22 Juli 2017

Sieht aus wie eine Radierung, ist aber Resultat der Nachbearbeitung einer digitalen Fotografie. © Lothar Rumold

Gehst du zum Pferd, vergiss Papier und Bleistift nicht. Heute waren wir bei den Isländern und ich hatte beides dabei. Man darf dann aber nicht zu den Pferden gehen, mit dem Vorsatz, „Perde“ oder schlimmer noch : „ein Pferd“ zu zeichnen. Man muss vielmehr an die Koppel treten, um einen Weg zu finden, den in Gegenwart von sogenannten Pferden erlebten Wahrnehmungstrom in ein zeichnerisches Resultat umzusetzen. Das eine hat mit dem anderen zunächst gar nichts zu tun, auch wenn sich in der Praxis, da man ja Vorsätze der ersten Art im wirklichen Leben nie ganz los wird, Mittelwege gegangen und Kompromisse eingegangen werden müssen.
xxxxxWer Pferde zeichnen will, sieht vor sich nicht Pferde, sondern ein Hin-und-Her und Rauf-und-Runter von Linien. Allenfalls sieht er Beine und Rücken, Schweife, Ohren, Mäuler, Köpfe. Man sollte den Linien, die man sieht, folgen, nicht den Ideen von einem Gegenstand, oder meinetwegen auch Lebewesen „Pferd“, die man im Kopf hat. Vertrauen in die lebendige Wahrnehmung also, statt Glauben an eine Ideologie des Know-how. Rezepte von der Art „Wie man ein Pferd zeichnet“ sind gut für Menschen, die sich daran gewöhnt haben, nach Gebrauchsanweisung zu leben.
xxxxxKenntnisse über die Anatomie des Pferdes können helfen, die Linie müheloser zu erfassen, und doch ist die Linie, die ich vor mir sehe, die konkrete Spur, der ich zu folgen habe. Es kann bei jener Art des Zeichnens, die ich „situatives Zeichnen“ nenne, nicht darum gehen, die Richtigkeit des Abstrakten am Konkreten, des Allgemeinen am Einzelnen nachzuweisen, zu belegen, zu verifizieren. Bevor dies nun aber doch wieder zu einer Gebrauchsanweisung für das Zeichnen von Pferden wird – genug für heute.

21. Juli 2017

Heute gibt’s nur drei Tage altes Knäckebrot:

© Lothar Rumold

20. Juli 2017

David Hockney sagt: „Movement is crucial in films.“ Und: „If the camera doesn’t move, there has to be some other motion in the picture.“ Und schließlich: „The eye ist always looking for motion.“ (A History of Pictures, 2016) Unter dem Eindruck dieser beinahe trivial anmutenden Bemerkungen (das Triviale und das Wahre oder wenigstens Einsichten-Ermöglichende grenzen eng an einander und ähneln sich nicht selten bis zur Ununterscheidbarkeit) entschließe ich mich, meine bisher „Videobilder“ geheißenen ganz kurzen Kurz-Filmchen fortan minimal motion pictures zu nennen. Das Ausweichen ins Englische bedeutet in diesem Fall kein opportunistisches Mich-Anpassen an die Unarten eines sich internationalistisch gebärdenden deutschen Kunstmarkts, für den ich mich schon deshalb nicht verbiegen muss, weil meine Produkte derzeit auf ihm nicht präsent sind. Sondern ich ziehe das englische „picture“ dem deutschen „Bild“ deshalb vor, weil „picture“ sowohl unbewegte als auch bewegte Bilder meint. Dazu noch einmal David Hockney: „When I was young the cinema wasn’t called the cinema – or the movies, that’s an American term. It was always the pictures: Can we go to the pictures, Mum?“ Für meine minimal motion pictures würde ich nämlich das Qualitätsmerkmal der bewegten Bewegungslosigkeit oder bewegungslosen Bewegtheit beanspruchen: Sie sind weder wirklich bewegte (im Sinne von Film), noch wirklich unbewegte Bilder (im Sinne von Bild), sondern haben etwas von beidem.

19. Juli 2017


Ich annonciere heute und nur hier die Eröffnung meiner Video-Galerie auf Youtube. Beim ersten Exponat handelt es sich um ein See-Stück mit dem Titel „Am Meer“. Was vor mehr als sieben Monaten als Holzrelief begann, wurde heute von mir als Ölgemälde abgeschlossen, um nicht zu sagen: vollendet. Es kostet 3.000,- Euro. Wer aber mehr bezahlen will – ich lasse mir mir handeln.

18. Juli 2017

Es gibt womöglich, vermutlich, offenbar, anscheinend, … so etwas wie eine innere (heute vielleicht: „neuronal repräsentierte“) Ästhetik – vergleichbar der sprachlichen Grammatik, deren Regeln man als native speaker, wie wir Linguisten sagen, beherrscht, also anwendet, ohne sie explizit als Regeln zu kennen und formulieren zu können. Dieser Verdacht kommt mir, nachdem ich gestern und heute meine Ausstellungseröffnungs- beziehungsweise Einführungsreden der letzten 14 Jahre noch einmal gelesen habe, um eine Auswahl für ein „Dossier Über Kunst“ zu treffen. Ein Set von Grundgedanken zieht sich, im einzelnen mehr oder weniger gut wiedererkennbar, durch die Zeilen und Jahre. Und retrospektiv erkenne ich, wes Geistes Kind ich in ästheticis seit einer ganzen Weile schon bin. Öfter mal mich selber lesen, denn wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich lese, was ich geschrieben habe.

17. Juli 2017

© Lothar Rumold

Die Natur habe durch das in ihr waltende selbstnachahmerische Prinzip immer schon etwas Künstliches, schrieb ich 2012 für eine im Karlsruher Künstlerhaus zu haltende Einführungsrede. „Kunst und Natur wären somit […] keineswegs die säuberlich zu trennenden Sphären, für die man sie gemeinhin hält. Ein Weiterdenker wie Theodor W. Adorno ist […] zum selben Schluss gekommen und hat damit eine idealistische und romantische Ansicht, wenn man so will, dialektisch rekonstruiert.“

16. Juli 2017

Neben „links“ und „rechts“ gäbe es unter Berufung auf Goethe als dritte Möglichkeit der politischen Positionierung „vis-à-vis“ oder „gegenüber“. Dieser Aufenthaltsort wäre der der Vernünftigen, was ich für plausibel halte:

Böcke, zur Linken mit euch! so ordnet künftig der Richter:
Und ihr Schäfchen, ihr sollt ruhig zur Rechten mir stehn!
Wohl! Doch eines ist noch von ihm zu hoffen; dann sagt er:
Seyd, Vernünftige, mir grad‘ gegenüber gestellt!

(Venezianische Epigramme, XLVII.)

15. Juli 2017

Albrecht Dürer: Erasmus von Rotterdam, Kohlezeichnung, 1520

In dieser Kohlezeichnung, die in weiten Teilen skizzenhaft bleibt, sieht man den 49jährigen Albrecht Dürer bei der Arbeit oder, wenn man so will, bei der Ausübung seines Handwerks. Hier studiere ich gerne jeden Quadratzentimeter, während mich das eingehendere Betrachten von Dürers Holzschnitten immer ein wenig Überwindung kostet.

14. Juli 2017

© Lothar Rumold

Effekthascherei, kann man sagen. Aber sehr effektvoll.

13. Juli 2017

Tablet-Zeichnung, 13.7.2017, © Lothar Rumold

Zwischen Malerei und Fotografie gab es weder vor noch nach 1839 eine scharfe Trennlinie. Heute hat man beide Möglichkeiten im selben Gerät vereint. Wer ein Tablet besitzt, kann damit sowohl fotografieren als auch zeichnen oder malen. Um vom einen ins andere Medium zu wechseln, braucht es nur ein Minimum an Fingerspitzengefühl. Ich tippe ein paarmal auf die Glasplatte und bin Maler. Ich tappe nochmal auf der Platte herum und bin Fotograf. Malerei und Fotografie im traditionellen Sinn haben damit nicht aufgehört zu existieren. Aber man sieht nun vielleicht leichter ein: es sind nur zwei verschiedene Möglichkeiten, sich ein Bild zu machen. Die Übergänge sind heute fließender denn je.

12. Juli 2017

Foto: Hajotthu at the German language Wikipedia

Camera obscura (Dunkel-Kammer): Goethe hatte auch eine. Und sehr wahrscheinlich hat er sie auch verwendet – ob zum Zeichnen, vermag ich nicht zu sagen. Möglicherweise ist dieses Weimarer Modell dafür nicht geeignet. Sechs Jahre vor Goethes Tod (und sieben Jahre vor seinem eigenen) machte Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833, allein für diesen Namen müsste er ins Museum kommen) eines der ersten richtigen Fotos. Es zeigt den Blick aus einem Fenster seines Gutes Le Gras bei Saint-Loup-de-Varennes (→ Foto).

11. Juli 2017

„Links und Gewaltanwendung schließt sich gegenseitig aus.“ Erklärte vorgestern in der ZDF-Sendung Berlin direkt Martin Schulz – offenbar der ahnungsloseste oder unverfrorenste (oder beides) Kanzlerkandidat, den die SPD je hatte.
xxxxxWas waren dann die Französische Revolution, die Pariser Commune, die Oktoberrevolution, die Münchner Räterepublik, Maos Kulturrevolution und so weiter und so weiter? Rechtsradikale Entgleisungen? Und was ist die Internationale? Die Auf-zum-Endsieg-Hymne des global agierenden Faschismus? Oder ist mit dem „letzten Gefecht“ und dem finalen Beiseiteschieben der „Müßiggänger“ nichts weiter als eine friedliche Demonstration veganer Klimaschützer für mehr soziale Gerechtigkeit und die Einführung einer Erbschaftssteuer von hundert Prozent gemeint?

Einer der vielen einprägsamen Sätze, die der Genosse Marx von sich gegeben hat (meine linke Vergangenheit holt mich halt immer wieder ein) lautet: „Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen.“ Hoppla, deutlicher geht’s wirklich nicht. Denn mit „Kritik der Waffen“ ist natürlich nicht die Kritik an den Waffen, sondern die „Kritik“ mittels der Waffen gemeint. Brillant formuliert übrigens.
xxxxxTypen wie Schulz und Stegner ficht das alles natürlich nicht an. Was interessiert sie die Linke von gestern (also vor 24 Stunden), wenn es um vermeintliches Punkten im Wahlkampf geht. Gerade noch haben sie Seit‘ an Seit‘ auf dem Parteitag gesungen: „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ und die alten Lieder singen“, da wollen sie schon von eben diesen romantischen Revolutions- und Auf-zum-Kampf-Liedchen, die auch sie in jungen Jahren an den Lagerfeuern der Möchtegern-Rot-Front-Kämpfer geklampft haben, nichts mehr wissen und immer nur „We shall overcome“ und „Give peace a chance“ gesäuselt haben. Elende Heuchler und Kreidefresser.

10. Juli 2017

Benedikt XVI. mit scheinbar abnormal vergrößerter rechten Hand

Die Unfehlbarkeit des Papstes wird auch innerhalb der katholischen Kirche in Zweifel gezogen (→ Katholisches), die Unfehlbarkeit der Fotografie allem Anschein nach nicht. Hier jedenfalls – glaubt man dem Foto – ist Benedikt XVI. mit einer krankhaft vergrößerten Rechten zu sehen. Wäre das Bild bei einem Maler und nicht bei einem Fotografen oder Foto-Designer in Auftrag gegeben worden, wäre urbi et orbi, der Stadt Rom und dem Rest der Welt, diese Fake News erspart geblieben.

9. Juli 2017

Kein Lichtblitz im Detektormaterial, sondern ein Astblitz, aber vielleicht gibt es strukturelle Ähnlichkeiten. © Lothar Rumold

Die Welt als ganzes ist die Spur einer Substanz, die sich beim vermeintlichen Näherkommen unserer Beobachtung wie unseren Begriffen entzieht, ganz gleich, ob wir sie summarisch Gott oder fragmentarisch Teilchen – oder neuerdings vielleicht dark matter nennen. Das Substanzielle erwiese sich als das Nicht-Fassbare schlechthin, wären da nicht die Spuren, die Zeugnis ablegen von seiner Existenz. Die Offenbarung nach Johannes ist als Spur der mystischen Substanz in einem Atemzug zu nennen mit dem Lichtblitz im Detektormaterial, der, wie man sagt, Rückschlüsse auf passierende kosmische Teilchen zulasse.
xxxxxSpuren sind das, was eine Zeitlang bleibt, wenn das Etwas, das die Spur hinterlassen hat, selbst schon nicht mehr da ist – falls es denn je da war. Sie sind weder etwas, noch sind sie nichts. Spuren sind real als eine Ahnung von Sein, als Anlass für Vermutungen, Vorwand für Spekulationen. Das macht sie mir sympathisch.

(Aus meinem sich noch im Versuchsstadium befindenden „Versuch über die Spur“.)

8. Juli 2017


Es geschah schon vor vier Tagen: Schatten-Krawall am späten Nachmittag auf der nach Westen weisenden Konzerthaus-Wand.

*

Es geschah sogar schon vor bald zwei Jahren: Im Jahresbericht 2015/16 der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe wurde ein Gespräch abgedruckt zwischen dem damals ziemlich neuen Rektor (und Nachfolger von Peter Sloterdijk) Siegfried Zielinski und Peter Weibel von nebenan – Weibel ist Leiter des im selben Gebäude untergebrachten Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Die jetzt neu veröffentlichte gekürzte und redigierte Fassung des Gesprächs könnte einen fassungslos machen, wenn man im Zusammenhang mit HfG und ZKM nicht ohnehin auf alles gefasst wäre.
xxxxxAls wichtiges Ziel seiner Bemühungen gibt Zielinski an, im Rahmen eines noch zu entwickelnden Studiengangs noch zu generierende Forschungsfelder „ganz gezielt“ (!) mit noch zu generierenden Entwicklungen zusammenzubringen „und wechselseitig fruchtbar zu machen.“ Er hält das, logisch folgerichtig, „für eines der stärksten Projekte der Zukunft.“
xxxxxHat man da noch Töne? Nein. Aber die wird Peter Weibel bald haben und zur Verfügung stellen, wenn die „Sonifizierung von Zellen“ zu ersten Resultaten geführt haben wird: „Es kann nicht sein,“ meint er nämlich, „dass die KünsterInnen bei den alten Instrumenten bleiben.“ Und den zukunftsweisenden Ausführungen seines Kollegen Zielinski schließt er sich an mit den Worten: „[…] es muss […] die Bereitschaft da sein, ein Wagnis, ein Risiko einzugehen – auch wenn wir keine Garantie dafür haben, dass das, was wir machen, erfolgreich sein wird.“

7. Juli 2017

Eine der ersten Beschreibungen eines bewegten Bildes, man könnte auch sagen: einer Filmsequenz, stammt von dem englischen Dichter, Politiker und Zeitungsschreiber Joseph Addison. 1712 schreibt er im Spectator nach einem Besuch der Camera obscura in Greenwich:
xxxxx„The prettiest Landskip I ever saw, was one drawn on the walls of a dark Room. Here you might discover the Waves and Fluctuations of the Water in strong and proper Colours, with the Picture of a Ship entering at one end, and sailing by Degrees through the whole Piece.“
xxxxxWas jetzt nur noch fehlte, war die Möglichkeit, solche Szenen aufzuzeichnen, um sich dann an einem frei bestimmten Ort zu einer frei gewählten Zeit wieder und wieder anzusehen, wie das Schiff am einen Ende auftaucht und durch das ganze Stück segelt.

Nun aber noch ein aktuelles Beispiel für eine jederzeit wiederholbare, vierminütige dokumentarische Filmszene aus der deutschen Gegenwart (wahrscheinlich auch typisch für die nähere Zukunft). In „strong and proper Colours“ kann man entdecken („discover“), wie sich der linksradikale Mob den Weg in eine bessere und gerechtere Welt vorstellt. Der Begriff, auf den die deutschen Medien jene Hamburger Trainingseinheiten für den Bürgerkrieg unisono gebracht haben, lautet „Krawall“, obwohl man hier mit Fug und Recht von Terror sprechen könnte und sollte. Film ab.

6. Juli 2017

Tablet-Zeichnung, 6.7.2017, © Lothar Rumold

Auch das lässt sich üben, trainieren: die Welt nicht mehr wie gewohnt als Versammlung von Gegenständen zu sehen, sondern als Licht-und-Schatten-Spiel auf mehr oder weniger farbigem Grund.

5. Juli 2017

Und immer wieder Bambus, Tablet-Zeichnung, 5.7.2017, © Lothar Rumold

Da ich voraussichtlich noch für längere Zeit praktisch der einzige Leser meines Journals sein werde, notiere ich heute (thematisch etwas außer der Reihe) das Folgende relativ bedenkenlos zu meiner persönlichen Unterhaltung.
xxxxxLas heute in Thomas Manns Tagebuch unter dem 5.7.1919 dieses ergötzliche Gejammer: „Ich ersticke in Briefschulden, verliere die Nerven unter den Dringlichkeiten und Zudringlichkeiten der Welt.“ (Dies ein Hinweis darauf, was unter „Welt“ zu verstehen sein könnte, wenn Peter Sloterdijk in Nach Gott schreibt, der modernisierte Gott sei der „Wille zur Welt“.) Das hält den Mann aber nicht davon ab, „tagüber [sic] fleißig in Spenglers Buch“ Der Untergang des Abendlandes zu lesen, spazieren zu gehen, nachmittags im Garten zu schlafen und sich dann mit der erweiterten Familie um den „Thee“-Tisch zu versammeln. Zusammenfassend notiert der Bedauernswerte: „Geht man ein paar Abende hintereinander aus und kommt spät zu Bett, so fällt man in Verzweiflung.“

Die Tablet-Zeichnung des Tages ist die erste, die ich mit Hilfe eines speziellen Tablet-Stifts (und nicht mit dem rechten Mittelfinger) gemacht habe. Nein, ich war nicht bei Saturn, sondern meine treu sorgende Ehefrau ist im Billig-Wunderland gewesen, in diesem tollen Krimskrams-Laden, der alles hat, was die vielen anderen auch haben, nur besser und billiger. Der Stift etwa hat 1 Euro gekostet.

4. Juli 2017

Wozu lesen, wenn es folgenlos bleibt. Peter Sloterdijk zitiert im neu erschienenen Buch Nach Gott (S. 30) ausführlich Gotthard Günther (Seele und Maschine, 1956):
xxxxx„Die Kritiker, die beklagen, daß die Maschine uns unsere Seele ‚raubt‘, sind im Irrtum. Eine intensivere, sich in größere Tiefen erhellende Innerlichkeit stößt hier mit souveräner Gebärde ihre gleichgültig gewordenen, zu bloßen Mechanismen heruntergesetzten Formen der Reflexion von sich ab, um sich selber in einer tieferen Spiritualität zu bestätigen. Und die Lehre dieses geschichtlichen Prozesses? Wieviel das Subjekt von seiner Reflexion auch an den Mechanismus abgibt, es wird dadurch nur reicher, weil ihm aus einer unerschöpflichen und bodenlosen Innerlichkeit immer neue Kräfte der Reflexion zufließen.“
xxxxxDie Frage ist, wieviel „Reflexion“ man als künstlerisches Subjekt an den Mechanismus (welchen auch immer) abgeben kann, ohne dabei in Regionen trivialer Untiefen zu geraten, anstatt in die Tiefenschichten ungeahnter Kreativität vorzustoßen. Waren die Maschinen (bis hin zum Fotoapparat), mit deren Hilfe man den Raum auf quasi mechanischem Weg in eine Fläche transformieren konnte, wirklich hilfreich im Sinne einer intensiveren Spiritualität? Und was ist mit Malmaschinen der Kategorie e-David, dem in Konstanz entwickelten Mal-Roboter? Ist die Gebärde, mit welcher der Maler das Führen des Pinsels dem Roboter überlässt, souverän im Sinne von Gotthard Günther? Mir scheint, das hat doch eher etwas vom Strecken der Waffen und vom sogenannten Abgeben des Löffels.

3. Juli 2017

Kathedrale in Dieppe, 2012, © Lothar Rumold

Vor ein paar Jahren in dieser Kirche in der Normandie hätte ich eigentlich auf die Knie fallen, den Herrn loben und alsdann dieses „Dia“, das in natürlicher Projektion auf den Steinboden geworfen wurde, ab- beziehungsweise nachmalen sollen. Aber auf derartige Epiphanien des Schönen ist man ja eher selten in angemessener Weise vorbereitet. Neuerdings haben die meisten (ich auch) wenigstens ein abbildungstaugliches Handy dabei. Schon seit dem 17. Jahrhundert ist es Brauch, mit Hilfe von Projektionstechniken, ja sogar mit Vorläufern der späteren Fotoapparate, Bilder zu machen. Wie hier schon mehrfach gesagt: Lange bevor die erste „richtige“ Fotografie das Licht der Welt und die Welt das Foto erblickte, hatten Maler (etwa Caravaggio) und Zeichner (Galileo Galilei oder Johannes Kepler) mit dem Fotografieren begonnen. Schön nachzulesen Bei Hockney und Gayford: A History of Pictures.

2. Juli 2017


In der Anfangszeit der Fotografie waren die Belichtungszeiten beim Fotografieren bekanntermaßen ziemlich lang. Zunächst maß man sie in Stunden, 1839 „nur noch“ in Minuten. Aber schon Anfang 1840 war man im Sekundenbereich angekommen, wobei eine Spanne von 45 Sekunden als kurze Belichtungszeit anzusehen war. Meine Videobilder sind ungefähr eine Minute lang belichtet worden. Das Resultat sind nicht verwackelte Bilder, sondern verwackelte Mikro-Filme.