Gilbert Decock in der Galerie Emilia Suciu (2004)

Rezeptionstraining in Zeiten ästhetischer Beliebigkeit
Der Belgier Gilbert Decock bei Emilia Suciu in Ettlingen

„Wir bleiben zur Beliebigkeit verdammt“, konstatierte Peter Sloterdijk kürzlich in einem Karlsruher Podiumsgespräch und gab dem Publikum als Hausaufgabe mit auf den Weg, „dies als eine gute Nachricht zu verstehen“. Freunden der konkreten Kunst mag dieser Hinweis auf eine Bedingung der Möglichkeit von Zeitgenossenschaft wie eine Bankrotterklärung der ästhetischen Moral vorkommen, hatte man doch im Umkreis jener Produzenten-Rezipienten-Gemeinschaft gehofft, mit dem Hochhalten von Ordnungs- und Regelidealen artistischem Eigensinn und kreativer Willkür gewisse, allgemein akzeptierte Schranken zu setzen.

Dass man die konkrete Kunst schätzen kann ohne zugleich auch die szientistische Pose ihrer theoretisierenden Fürsprecher einzunehmen – diese Erfahrung bestätigt immer wieder ein Gang zu Emilia Suciu nach Ettlingen. Die rührige Rumänin, die zusammen mit Alf Knecht auf der ersten art Karlsruhe dafür sorgte, dass das neue Messeschiff nicht ganz ohne ortsansässige Besatzungsmitglieder vom Stapel lief, zeigt derzeit Gemälde, Serigraphien und Skulpturen von Gilbert Decock, ein belgischer Künstler, dessen Werke in vielen belgischen, niederländischen, französischen und italienischen Museen anzutreffen sind. Warum das Interesse der Ausstellungsmacher und Museen in Deutschland bisher offenbar gering gewesen ist, bleibt angesichts der Ettlinger Werkschau und im Hinblick auf das qualitativ und quantitativ bemerkenswerte Gesamtoevre Decocks ein wenig rätselhaft.

Einen vom Quadrat Besessenen nennt die Galeristin den 76jährigen Belgier. Wer aber vom Quadrat spricht, wird von der Fläche und vom Raum nicht schweigen können und gerät, wenn er es wie Decock nicht beim Darüber-Sprechen belassen hat, geradezu zwangsläufig mitten hinein in die gestalterische Auseinandersetzung mit den Mehrdeutigkeiten nicht nur der Linie, sondern der Komposition insgesamt. Ist dies der Rand einer Fläche, die stereometrisch von einer anderen Fläche überlagert wird, oder haben wir es mit einer eigenständigen Form zu tun, sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt oder sehen wir ein sich selbst genügendes Ganzes, richten wir den Blick auf etwas, das sich weitgehend vor unseren Augen verbirgt oder ist das, was wir sehen, schon alles, was da ist? Auf diese und ähnliche Weise geben die Arbeiten Gilbert Decocks unserem Hinschauen zu denken. Dabei zeigt sich die morphologische Ambiguität und epistemologische Vertracktheit der zunächst einfach erscheinenden Arbeiten erst dem zweiten und dritten Blick – so als wäre die Form nicht immer schon vorhanden, sondern entstünde sukzessive im Prozess ihrer Wahrnehmung.

Vom Signalrot einiger der kleinen Serigraphien einmal abgesehen dominieren in den monochromen Flächen die gedeckten Blau- und Brauntöne, meist im scharfen Kontrast zu den weißen geraden Linien, die rechtwinkelig die oft in die Diagonale gekippten Quadrate markieren, gelegentlich aber auch einer freieren Geometrie folgend die Bildebene durchlaufen. Auch die Skulpturen, bei denen es sich eher um im Raum stehende doppelseitige Reliefs handelt, meditieren das Quadrat und das Verhältnis von Linie und Fläche, das Umschlagen von Geo- in Stereometrie.

Der eingangs erwähnte „Fluch“ der Beliebigkeit entbindet den gegenüber dem Produzenten souverän gewordenen Beobachter keineswegs von der Pflicht, sein regelmäßiges Kunst-Fitness-Programm zu absolvieren, denn, so noch einmal Peter Sloterdijk, „der Rezipient ist nur dann ein guter Rezipient, wenn er in einem Rezeptionstraining steht“. Allen, die einen dafür geeigneten Parcours suchen, kann man einige Runden in Emilia Sucius Galerieräumen guten Gewissens empfehlen.

[Badische Neueste Nachrichten]