Jo Claes, Alexander Stroh, Stefanie Welk, Künstlerhaus Karlsruhe 2006

Zur Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Jo Claes, Alexander Stroh und Stefanie Welk im Karlsruher Künstlerhaus am 18.6.2006

Meine Damen und Herren, die in dieser Ausstellung gezeigten Werke sind offensichtlich von ganz unterschiedlicher Art. Trivial, aber in der Sache einigermaßen korrekt: Jo Claes fotografiert und malt, Alexander Stroh malt, Stefanie Welk arbeitet mit Draht und Metallplatten. Von weiteren Unterschieden wird gleich noch die Rede sein. Das Unterscheidende in der Kunst ist ja offenbar alles andere als unwichtig, so hat ein von mir gerne zitierter, in Karlsruhe tätiger Philosoph einmal behauptet, die Galerien von heute (das war vor 20 Jahren), lieferten „nicht so sehr Kunstwerke als angebliche Unterschiede zwischen Kunstwerken“. (Kopernikanische Mobilmachung, S. 37)

So kann ich nur hoffen, dass es von den ausstellenden Künstlern nicht als geschäftsschädigende üble Nachrede empfunden wird, wenn ich sage: neben den fraglos vorhandenen Differenzen gibt es bei den Werken der drei Künstler mindestens einen wichtigen gemeinsamen Aspekt, den ich hier zum Ausgangspunkt meiner Betrachtungen machen möchte.

Das auffallend Gemeinsame einer großen Zahl der hier ausgestellten Arbeiten liegt in der Art und Weise, wie in den Bildwerken Gegenständliches präsentiert oder repräsentiert wird. Alle drei Künstler stellen uns den Körper nicht als Gegenstand oder Entgegen-stand vor, sondern sie inszenieren ihn als Ereignis. Damit verbunden ist eine gewisse Vagheit bei der Bestimmung der räumlichen Grenze jener Ereignisse, die wir Körper zu nennen uns angewöhnt haben. Es ist womöglich ein wenig überinterpretiert (aber wir sind ja hier unter uns), wenn ich unterstelle: der Heisenbergschen Unschärfe- oder Unbestimmtheitsrelation, die unter anderem begründet, warum der Ort eines Teilchens nicht exakt vorausberechnet werden kann, entspricht in der Kunst von Claes, Stroh und Welk die häufig anzutreffende Unbestimmtheit der Körpergrenze. Alle drei erweisen sich somit als „moderne“ Künstler in einem von Peter Sloterdijk vor zwei Jahrzehnten formulierten Sinn. Modern sein heißt verstanden haben, „daß wir die Welt nicht sehen, wie sie ist, sondern daß wir ihre „Wirklichkeit“ gegen den Eindruck der Sinne denkend [oder eben auch Bilder schaffend] vorstellen müssen, um zu „begreifen“, was in ihr der Fall ist.“ (S. 57) Ich zitiere weiter aus dem Suhrkamp-Bändchen Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung:

„Kopernikanisch-konstruktivistisch schreitet die ästhetische Moderne überall voran, wo sie gegen die ältesten Intuitionen ein neues Hören und Sehen wagt, das mit der Lizenz eines von „Augenschein“ und „Naturklang“ freigesetzten ästhetischen Vorstellens auftritt. Mit ihr beginnt das Abenteuer einer zweiten Sinnlichkeit, für die die Autorität des selbstverständlichen Scheins gebrochen ist. Krieg den Selbstverständlichkeiten! heißt nicht nur die Parole der kritischen Philosophie, sondern auch die der modernen Künste.“ (S. 62)

Zwar haben wir es in dieser Ausstellung nicht mit Konstruktivismus im kunsthistorischen Sinn zu tun, doch stellen auch die hier versammelten Kunstwerke scheinbare Selbstverständlichkeiten wie die, dass die Sonne morgens auf und abends untergeht, während sich doch in Wahrheit nur die Erde ein Stück weit um die eigene Achse gedreht hat, mit ihren jeweils besonderen künstlerischen Mitteln in Frage. Die Autorität des selbstverständlichen Scheins brechen, heißt dann beispielsweise, wie die 1972 in Heidelberg geborene Stefanie Welk es tut, zu zeigen, dass die menschliche Gestalt „in Wahrheit“ einer Anatomie folgt, die dem Alltagsauge verborgen bleibt. Es wunderte mich daher nicht, als ich las, dass die Künstlerin auch Diplom-Psychologin ist, sie absolvierte ihr Studium von 1992 bis 99 in Heidelberg. Auch die Psychologie befasst sich ja mit dem im Menschen eher unter- und hintergründig Vorhandenen, also gewissermaßen mit seiner unsichtbaren inneren Anatomie.

Während die im Rahmen ihrer Kunst sichtbar werdende äußere Anatomie in Stefanie Welks „Kentaur“ noch die Sagenwelt des klassischen Altertums memoriert, folgt sie in den meisten anderen Arbeiten gänzlich neuen und eigenen Gesetzen. Tendenziell erscheint das, was wir nach alltäglichem Verständnis für den Körper halten, als eine Art erotisch besetzter Kraftraum im Zentrum linearer Strukturen, stofflich konkret geformt mit Metalldrahtstücken unterschiedlicher Stärke. Eine geistige, um nicht zu sagen geisterhafte Dimension der menschlichen Gestalt wird auf diese Weise sichtbar gemacht und als bisher irrtümlich übersehener Teilbereich der Anatomie erfasst. Auch jenes Handykap, dass das Prozesshafte des Körperlichen bei unbewegten bildlichen Darstellungen kaum berücksichtigt werden kann, wird ansatzweise überwunden, indem ungleichzeitig gegebene körperliche Zustände gleichzeitig vor Augen geführt werden, wie in der Arbeit mit dem Titel „Run“. Die Werke, bei denen Metallplatten zusätzlich einen äußeren Rahmen bilden, stellen mit eben diesen Platten die Drahtfiguren in den narrativen Horizont einer jeweils noch zu erzählenden Geschichte.

Die ins Auratisch-Ätherische ebenso wie ins Zeitliche ausgreifenden Draht-Gebilde der Stefanie Welk sind stets menschliche Körper, falls Sie mir den Kentauren als einen etwas einseitig auf das Pferd im Mann festgelegten Menschen durchgehen lassen wollen. Jene sich bei Alexander Stroh ereignenden Menschenkörper sind auf den Torso reduziert, im oberen Ausstellungsraum finden sich zusätzlich Haus- und vielleicht auch Landschaftskörper. Bei Claes sind die Körper diejenigen von Tänzerinnen, Tänzern, Toreros und Stieren. In „Corrida III“ übrigens gehen Stier und Torero gleichfalls kentaurenartig ineinander über. Bei Jo Claes wie bei Alexander Stroh bleibt manches körperhaft erahnbar, ohne sich einer namentlich bekannten Klasse von Gegenständen zuordnen zu lassen. Im Falle von „Corrida VII“ ist es nur der Titel, der noch auf prinzipieller Erkennbarkeit eines im Kontext des Stierkampfes Gezeigten insistiert.

Bleiben wir für einen Moment bei Jo Claes. Der 1939 im holländischen Eindhoven Geborene ist gelernter Lithograf und studierte an der Gesamthochschule Wuppertal Druck und Grafik. Er wechselte von der Malerei zur Fotografie und wieder zurück zur Malerei. Ich muss den Künstler und Sie um Nachsicht dafür bitten, dass ich die Malerei von Jo Claes nur am Rande erwähne. Das impliziert kein Qualitätsurteil, sondern deckt nur die Unfähigkeit des Vortragenden auf, sich zu allen gezeigten Arbeiten etwas Vortragbares einfallen zu lassen. Mit einer entsprechenden Geste des Bedauerns wende ich mich auch an Alexander Stroh und Stefanie Welk. Bei ihr wird zum Beispiel die Bedeutung der Farbe in ihrem Werk von mir gänzlich unerörtert bleiben.

Die Claessche Variante der körperlichen Unbestimmtheit zeigt sich am häufigsten im Fehlen von klaren Konturen. Die Umrisse werden zur fließend-bewegten Fläche, was aber keineswegs die Suggestion allgemeiner Bewegtheit zur Folge hat. Auf mich zumindest wirken die Bilder eigenartig unbewegt, wie in regloser Ruhe erstarrt, eine zum Stillstand gekommene Zeitlupensequenz. Dass sie eher in dunklen Tönen gehalten sind, mag mit zu diesem Eindruck beitragen. Es sind Bilder vom Dasein zwischen den Atemzügen und Herzschlägen. Zeit und Gedanken stehen in ihnen still, wie lange, weiß man nicht, solange wir sie betrachten jedenfalls, wird sich in keiner Hinsicht irgendetwas tun. Vielleicht geht das Leben darin weiter, sobald wir den Blick abwenden. Dass die hier zu sehenden Körper, wie ich am Anfang behauptet habe, Ereignissen eher gleichen als Gegenständen, liegt darin begründet, dass in ihnen das Paradox der unbewegten Dynamik verwirklicht ist. Die Bilder inszenieren das Verharren zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht. Sie zeigen nicht gegenständliche Weltmöblierung, sondern Inkarnationen des Innehaltens.

In- oder auch Exkarnationen begegnen uns gleichfalls in den Bildern des am 18. Juni 1953 in Russland geborenen Alexander Stroh. Sie werden es bemerkt haben, der Künstler wird heute 53 Jahre alt. Alexander Stroh studierte Grafik und Malerei an der Pädagogischen Hochschule im russischen Tagil. Die Sphäre, in der Strohs Inkarnationen sich ereignen, ist die Sphäre, besser: das Urchaos der Farbflächen und Linien. Geordneter Raum im engeren Sinn deutet sich erst dort an, wo Körper ihn aufspannen, wobei die dazu notwendigen Inkorporationsprozesse selten als abgeschlossen gelten können. Alles bleibt im Werden, man könnte aber wohl ebenso gut sagen: im Vergehen – schließlich meditiert Stroh in seinen Bildern immer wieder den Torso, ein, wenn man so will, Mandala, das noch am ehesten melancholische Assoziationen des Vergehens und Vergessens befördert, dagegen für autohypnotische Übungen im Rahmen von Aufbau- und Vorwärtsstrategien weniger geeignet zu sein scheint. Man tut gut daran, Alexander Strohs Bilder versuchsweise in der Synopsis zu sehen und damit ihrer Fragmentierung durch das überkommene Tafelbildklischee wenigstens ansatzweise entgegenzuwirken. Dann hat man die Chance, in das Gesamt des Farb- und Vorformenraums zu blicken, in dem torsische Ereignisse wie Erinnerungen an eine andere Zukunft kommen und gehen.