Gabriele Möller-Kuhlmann, Grünhaus Ettlingen 2006

Zur Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Gabriele Möller-Kuhlmann im Grünhaus der Ettlinger Stadtwerke am 4. Mai 2006

Meine Damen und Herren,

wo sind wir, wenn wir in einem Gewächshaus sind, wo sind wir, wenn wir hier im Grünhaus der Ettlinger Stadtwerke sind? Wir sind an einem Ort, an dem die Natur oder das, was an sie erinnert, uns braucht, wo wir aber nicht unbedingt die Natur bräuchten – allein, wir haben uns entschieden, sie dort also hier haben zu wollen. Wir sind an einem Ort, dessen Künstlichkeit evident ist, obwohl oder gerade weil er versucht, sich möglichst natürlich zu geben. Wir befinden uns auf einer Art Insel, was hier stattfindet, ist – wie Peter Sloterdijk sagt – eine Umwelt-Umkehrung, „die Umkehrung des Wohnens: Es handelt sich nicht mehr darum, ein Gebäude in eine Umwelt zu stellen, sondern darum, eine Umwelt im Gebäude zu installieren.“ (so Peter Sloterdijk, in: Sphären III, S. 330 f.) Von hier aus sind es dann gewissermaßen nur noch ein paar technische Schritte bis zur Raumstation als eine Form der absoluten Insel. Meine Damen und Herren, willkommen an Bord.

Wenn wir im Grünhaus sind, sind wir also auf einer noch nicht absoluten Insel, aber schon in einer umgebenen Umgebung, in der die Platzhalter der Natur mit zum technisch ermöglichten Interieur gehören. Die Kunst von Gabriele Möller-Kuhlmann trifft hier also nicht auf Natur, wie man bei oberflächlicher Betrachtung meinen könnte, sondern sie ist Bestandteil einer Art Rauminstallation, ist also, wenn man so will, Kunst als Teil von Kunst, jedenfalls von hochgradig Künstlichem. Um sich auf so eine Ausstellungssituation einzulassen, braucht es Mut und Entschlossenheit und beides besitzt die Künstlerin – jeder, der sie kennt, weiß es – in nicht geringem Maß.

Gabriele Möller-Kuhlmann wurde 1949 in Münster geboren. Die promovierte Ärztin gab nach ihrem Umzug nach Ettlingen im Jahre 1986 die ärztliche Tätigkeit auf und widmete sich zunehmend der Kunst. Sie begann wieder zu malen, ab 1999 entstanden erste plastische Arbeiten in Holz. Ich selbst habe miterlebt, wie in den letzten Jahren in rascher Folge eine große Zahl neuer und kaum vorhersehbarer Arbeiten entstanden ist.

Kreativ sein bedeute die Freiheit, so noch einmal Peter Sloterdijk, „das Glück in der Neuheit und Künstlichkeit zu suchen“. Diese Freiheit lässt sich Gabriele Möller-Kuhlmann nicht nehmen. Nun steht das tatsächlich oder angeblich Neue heute hoch im Kurs; Bertolt Brecht formulierte apodiktisch, alles Neue sei besser als alles Alte. Um das Ansehen des sogenannten Künstlichen dagegen ist es derzeit nicht ganz so gut bestellt. Das Künstliche gilt oft nur als magerer Ersatz für das Echte und Natürlich-Gewachsene. Künstliche Pflanzen sind uns nach wie vor ebenso suspekt wie künstliche Aromastoffe. Und vermutlich hat noch niemand gesagt, alles Künstliche sei besser als alles Natürliche und Echte. Und wenn es schon jemand gesagt hat, dann hat es sich jedenfalls noch nicht allgemein herumgesprochen. Andererseits: wer wollte im Ernst auf künstliches Licht, künstliche Zähne und, wenn es denn sein muss, künstliche Beatmung verzichten? Kunst und Kreativität in den Kontext des Künstlichen zu stellen, wertet sie also nicht von vornherein ab, sondern lässt sie aktiv teilhaben an einer Dynamik, die Peter Sloterdijk als zunehmende Verkünstlichung der Welt bezeichnet. Aber er prognostiziert auch: In einer immer künstlicher werdenden Welt wird es kein Bedürfnis und wohl auch keine Möglichkeit mehr geben, Kunst von Nicht-Kunst zu unterscheiden. Dass das Konvergieren von Kunst und Nicht-Kunst vielleicht weiter fortgeschritten ist als manchem Kunstliebhaber lieb ist, lehrt ein Blick auf die beim Eingang ausgestellten Dauer-Exponate der Ettlinger Stadtwerke: wir sehen dort Gasometer, Stromzähler und andere Instrumente aus eben erst vergangenen Zeiten, deren Kunstartigkeit zumindest uns Heute-Lebenden offensichtlich zu sein scheint.

Aber, meine Damen und Herren, noch gibt es jenes Bedürfnis, Kunst von Nicht-Kunst zu unterscheiden, ja, es scheint stärker verbreitet zu sein als je zuvor – oder wie sonst soll man es verstehen, dass immer mehr Kunst produziert wird, dass die Zahl der Ausstellungen, die man mangels Zeit und Energiereserven nicht besuchen konnte, ständig größer zu werden scheint?

Ich habe es bereits gesagt, die Freiheit, ihr Glück in der Kreativität, also im Neuen und Künstlichen zu suchen, lässt sich Gabriele Möller-Kuhlmann nicht nehmen. In einem 1989 entstandenen Gedicht über Freiheit und Kunst schreibt der in Karlsruhe lebende Komponist Wolfgang Rihm: „‚Geht‘ wirklich alles? Und: Ist Freiheit, wenn ‚alles geht‘?“ Und ein paar Zeilen weiter heißt es: „Wer erlaubt wem welche Freiheit?“ Eine Abschrift dieses Gedichtes ist übrigens zum Bestandteil der hier gezeigten Arbeit „Entfaltungsfreiheit“ von 2005 geworden.

Nein, in der Kunst von Gabriele Möller-Kuhlmann geht durchaus nicht alles. Und sie erlaubt sich keineswegs jede Freiheit. Was mir allerdings immer wieder imponiert hat, war, wie wenig Neigung sie zeigt, sich ihre Freiheit von anderen erlauben zu lassen, wie es bei Rihm heißt. Wie bei allen Künstlern besteht ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit darin, Beliebigkeit zu reduzieren auf das, was dann als Unabdingbares übrig bleibt und dem kritischen Blick standzuhalten vermag. Viel Zeit haben wir damit verbracht, ihr work in progress zu diskutieren, verschiedene Möglichkeiten zu erwägen, Unmögliches auszuschließen. So sind die hier versammelten Arbeiten bei aller Unterschiedlichkeit doch alles andere als beliebig.

Möller-Kuhlmanns bevorzugte Materialien sind Holz und Eisen, das Holz – oft handelt es sich um Fundstücke aus den Wäldern um Schöllbronn – bearbeitet sie mit Kettensäge, Schnitzeisen, Raspel und Schleifpapier. In ihren Arbeiten auf Papier verwendet sie gerne Rost, gewissermaßen als Nebenprodukt der Arbeit mit diversen Eisenteilen. Inhaltliches spielt für sie eine ebenso große Rolle wie Formales. Das drückt sich nicht zuletzt in den von ihr gewählten Titeln aus, für die sie sich oft erst nach skrupulösem Abwägen des Für und Wider entscheidet. Titel sind ihr wichtig. Das erklärt die Künstlerin damit, dass hinter jeder Arbeit eine Geschichte steckt, dass sie mit jeder Arbeit Überlegungen, zum Teil sehr privater Art, verbindet, die dann in komprimierter Form im Titel sozusagen auf den Begriff gebracht sind. Als Beispiel nenne ich das Wandobjekt „Aufbruch“ aus dem Jahr 2005, welches das allmähliche Erwachsenwerden der drei Kinder der Familie thematisiert. Die Farbe spielt im Werk von Gabriele Möller-Kuhlmann eine, wenn ich das so sagen darf, äußerst erfreuliche Rolle. Dies mag jeder unmittelbar nachvollziehen, der einen Blick auf die Bonbon-Serie „Süßholz“ wirft – Pink, Grün, Violett, Blau, Rot, Orange und Gelb freudestrahlen hier um die Wette. Positive Leuchtkraft strömt auch, um ein weiteres Beispiel zu geben, aus der Serie „Masterplan“, das sind jene farbigen Rindenstücke, Naturfragmente, die im Kontext von Kunst und Künstlichkeit daran erinnern, dass Irritationen hinsichtlich der Unterscheidbarkeit von Kunst und Nicht-Kunst nicht erst im Zuge des Allgemeinwerdens des Künstlichen aufgetreten sind. Insbesondere im Makro- und Mikrobereich gibt es einen Blick auf die technisch also doch wieder künstlich erschlossene Natur, der vom Blick auf bestimmte Kunstwerke kaum zu unterscheiden ist.

Die Schaffenskraft von Gabriele Möller-Kuhlmann scheint unerschöpflich zu sein. Ihre Begeisterung für jedes neue Projekt könnte bei entsprechender Veranlagung diejenigen vor Neid erblassen lassen, die mit ihrer Kunst zwar noch nicht am Ende sind, die aber immer wieder viel Energie darauf verwenden müssen, persönliche Zweifel am Sinn der Kunstproduktion in Zeiten künstlerischer Überproduktion aus dem Weg zu räumen, um dann, womöglich unter Inanspruchnahmen gewisser Enthemmungstechniken, doch noch dorthin zu kommen, wo Gabriele Möller-Kuhlmann immer schon war und ist. Sie ahnen es: der Mann weiß, wovon er spricht.

Am anderen Ende der Raumstation, also dort wo es nicht mehr weiter zu gehen scheint, steht übrigens passend zu diesem Thema eine Skulptur, die den Titel trägt: „Balanceakt oder Das Ende der Kunst“, Holz und Eisen, entstanden im Jahr 2006. Wenn Sie sich dieses, für mich eindeutig phallische Objekt ansehen, werden Sie mir recht geben müssen, wenn ich sage: der strahlend-kreative Optimismus der Künstlerin hat auch oder gerade bei diesem Thema bewirkt, dass sie sich ein Ende der Kunst nicht anders vorstellen konnte und mochte denn als zeugungsbereiten Aufbruch in das, was nach der Kunst kommen mag. Gabriele Möller-Kuhlmann wird es mir nachsehen, wenn ich daher als Titelalternative für dieses Werk vorschlage: „Die Kunst ist tot – es lebe die Kunst!“