Joachim Czichon, Helmut Bieler-Wendt und Rudolf Theilmann in der HfG Karlsruhe (2004)

Einübung in die Choreographie der Malerei
Performance mit Malerei und Musik in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung

Was waren die Bilder als sie noch keine Bilder waren? Ein Hin-und-her-Gehen vor der Leinwand, ein Sich-Strecken gefolgt von einem Sich-Beugen des Körpers, ein fahriges Auf-und-Ab des Armes, der Hand, die den Pinsel oder die Spachtel führt, ein ruckartiges Schleudern aus der Vor- oder Rückhand, kurz: bevor die Bilder zu Bildern wurden waren sie Handlung, Aktion, Bewegung. Die Frage nach der guten oder schlechten Malerei verwandelt sich damit unversehens in die nach der richtigen oder falschen Bewegung und der überzeugendere Künstler ist am Ende womöglich der mit der besseren Choreographie.

Gelegenheit zu Bewegungsstudien der hier gemeinten Art hatte man am vergangenen Freitag im Lichthof der Hochschule für Gestaltung. Was sonst nur in der intimen Privatheit des Ateliers geschieht, wurde an diesem Abend auf offener Bühne zum Ereignis: der Bruchsaler Maler Joachim Czichon malte ein Bild. Musikalisch begleitet wurde er dabei von dem Jazz-Duo Helmut Bieler-Wendt (Klavier) und Rudolf Theilmann (Schlagzeug), wobei der 1952 in Carlsruhe bei Oppeln geborene Schüler von Herbert Kitzel Wert darauf legte, Musik und Malerei als gleichberechtigte Komponenten dieser in allen Teilen frei improvisierten Performance anzusprechen. Dass es hier, zumindest der Intention nach, weniger um die Aufführung eines vertonten Mal-Dramas als um das gemeinsame Schaffen eines Klang-Bild-Gefüges gehen sollte, deutete sich schon in der Positionierung der Instrumente an, die nicht zum Publikum, sondern zur packpapierbespannten Malbühne hin ausgerichtet waren.

Dennoch glich das, was nach dem verspäteten Eintreffen von Bürgermeister Eidenmüller (der Kulturhauptstadt-Prüfungsbericht von 3sat lief zu eben derselben Kulturzeit) erlebt werden konnte, einem Ateliertermin mit Live-Musik eher als jenem Gesamtkunstwerk als das es angekündigt worden war. Czichon bemalte unverdrossen die sechs Meter breite Leinwand, Bieler-Wendt und Theilmann improvisierten furios ihren sperrig-herben Jazz. Dass dabei gelegentlich der Eindruck nicht nur von Synchronizität, sondern auch von Synergie und Zeugung eines gemeinsamen Dritten entstand, mag mehr als nur Zufall gewesen sein – während der rund sechzigminütigen Aktion blieben solche Momente aber die seltene Ausnahme.

„Mit riskanter Zuversicht stürzen wir uns auf die gemeinsame Arbeit“, kündigte Helmut Bieler-Wendt zu Beginn der Darbietung an. Dass bei solch sporadischem (zuletzt vor vier Jahren in Zürich) und ungeprobtem Sich-aufeinander-Einlassen auch ein gewisses Maß an Misslingen in Kauf genommen werden muss, hat dieser Abend einmal mehr gezeigt. Doch wenn hier überhaupt von einem Scheitern die Rede sein darf, dann war es ein Scheitern auf hohem Niveau und allemal ergiebiger als manch laues Gelingen.

[Badische Neueste Nachrichten]