Gabriele Goerke, Bürgerhaus Sulzfeld (2016)

Bilder lösen. Zur Eröffnung einer Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen der Malerin Gabriele Goerke am 3. April 2016 im Bürgerhaus Sulzfeld (Kraichgau)

Meine Damen und Herren, am Anfang ein Wort über das Anfangen. Glaubt man dem Klischee, dann fängt für den kreativ Tätigen der Schaffensprozess damit an, dass er nicht anfangen kann. Der Redenschreiber sitzt vor dem leeren Blatt bzw. der neu geöffneten Word-Datei, er findet keine Worte und die Worte finden noch nicht zu ihm. Die Malerin steht zögernd und zaudernd vor der jungfräulichen Leinwand und scheut davor zurück, deren Unbeflecktheit auf diese oder jene Weise Legende werden zu lassen. Doch es geht auch anders. Gabriele Goerke sagt: „Meistens beginne ich ein Bild, indem ich Farbreste auf die Leinwand regelrecht drauf schütte, verlaufen lasse, Pinselstriche setze. Ich versuche, mir und dem Bild soviel Freiheit zu lassen wie möglich. Manchmal fange ich auch mit einer Zeichnung an, […] um Farbflächen strukturierter setzen zu können.“

Sie haben es gehört: Nicht immer, aber meistens beginnt Gabriele Goerke ein Bild, indem sie Farbreste auf die Leinwand schüttet, diese verlaufen lässt und danach erste Pinselstriche setzt. Woraus übrigens zu schließen ist, dass sich ihre Malfläche bei solchen Anfängen nicht in vertikaler, sondern in horizontaler Position befindet. Indem sie sich die Freiheit nimmt, auf die von ihr geschilderte beherzte Weise über die bis dahin mehr oder weniger makellos weiße Leinwand herzufallen, schafft sich Gabriele Goerke die Bedingungen, ihre Bedingungen, der Möglichkeit künstlerischen Schaffens im Rahmen der Freiheit, die dann noch bleibt. Bleibt anzumerken, dass offenbar vorwiegend die relative Freiheit (die Freiheit, die dann noch bleibt) eine ist, die zu etwas führt, während die absolute Freiheit die Gefahr chronischer Rat- und Tatlosigkeit in sich birgt.

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Detail aus Gabriele Goerkes Ausstellung „Natur-Stücke“, Sulzfeld 2016

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir die Extravaganz, dem ersten Anfang meiner Rede einen zweiten Anfang folgen zu lassen, bei dem nicht vom Anfangen, sondern vom Aufhören die Rede sein soll. In einem am 28. März 1966 gesendeten Radio-Gespräch zwischen den Philosophen und Soziologen (beide waren beides) Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen stellte Adorno fest: „Ich kann mir keinen wirklichen Künstler heute vorstellen, für den nicht zumindest die Frage ‚Muss ich nicht aufhören?‘ außerordentlich ernst ist.“

Künstler sein oder nicht sein, Farbe auf die Leinwand schütten und das nächste Bild anfangen oder ein für allemal mit dem Malen aufhören – das war für Adorno vor fünfzig Jahren deshalb die Frage, weil für ihn die Kunst im emphatischen Sinn an einem Punkt angelangt war, an dem sie sich mit ihrer eigenen Unmöglichkeit konfrontiert sah. Jeder, der trotzdem weitermachte, musste nach Adorno beim Weitermachen zeigen, dass man eigentlich gar nicht weitermachen konnte. Für den Dialektiker Adorno galt folgerichtig, dass aus dieser Not eine besondere Werk-Tugend zu machen sei: „Die großen Kunstwerke sind die,“ sagt er, „die ihre eigene Unmöglichkeit mitkomponieren.“ Die Zeiten, in denen man sich dieses Postulat, ob man es nun kannte oder nicht, zu Herzen nahm, scheinen ein halbes Jahrhundert nach dem dialektischen Diktum unwiederbringlich vorbei zu sein. Obwohl Albert Camus sagt, man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, gibt es offenbar nicht allzu viele Künstler, die bereit sind, ihr Leben lang unter erheblichen Mühen Steine den Berg der Kunst hinaufzurollen, nur um regelmäßig zu erleben, dass nicht einer von ihnen oben liegen bleibt. Denn was ist der beharrliche, um nicht zu sagen sture Versuch der Ermöglichung eines unmöglichen Kunstwerks anderes als eine Anstrengung, deren Fruchtlosigkeit erklärtermaßen Teil des künstlerischen Konzepts ist? Die kunstrezeptiven, ökonomischen und kulturpolitischen Implikationen solcher Kunsterzwingungsprogramme sind dabei noch gar nicht zur Sprache gebracht.

Gabriele Goerke hat in einem Gespräch, das ich kürzlich schriftlich mit ihr geführt habe (hier), und in dessen Verlauf auch jener Satz vom initialen Farbe-auf-die-Leinwand-Schütten gefallen ist, angegeben, was für sie zu tun ist, wenn das Weitermalen unmöglich zu werden droht, wenn der Malprozess ins Stocken gerät und womöglich ganz zum Stillstand kommt. Dann müsse sie sich etwas einfallen lassen und bewusst intervenieren. Sie sagt: „Eine Art bewusster Intervention kann zum Beispiel eine teilweise oder komplette Übermalung des Bildes sein. Oder ich stampfe das Bild mit relativ flüssigen Farben auf den Rahmen, um neue überraschende Farbverläufe zu erzeugen, die mich in eine neue Richtung bringen.“

Nicht um das von Adorno geforderte andauernde Hineinkomponieren der Unmöglichkeit des Weitermachens geht es in diesem Fall, sondern um die Überwindung der akuten Blockade durch das Wiederherstellen von malsituativer Offenheit. Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück, könnte man sagen, wobei der Rückschritt sich als Fortschritt erweist, wenn er die Malerin „in eine neue Richtung“ bringt, indem er zunächst andere Sichtweisen ermöglicht. Dass dabei nicht gerade zimperlich vorgegangen wird („ich stampfe das Bild mit relativ flüssigen Farben auf den Rahmen“), gehört in technischer Hinsicht mit zu dem, was die künstlerischen Resultate vor dem Abgleiten in naturselige Harmlosigkeit bewahrt.

Nun ist es nicht möglich, die Kunst, ja noch nicht einmal die Malerei insgesamt durch eine komplette Übermalung oder ein resolutes Auf-den-Rahmen-Stampfen in eine neue Richtung zu bringen. Was dem Ganzen widerfährt, entscheidet sich täglich im Einzelnen. Dass die anhaltende Unmöglichkeit von Kunst nicht als vermeintliche Wahnvorstellung eines möglicherweise traumatisierten Komponisten, Soziologen und Philosophen namens Adorno ignoriert werden kann, ist ein offenes Geheimnis, über das man insbesondere dort nicht gerne spricht, wo mit den auf dem Markt befindlichen Ersatzprodukten direkt oder indirekt Geschäfte gemacht werden.

Ich denke, ich mache mich nicht der Indiskretion schuldig, wenn ich Ihnen mitteile, dass Gabriele Goerke mir unlängst gesagt oder soll ich sagen: gestanden hat, es komme ihr heute, anders als noch vor Jahren, nicht mehr darauf an, Kunst zu machen. Früher sei ihr das wichtig gewesen, heute gar nicht mehr. Worauf kommt es ihr heute an? Ich zitiere nochmals aus dem erwähnten Gespräch: „Nehmen wir mal einen Baum, den ich malen will, eine ganz einfache Sache, ein Baumstamm, ein paar Zweige – fertig. Aber er soll ja auch irgendwo eingebettet sein, er soll eine Art Aura haben und nicht realistisch sein. Ich liebe Bilder, die eine Substanz in der Oberfläche haben, eine gewisse Rauigkeit (ich mag die glatten Bildoberflächen nicht so gerne).“

Vom abstrakt-idealistischen Kunst-machen-Wollen zum konkret-sensualistischen Wunsch, „am Ende eine Bildoberfläche mit Strukturen und einer gewissen Rauigkeit zu haben.“ Ist das Pragmatismus statt Idealismus oder Bescheidenheit an Stelle von Hochmut oder ist es womöglich Resignation statt Ambition? „Jain“ würde ich sagen, wobei das Nein im Jain zum einen die abwertenden Bedeutungsanteile der Trias Pragmatismus, Bescheidenheit und Resignation neutralisieren und zum anderen signalisieren soll, dass in den genannten Alternativen der nicht-triviale, um nicht zu sagen der evangelische Kern von Goerkes Konversion vom Hehren zum Profanen noch nicht erfasst worden ist. („Evangelisch“ hier im Sinne von „eine Frohe Botschaft, eine Gute Nachricht verkündend“.)

Ist der Verzicht auf den Glauben an die Kunst als real existierende möglicherweise die Bedingung der Möglichkeit einer Erneuerung dessen, was am künstlerischen Schaffen wertvoll war und nach wie vor wertvoll ist? Praktisch gefragt: Muss man aufhören, KUNST machen zu wollen, um wieder „Kunst“ machen zu können? Theoretisch gewendet: Muss man den allgemeinen Kunstbegriff aufgeben, um die einerseits noch immer lebendige, andererseits nach wie vor multilateral vitalisierende künstlerische Praxis angemessen in Begriffe fassen zu können?

Goerkes Konversion war keine theoretisch abgeleitete, sondern fand statt im Rahmen ihrer künstlerischen Praxis, war eingebettet in diese und ist also von dieser nicht zu trennen. Mit ihrer von mir so genannten Konversion meine ich die Wendung vom Fernziel Kunst zum Nahziel Bild, wobei Bild immer bildnerischer Schaffensprozess bedeutet. Dieser Prozess ist keine geradlinige Entwicklung, sondern wird von der Malerin als konfliktreiches „Hin-und-her-Schwingen zwischen Offenheit und Festlegung“ beschrieben. Die Offenheit kann eine durch Übermalung oder ein wörtlich zu nehmendes Aufstampfen willkürlich erzwungene Offenheit sein, ein Befreiungsschlag am Ende einer kreativen Sackgasse. Offenheit meint dann keinen Bildzustand, bei dem man stehenbleiben möchte. Es gibt allerdings auch eine Offenheit vom Typ „verweile doch, du bist so schön“. Gabriele Goerke sagt: „Manchmal habe ich einen ganz tollen offenen Bildzustand, gerade in einer der Anfangsschichten, den ich aber nicht so stehen lassen will, weil mir sonst am Ende die Bildschichten fehlen. Also muss ich den Mut haben, mich von meinem schönen Bildzustand zu verabschieden. Da bin ich aber nicht immer bereit dazu, also muss ich das Bild erst einmal stehen lassen, um den richtigen Moment der Verabschiedung zu erwischen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich immer an mehreren Bildern gleichzeitig arbeite. Eines wartet immer auf seine Verabschiedung.“

Mit anderen Worten: jedes vollendete Werk steht am Ende einer Reihe von Abschieden. Verabschiedet hat sich Gabriele Goerke von Vor-Bildern oder Bildzuständen, die materiell noch im Gemälde vorhanden, aber als Bilder nicht mehr sichtbar sind. Doch wäre es verfehlt, Ihnen die Künstlerin als Spezialistin für Abschiedsszenen zu empfehlen. Sie selbst sieht ihre künstlerische Aufgabe und ihre Stärke im Auflösen oder Lösen von Spannungszuständen, wenn sie sagt: „Das ist es, was mich immer von Neuem antreibt: das Lösen dieser ganzen Bildzustände mit all ihren Emotionen und diese Bildzustände immer neu zu lösen mit ihren vielen Hochs und Tiefs, die das jeweilige Bild mit sich brachte. Das geschaffte Ende löst dann ein Hochgefühl aus, wenn auch nur ein sehr kurzes, weil ich schon ganz süchtig danach bin, das nächste Bild zu lösen.“

Dass bei Gabriele Goerke eine Dynamik des Lösens von Spannungen am und damit auch im Werk ist, heißt nicht, dass am Ende ausgeglichene Bilder ohne erkennbare Gegensätze oder Spannungsgefälle herauskämen. Tatsächlich wird zuletzt alles andere als ein Zustand kreativer Entropie erreicht. Man könnte es als das Geheimnis oder auch als das Paradox dieser Werke bezeichnen, dass ihre Schöpferin in ihnen gelöste Bilder sieht, während dem Betrachter aus denselben Bildern, so geht es mir jedenfalls, nicht selten Aufruhr und Tumult entgegenschlagen. Man kommt der Lösung des Rätsels vielleicht näher, wenn man sagt: Goerkes Bilder hallen noch wider von jenen formalen und emotionalen Schlachten, die die Künstlerin in ihnen geschlagen hat.

Meine Rede hatte, wie Sie sich erinnern werden, zwei Anfänge. Es wird Sie daher vielleicht nicht überraschen, dass sie auch zwei Schlüsse hat. Den ersten Schluss haben Sie eben gehört. Am zweiten und damit eigentlichen Ende soll eine längere Passage aus dem mehrfach erwähnten Gespräch (man könnte es auch ein Interview nennen) mit der Malerin stehen. Hätte ich sie an den Anfang gestellt, wäre damit schon alles gesagt und meine Honorareinnahme kaum zu rechtfertigen gewesen:

„Eigentlich habe ich immer Angst davor gehabt, sogenannte Landschaften zu malen, da die Landschaftsmalerei doch ein sehr altbackenes Image hatte und noch hat. Aber meine Bilder scheinen ja nicht angestaubt zu sein, hoffe ich doch. Ja, das Schmerzliche wollte ich gar nicht unbedingt in meinen Bildern drin haben, aber es ist doch immer da oder es ist eher das Melancholische, das in mir ist, und das ich auch sehr stark spüre, ohne dass es mir unangenehm wäre. Vor allem, wenn ich in Landschaften unterwegs bin. Ich gehe sehr gerne alleine in der Natur spazieren. Ich mag es, den Wind zu spüren, den Regen undsoweiter. Mit den Wolken, Wegen und Bäumen verbunden zu sein. Sie begleiten mich in meinen Gedanken und umgekehrt. Genauso gerne mag ich alle Stimmungen in der Natur, all die Schatten und Sonnenflecke, dramatische Wolkenhimmel. Dieses In-der-Natur-Sein ist vielleicht auch mein In-der-Welt-Sein, eine Art melancholische Grundstimmung, wenn ich alleine bin mit mir, dem Wind und den Wolken und und und. Natürlich mag ich auch die Linien in der Natur: Felder, Wege Bäume, die senkrecht dagegen stehen, das Wirrwarr der Zweige. Es ist einfach mein Thema und jeder Tag, jeder Spaziergang ist anders.“ (Interview mit G. Goerke)

Meine Damen und Herren, der Sonntag hat gerade erst begonnen. Machen Sie, nachdem Sie ein Bild von Gabriele Goerke erworben haben, einen ausgedehnten Gang durch die Natur. Einen Nachteil müssen Sie dabei allerdings in Kauf nehmen: ein Spaziergang à la Goerke wird es kaum werden, denn mit Wind, Regen und dramatischen Wolkenformationen ist bei der derzeitigen Wetterlage leider nicht zu rechnen.