Hanfried Streit, Künstlerhaus Karlsruhe 2004

Einführungsrede anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Hanfried Streit im Karlsruher Künstlerhaus am 15.2.2004

Meine Damen und Herren – „der Maler hofft,“ so schreibt Hanfried Streit in eigener Sache,

„der Maler hofft, daß die folgenden Berichte besser dem Verständnis seiner Person dienen, als die üblichen Einführungen es tun könnten, und deshalb auch den Kontakt mit seiner Arbeit erleichtern.
Die Mutter: Ein oft schweres Los mit starkem Herzen tragend. Melancholischer Grundton im sanguinischen Temperament. Der jüngste der beiden Söhne ist mongoloid, das Töchterchen sehr aufgeweckt.
‚Himmel und Hölle in uns selbst.’Erschütternder Eindruck: Ihr unter der Not des mütterlichen Herzens erbleichtes Antlitz, als der aggressiv gewordene Mongoloide geholt wird. Er wird hinter den Türen der Anstalt während der kurzen ihm noch verbleibenden Lebenszeit das ganze Ungemach der menschlichen Existenz erfahren.Der Vater: Preuße, kaisertreu, selbstbewußt; elegant praktizierte Arroganz; wenn nötig, im Zylinder sich Vorteil und Gehör verschaffend. Bereist ab 1926 mit den Kindern mehrfach Belgien, öffnet ihnen auch durch spätere Unternehmungen und Reisen den Zugang zu Natur und Welt.Erste Reise des Dreizehnjährigen nach Paris zu den Brüdern der Mutter und deren Familien, wo, nicht ohne Ein- und Mitwirkung einer sehr schönen jungen Tante, eine Liebe entsteht, die ihn immer wieder zum alten Paris zwischen Montmartre und den Hallen hinziehen wird, wo die Großeltern lebten und eine Spedition betrieben. Bleibender Eindruck auch der Besuch der Familiengruft auf dem Père-Lachaise, wo ihn vor allem die Namen der dort begrabenen Großen beschäftigen.“

Vier Jahre vor seinem Tod am 20. Januar 1993 hat der Maler und Zeichner Hanfried Streit diese biographischen Selbstauskünfte einem Werkkatalog vorangestellt mit der erklärten Absicht, dadurch den Zugang zu seiner Arbeit zu erleichtern. Den „üblichen Einführungen“ misstrauend wollte er sicherstellen, dass man ihn und damit auch sein Werk besser versteht. Mit den Hinweisen auf die Mutter und den behinderten jüngeren Bruder, den notfalls zum Zylinder greifenden Vater und die sehr schöne junge in Paris lebende Tante wollte Hanfried Streit dem Betrachter seiner Bilder den gedanklich-emotionalen Raum andeuten, der als überzeitlich wirklicher (auch im Sinne von wirksamer) Entstehungs-Ort des Werkes untrennbar zu diesem gehört. Nicht die Rede ist dabei von der mit tödlicher Sicherheit sich ausbreitenden Muskelschwäche, an der er bereits seit 16 Jahren litt. Dies ist einerseits bemerkenswert, wird aber andererseits nur den überraschen, der ihn nicht gekannt hat, denn bei Streits sprach man gerne und oft über Philosophie und Kunst, aber nie über Krankheit, wie Alice Streit sich erinnert, die mit dem Maler von 1974 an verheiratet war. Sie ist übrigens jene aus dem Gedächtnis porträtierte „Donna Alicia“ im Karree mit den kleinformatigen farbigen Arbeiten.

Als Hanfried Streit 1989 meinte klarstellen zu müssen, dass der eigentliche Ursprung seiner Werke bei der Mutter, dem Bruder, dem Vater und jener schönen Tante zu suchen ist, wird er es sicher gewusst haben: Das Werk als Bild an der Wand ist immer etwas aus dem Lebenszusammenhang Gerissenes. Kunstwerke, als Artefakte verstanden, sind von Geburt an Mangelwesen: sie leiden an einem stetig zunehmenden Beziehungsverlust seit sie die Sphäre ihrer Entstehungsbedingungen verlassen mussten, um fortan als Kultur-Fetische durch die öffentlichen und privaten Räume zu geistern. Von der „Autonomie des Kunstwerks“ zu sprechen heißt ja doch nichts anderes, als aus dieser Not eine Tugend zu machen. Frank Stellas Satz „what you see is what you see“ benennt gewissermaßen die Nullmarke des Beziehungspotentials, beschwört lakonisch-cool das Werk-Ding an sich, das nichts weiter sein soll als sein sichtbares Selbst. Das Kunstwerk kommt damit, wenn man so will, nur noch als das ubilateral entbundene Abbild seiner selbst in Betracht. Doch der Verlust des ursprünglichen Zusammenhangs wird im Laufe eines Werk-Daseins, allen abstrakt-expressionistischen Desillusionierungsbemühungen zum Trotz, kompensiert durch neue und andere Bezugnahmen und Verstrickungen, die, wenn es gut geht, immer auch Liebesaffären mit einschließen. Das auratische Kunstwerk und seine ständig kommenden, gehenden oder auch bleibenden Liebhaber und Liebhaberinnen liefert das Paradigma einer praktizierten Moral, die ihr Heil nicht in Ausschließungsverfahren und Vereinigungsmonopolen sucht. Die polyrelationale und multierotische Verfasstheit des Kunstwerks zeigt sich schließlich auch in der Tendenz, private Sammlungen nicht im intimen Separee zu genießen, sondern öffentlich zugänglich zu machen.

Hanfried Streit wurde am 15. Juni 1914 in Aschaffenburg geboren. Die Schule besuchte er dann schon in Karlsruhe. Der erwähnte preußisch gesinnte und von Schlesien über Berlin in den deutschen Süden gekommene Vater erlaubte ihm das Kunststudium nur unter der Bedingung, sich anschließend als Zeichenlehrer verbeamten zu lassen. Hanfried Streits spätere Tätigkeit an Gewerbeschulen mag in dieser väterlichen Auflage einen ihrer Gründe gehabt haben. Vier Jahre Kriegsdienst bescherten ihm eine Verwundung unter dem rechten Auge. Aus zwei Ehen ging jeweils ein Kind hervor. Als er 1974 seine dritte Ehefrau Alice heiratete, gab diese ihr vom Vater übernommenes Friseurgeschäft in der Karlstraße auf und zog zu ihm in die Renckstraße neben das Goethegymnasium, wo die Streits bereits seit 1940 ansässig waren. Wichtig wurden die regelmäßigen Aufenthalte im Ferienhaus auf Ibiza bis die krankheitsbedingten Umständlichkeiten dies unmöglich machten. Im Atelierhaus im pfälzischen Burrweiler arbeitete Hanfried Streit mit der unentbehrlichen Hilfe seiner Ehefrau und einiger Freunde trotz erheblicher Schwierigkeiten bis zuletzt weiter.

Die hier gezeigten Bilder können nur als Hinweise auf das umfangreiche Gesamtwerk verstanden werden. Was fehlt, sind die Ölgemälde und die späten Arbeiten, in denen der Künstler seine sich verändernde Körperlichkeit thematisiert, wobei gestalterische Probleme stets im Vordergrund standen. Ich erinnere an die Bemerkung von Alice Streit: „Es war nie von Krankheit die Rede.“ Gestatten Sie mir noch für einen Moment die Extravaganz, mich verbal im Umfeld von Bildern aufzuhalten, die hier gar nicht zu sehen sind. In einem Brief vom Juli 1991 stellt Hanfried Streit dazu fest: „Ich beabsichtige nicht die Darstellung meines Leidens, eventuell um dieses zu überwinden oder zu meistern. Natürlich ist die Wirklichkeit (keine psychologische, sondern die anschaubare) Ausgang meiner Gestaltung“. Dieser letzte Satz – natürlich ist die Wirklichkeit Ausgang meiner Gestaltung – könnte auch als Titel über Hanfried Streits Lebenswerk stehen. Er brauchte die Kunst nicht als Mittelchen, sondern erlebte sie als die tägliche praktische Aufgabe, die angeschaute Wirklichkeit in eine befriedigende, womöglich sogar befriedigendere Form zu bringen: „Zu Zeichen des Bleibenden schafft er einen ihm zugemessenen Ausschnitt des Lebens um“, formuliert Wolfgang Schwarz 1971. Des Mittels bedient man sich eher passiv, der Aufgabe kann man sich nur aktiv stellen. Sie wissen vielleicht noch, dass in der Grammatik das Passiv auch als die Leideform, das Aktiv als die Tatform des Verbs bezeichnet wird. Die als tägliches Agieren auf eine Form hin gelebte Kunst stößt erst dort auf Barrieren, wo die Kräfte versagen und schließlich das Leben selbst an sein Ende kommt.

Nicht vom routinierten Variieren bereits gefundener Formen, sondern vom unentwegten Suchen und Finden der hier und jetzt gültigen Gestalt zeugt Hanfried Streits Werk von Anfang an. Auch in seinen Zirkusbildern (hier unten haben Sie drei Beispiele dafür) wird nicht Artistik vorgeführt, sondern gestalterische Spannkraft eingeübt. Die Grenzen seiner Bereitschaft, sich abstrahierend von der anschaubaren Wirklichkeit zu entfernen, schreitet Streit während einer vierjährigen Schaffensphase zwischen 1968 und 1972 ab. Aus dieser Zeit stammt auch jenes für das Plakat ausgewählte Bild, von dem seine Frau Alice sagt, es sei eigentlich gar kein Streit. Wenn sich auch die sozusagen abstrakte Abstraktion für ihn nicht als eine auf Dauer befriedigende Lösung erwiesen hat, so haben doch die in diese Richtung unternommenen Vorstöße mit den „eigentlicheren“ Streits gemeinsam, dass es sich um Exerzitien im Raum der in Kunst transformierten Anschauung handelt.