Ein Gespräch mit der Malerin Gabriele Goerke

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Gabriele Goerke in ihrem Atelier in Karlsruhe, November 2015 (Copyright: Lothar Rumold)

L. R.: Danke, Gabi, dass Du bereit bist, bei meinen Interviews mit bildenden Künstlern den Anfang zu machen. Aller Anfang ist schwer, heißt es ja bekanntlich, andere behaupten das Gegenteil, indem sie sagen, aller Anfang sei leicht. Wie siehst Du das, ist es für Dich leicht, ein neues Bild anzufangen oder fällt es Dir schwer, den ersten Strich, die erste Farbfläche zu setzen. Wie sehen Deine Bildanfänge aus?

G. G.: Je weniger ich mir vornehme, desto leichter fallen mir die Bildanfänge, das heißt, wenn ich mir vornehme, dieses oder jenes Bild möchte ich malen, dann lande ich ganz schnell in einer Sackgasse, aus der ich mich wieder befreien muss, was früher oder später bei jedem Bild in irgendeinem Stadium ohnehin passiert. Also muss ich mich ja nicht gleich am Anfang in diese Situation bringen. Meistens beginne ich ein Bild, indem ich Farbreste auf die Leinwand regelrecht drauf schütte, verlaufen lasse, Pinselstriche setze et cetera. Ich versuche, mir und dem Bild soviel Freiheit zu lassen, wie möglich. Manchmal fange ich auch mit einer Zeichnung an, die aber gar nichts mit einem möglichen „Bild-Ende“ zu tun hat, sondern um Farbflächen strukturierter setzen zu können.

L. R.: Du bewegst Dich also vom Abstrakten zum immer Konkreteren, vom Informellen zum formal Bestimmten, von der Beliebigkeit zur Entschiedenheit, vom Zufälligen zum Notwendigen, malst und zeichnest Dich sozusagen stromaufwärts gegen die angebliche Fließrichtung der Kunstgeschichte zurück zu den oder besser: Deinen Quellen. Kann man das so sagen?

G. G.: Ja, das kann man so sagen, diese Dinge passieren natürlich beim Malen selbst eher intuitiv, manchmal mehr, manchmal weniger bewusst. In manchen Malprozessen merkt man es nicht, was man da tut, aber das sind eher die Prozesse, in welchen es gut “läuft”. Wenn der Malprozess stagniert, kommt alles zwangsläufig auf eine bewusste Ebene und man muss sich überlegen, was kann, was muss ich tun, um das Bild wieder in meine Vorstellung (die irgendwie vage da ist) zu treiben.

L. R.: Wenn die Hand, die den Pinsel eine Zeitlang absichtslos geführt hat, nicht mehr weiter weiß, dann muss durch eine willentliche Intervention der Handlungsrahmen so geändert werden, dass ein unwillkürliches, scheinbar zielloses Weiterarbeiten wieder möglich wird? Welche Art von bewusster Intervention hat man sich da vorzustellen? Kannst Du ein Beispiel geben?

G. G.: Eine Art bewusster Intervention kann zum Beispiel eine teilweise oder komplette Übermalung des Bildes sein. Oder ich stampfe das Bild mit relativ flüssigen Farben auf den Rahmen, um neue überraschende Farbverläufe zu erzeugen, die mich in eine neue Richtung bringen. Ich hoffe ich habe den Vorgang einigermaßen nachvollziehbar erklärt.

L. R.: Durchaus, wie ich finde, wobei es sich allerdings um zwei verschiedene Arten des Herbeiführens oder Erzwingens einer Richtungsänderung handelt. Beim Übermalen des Bildes, so jedenfalls meine Vermutung, überwiegt der willkürliche Anteil, beim Überlaufen-Lassen der unwillkürlich-zufällige Aspekt? Zu Beginn unseres Gesprächs hast Du den Begriff der Freiheit verwendet, die Du dem Bild und Dir zunächst lassen musst, um so anfangen zu können, dass ein kreativer Prozess in Gang kommt. Dann gibt es unterwegs Situationen, die zunächst ausweglos zu sein scheinen. Mit den von Dir beschriebenen „Tricks“ holst Du Dir ein Stück weit die Freiheit des Neustarts zurück, ohne doch wieder ganz bei Null anfangen zu müssen. Ich stelle mir Dein Malen jetzt als ein rhythmisches Pendeln zwischen Offenheit und Festlegung vor, wobei das Bild dann fertig wäre, wenn, nachdem die Pendelausschläge immer kleiner geworden sind, Offenheit und Bestimmtheit im Resultat zusammenfallen. Oder ist das zu theoretisch oder zu idealistisch dahergeredet?

G. G.: Nein, es ist überhaupt nicht zu theoretisch dahergeredet, Du hast es sogar viel besser erklärt als ich, was ja dann auch heißt, ich konnte meine Dinge verständlich rüberbringen. Ja, es ist ein Hin-und-her-Schwingen zwischen Offenheit und Festlegung und dies ist ja auch die Gratwanderung. Nehmen wir mal einen Baum, den ich malen will, eine ganz einfache Sache, ein Baumstamm, ein paar Zweige – fertig. Aber er soll ja auch irgendwo eingebettet sein, er soll eine Art Aura haben und nicht realistisch sein. Ich liebe Bilder, die eine Substanz in der Oberfläche haben, eine gewisse Rauigkeit (ich mag die glatten Bildoberflächen nicht so gerne). Der sogenannte Trick, wie Du gesagt hast, kommt mir sehr gelegen. Ich habe die Freiheit des Neustarts und gleichzeitig kann ich verschiedene Farbschichten aufbauen, die ich brauche, um am Ende eine Bildoberfläche mit Strukturen und einer gewissen Rauigkeit zu haben. Manchmal habe ich einen ganz tollen offenen Bildzustand, gerade in einer der Anfangsschichten, den ich aber nicht so stehen lassen will, weil mir sonst am Ende die Bildschichten fehlen. Also muss ich den Mut haben, mich von meinem schönen Bildzustand zu verabschieden. Da bin ich aber nicht immer bereit dazu, also muss ich das Bild erst einmal stehen lassen, um den richtigen Moment der Verabschiedung zu erwischen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich immer an mehren Bildern gleichzeitig arbeite. Eines wartet immer auf seine Verabschiedung.

L. R.: Jedes Deiner Bilder könnte demnach von vielen, mehr oder weniger schmerzlichen Abschieden erzählen, die alle unumgänglich waren, um dorthin zu gelangen, wo das sogenannte Werk als Endzustand des Malprozesses steht? Malen ist für Dich also auch ein Hin-und-Her zwischen Trauer und Freude, Trauer über das Zerstören-Müssen und Freude am dann neu Entstehenden?

G. G.: Ja, und das ist es, was mich immer von Neuem antreibt: das Lösen dieser ganzen Bildzustände mit all ihren Emotionen und diese Bildzustände immer neu zu lösen mit ihren vielen Hochs und Tiefs, die das jeweilige Bild mit sich brachte. Das geschaffte Ende löst dann ein Hochgefühl aus, wenn auch nur ein sehr kurzes, weil ich schon ganz süchtig danach bin, das nächste Bild zu lösen.

L. R.: Ich möchte die Gelegenheit dieses Gesprächs wahrnehmen, um Dir noch ein paar Fragen zu Deinem zeichnerischen Werk zu stellen. Daher eine, wenn Du erlaubst, abschließende Frage in unserem Dialog über den Malprozess: Als ich vor etlichen Wochen Deine neueren Wald- und Natur-Stücke zum ersten Mal sah, dachte ich so etwas wie: Was für eine Energie, was für ein Aufruhr, welch ein Tumult, der mir da entgegenschlägt. Du hast eben gesagt, das Lösen eines Bildes sei das, was Dich immer wieder reizt und Dir, sofern es gelingt, zuletzt ein Hochgefühl verschafft. Nach Lösung im Sinne von Entspannung und Zur-Ruhe-Kommen sehen viele Deiner Bilder für mich aber nicht aus. Siehst oder empfindest Du das anders?

G. G.: Nein, ich will ja auch nicht zur Ruhe kommen, dafür liebe ich den Aufruhr und den Tumult, wie Du schön gesagt hast, viel zu sehr. Aber diese kurze Freude am Ende eines Bildes ist doch ganz schön. Aber das war es dann auch schon und die ganzen anderen Tumulte warten ja schon darauf, gelöst zu werden. Und dieses Lösen-Wollen ist für mich die antreibende Energie.

L. R.: Das wäre jetzt eigentlich ein schöner Schlusssatz. Ich bin von Deinen Zeichnung aber so sehr angetan, dass ich unser Gespräch an dieser sich dramaturgisch anbietenden Stelle noch nicht beenden möchte. Deine Zeichnungen haben etwas Karges, Reduziertes, Minimalistisches, während sich Deine Malerei sehr reichhaltig, überbordend, also eher maximalistisch präsentiert. Dennoch sehe ich einen gemeinsamen Gestus des Schmerzlichen. Peter Sloterdijk sagt, Künstler sein heiße Zeugnis ablegen. Falls Du mir in puncto „Schmerz“ oder vielleicht auch „Welt-Schmerz“ nicht widersprechen willst – wovon zeugen Deine Zeichnungen noch?

G. G.: Eigentlich habe ich immer Angst davor gehabt, sogenannte Landschaften zu malen, da die Landschaftsmalerei doch ein sehr altbackenes Image hatte und noch hat. Aber meine Bilder scheinen ja nicht angestaubt zu sein, hoffe ich doch. Ja, das Schmerzliche wollte ich gar nicht unbedingt in meinen Bildern drin haben, aber es ist doch immer da oder es ist eher das Melancholische, das in mir ist, und das ich auch sehr stark spüre, ohne dass es mir unangenehm wäre. Vor allem, wenn ich in Landschaften unterwegs bin. Ich gehe sehr gerne alleine in der Natur spazieren. Ich mag es, den Wind zu spüren, den Regen undsoweiter. Mit den Wolken, Wegen und Bäumen verbunden zu sein. Sie begleiten mich in meinen Gedanken und umgekehrt. Genauso gerne mag ich alle Stimmungen in der Natur, all die Schatten und Sonnenflecke, dramatische Wolkenhimmel. Dieses In-der-Natur-Sein ist vielleicht auch mein In-der-Welt-Sein, eine Art melancholische Grundstimmung, wenn ich alleine bin mit mir, dem Wind und den Wolken und und und. Natürlich mag ich auch die Linien in der Natur: Felder, Wege Bäume, die senkrecht dagegen stehen, das Wirrwarr der Zweige. Es ist einfach mein Thema und jeder Tag, jeder Spaziergang ist anders. Meine Zeichnungen waren bis vor zwei, drei Jahren nur Vorskizzen für meine Bilder, die achtlos im Durcheinander des Ateliers herumflogen, sozusagen absichtslose Skizzen. Mein Mann Sandro [der Maler Sandro Vadim, L. R.] musste mich davon überzogen, dass diese Zeichnungen für sich stehen, also nicht nur Vorskizzen sind. Seither lasse ich sie nicht mehr achtlos herumfahren und versuche, eigenständige Blätter zu zeichnen. Wovon zeugen meine Zeichnungen noch außer von dem, was Du „Schmerz“ nennst, den ich selber aber nicht so offensichtlich finde, weil ich es gar nicht darauf anlege, ihn zu zeigen? (Aber ich kann und will ihn auch nicht verbergen, ich widerspreche Dir also nicht.) – Ich denke, ich bin niemand mit einer offensichtlichen Botschaft, ich bin eine Malerin, die leidenschaftlich mit ihrem Thema verbunden ist.

Das Gespräch mit der Malerin und Zeichnerin Gabriele Goerke fand um die Jahreswende 2015/16 statt. Gabriele Goerke (*1962) lebt in Karlsruhe. Mehr zu ihrer Person und ihrem Werk unter www.gabrielegoerke.de.