Istanbuler Künstler (Europäische Kulturtage), Künstlerhaus Karlsruhe 2004

Istanbuler Künstler im Künstlerhaus Karlsruhe 2004
Rede zur Eröffnung der E-Mail-Ausstellung Eine Datenbrücke von Ost nach West im Karlsruher Künstlerhaus am 2. Mai 2004

„Man sagt, Kopenhagen, Dresden, Neapel und Constantinopel seien die vier schönsten Städte Europa’s; ich habe keine Veranlassung, dieser Behauptung entgegenzutreten. Aber in Beziehung auf Constantinopel muß ich doch erwähnen, daß man diese Stadt nur dann schön zu finden vermag, wenn man sie nur von außen, vom goldenen Horn aus, betrachtet; sobald man dagegen ihr Inneres betritt, wird die Enttäuschung nicht ausbleiben. Ich erinnere mich dabei jenes englischen Lords, von welchem man erzählt, daß er zwar mit seiner Dampfjacht Constantinopel besucht, aber dabei nicht sein Fahrzeug verlassen habe. Er fuhr von Rodosto am Nordufer des Marmarameeres hin bis Stambul, lenkte in das goldene Horn ein, in welchem er bis hinauf nach Eyub und Sudludje dampfte, kehrte zurück und ging im Bosporus bis an dessen Mündung in das schwarze Meer und fuhr dann wieder zurück, in dem Bewußtsein, sich den Totaleindruck Constantinopel’s nicht durch Eingehen auf die garstigen Einzelnheiten verdorben zu haben.“ (Karl Mays gesammelte Werke Band 3, Von Bagdad nach Stambul)

Anzumerken ist, dass für Karl May in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts offenbar kein Zweifel daran bestand, dass Konstantinopel, also Istanbul, garstig oder nicht, zu Europa gehört.

Meine Damen und Herren, auch uns, also dem BBK [Bezirksverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Karlsruhe e. V.], mag man vorhalten, dass wir uns mit einer Art Totaleindruck begnügen, ohne auf die womöglich garstigen Einzelheiten der Istanbuler Kunstszene einzugehen, auch wenn man von eben dieser Kunstszene hier vielleicht mehr an Einzelnem zu sehen bekommt als irgendwo sonst in der Stadt. Anders als der große Bruder in der Lorenzstraße konnten wir keine Kuratoren aussenden, um eine mehr oder weniger überzeugende Exponatenauswahl treffen zu lassen und diese für die Dauer der Europäischen Kulturtage „Istanbul“ nach Karlsruhe zu verfrachten. Auch der Weg, für den man sich im Obberrheinischen Dichtermuseum entschieden hat, nämlich Stücke zu zeigen, die zur Not in ein oder zwei Koffern transportiert werden können, schien uns für unsere Absichten nicht geeignet. Denn wir – falls es vereinsextern erlaubt ist, in solch kollektivistischen Formulierungen die Leistungen von Einzelnen aufzuheben -, denn „wir“ hatten die Idee, das zu zeigen, was in Istanbul dort entsteht, wo die meisten der BBK-Mitglieder kultursoziologisch gleichfalls zu verorten sind, nämlich in einem Bereich, den man metaphorisch bezeichnen könnte mit „Basis“, „unten“, „breit“ und „bunt“. Wenn sich in dieser Ausstellung der Gesamteindruck von enzyklopädischer Totalität eher ergibt als der von individueller Würdigung, so liegt dies natürlich am verwendeten Medium der E-Mail-Sendung und an der kaum anders machbaren Art der Präsentation des Übermittlungsergebnisses, worauf ich noch zu sprechen kommen werde.

E-Mails zu versenden und zu empfangen ist für sich genommen noch keine Kunst und es befinden sich leider auch nicht zwangsläufig Kunstwerke in einer Galerie, wenn man Ausdrucke von per E-Mail empfangenen Abbildungen aufhängt – jedenfalls sind die so gezeigten Werke dann nur sehr vermittelt präsent. Es hat darum schon etwas von einem Notbehelf, wenn wir statt der Originalwerke das zeigen, was nach einem technisch komplexen, aber ästhetisch zweifelhaften Transformationsverfahren von ihnen übrig geblieben ist und man braucht nicht Walter Benjamin gelesen zu haben, um zu bemerken, dass die auratische Wirkung des Originals technisch nicht reproduzierbar ist. Um so mehr bedürfte diese Art der Werkschau einer vermittelnden Erläuterung, eines Lageberichts von dem Ort, an dem die Absender und Absenderinnen dieser Elektropoststücke leben und arbeiten, damit auf diese Weise ein geistiger Raum eröffnet wird, in dem die Kunst und die Menschen, um die es hier geht, als quasi gegenwärtig wahrgenommen werden können.

Eben damit kann ich aber leider nicht dienen, weil ich Istanbul nur vom Hörensagen und Fernsehen kenne und weder willens noch in der Lage bin, als neuzeitlicher Karl May mir und Ihnen den fehlenden Rest dazu zu erfinden. Und im Hinblick auf die Istanbuler Kunst- und Kulturszene geht es mir nicht anders als den meisten von Ihnen: Ich weiß darüber so gut wie nichts, auch ein Besuch im bereits erwähnten ZKM hat daran übrigens kaum etwas geändert.

Da somit ein geistiges Umschauhalten am Ursprungsort der Sendungen mit meiner Hilfe nicht möglich ist und ein Reisebericht von deren Karlsruher Zielpunkt hier allenthalben auf taube, da bereits informierte Ohren stoßen würde, hoffe ich, am Ende noch einen lohnenden Blick auf das Medium, das zwischen diesen beiden Sphären vermitteln sollte, werfen zu können. Peter Sloterdijk weist darauf hin, dass Medienkunde vor allem anderen Menschenkunde ist, denn als die primären Medien fungierten die Menschen selbst: „Die Apparate kommen zunächst nur als Verstärker zu menschlichen Medieneigenschaften hinzu. Als Medien sind Menschen immer Boten – also Menschen zwischen Menschen, Mittelsmenschen. Sie informieren andere Menschen über etwas, wovon sie ihrerseits informiert wurden. In solchen Vermittlungen oder Botengängen ist der ganze Menschheitsprozeß enthalten.“ (Selbstversuch, S. 32). Und am momentanen Ende dieses Menschheitsprozesses steht, wer hätte es gedacht, die E-Mail als die neueste Möglichkeit, Botengänge zu verrichten oder präziser und prekärer: sich Botengänge zu ersparen.

Man kann per E-Mail Texte und Bilder übermitteln, das Versenden von Gegenständen ist derzeit noch nicht möglich. Die Texte, die man verschickt, schreibt man nach Art eines maschinegeschriebenen Briefes oder man greift auf bereits geschriebene Texte, gespeichert in Textdateien, zurück, die man unter Umständen zusammen mit Bilddateien einfach, schnell und billig an nahezu beliebig viele Empfänger gleichzeitig versenden kann – mit dem inzwischen zum PR-Standard gehörenden sogenannten Newsletter, sei es der vom Badischen Landesmuseum oder von Klappe Auf, wird von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Am Ende informieren dann alle alle über alles und nichts. Der Umfang der Texte und die Anzahl der Bilder wird aktuell noch praktisch begrenzt durch die Aufnahmekapazität des Transportsystems, an deren Erweiterung allerdings fieberhaft gearbeitet wird. Sie kennen die unerbetenen Beilagen zur Telefonrechnung, in denen für T-DSL, flat rate und noch neuere Neuerungen geworben wird.

Angesichts sekundenkurzer Übertragungszeiten sind die Tage oder gar Wochen, die eine sozusagen leibhaftig transportierte Postsendung braucht, natürlich halbe Ewigkeiten. Was per E-Mail technisch gesehen auf den Weg gebracht wird, ähnelt einem Gedanken eher als einem stofflich vorhandenen Briefkörper. Dass der Übergang von der bis vor kurzem noch allein üblichen Briefsendung zur elektrischen Post neben einer eklatanten Verkürzung der Zeit zwischen Absenden und Empfangen noch manch anderes bedeutet, wird leicht klar. Man muss sich dazu nur vorstellen, wie es hier aussehen würde, wenn die 128 Künstlerinnen und Künstler ihre Fotos, Lebensläufe und andere Texte auf traditionellem Wege per Post geschickt hätten. Die vielleicht schöne, auf jeden Fall aber schön praktische Einheitlichkeit wäre dahin, wir hätten es mit einem chaotischen Durcheinander von Formaten und Materialqualitäten zu tun, einiges wäre von Hand, anderes mit der Maschine geschrieben, Graphologen und Philographen würden gebracht, um den Unterschied zwischen einer Olympus und einer Olivetti zu erkennen und womöglich wäre auch das ein oder andere Original mit herein geraten. Lauter Umstände, die Umstände machen und Ihren, also der Betrachter Blick womöglich beim zügigen Gleiten über die Exponatenreihe zum Stolpern bringen würden.

Wie dem auch sei: Es gab eine Reihe von guten Gründen, das E-Mail-Experiment zu wagen, angefangen beim nicht zu unterschätzenden Reiz des Neuen und Aktuellen verbunden mit der Hoffnung auf ein gesteigertes Publikumsinteresse bis hin zur Aussicht auf einige Erleichterungen beim praktischen Umgang mit den eintreffenden Sendungen – Dietmar Zankel, der es auf sich genommen hat, im Laufe dieses Projekts insgesamt rund 600 Blatt Papier durch den Drucker zu schicken, wird dies gewiss anders erfahren haben. Da der von Bertolt Brecht aus Versehen formulierte Leitsatz des Kunstmarkts „alles Neue ist besser als alles Alte“ offenbar auch am Bosporus gilt, haben 128 Künstlerinnen und Künstler von dieser neuen Möglichkeit der Kunst-Teleportation gerne Gebrauch gemacht. Ob diese Innovationsfreude auch an den Werken ablesbar ist, ob man vermuten muss, dass die Entscheidung für das junge Medium zwangsläufig zum Ausscheiden der stärker am Überkommenen orientierten älteren Künstler geführt hat – diese und andere Fragen können zwar gestellt, von hier aus aber nur spekulativ beantwortet werden.

Peter Sloterdijk äußert den Verdacht, dass die modernen Medien, wozu auch das System E-Mail zu zählen ist, im ganzen durch die Wiederholung der immer gleichen Themen, das Zeigen der immer gleichen Unfälle, ich möchte hinzufügen: das immer gleiche Abbilden der scheinbar oder tatsächlich immer gleichen Kunstwerke die Welt so beschreiben, als ob in ihr nichts wirklich Neues passieren könne und damit den Mythos einer überraschungsfreien Welt erzeugen.

Daraus ließe sich nur der eine Schluss ziehen: Wer zumindest die Chance bekommen will, sich von dem Teil der Welt, dessen Name Istanbul ist, überraschen zu lassen, dem bleibt auch in diesem Fall nichts anderes übrig, als selber hinzufahren. Einstweilen darf ich Sie aber bitten, dem eingangs erwähnten drohenden Mangel an individueller Wertschätzung wie auch der medial bedingten Tendenz zur Langeweilisierung entschieden entgegenzutreten durch das um so aufmerksamere Studium der neben- und übereinander gereihten A4-Norm-Blätter. Eine Ausstellung ist naturgemäß nicht so sehr das, was sie von sich aus ist, sondern vor allem das, was ihre Besucher für sich aus ihr machen.