Grafik, Künstlerhaus Karlsruhe 2003

Über Grafik
Rede zur Eröffnung der Mitgliederausstellung (Grafik) des BBK-Karlsruhe am 30.11.2003

Meine Damen und Herren, in der Grafik meditieren wir unsere Anfänge. Denn am Beginn seines Daseins als Gattungswesen (also in der Höhle), als Individuum (also in der Kindheit) und als Akademieschüler (also in der Kneipe) ist der Mensch immer schon Grafiker. Die Menschen-modellierenden Götter wird man dagegen zunächst als Bildhauer anzusprechen haben (Autodidakten übrigens), betrachten wir aber die Oberflächen der großen und der kleinen Dinge, des Planeten und des Blattes, so wird uns deutlich: die Götter müssen auch zeichnerisch begabt gewesen sein. Amerikanische Land-Artisten haben ja etwa ab 1970 versucht, das im Landschaftlichen nachzuahmen. Aber auch die Flussbegradigung, der Straßen- und der Siedlungsbau verändern das Luftbild der Erde. Jeder Häuslesbauer ist also zugleich ein dilettierender Geo-Grafiker.

Der künstlerischen Grafik begegnen die meisten nur gelegentlich, einer Sonderform der kultivierten Grafik begegnen wir dagegen täglich. Die Erfindung oder Entdeckung der Schrift ist ja nichts anderes als die Überführung der willkürlich-freien, spontanen grafischen Form in eine konventionell gebundene, wiedererkennbare Gestalt. „Entdeckung“ der Schrift sage ich deshalb, weil das Schreiben als Möglichkeit sozusagen auf der Hand lag seit Menschenhände womit und worauf auch immer Spuren hinterlassen haben.

Wenn Sie nachher noch einmal auf Spurensuche gehen, bedenken Sie auch, dass die Linie eine verwandelte Körperbewegung ist, eine Übersetzung von Zeitlichem in Räumliches, der nahezu unvermittelte räumliche Niederschlag nervöser Vorgänge in der Zeit. Wer dem Satz zustimmt, dass es in der Kunst um das Zeugnis und nicht um die Kreation geht (Peter Sloterdijk: „Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen“, 1988, S. 21), den wird es interessieren, dass sich in der Linie unsere Physis und das, was in ihr verkörpert ist, wahrscheinlich unverhüllter und reiner zeigt als in anderen Ergebnissen künstlerischen Tuns. Mit der Zeichnung steht der Künstler und die Künstlerin immer wie nackt da, in der Grafik meditieren wir also mit unseren Anfängen auch unser Entblößtsein. Soweit dieser kleine philographische Versuch.