den Gang durch dieselbe? Natürlich enthält der Band neben den Abbildungen Textbeiträge der sieben wichtigsten Hockney-Kenner in englischer Sprache. Derzeit drücke ich mich noch um die Lektüre herum, denn ich stelle fest: I’m more interested in pictures than in opinions about pictures – ein Zeichen dafür, dass ich mich auf dem Weg der Besserung befinde.

1. September 2017

Und so sah’s aus unser Haus im Örtchen (knapp 800 Einwohner) Ley Chay im Département Charente-Maritime. Den Tisch und die Stühle und noch zwei drei andere Accessoires habe ich mir beim Zeichnen weggeräumt vorgestellt – falls man sich etwas als nicht vorhanden vorstellen kann. (Ein nicht vorhandenes Etwas, also ein Vorhandenes, das nicht vorhanden ist – ein ontologisch schwieriger Status, zeichnerisch aber nichts weniger als ein Problem.)

Unser Neunzehn-Tage-Heim in Le Chay, Bleistiftzeichnung – © Lothar Rumold

22. August 2017

„Sommerpause“ schreiben andere ohne Angabe von Zeit und Ort oder sonstigen Gründen, um zu erklären, warum seit dem Soundsovielten kein Journaleintrag mehr hinzugekommen ist. Also dann: Auch wir sind in den Ferien. Und zwar, wie nach dem letzten Eintrag schon zu vermuten war, in Frankreich. Genauer: an der Mündung der Gironde. Aber was heißt Ferien! Machen Künstler Urlaub? Zeichnen, schreiben, lesen und „Eindrücke sammeln“  – das ist doch das, was wir Künstlerisch-Tätigen normalerweise unsere Arbeit nennen. Ich korrigiere mich also: Ich bin am Arbeiten. Und das noch acht, neun Tage lang.