16. November 2017

Lothar Rumold: „Donnerstags-Apfel“, 2017, Smartphone-Zeichnung

„Digitalität“ und Handwerklichkeit schließen einander nicht aus. Warum sollten sie auch. Der handwerkliche Charakter macht mir ein digitales Bild sympathisch. Bilder, bei denen sich die Handarbeit auf das Drücken von Tasten und so weiter beschränkt hat, lassen mich eher kalt. Das Zeichenprogramm, mit dem ich arbeite (Autodesk SketchBook), gibt der Hand, die den Stift führt, sehr viel zu tun.

14. November 2017

Lothar Rumold: „Nach Cézannes ‚Hortense Fiquet dans un fauteuil rouge‘ (1877)“, 2017, Tablet-Drawing (Zustand am 14.11.2017)

13. November 2017

Lothar Rumold: „Nach Cézannes ‚Hortense Fiquet dans un fauteuil rouge‘ (1877)“, 2017, Tablet-Drawing (Zustand am 13.11.2017)

 

12. November 2017

Wie eigentlich kam ich auf Félix Vallotton – den Maler, Zeichner und Holzschneider, der 1865 in Lausanne geboren wurde, 1900 die französische Staatsbürgerschaft erhielt und 1925 in Paris starb? Jedenfalls entdecke ich immer wieder neue, bisher von mir nicht gesehene Bilder von ihm. Google ermöglicht den Zugang zu einem großen Teil seiner Gemälde, wobei in vielen Fällen genauere Angabe, wenn überhaupt, dann nur schwer zu ermitteln sind. Einen ganz besonderen Fund habe ich heute auf Youtube gemacht. Das Kunstmuseum Winterthur hat im September 2012 einen Vier-Minuten-Film über eine dort vom 15.9. bis 25.11.2012 gezeigte Ausstellung mit Zeichnungen von Vallotton veröffentlicht. Etwas merkwürdig nur, dass der Herrn Direktor offenbar reflexartig etwas von Deutscher Romantik faseln muss, sobald mehr als ein Baum im Bild zu sehen ist. So sind sie halt, die Kunsthistoriker: allesamt leiden sie unter einem pathologischen Bezugsherstellungszwang.

Aus gegebenem Anlass (noch eine Cézanne-Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle) lenke ich meine vielen und vielerlei Irritationen ausgesetzte Aufmerksamkeit auf Paul Cézanne und sein Werk. Mein Vorurteil, dass der kunsthistorische Betrieb dazu neigt, diejenigen, die dank seiner Schützenhilfe als die Sieger der Kunstgeschichte gelten können, posthum zu mehr zu machen als sie zu Lebzeiten oder „eigentlich“ waren, wird dabei heute einmal mehr bestätigt. In einem mit sehr vielen Text-Ranken verzierten Ausstellungskatalog (Tübinger Kunsthalle 1993) lese ich unter „Biographische Hinweise“, Cézanne habe als Vierundzwanzigjähriger (1863) in Paris „an der Académie Suisse“ seine „Modellstudien“ fortgesetzt. Diese „Akademie“ habe er „besucht“ auf Empfehlung von Emile Zola. Hinter der von Cézanne „besuchten“ „Akademie“, „an der“ er „Modellstudien“ getrieben haben soll, verbirgt sich eine ab 1815 bestehende dubiose Einrichtung „in einem heruntergekommenen Haus des Quai des Orfèvres […], in dem unter anderem ein stadtbekannter Zahnreißer seiner Tätigkeit nachging“, wie es bei Wikipedia heißt. Und weiter: „Es wurde weder Kunstunterricht erteilt, noch wurden Prüfungen abgenommen oder die dort entstandenen Werke bewertet. Allein die kostengünstige Nutzung des Ateliers und des dort beschäftigten Modells, vor allem aber die Möglichkeit des Austauschs mit Gleichgesinnten, zogen viele später zu Ruhm gekommene Künstler in die Académie Suisse.“ Etwa zwanzig Jahre danach entstand der unten zu sehende Akt, der in nicht allzu ferner Zukunft wegen seiner „sexistischen“ Darstellung einer Frau-vorbehaltlich-späterer-Änderungswünsche als „umstritten“ gelten dürfte. Ich hätte übrigens einen ganz anderen, viel banaleren Änderungswunsch: Wenn es nicht zu viele Umstände macht, würde ich das Sofa samt Leda und Schwan gerne ein wenig nach rechts rücken oder rücken lassen – da ist zwischen Möbel und Bildrand noch reichlich Platz. Dann müsste nämlich der rechte Fuß der Dame nicht zur Hälfte außerhalb der Bildfläche, also sozusagen im Freien herumhängen.

Paul Cézanne: „Leda au cygne“, ca. 1881, Öl auf Leinwand, 60 x 75 cm

Ich gebe zu, dass ich (noch) nicht zur Gemeinde der Cézanneianer gehöre. Auch wenn ich mich mit diesem Geständnis bis auf die Knochen blamiere: sehr viele seiner Werke gefallen mir nicht besonders. (Die Prädikation „gefallen mir nicht besonders“ ist ja schon für sich genommen blamabel genug.) Eine der Ausnahmen bildet das Porträt von Hortense Fiquet, der Mutter von Cézannes 1872 geborenem Sohn Paul, das ich heute in meine Sammlung aufnehme. Die Wertschätzung dieses Gemäldes teile ich mit Rainer Maria Rilke, der berichtet, er habe (in der Gedächtnisausstellung für Cézanne 1907 in Paris)  sehr oft „aufmerksam und unnachgiebig“ davorgestanden. Rilke bewundert den „große[n] Farbenzusammenhang“. Und auch er rückt im Geiste Möbel umher, wenn er schreibt, dass vor eine „erdiggrüne Wand“ ein roter Sessel geschoben sei. Jede Farbe müsse sich äußern gegen ihre Umgebung – und dann ein Satz, den man so ähnlich aus einem Rilke-Gedicht kennt: „Es ist, als wüßte jede Stelle von allen.“ Ob er wohl auch vor und von diesem Werk die Aufforderung vernahm, sein Leben zu ändern? Kaum zu glauben ist für mich, dass der Maler der Hortense derselbe ist, der ein paar Jahre später die rotbackige Leda verbrochen, pardon: gemalt hat.

Paul Cézanne: „Hortense Fiquet dans un fauteuil rouge“, 1877, Öl auf Leinwand, 72,5 x 56 cm

11. November 2017

Beim Bonner Klima-Gipfel sind jetzt einige Amerikaner aufgetreten, die die Welt wissen lassen möchten, dass nicht alle Amerikaner in Sachen Klimaschutz derselben Ansicht sind wie Donald Trump. Der Deutschlandfunk gab diese Neuigkeit heute in seiner Haupt-Nachrichtensendung um zwölf Uhr natürlich gerne an seine Hörer weiter. Es soll übrigens auch Deutsche geben, die mit Merkels Migrations- und Energiepolitik nicht einverstanden sind. Experten für sozial abnormes Verhalten schätzen ihre Zahl auf mehrere Millionen im zweistelligen Bereich. Von denen ist im Deutschlandfunk eher selten die Rede. Und zu Wort kommen lässt man sie selbstredend allenfalls dann, wenn keiner zuhört, also jedenfalls nicht um zwölf Uhr mittags. Für die Probleme von Randgruppen hat man ja schon vor langer Zeit eigene Sendeplätze eingerichtet. Wer sich für so was interessiert, kann ja mal einen Blick auf die Programmübersicht werfen. Peter Sloterdijk diagnostizierte unlängst eine „Russifizierung“ der Medien. Das war allerdings bevor er beschloss, sich fortan primär dem Thema „Sex im Alter“ zu widmen.

Lothar Rumold: „Ränder und Grenzen 5/2“, 2017, Tablet-Zeichnung

Das Flächig-Ornamentale (um nicht zu sagen: das Orientalische), das sich bei solch einem Motiv anbietet, verträgt sich für mich schlecht mit dem Charakter des Einzel-Bild-Werks. Da möchte ich (bei allen Einschränkungen, die zu machen sind) eine in sich geschlossene, gleichwohl nicht homogene Einheit sehen und nicht den Ausschnitt aus einem größeren (tendenziell unendlichen) Ganzen, das als solches den Bildrahmen sprengt und daher draußen bleiben muss.

10. November 2017

Lothar Rumold: „Ränder und Grenzen 5/1“, 2017, Tablet-Zeichnung

7. November 2017

Lothar Rumold: „Krähen 1 (Im Geäst)“, 2017, Tablet-Zeichnung

6. November 2017

Lothar Rumold: „Doppelporträt U. und L.“, 2017
Smartphone-Zeichnung

 

Die Zeichen-Software funktioniert auch als Smartphone-App ausgezeichnet. Mein Vier-Zoll-Smartphone stellt eine Hardware-Bildbearbeitungsfläche von 8,9/5,0 x 5,0/8,9 cm zur Verfügung. Das lädt nicht unbedingt zu ausufernden, also ins Details gehenden Mal- oder Zeichenaktivitäten ein. Obwohl ich mir mit Hilfe des Zooms auch hier eine weitaus größere (größtenteils unsichtbare oder nicht aktualisierte) Software-Bildfläche in den Maßen 222,5 x 125 cm (maximal) schaffen könnte. Daher vermute ich, dass die Handys oder Smartys, die ich fortan zeichnen oder malen werde, im Gesamteindruck per se kleinformatiger sein werden als ihre größeren Geschwister, die Tablet-Bilder.

5. November 2017

Lothar Rumold: „Baum-Bild, 5.11.2017“, 2017, Tablet-Bild

Einige Partien dieser Tablet-Zeichnung oder -Malerei habe ich deutlich im Aufbau-Stadium belassen. Man soll nicht glauben, dass ich auf dem Tablet Fotos malen will.

Las heute die letzten Seiten von Friedrich Nietzsches 1874 veröffentlichtem Groß-Aufsatz „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Sein Fazit lautet: Wir müssen zurück oder voran zu einem griechischen (nicht romanischen) Begriff von Kultur, zu einer „neuen und verbesserten Physis, ohne Innen und Außen, ohne Verstellung und Konvention, der Kultur als einer Einhelligkeit zwischen Leben, Denken, Scheinen und Wollen.“ Man kann das missverstehen als Ermunterung zur Unhöflichkeit, zum Sich-Gehenlassen, letztlich zur Barbarei. Dem steht entgegen, was kurz davor (und gleichfalls abschließend) gesagt wird: „Dies ist ein Gleichnis für jeden einzelnen von uns: er muß das Chaos in sich organisieren, dadurch daß er sich auf seine echten Bedürfnisse zurückbesinnt. Seine Ehrlichkeit, sein tüchtiger und wahrhafter Charakter muß sich irgendwann einmal dagegen sträuben, daß immer nur nachgesprochen, nachgelernt, nachgeahmt [meine Hervorhebung, L. R.] werde“. Und noch weiter oben nennt Nietzsche das Leben „ein Handwerk [,,,], das aus dem Grunde und stetig gelernt und ohne Schonung geübt werden muß, wenn es nicht Stümper und Schwätzer auskriechen lassen soll!“ Und: Den Griechen sei es einmal ähnlich ergangen wie den Deutschen – „ähnlich etwa, wie jetzt die ‚deutsche Bildung‘ und Religion ein in sich kämpfendes Chaos des gesamten Auslandes, der gesamten Vorzeit ist.“ Mit anderen Worten: Es herrschten auch damals (bei den Alten Griechen) schon grenzenlose Weltoffenheit, Vielfalt, Buntheit und Multi-Kulturalität. Da Nietzsche darin eine Krankheit (er nennt es die „wissenschaftliche“ oder „historische Krankheit“) sieht, die uns am eigentlichen Leben und Menschsein hindert und uns stattdessen dazu verurteilt, „menschenähnliche Aggregate“ (zugehängt mit Girlanden der Bildung und der Gesinnung, sprich: des nachzuahmenden, weil gesellschaftsfähigen Dafürhaltens) zu sein, empfiehlt er als Gegengifte: das Unhistorische, die Unbildung, die (einen möglichen Kultur-Raum schaffende) Begrenzung der Horizonte, eine heilsame Gleichgültigkeit und Verschlossenheit – bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf unsere echten (wenn ich „authentischen“ schriebe, verstünde man es vielleicht besser) Bedürfnisse mit dem Ziel, individuell und kollektiv wieder von uns Besitz zu ergreifen (um uns dann ausschließlich dasjenige an Historie, Fremdheit und Bildung anzueignen, welches uns zuträglich und förderlich ist). Individuell mag das ein Stück weit gelingen, kaum aber kollektiv.

4. November 2017

Erster artistischer Grund-Satz: Ich darf (auch) als Künstler nicht nach Grund-Sätzen handeln, die nicht meine eigenen sind. Das kann nicht oft genug wiederholt werden. Es zählt nicht, was Cézanne oder Adorno oder sonstwer gesagt hat. Es zählt nur, was ich selber für (un)richtig oder für (un)möglich oder für einen Versuch wert halte. Punktum.

Zur Technik des Zeichnens oder Malens auf dem Tablet, wobei ich hier von einem kleinen Samsung-Tablet mit 7 Zoll Bildschirm-Diagonale rede: Die reale Arbeitsfläche der Hardware misst im Querformat 8,7 x 15,5 cm. Mit Hilfe der Zoom-Funktion kann man sich eine bis zu fünfundzwanzigmal so große zu bearbeitende Bildfläche von maximal 217,5 x 387,5 cm schaffen. Die Gesamtfläche kann natürlich während der Arbeit nur dann überblickt werden, wenn vom Zoom kein Gebrauch gemacht wird. Ansonsten sieht man eben nur den im ca. 9 x 15 cm großen Fenster erscheinenden, aktuell-wahrnehmbaren Bild-Ausschnitt, der je nach Zoom-Einstellung relativ groß oder relativ klein ist. Durch gleichzeitiges Berühren des Touchscreens mit zwei Fingern schiebt man die Bildfläche quasi unter dem Arbeitsfenster durch und bewegt sich auf diese Weise dorthin, wo man gerade zeichnen beziehungsweise malen will. Durch Spreizen oder Zusammenführen der beiden Finger auf dem Tablet wird die Zoom-Einstellung bei Bedarf zugleich stufenlos verändert. Man kann so das Bild auch aus dem Bild schieben, was die Arbeit an den Rändern erleichtert oder überhaupt erst möglich macht. Nach diesen trivialen Feststellungen (die allerdings durchaus etwas darüber aussagen, womit man es eigentlich zu tun hat, wenn man es mit einem Tablet-Bild zu tun hat) noch einmal zur Frage nach dem Unterschied zwischen Zeichnen und Malen. Mir scheint, indem ich mich während der Arbeit ins Bild hineinzoome, werde ich vom Zeichner zum Maler. Das könnte heißen: Wer zeichnet, behält typischerweise jederzeit den Überblick über das Ganze; wer malt, fasst dagegen gewohnheitsmäßig Details ins Auge, konzentriert sich auf diese und lässt das Gesamtbild zeitweise außer Acht. Wer diese Beobachtung auf den Begriff bringen kann, bekommt von mir eine Gratisstunde in Tablet-Zeichnen oder -Malen.

2. November 2017

Michael Schneider hat in unseren Dialog sozusagen als temporären Gast den Maler und Schriftsteller Albert Paris Gütersloh eingeführt. ORF Radio Österreich sendete 1975 einen halbstündigen Beitrag, in dem (dank der damals schon weit fortgeschrittenen Stimm-Konservierungs-Technik) auch der bereits 1973 verstorbene Künstler persönlich zu Wort kommt. Hier ist der Link zur Sendung des ORF. Und unten die Abbildung eines eher zufällig ausgewähltes Bild(ch)e(n)s, das am 22.6.2016 um 17 Uhr bei einer Auktion im Wiener Dorotheum für 3.500 EUR (das sind nur 20,74 EUR pro Quadratzentimeter) den Besitzer wechselte:

Albert Paris Gütersloh: „Streit der Pensionistinnen am Morgen (bereits)“, 1968, Aquarell und Gouache, 13,5 x 12,5 cm

1. November 2017

Lothar Rumold: „Auf dem Weg zur Frankenburg“, 2017, Tablet-Zeichnung

31. Oktober 2017

In meinem zuletzt (Ende Oktober) veröffentlichten Monolog im Dialog mit Michael Schneider habe ich gesagt, man solle meinetwegen versuchen, die Kunstwerke rational zu rekonstruieren und auch die Werk-Autoren könnten dazu einen Beitrag leisten, wenn ihnen danach sei. Ich relativiere das und setze ein Fragezeichen dahinter, indem ich Friedrich Nietzsche zitiere:

„Es gibt Menschen, die an eine umwälzende Heilkraft der deutschen Musik unter Deutschen glauben: sie empfinden es mit Zorne und halten es für ein Unrecht, begangen am Lebendigsten unserer Kultur, wenn solche Männer wie Mozart und Beethoven bereits jetzt [ca. 1874, L. R.] mit dem ganzen gelehrten Wust des Biographischen überschüttet und mit dem Foltersystem historischer Kritik zu Antworten auf tausend zudringlich Fragen gezwungen werden. Wird nicht dadurch das in seinen lebendigen Wirkungen noch gar nicht Erschöpfte zur Unzeit abgetan oder mindestens gelähmt, daß man die Neubegierde auf zahllose Mikrologien des Lebens und der Werke richtet und Erkenntnis-Probleme dort sucht, wo man lernen sollte zu leben [wohl auch: zu lieben, L. R.] und alle Probleme zu vergessen?“

Und was Nietzsche in „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ über die Religion schreibt, mag auch für das Kunstwerk gelten: „[…] eine Religion, die durch und durch wissenschaftlich erkannt werden soll, ist am Ende dieses Weges zugleich vernichtet.“

Lothar Rumold: „Nachts im Park 5“, 2017, Tablet-Zeichnung

30. Oktober 2017

Lothar Rumold: „Noisette vor blauem Himmel in La Vancelle“, 2017, Tablet-Zeichnung

Erstens ist mir „Tablet-Gemälde“ schon als sprachlicher Ausdruck suspekt. Zweitens weiß ich, dass ich heute Vormittag in La Vancelle hinter der (geschlossenen) Terrassentür (das Außenthermometer zeigte 2° Celsius) auf einem Barhocker sitzend gezeichnet und nicht gemalt habe, dessen bin ich mir ganz sicher. Piet Mondrian (geboren 1872) setzt die zeichnerische Linie gegen die malerische Fläche. Ich glaube nicht, dass man daran den Unterschied zwischen Gezeichnetem und Gemaltem in jedem Fall festmachen kann. Man betrachte etwa die gezeichneten Gemälde beziehungsweise die gemalten Zeichnungen seines Zeitgenossen Georges Seurat (geboren 1859).

29. Oktober 2017

Lothar Rumold: „La Vancelle 2017/3“ („Skizzenbuch“), 2017, Tablet-Zeichnung

Nietzsche unterscheidet zwischen der Historie unter monumentalem, archivarischem und kritischem Aspekt. Bei der monumentalen (assimilierenden) Betrachtungsweise werden die (singularisierenden) Gründe zu Gunsten der vorbildlichen und nachahmungswürdigen Effekte vernachlässigt. Die „monumentale Historie“ könne man, sagt Nietzsche, „mit geringer Übertreibung eine Sammlung der ‚Effekte an sich‘ nennen“. Die „monumentale“ Kunstgeschichte wäre in diesem Sinn also eine Geschichte der künstlerischen Effekthascherei („Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“).

27. Oktober 2017

In Anlehnung an Nietzsche („Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ – veröffentlicht 1874) darf man sagen: Um überhaupt ein Bild malen zu können, muss man unhistorisch ans Werk gehen, genauer: der Künstler muss das Bild in einem „unhistorischen Zustande vorher begehrt und erstrebt haben“, denn „ohne jene Hülle des Unhistorischen würde er nie […] anzufangen wagen.“ Oder: „Zu allem Handeln gehört Vergessen“. Es gilt nach Nietzsche aber auch: Je größer die plastische Kraft eines Künstlers ist, nämlich die Kraft „aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben“, desto mehr Geschichte beziehungsweise Kunstgeschichte hält er aus, ohne dass diese ihn überwuchert, überwältigt, beschädigt. Die robusteste Künstler-Natur wäre daran zu erkennen, „daß es für sie gar keine Grenze des [kunst]historischen Sinnes geben würde […]; alles Vergangne, eignes und fremdestes, würde sie an sich heran-, in sich hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen.“ Und weiter: „Das, was eine solche Natur nicht bezwingt, weiß sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu erinnern, daß es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, Lehren, Zwecke [und Kunstwerke, L. R.] gibt.“
xxxxxJeder frage sich also, wie viel Kunstgeschichte er sich einverleiben kann, ohne bleibende Schäden davonzutragen. Andererseits wäre es durchaus kontraproduktiv, würde man bereits vor der Unverträglichkeitsgrenze halt machen und sich auf seine Pflicht berufen, zur Wahrung eines geschlossenen Horizonts (welcher, so Nietzsche, verhindert, dass man nicht mehr an sich glaubt und „alles in bewegte Punkte auseinanderfließen“ sieht) in den Modus der Kunstgeschichtsvergessenheit zu wechseln und damit möglicherweise weit unter seinen schöpferischen Blutbildungsmöglichkeiten zu bleiben.

Wer seine kunsthistorische Inkorporationsfähigkeit einem Test unterziehen oder auch trainieren möchte, der mag dies beispielsweise tun, indem er sich in eine Zeichnung des fünfundzwanzigjährigen Georges Seurat vertieft:

Georges Seurat: „Die Concierge“, ca. 1884, Zeichnung (Conté-Stift)

26. Oktober 2017

Das Politische versucht in diesen Tagen, dem Musischen, also dem Gespräch über Bäume, immer wieder den Platz streitig zu machen, um sich Gehör und Gesicht zu verschaffen. Nicht immer (hoffentlich nicht: immer seltener) gelingt es mir, politische Positionierungen im von mir herausgegebenen Daily Worker zu vermeiden. Daher heute unter der scheinbar musischen Überschrift „Max Liebermann und kein Ende in Sicht“ ein paar dezidiert politische Sätze über die Vermeidung eines Vortrags des „umstrittenen“ Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt an der Frankfurter Goethe-Universität (Details findet man hier, der Absatz beginnt mit „Die Welt meldet“):

Um als „Rassist“ entlarvt und aus den vermeintlich besten moralischen Gründen am öffentlichen Reden gehindert zu werden, muss man sich gar nicht rassistisch geäußert haben. Es genügt, dass einem „rassistische Denkstrukturen“ nachgesagt werden können. Und da es kaum möglich ist, „rassistische Denkstrukturen“ zweifelsfrei nachzuweisen, können „rassistische Denkstrukturen“ jedem nachgesagt werden, dessen Äußerungen dem erklärten Anti-Rassisten nicht in den Kram passen. Wir merkeln uns also: Insbesondere der Anti-Rassist ist nicht nur willens, sondern auch in der Lage, einen Rassisten von einem Nicht-Rassisten zu unterscheiden. Und wer sich nicht den Zorn des Anti-Rassisten zuziehen will, tut gut daran, dessen Unterscheidungsfähigkeit nicht in Zweifel zu ziehen – etwa, indem er zur Begründung eines Rassismus-Vorwurfs mehr verlangt, als den Verweis auf angeblich vorliegende „rassistische Denkstrukturen“. Denn hinter einem solchen Verlangen nach Beweisen erkennt jeder versierte Anti-Rassist unschwer eine „rassistische Denkstruktur“. So auch hinter diesen Zeilen. Es ist zwar nicht besonders originell, aber in jeder Hinsicht passend, an dieser Stelle Max Liebermann zu zitieren: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“

Max Liebermann: „Selbstbildnis im Anzug neben der Staffelei“, 1922

Wahrscheinlich liegen auch bei Eva Quistorp (Theologin, Mitgründerin der Grünen, sie bezeichnet Winfried Kretschmann als ihren Freund, MdEP a. D.), Richard Schröder (Theologe, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer der DDR, MdB a. D.) und Gunter Weißgerber (Ingenieur, SDP/SPD, MdB a. D.) „rassistische Denkstrukturen“ vor. Ich vermag sie nicht zu erkennen, aber ich bin ja auch kein auf Rassisten-Detektion geeichter Anti-Rassist:

Hier die bereits am 10. Oktober veröffentlichten Thesen schriftlich. Und nach all der Politik und all dem Schlachten heute fällt mir nur und gerade noch des in Bälde 81-jährigen Wolf Biermanns Große Ermutigung ein, die Ermutigung desselben Biermanns, der sich, Gott sei’s geklagt und weiß der Geier warum, auf die Merkel-Seite geschlagen hat: „ich bin müde, hundemüde, / müde bin ich all die Tage, / die mich hart und härter machten, / ach, mein Herz ist krank von all der / Politik und all dem Schlachten.“

24. Oktober 2017

Vincent van Gogh: „Waldweg“, 1887, Öl auf Leinwand, 45 x 38 cm

Hier malte van Gogh keinen Van-Gogh, sondern einen Waldweg. Das gefällt mir und dafür kommt das Bild in meine Sammlung.

23. Oktober 2017

Der Frankfurter Oberbürgermeister ließ in der Paulskirche keinen Zweifel daran, dass man als Meinungshaber und Diskussionsteilnehmer vom überlegenen Standpunkt einer absoluten Moral herab zu behandeln, allenfalls irgendwie zu dulden, auf jeden Fall aber zu maßregeln und zu belehren ist, wenn man Merkels anhaltende Politik des Großen Hereinwinkens nicht gut- sondern schlechtheißt. Die Schriftstellerin Sibylle Berg verkündet nur eine Woche später via „Spiegel“, dass das mit dem Reden ohnehin sinnlos geworden sei, und dass jedem fortan im nicht-metaphorischen Sinn aufs Maul gehauen werden soll, wenn er als „Rechter“ in Erscheinung tritt. Vor einer Woche habe ich hier geschrieben, mit den nicht enden wollenden wohlfeilen Positionierungen „gegen Rechts“ rede man uns in einen Kalten Bürger-Krieg hinein. Frau Berg erklärt diese noch relativ gemäßigte, gerade noch „kalte“ Phase der Auseinandersetzung jetzt schon für beendet und will, dass von nun an (noch ungehemmter) zurückgeschlagen wird. Wie lange wird es dauern, bis aus lauter Sorge um die Demokratie und ein friedliches und menschliches Miteinander die ersten Schüssen fallen? Denen auf Rudi Dutschke damals im Kampf gegen Links war eine mediale Verleumdungskampagne vorausgegangen, die von der heutigen „gegen Rechts“ um ein Vielfaches übertroffen wird. Und moralisierende Hysteriker, die in jedem einen „Nazi“ zu sehen wähnen, für den „Nation“ kein Schimpfwort und „Flüchtlinge“, „Geflüchtete“ und „Schutzsuchende“ unzulässige Verallgemeinerungen und letztlich nur die Passwörter für umwälzende soziale Veränderungen sind, laufen zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden herum.

Sibylle Berg setzt im von nun an vor allem auch non-verbal („die Zeit des Redens ist vorbei“) auszutragenden Streit um die „Rettung der Menschlichkeit“ auf „die jungen Menschen von der Antifa, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen“. Bei ihrer „Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus“ werden die Berg und die Antifa sich gewiss freudig erregt orientieren am Gestus und Inhalt eines proletarischen Kampf-Gesangs, den Hannes Wader vor Jahrzehnten seinen damaligen Genossen von der DKP mit kunstvollem Vibrato an den humanitär entscheidenden Stellen zur Gitarre vorgetragen hat. In der vorletzten Strophe heißt es: „Nun wird die Kraft von uns erkannt: / Die starke Waffe unsrer Hand! / Schlag zu, du junge Garde des Proletariats, / [und weil’s so schön war, gleich nochmal:] Schlag zu, du junge Garde des Proletariats!“ Die nach Berg anstehende „Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus“ ist also keineswegs neu. Und gleichfalls bekannt dürfte eigentlich sein, was am Ende vom Lied herauskommen soll, nämlich dass „jeder Feind am Boden liegt“ – statt im Bundestag zu sitzen und dem Endsieg der Humanität im Weg zu stehen:

22. Oktober 2017 (Sonntag)

An einem Sonntag des Jahres 1899 bei Félix Vallotton: Sie liegt auf dem Bett und schläft, er malt sie in Öl als „Femme couchée, dormant“.

Félix Vallotton: „Femme couchée, dormant“, 1899, Öl auf ?, 56,5 x 76 cm

© David Hockney

Auch der zwölf Jahre nach Vallottons Tod geborene David Hockney zeichnete und malte seine männlichen Geliebten gerne „couchés, dormant“. In beiden Fällen schlafen die Liegenden mit angezogenen Beinen.