Gerold Bursian und Markus Jäger, Künstlerhaus Karlsruhe 2008

Einführungsrede zur Ausstellung mit Werken von Gerold Bursian und Markus Jäger am 20. Januar 2008 im Karlsruher Künstlerhaus

Meine Damen und Herren, in seiner vor fünf Jahren erschienenen Topologie der Kunst beschreibt der an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung lehrende Kunstwissenschaftler Boris Groys den Akt der künstlerischen Kreation als bestehend aus den beiden Komponenten Produktion und Selektion. Wobei Groys die Selektion in Bezug auf die Frage Kunst oder nicht Kunst für die letztlich entscheidende Operation hält, eine Operation allerdings, deren Gründe typischerweise im Verborgenen, Groys sagt „dunkel und rätselhaft“ bleiben. Mit anderen Worten: die nicht nachvollziehbare, rätselhafte Entscheidung des Künstlers, etwas, was von ihm oder – man denke an Marcel Duchamps Urinal – auch von anderen produziert worden ist, als Kunst anzuerkennen, verleiht dem so ausgezeichneten Gegenstand den Status des Kunst-Produkts oder wie man dann sagen wird: des Kunst-Werks. Boris Groys schreibt:

„Der Akt der Kreation ist also primär ein Akt der Selektion – und kein Vorgang der Produktion. Als Gott die Welt schuf, hat er sie angeschaut und gesagt, sie sei gut. Bis jetzt kann man nicht verstehen, wie Gott auf die Idee kommen konnte, diese von ihm produzierte Welt als gut zu bezeichnen. Auch nach Jahrhunderten der theologischen Exegese bleibt diese Einschätzung für uns ein Rätsel.“ Daher respektieren wir Gott „als Künstler – und nicht etwa als Handwerker, Ingenieur oder Arbeiter. Ein Künstler zu werden bedeutet also zu sagen: Es ist gut so – und zwar aus einem Grund, der für andere möglicherweise oder sogar meistens uneinsichtig ist.“ (11/12)

Künstler ist somit, wer sich durch eigenmächtige selektive Sprechakte zum Kunst-Erwähler und damit zum Kunst-Schöpfer selbst gemacht hat. Ich bin Künstler – das ist stets eine Behauptung, die sich nicht widerlegen lässt, da sich ihre Grundlage der Überprüfung durch andere „möglicherweise oder sogar meistens“ – wie Boris Groys sagt – entzieht. Wenn also jemand BBK-Mitglied werden möchte, weil er, wie er sagt, Künstler und noch dazu bildender Künstler sei, dann können wir ihm, falls uns seine Kunst-Selektion nicht überzeugt, zwar nicht das Gegenteil beweisen, wir können ihm aber durchaus die Mitgliedschaft verweigern. Denn hier geht es um eine an die persönlichen Voten von Gremienmitgliedern gebundene Entscheidung und nicht um die Feststellung objektiver Sachverhalte.

Gerold Bursian und Markus Jäger, deren Two-men-show wir heute eröffnen, sind schon seit geraumer Zeit sowohl das eine, nämlich Künstler, als auch das andere, nämlich BBK-Mitglieder.

Gerold Bursian, geboren 1946, studierte von 1966 bis 1972 an der Karlsruher Kunstakademie bei den Professoren Herkenrath und Meistermann, bei welchem er zuletzt auch Meisterschüler war. Seit 1969 ist er Mitglied des BBK. Bei seiner Aufnahme, so hat er mir erzählt, sei er im damaligen Büro in der Karlstraße gefragt worden: „Landschaft oder Porträt“. Das war, wie gesagt, nicht achtzehnhundert-, sondern neunzehnhundertneunundsechzig. Den zeitlichen Abstand zur Gegenwartskunst hat man seither doch erheblich verringern können. Neuerdings werden sogar fotografisch arbeitende Künstler aufgenommen, ohne dass es dabei zwangsläufig zu einer obsoleten Grundsatzdiskussion über den Status der Fotografie als Medium der Kunst kommt. Zusammen mit Siegfried Schenkel war Gerold Bursian als damaliger Vorsitzender maßgeblich an den Verhandlungen mit der Stadt Karlsruhe beteiligt, die 1979 zur Einrichtung des Künstlerhauses geführt haben. Was wiederum dazu geführt hat, dass Gerold Bursian mittlerweile Ehrenmitglied des Vereins ist.

Markus Jäger wurde 1963 geboren. Von 1984 bis 1990 studierte er bei van Dülmen in Karlsruhe freie Malerei, zuletzt auch er als dessen Meisterschüler. Seit 1990 ist er im BBK-Karlsruhe, ungefähr von 1998 bis 2000 war er, zusammen mit Harald Herr, einer der beiden Vorsitzenden. Meine Damen und Herren, sie werden es bemerkt haben: die heutige Veranstaltung wird wesentlich getragen von Ex-Vorsitzenden und zukünftigen Ex-Vorsitzenden.

Gerold Bursian malt mit Wachs-Acrylfarbe auf Holzplatten, die er zuvor mit Stoff überzogen hat. Die Werke entstehen durch lasierendes Übermalen der vom Künstler so genannten Kohärenzebene, die im wesentlichen, Sie können das an den hier gezeigten Bildern unschwer erkennen, aus einem dichten Gitter dunkler Linien besteht. Der lineare Zusammenhang wird mit dem Fortschreiten des Malprozesses zunehmend gestört und visuell aufgebrochen. Diese Fragmentierung führt gelegentlich zu Inselbildungen – dann häufig auch verbunden mit einer farblichen Differenz – im allgemeinen aber gleichen die Bruchstücke Schnipseln oder Buchstaben- beziehungsweise Zeichenfragmenten. Oppositionelle Begriffspaare scheinen im Bann dieser Bildräume kreative Koalitionen eingegangen zu sein: Verspieltheit mit Strenge, Ordnung mit Chaos, Präformiertheit mit freier Setzung. Das eine schließt das andere in Bursians Welt offenbar nicht aus.

Wenn Salvador Dali Recht hat, dann erweist sich die Zeitgenossenschaft von Malerei auch aufgrund ihres Bezugs zu einer bestimmten Kosmogonie, also einer wissenschaftlichen oder auch mythischen Theorie von der Entstehung und der Beschaffenheit der Welt. Es war Gerold Bursian, der mich auf Dalis Annahme eines solchen Zusammenhangs hingewiesen hat.

Wer Bursians Bilder in diesem Sinne als Welt-Bilder jenseits der bloßen Illustration, als gemalte Erzählungen von der Welt wahrzunehmen bereit ist, der taucht ein in einen Kosmos mit nicht eindeutig bestimmbaren räumlichen und zeitlichen Verhältnissen. Während die theoretische Physik noch an einer „Quantentheorie der Gravitation“ arbeitet, wie Steven Hawking in seiner Kurzen Geschichte der Zeit schreibt, also an der Vereinheitlichung der Theorien über den Mikro- und den Makrokosmos, scheint diese Vereinheitlichung in Bursians Bildern bereits erreicht zu sein. Denn wer wollte entscheiden, ob dieser Kosmos mikro- oder makrosphärisch zu verorten ist, ob wir als Betrachter eher in die Rolle des Astrophysikers oder eher in die des Biochemikers zu schlüpfen haben.

Unbestimmtheit der Raum-Zeit-Koordinaten heißt auch: wir können nicht wissen, ob die fragmentarischen Gebilde, die Bursians Bildräume aufspannen, als Bausteine eines Zukünftigen oder Bruchstücke eines Gewesenen zu betrachten sind. Oder, um mich auf ein weiteres assoziatives Glatteisfeld zu begeben: werfen wir, wenn wir diese immer wiederkehrenden dunklen Zeichenfragmente sehen, einen Blick in die Ur-Buchstaben-Suppe vor jenem Anfang, an dem das Wort war, wie es im Johannesevangelium heißt, oder begegnen uns hier die post-apokalyptischen Bruchstücke letzter Zeichenfolgen, gesendet unmittelbar vor dem längst schon angekündigten katastrophalen Showdown?

Aber in zyklischen wie auch in zeitlosen Verhältnissen ist jedes sogenannte Danach auch ein sogenanntes Davor, so dass wir es hier womöglich mit einer Art zeit- und raumlosen Welt zwischen oder neben den Welten zu tun hätten, einem Paralleluniversum, um nochmals ein Stichwort aus dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Diskurs aufzugreifen. Auf jeden Fall haben wir es zu tun mit dem Paralleluniversum der Kunst, in dem die oben schon angedeutete Aufhebung von Paradoxien nichts Ungewöhnliches ist: ein ortloser Raum in zeitloser Zeit, ein Irgendwo im Nirgendwo, ein Irgendwann im Nirgendwann. Wem diese inhaltliche Lesart der Bilder nicht behagt, der mag sie genießen als freies, wenn auch nicht regelloses Spiel der Farben und Formen. Für eine kosmogonische Deutung spricht immerhin, dass Gerold Bursian selbst auf sein lebhaftes Interesse an wissenschaftlichen Weltentwürfen als dem gedanklichen Hintergrund seiner künstlerischen Arbeit hinweist.

Wenden wir uns nun den Arbeiten von Markus Jäger zu. Bei seinen Porträts, etwa dem von Boris Groys, sind Ähnlichkeiten mit der lebenden Person durchaus beabsichtigt, zugleich wird das leichte und trivial-eindeutige Wiedererkennen systematisch verhindert. Markus Jägers Porträtarbeiten basieren auf Fotografien, sind aber das Gegenteil von Momentaufnahmen, denn sie zeigen das überzeitliche Potential eines Gesichtes eher als dessen Erscheinungsbild zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Für die Porträtarbeiten gilt: aus der Ferne sieht man etwas anderes als aus der Nähe – ohne dass jedoch gesagt werden könnte, welcher messbare äußere Abstand der „richtige“ ist. Denen, die unbedingt wissen müssen, mit was für einer Art von Kunst sie es gerade zu tun haben, macht Markus Jäger es daher nicht leicht. Aus fünf Metern Entfernung handelt es sich bei seinen Porträts um illusionistische Malerei, tritt man aber näher heran, werden daraus chaostheoretisch inspirierte Landkarten. Auf die Gewissensfrage von 1969: „Landschaft oder Porträt“, hätte er also wahrheitsgemäß mit „ja“ antworten müssen – ja, Landschaft oder auch Porträt.

Das Wiedererkennen wie auch dessen Erschwerung – beides erzeugt Markus Jäger, indem er „computiert“, wie er sagt. Das heißt, indem er mit und ohne Computer wie der Computer arbeitet, indem er Pixeläquivalente schafft und diese zu Bildern verdichtet, dabei aber Mensch, also Quelle von Fehlern und Unregelmäßigkeiten bleibt. In Groysscher Diktion, um diesen lesenswerten Medientheoretiker nochmals zu erwähnen, könnte das ungefähr heißen: Jäger leistet die Analyse oder Freilegung der comupterspezifischen Bildproduktion, indem er diese handschriftlich rekonstruiert.

Ich weiß nicht, wen oder was er noch sammelt. Aber Markus Jäger sammelt vor allem auch Markus Jäger. Als Sammler und Archivar seiner eigenen Arbeiten betreut er seine Sammlung nicht kuratorisch konservativ sondern künstlerisch offensiv mit Schere, Klebstoff und Farbe. Denn betreuen heißt in diesem Fall selektieren, dekonstruieren und rekonstruieren: verändern, überarbeiten, zergliedern und wieder zusammenstückeln, eingehen lassen in neue, aktuelle Kontexte. Aus Büchern werden Bildobjekte, aus Bildern Objekte oder neue Bilder. Jägers Archiv samt Archivar ist ein dynamischer Apparat, der unter Verwendung von Werken Werke generiert. Seiner Verantwortung für das eigene Erbe wird der Künstler gerecht, indem er es zerstückelt und übermalt – und dies nicht wie vor Jahren mit „schönen“ Farben, sondern mit recht profanen Substanzen aus dem Baumarkt. Malerische Könnerschaft sei ihm heute nicht mehr so wichtig, sagt er, wohl aber Integrität und innere, konzeptuelle Stimmigkeit.

So gibt es zwischen Bewahren und Zerstören keine klare Trennung. Markus Jäger bewahrt, indem er zerstört, denn die bloße Konservierung würde womöglich einer Zunichtemachung anderer Art gleichkommen. Nichts ist so tot wie eine überlebte künstlerische Haltung beziehungsweise ein Bild, in dem sich diese manifestiert. Die von Philipp Blom in einem ZEIT-Artikel kürzlich geforderte neue historische Kontinuität liegt bei Markus Jäger als werkimmanente Qualität durchaus schon vor. Er entgeht so jener, ich zitiere Philipp Blom, „seltsamen[n] Brühe aus konzeptueller Beliebigkeit und archivarischer Nekrophilie, in der wir seit Jahrzehnten köcheln“. Jägers Schere wird zu einer Art Geburtszange am Beginn eines zweiten oder gar dritten Bilderlebens. Stirb, um zu werden: Neben dem Phönix aus der Asche steht also auch das neue Werk aus den Bestandteilen des alten sinnbildlich für ein auf Dauer gestelltes Dasein.

„Ein zerschnittenes und zerbröseltes Leben, das immer wieder versucht, Form zu finden.“ So Markus Jäger über Markus Jäger. Damit ist, wenn nicht schon alles, so doch vieles gesagt. Formfindung vollzieht sich vor dem Scherbenhaufen – und wo nicht das Leben selbst das Porzellan zerschlagen hat, da muss der Künstler das selber machen. Ohne vorheriges Zergliedern keine Möglichkeit des Neu-Zusammenfügens, ohne Bröselartiges keine Möglichkeit der Durchdringung.

Warum dabei immer wieder Porträts entstünden, habe ich ihn gefragt. Weil er ein Kopf-Jäger sei, hat er mir sinngemäß geantwortet. Der Kopf ist ihm pars pro toto, steht für die menschliche Begegnung in den Büchern und im Leben. „Jetzt hab ich dich“, sagte er beinahe triumphierend, als ich mich mit der in sein Notebook eingebauten Kamera fotografiert hatte.