Im Dialog mit Michael Schneider

Der Dialog mit dem in Karlsruhe lebenden Maler Michael Schneider (geboren 1956, → Homepage) begann im Frühjahr 2017 als E-Mail-Gespräch über eine mögliche gemeinsame Ausstellung – wann und wo auch immer. Der sachliche Informations- und Meinungsaustausch weitete sich unversehens zu einem Dialog über Gott und die Welt, also über alles und nichts – unter besonderer Berücksichtigung ästhetischer und künstlerischer Aspekte. Dass dieser Dialog eines Tages enden wird, ist so gut wie sicher. Wann das der Fall sein wird, wird sich zeigen; wir haben es mit dem Fertigwerden nicht eilig.

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Juni 2017

LR: 
Ich studiere gerade einen Text-und-Bild-Band von David Hockney und Martin Gayford: A History of Pictures, das Buch ist im letzten Jahr herausgekommen (→ Youtube). Gayford ist Kunstkritiker, Hockney ist, wie wir wissen, Maler, Zeichner, Bühnenbildner und Fotograf. Gayford sagt darin, schon im 15. und 16. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie, habe man nach einer Maschine zum Bildermachen gesucht. Eine dieser Maschinen war die Camera obscura, die dann zum Fotoapparat weiterentwickelt wurde. Eine andere Bilder-Maschine ist auf einem Holzschnitt (1525) von Albrecht Dürer zu sehen. Links sieht man eine halbnackte Frau, rechts den Künstler, der sie zeichnet. Zwischen den beiden steht ein Rahmen mit einem Raster, das es dem Zeichner ermöglicht, eine perspektivische und wohlproportionierte Zeichnung von der nach damaligen Vorstellungen Wohlproportionierten anzufertigen. Raster-Rahmen, Camera obscura, Fotoapparat – mein Schwager hat als Professor für Informatik vor ein paar Jahren einen Mal-Roboter namens e-David mitentwickelt (→ Youtube). Bei der Suche nach immer wieder neuen Maschinen zum Bildermachen scheint kein Ende in Sicht zu sein. Welche Maschinen verwendest Du eigentlich zum Bildermachen?

MS:
Die Antwort, ich rede jetzt vom Malen, wäre (wenn ich weglasse, was bereits im Material und Werkzeug steckt): In der Art der Hilfsmittel Dürers benutze ich wenig. Beim Übertragen von Skizzen sind Quadratraster oder Fotokopien von Umrisszeichnungen hilfreich: so ging ich vor bei Entwürfen für eine Wandmalerei, die nicht zustande kam; ich hätte schließlich 1:1 Kartons gemacht. Einen Beamer habe ich nicht. Ein Lineal hing auch im Atelier Caspar David Friedrichs, wenn man einem Bild des Malers Kersting glauben darf. Ich würde also sagen: so wenig „Maschinen“ wie möglich. Hier nehme ich mich selbst (L’Homme Machine vom Franzosen La Mettrie) mal aus. Das Einfachste ist immer das Beste. Zu Dürers erwähnter Vorrichtung (er hatte mehrere) und überhaupt zur Perspektive hat sich einst der Russe Pavel Florenski sehr kritisch geäußert, aber das führt woanders hin. Den Roboter finde ich Klasse – wie eine zeitgemäße Ergänzung zum damals (70er Jahre ?) malenden Affen. Das kann noch sehr perfekt werden. David Hockney kenne ich vielleicht nicht gut genug. Ich denke Fotografie und Projektor spielen in seiner Generation eine große Rolle? Sehr entspannt wie die beiden sich unterhalten. Fragwürdig scheint mir der Ausdruck „Bildermachen“, ist er nicht sehr allgemein?

LR:
Wir Briefmarkensammler neigen naturgemäß dazu, nur Briefmarken für Bilder zu halten. In ihrem Vorwort zu A History of Pictures bekennen sich die Autoren Hockney und Gayford zu einem extrem allgemeinen und undifferenzierten Interesse an jeder Art von bildlich-zweidimensionaler Darstellung der dreidimensionalen Welt. Und wenn der mittlerweile beinahe achtzigjährige David Hockney so ein Bekenntnis im Jahr 2016 als nach wie vor aktiver Maler ablegt, dann kann man dieses Bekenntnis, wie ich finde, nicht kunsthistorisch relativieren und als idiosynkratischen Defekt seiner Generation abtun. Zumal Hockney meint, nachgewiesen zu haben, dass es Kontinuitäten und Wechselwirkungen zwischen Malerei, Fotografie und Film immer schon gegeben hat – und zwar pikanterweise schon Jahrhunderte vor dem „official birth date of photography, 1839“.
xxxxxDie Feststellung, dass sich ein bildender Künstler, welcher Generation und mit welcher frei gewählten Spezialisierung auch immer, heute als Bildermacher unter Bildermachern wahrnehmen muss, kommt mir trivial vor. Trivial und äußerst beunruhigend. Denn ich sehe mich mit meinen idyllischen Bleistiftskizzen nun plötzlich in Konkurrenz mit Hyper-Mega-Bild-Ereignissen wie dem Blockbuster Transformers 3, den ich gestern Abend (medial absolut inkompatibel) auf unserem Röhrenfernseher mit kollegialem Respekt vor der bildschöpferischen Leistung gesehen habe. Ich suche seither nervös nach der Steinschleuder, mit der wir oder unser gemeinsamer Freund e-David diesen Goliath zu Fall bringen können.

MS:
Ich meine, Bildermachen klingt im Deutschen so naiv oder unschuldig. (Wie ist es englisch? – war neulich im Konzert, bei einem Stück Elgars war im Chortext ein vergleichbarer Ausdruck „music makers“ von ihm gebraucht.) Die Pop-Art scheint doch immerhin sowas (angenehm) Unbeschwertes gepflegt zu haben. Nach all den vorangegangenen Öl-Krawall-Schinken mehr Distanz, Ratio, Beobachtung etc. Und da gehört der zwanglose Umgang mit Technik dazu. Bald darauf aber hat Baselitz wieder mit Fingern gemalt und Lüpertz sagte, er habe gar keinen Fotoapparat.
xxxxxDass wir in einer quantifizierten Welt (wenn ich sie so nennen darf) Bildermacher unter Bildermachern sind, hängt wohl mit eben dem Weltbild zusammen. Dieses scheint sich durchzusetzen und kommt auch angeblich so herrlich moralinfrei daher.
xxxxxRaffinierte Illusionstechnik gab’s m. E. schon in der Antike. Und Perfektion: im Barock gab’s Leute, die haben das komplette Vaterunser auf einen Kirschkern geschnitzt. Winkelmann fand den komplizierten Lorbeer Berninis bei Apoll und Daphne nicht erstaunungswürdig.
xxxxxDie Steinschleuder hast Du schon: Franz Marc hatte auch nur einen Bleistift an der Front. Auf dem historischen David ruhte allerdings der Geist des Herrn … .

LR:
Ich beneide Dich um Deine Fähigkeit, Dich unbeeindruckt zu zeigen. Der Ökonom und Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hat am letzten Wochenende hier in Karlsruhe in seinem Vortrag im Rahmen eines Peter-Sloterdijk-wird-siebzig-Symposiums gesagt: „Es gilt aber auch, dass wir alle jeden Tag versuchen müssen, Sieger zu bleiben und nicht verrückt zu werden.“ Das ist also nicht allein mein Eindruck, habe ich gedacht.
xxxxxDu hast Franz Marc mit dem Bleistift im Ersten Weltkrieg erwähnt. Eine sympathische Vorstellung, obwohl man weiß, wie die Sache für ihn ausgegangen ist. Und ich fürchte, dass auch wir, nur mit einem Bleistift bewaffnet, heute im jederzeit und überall tobenden Krieg der Bilder auf verlorenem Posten stehen werden. Wer haut wen womit um – das ist doch eine der Sein-oder-Nichtsein-Fragen, um die es beim professionellen Bildermachen geht. Die Zahl derer, die so strukturiert sind, dass sie wie Du und ich schon von einer Bleistiftzeichnung umgehauen werden können, nimmt (absolut und relativ gesehen) ständig ab. Das meine ich mit „auf verlorenem Posten stehen“. Das sind objektive Umwelt- und damit Arbeitsbedingungen, gegen die wir weder mit dem Leugnen der Tatsachen, noch mit moralischen Appellen etwas ausrichten können. Ich will es auch gar nicht. Denn ich gebe zu, dass ich den Krieg der Bilder packend finde, auch wenn ich als Kombattant eher zu denen gehöre, die nicht nur mit der Steinschleuder kämpfen, sondern dann auch noch ihr Ziel verfehlen.
xxxxxEines möchte ich noch anfügen. Dein Verdacht gegen mein deutsches Wort vom Bildermachen als etwas zu naiv und harmlos klingend für den Kontext, in dem es verwendet wird, war intuitiv richtig. Ich wüsste zwar nicht, wie man to make pictures anders übersetzen sollte als mit Bilder machen (substantiviert: das Bildermachen), doch ist im Englischen der Maker (groß geschrieben) eben auch der Schöpfergott, den wir im Deutschen normalerweise nicht als den Ersten Macher bezeichnen würden. (Wobei man ja bei der um sich greifenden anti-vertikal-nivellistischen Einer-von-uns-Mentalität in den christlichen Kirchen auf alles gefasst sein muss.)

MS:
Deine letzte Klammer ist leider allzu wahr, man braucht eine gewaltige Opferbereitschaft wenn man dort hineingeht!
xxxxxAls einzelner Künstler gegen die Kunstmarkt-Giganten und den Goliath der Kulturindustrie: die Aussichten sind in der Tat schlecht. Dass diese beiden uns die Interessenten wegnehmen, glaube ich allerdings nicht. Zwar nehmen künstlerische Bildung und das Gespür für die tradierten bildnerischen Werte meines Erachtens ab, aber vielleicht mehr bei den Leiter*innen mancher avantgardistischer Kunstvereine als bei unseren Kunstfreunden.
xxxxxDie Wörter: Es gibt doch entsprechend den verharmlosenden Begriff des „Autobauers“, den ich in den Nachrichten erst etwa ab den Ereignissen der Finanzkrise hörte. Riesige Konzerne wurden genannt, als hätten sie eine Werkstatt im Hinterhof. Na ja, sie fingen oftmals so an. Von Dosso Dossi gibt es ein schönes Bild des Schöpfergottes: Jupiter als Maler an der Staffelei kreiert Schmetterlinge … (→ zum Bild)
xxxxxIch gebe zu, ich kann dieses übergreifende Wort „Bildermachen“ vielleicht trotz allem gebrauchen; wenn ich etwas künstlerisch beurteile, ist der Marktanteil nicht entscheidend. Die Zeichnung kann meistens den Blockbuster besiegen. Es ist dann ein Sieg für mich vielleicht im Sinne Heinsohns.

Juli 2017

LR:
Du hast vermutet, dass künstlerische Bildung und das Gespür für tradierte bildnerische Werte in (nicht ganz unwesentlichen) Teilen des potentiellen Publikums verlorengegangen sind. Vielleicht lohnt es sich, einmal ein paar Worte darüber zu verlieren, was unseres Erachtens unter dem Verlorengegangenen zu verstehen ist? (Verblüffenderweise habe ich am 29. Juni in meinem Web-Journal unter eine Abbildung geschrieben: „Das Neue ist das verlorengegangene Alte“.)
xxxxxIch erlebe mich derzeit als eine Art Spätheimkehrer zur Malerei, zur Zeichnerei, ja zur Kunst überhaupt, obwohl ich mich ja seit knapp dreißig Jahren mit wechselndem Enthusiasmus als Künstler verstanden habe, zwanzig Jahre lang Mitglied im Bezirksverband Bildender Künstler und zwei Jahre lang Mitinhaber einer Kunstgalerie gewesen bin. Auf diese oder jene Weise habe ich während dieser Zeit immer wieder „Kunst gemacht“ und am Kunstbetrieb teilgenommen. Du bemerkst zwischen den Zeilen die rückblickende Skepsis gegenüber meinem Tun und Lassen?
xxxxxSkeptisch bin ich vor allem wegen der naiven Ahnungslosigkeit, mit der ich mich ins Getümmel gestürzt habe. Gewiss, ich habe Adornos Ästhetik studiert und Boris Groys und andere gelesen. Und auch das, was mein Hausphilosoph Peter Sloterdijk in seiner pointierten Weise an klugen Bemerkungen über die Kunst von sich gegeben hat, ist mir nicht entgangen. Was aber aus meiner heutigen Sicht (die im übrigen wieder meiner Sicht von 1975 ähnelt – darum „Spätheimkehrer“) gefehlt hat, war die Auseinandersetzung mit der Sache selbst, sprich: mit dem, was man im Rückblick auf die letzten fünfzehn- bis dreißigtausend Jahre „Kunst“ nennt.
xxxxxMit „Auseinandersetzung“ meine ich nicht, ich hätte Kunstgeschichte studieren sollen, was sicher kein Fehler gewesen wäre. Sondern ich meine damit das praxisnahe Studium auf der handwerklichen Ebene. So wie ein Schreiner sich fragt, wie sein Konkurrent es schaffen konnte, diesen geilen Nachttisch mit Geheimfach für die geheim zu haltenden Liebesbriefe der Dame des Hauses zu schreinern, so hätte ich mich beispielsweise fragen sollen, wie es Vermeer gelingen konnte, das Muster des Teppichs bei seiner Kupplerin von 1656 so fotografisch naturgetreu ins Bild zu setzen. (→ zum Bild)
xxxxxNun gut. Nach diesem unter Umständen etwas strapaziösen Ausflug in meine merkwürdige Vergangenheit frage ich Dich ohne Umschweife: Was meinst Du, wenn Du von künstlerischer Bildung und dem Gespür für die tradierten Werte sprichst?

MS:
Die Betonung lag auf künstlerischer Bildung und tradierten bildnerischen Werten. Also bildgestalterische Fähigkeiten und entsprechendes Verständnis. Der Kunsthistoriker Klaus Lankheit, der hier in Karlsruhe an der Universität Professor war, schrieb einstens, dass an Stelle des Bild- und Gestaltungsdenkens ein unanschauliches Begriffsdenken getreten sei – seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts schon.
xxxxxGenuin künstlerische Mittel werden weniger, fachfremde nehmen zu oder werden zu solchen erklärt. Der künstlerische Sinn entschwindet auch und geht verloren, wenn Hierarchien eingeebnet werden und Ungleichwertiges gleichgestellt wird. Das kann doch gar nicht anders sein. Alles wird heute Kunst genannt … doch eine Dokumentation ist beispielsweise keine Kunst, die Knopfsammlung der Großmutter eines Künstlers auch nicht. Über modernste Formen und die jetztzeitliche Ununterscheidbarkeit von Kunst und Wirklichkeit bist Du wahrscheinlich noch viel besser informiert als ich.
xxxxxBeim Vermeer scheint der Fall zwar klar, aber die Perfektion allein ist es nicht, und fotografische Treue gewährleistet auch nichts. Doch eine ganze Reihe von Komponenten ist hervorragend gehandhabt. Thema, Motiv, Komposition, Proportion, Anordnung, Licht-Schatten, Farbigkeit, Ausarbeitung, Vortrag. Und er hat die Schönheit gekannt, denn der gute Wille allein war’s sicher nicht.
xxxxxIch habe diese Zeichnung mit dem Text von Roland Begenat von Dir. Die würde ich im Bereich „gemachte Bilder“ (und im Hinblick auf die oben genannte Reihe) wie den Vermeer der Abteilung „Kunstwerk“ zuordnen. Ich wüsste nicht welche Gegenargumente Du da vorbringen könntest.

LR:
Diese Bilder habe ich damals, vor rund 20 Jahren, mit großer Hingabe und viel Fleiß gemacht. Ich habe meine grafisch-handwerklichen Sachen, denen man ihre Herkunft aus der Holzbildhauer-Werkstatt auch im Falle der Papier-Arbeiten (von denen Du eine besitzt) deutlich ansieht, vermutlich für Kunst gehalten. Dass Du das heute auch noch so siehst, nehme ich errötend zur Kenntnis und danke für die Blumen. Den Ausdruck „Kunst“, den ich selber am liebsten nur noch in Verbindung mit „große“ verwende, würde ich gerne für Werke reservieren, vor denen ich gewissermaßen in Ehrfurcht ver- und erblasse, bei denen mir die Tränen des Berührtseins kommen. Damit will ich selbstverständlich eine rationale Analyse solcher Werke nicht ausschließen, dazu habe ich viel zu viel Freude am begrifflichen Sezieren und an den analytischen Tautologien, auf die jede Begründung der künstlerischen Qualität eines Werkes unweigerlich hinausläuft. Die Plausibilität eines Kunst-Urteils hängt doch zuerst und zuletzt davon ab, welchen Axiomen man zustimmt und welchen nicht. Die Kunst kommt aber, wenn man so will, zu uns und über uns aus einem vorregulären Raum jenseits der Axiome und Begründungen.
xxxxxDeshalb meine ich auch – und Du wirst mir da womöglich zustimmen -, dass sogar eine sogenannte Dokumentation große Kunst sein kann. Man weiß es erst, wenn man es weiß. Wir müssen uns, wie ich finde, wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen, dass alles Kunst sein kann. Dieses in unvermeidlicher Resignation zuzugestehen, heißt aber keineswegs zu sagen, alles sei Kunst.
xxxxxDas Fotografische in Vermeers Kupplerin habe ich übrigens deshalb erwähnt, weil ich gerade in der History of Pictures von Hockney und Gayford etwas darüber gelesen habe. Die Autoren vermuten, dass Vermeer eine Camera obscura verwendet hat, was den künstlerischen Wert der Bilder in keiner Weise schmälert. Du hast kurz und bündig gesagt, was dazu zu sagen ist. Vermeers Werk steht am Anfang einer Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossenen Phase der Geburt der Fotografie aus dem Geist der technologisch nachgerüsteten Malerei. Es ist sehr spannend und plausibel, was Hockney und Gayford darüber zu sagen haben und an Beispielen zeigen können.

MS:
Geburt der Fotografie aus dem Geist der technologisch nachgerüsteten Malerei – Du beschreibst es wie Nietzsche und Wagner und es klingt sehr interessant. Was sagen sie denn darüber? Die Camera obscura bei Vermeers Bild hätte ich auch vermutet. Dali, ein großer Bewunderer Vermeers, behauptete bekanntlich, die Fotografie habe die Malerei gerettet und benutzte sie (und andere Techniken, etwa Stereoskopie) ausgiebig und auch erfolgreich, wie ich meine. Sein Bild Thunfischfang etwa ist großartig und löste bei mir, als ich ein junger Mensch war, Gefühle aus wie Du sie oben nennst, vielleicht mehr solche der Begeisterung. Leider sah ich nie das Original, obwohl es in den frühen 1970ern, glaub‘ ich, in Baden-Baden ausgestellt war. In kunstakademischen Kreisen durfte man aber den Namen Dali nicht nennen, wie ich bald merkte. Er galt wohl als exaltiert, barock und theatralisch. Mein eigener Professor war sehr skeptisch, als ich eine Zeitlang die reine Lehre der flächigen Malerei verließ und das, was man „Löcher“ nannte, dazu nutzen wollte, eine räumliche Schichtung zu erzielen.
xxxxxDas Verlassen des statischen Bilds ist auch so ein Dauerthema. Es hat mal der Österreicher Curt Stenvert (er war mal, vor meiner Zeit, mit Lehrauftrag an der Karlsruher Akademie – ein interessanter Objektkünstler) die funktionelle Malerei des 21. Jahrhunderts propagiert: „Prozessillusion statt Raumillusion“, hört sich originell an! Man kehrt aber bald zur reinen Lehre zurück, ich jedenfalls, denn alle Effekthascherei ist unbefriedigend. Übrigens werden bei 3D-Filmen die Effekte nach einer Weile zurückgefahren (denn sie werden durch den Betrachter nivelliert), um sie später erneut wieder gezielt einsetzen zu können.
xxxxxKunst als aus dem vorregulären Raum kommend, ja. „Große“ Kunst (das klingt nach Adorno?), ist es nicht ein Versuch, ein berechtigter, den Begriff zu retten? Kunst ist ein Qualitätsbegriff scheint mir. Ich nehme ihn hingegen oft altmodisch als Sammelbegriff der verschiedenen Künste wie Malerei, Bildhauerei, Musik usw. Weswegen ich Spurensicherung und Dokumentation und manches andere erstmal nicht dazuzählte. Auch der „neue Kuratorentyp“ geriert sich heute als Künstler, wie Harald Klingelhöller beim Akademiejubiläum vor mehreren Jahren so ähnlich in seiner Rede bemerkte.
xxxxxJetzt hab ich bei Adorno nachgeschlagen: „Die von Benjamin urgierte Unterscheidung zwischen dem Kunstwerk und dem Dokument bleibt soweit triftig, wie sie Gebilde abweist, die nicht in sich vom Formgesetz determiniert sind; manche sind es objektiv, auch wenn sie gar nicht als Kunst auftreten.“ (Ästhetische Theorie, S.272)
xxxxxIch finde, manche künstlerischen Zeitgenossen sehen in der Buchhalterei wohl ein Formgesetz und treten von vornherein als Kunst damit auf. Der Begriff „Kunstwerk“ statt „Kunst“ ist mir manchmal lieber. Wie erkenne ich ein Werk als Kunst oder Kunstwerk? Und gar als großes? Die physische Reaktion beschreibst Du selbst oben, das ist vor aller Begrifflichkeit. Es werden Dinge angestimmt und angeschlagen in einem selbst; trotzdem mussten sie auch einst von außen genährt worden sein, weswegen die Tradition wichtig ist. Große Künstler geben weiter, was sie selbst empfangen haben (theologisch gesagt: „Accepi quod et tradidi vobis“: „Ich habe euch überliefert, was ich selbst empfangen habe“); der eigene Anteil kann manchmal gering dabei sein.
xxxxxDass der Künstler im Prinzip immer alles zum ersten Mal macht, worin er sich vom Handwerker unterscheidet, der alles perfektioniert, ist für mich kein Widerspruch. Der Künstler fügt selbstverständlich Neues zum Alten, aber das Ziel aller Künste, das Kunstwerk, ist von Anfang an da.

LR:
Ich bin unverfroren genug, mir diese Gelegenheit, mich selbst zu zitieren, nicht entgehen zu lassen. Am 28. März 2003 habe ich im Karlsruher Haus des Handwerks im Rahmen einer Ausstellungs-Eröffnungs-Rede (die Malerin Ursula Maria Steinbach und ich mit Holz-Arbeiten) folgendes gesagt:
xxxxx„Von Alberto Giacometti stammt der Satz: ‚Ich habe nur dann das Gefühl voranzukommen, wenn ich nicht mehr weiß, wie ich das Messer, mit dem ich modelliere, halten soll.‘ Im heißen, produktiven Kern des Kunstschaffens zeigt sich als dessen benennbares Charakteristikum ein Mangel an Kenntnissen und Fertigkeiten. Überspitzt gesagt, heißt Künstler sein zugeben müssen, dass man im entscheidenden Moment sein Handwerk nicht mehr beherrscht und daher für nichts garantieren kann. (Dem Handwerker, der aus Reklamegründen unter dem Pseudonym des Künstlers auftritt, sollte das zu denken geben.) Im Zentrum der Kunst steht, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, ein Nicht-Können; im Zentrum des Handwerks steht und soll stehen der zuverlässige Gebrauch von Kenntnissen und Fertigkeiten.“
xxxxxIch finde das nach wie vor gar nicht so übel. Nicht zuletzt, weil ich damals en passant zu verstehen gab, dass auch ein Künstler sein Handwerk beherrschen muss und nur in quasi Giacomettischen Momenten über den künstlerisch begabten Handwerker hinauswächst und zum Künstler-Schöpfer wird. Kennst Du solche ekstatischen Momente, wo sich gewissermaßen eine Tür zum Numinosen öffnet oder ist das alles doch reichlich übertrieben (wobei gegen Übertreibungen ja grundsätzlich nichts zu sagen ist)?

MS:
Also ich gebe zu, das kenne ich. Es „hellt sich mir Blödem der Blick“ (nach Wagners Walküre) und ich stelle fest, was ich da zustande brachte. Erwähnter Franz Marc schrieb auch, von seinen besten Sachen wisse er gar nicht, wie er das gemacht habe. Dem Numinosen, dem von den Göttern, bin ich halt aus ganz anderen tiefen Schichten verbunden als der Zweckmäßigkeit. Hoffentlich bleibt’s so. Mich würde hier doch mal interessieren, ob ein Künstler wie Hockney so was erwähnt oder ob er ganz cool sachlich bleibt (aus Mentalitätsgründen vielleicht). Ich wünsche oder wünschte mir oft, alles rationalisieren und systematisieren zu können, zu meiner Entlastung. Aus solchen Vorsätzen wurde nie was.

LR:
Jedenfalls sagt David Hockney mehr als nur ein Mal, dass das Geheimnis eines außergewöhnlichen Bildes nicht gelüftet werden kann, indem man die Art und Weise seines Zustandekommens im technisch-handwerklichen Sinn analysiert. Wer solches einräumt, gibt damit doch zu, dass man gute Bilder, oder sagen wir stattdessen einfach mal „Kunst“, nicht „machen“ kann. Also wir und Hockney wären in diesem Punkt gewiss einer Meinung: Es gibt keinen rational rekonstruierbaren Weg zur Kunst beziehungsweise (bescheidener) zum guten Bild. Bei den guten Bildern scheint etwas Trans-Faktisches im Spiel zu sein, etwas, das in diesem Sinne nicht von dieser Welt ist.
xxxxxIch möchte mich aber davon, also vom künstlerischen Suchen oder Tasten nach dem Transzendenten, nicht bestimmen lassen. Was mir an Hockney unter anderem gut gefällt, ist seine künstlerische, oder vielleicht sollte ich sagen: menschliche Unbekümmertheit. Wenn ihn eine neue Möglichkeit, Bilder zu machen, interessierte, dann war für ihn die Frage, ob das Kunst ist oder nicht, irrelevant. Also wenn er zum Beispiel mit der Fotokamera experimentierte oder Bilder, in Segmente zerlegt, von Kalifornien nach Brasilien faxte. Näher mein Gott zu dir auf dem Königsweg der Kunst? Ich male, zeichne oder skulptiere nicht, um damit dem Jenseits näher zu kommen, sondern weil es mir Freude macht. Wenn mir die Götter meine kindlich spielerische Selbstbezogenheit nicht übel nehmen und mir trotzdem mit dem ein oder anderen Wink (numen) zu Hilfe kommen, habe ich nicht nur nichts dagegen, sondern sage auch gerne: Habt Lob und Dank dafür! Amen.

MS:
Die sogenannten besten Sachen sind in der Tat die absichtslosen. Meist bemerkt man es gar nicht; ich kann sogar froh sein, wenn ich sie nicht aus Willkür zerstört, überarbeitet oder sonstwie verändert habe. Aber andererseits ist es auch berechtigt, nicht alles gelten zu lassen. Mit meinem Denken, Beurteilen und Kontrollieren erstelle ich mir zwar eine Art Käfig, doch das ist der Preis, schließlich will ich ja das unbewusste Tun ins bewusste heben. Aber das bildnerische Bewusstsein ist, wie gesagt, was anderes als das begriffliche, das wäre nochmal eine andere Ebene. Ich merke es, wenn ich anfange, was zu beschreiben. Irgendwie bin ich außerhalb der Begriffe, darunter oder darüber. Die Surrealisten hatten, wenn ich’s recht sehe, den Begriffskäfig zu sprengen unternommen. Dies auch in der Literatur selbst, denke ich; durch einen Automatismus, ohne ästhetische Kriterien, und sobald die Eitelkeit bei manchen solche Kriterien zuließ, was laut Breton nicht lange auf sich warten ließ, war das Unternehmen verfälscht und der Zustand der Gnade verloren, so schrieb er selbst.
xxxxxWas soll man machen? Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass Dein neueres Werk, das Relief, das Du selbst kürzlich als Video vorstelltest, sich vielschichtig, auf vielen verschiedenen Ebenen abspielt beziehungsweise eben durch diese Beschreibung, besser: diesen Vortrag (im →Video), erweitert hat oder umfassender wurde, und es stellt sich auch von hier ein Zugang rückwärts zur Anschauung her.

LR:
Nachdem ich, einer spontanen Idee folgend, das Video gemacht hatte, kam es mir so vor, als habe sich das Relief oder das Bild dadurch verändert. Du scheinst etwas ähnliches wahrgenommen zu haben, da Du sagst, es stelle sich ein Zugang rückwärts zur Anschauung her. Ich verzichte darauf, Adorno als Zeugen dafür aufzurufen, dass ein Kunstwerk, falls der Name an dieser Stelle erlaubt ist, nur scheinbar ein Objekt, in Wahrheit aber ein Prozess ist, der mit der handwerklichen Fertigstellung des Kunst-Fetischs keineswegs zum Stillstand kommt. Statt Adorno zitiere ich Marcel Duchamp der gesagt hat: „Es ist nicht der Künstler allein, der den schöpferischen Akt bis zum Ende vollzieht, denn der Betrachter erst stellt den Kontakt des Werkes mit der Außenwelt her, indem er die ihm innewohnenden Werte entziffert und interpretiert und so einen eigenen Beitrag zum schöpferischen Vorgang leistet“.
xxxxxMit anderen Worten: der schöpferische Akt beginnt nicht nur lange vor dem ersten Pinselstrich oder Hammerschlag, sondern er endet auch erst dann, wenn das Objekt der ästhetischen Begierde aus aller Augen und aus jeder Art von Sinn verschwunden ist. Das klingt nach dubioser Esoterik. Für mich wäre es aber eine der Arbeitshypothesen einer empirischen Kunstforschung, die es aus praktischen Gründen als real existierende nur mit einer grob vereinfachenden Methodik geben könnte. Diese Kunstforschung würde mit einem Werk-Begriff arbeiten, der auf ein hoch komplexes Beziehungssystem hinausläuft, mit Strukturelementen der unterschiedlichsten Seins-Kategorien. Ich denke, der französische Sozialforscher Bruno Latour wäre der geeignete Mann dafür. Aber ich glaube, ich schweife ab.

August 2017

MS:
Empirische Kunstforschung, wäre das dann eine vom Sammeln oder Beschreiben von Dingen, Daten oder auch Handlungen und Begriffen aller Art ausgehende Kunst-Wissenschaft oder Kunstgeschichtsschreibung, also sozusagen induktiv vorgehend? Wobei mir, wenn das so wäre, der Gedanke käme es mit einer Art Inventarisierung größten Stils zu tun zu haben … was mir Schwindel verursacht. Bruno Latour kenne ich leider nicht, habe jetzt aber gesehen, dass er zweimal mit Peter Weibel im ZKM Ausstellungen kuratierte.
xxxxxWie Dinge plötzlich oder vorübergehend Kunstwerke werden, zeigten auch die objets trouvés – Du nennst Duchamp. (Auch manch neuzeitlicher Karlsruher Kunstprofessor, so scheint es, wurde spontan oder allmählich auf dem Sperrmüll oder bereits in den Fluren der hiesigen Akademie, vorzugsweise in den Mülleimern, solcher ansichtig, fischte sie heraus und bearbeitete sie vor der Erhebung zum Kunstwerk und dem Ausstellen nicht unbedingt weiter, was mein eigener Professor immerhin noch für nötig erachtet hätte).
xxxxxBevor Du mir schreibst, was es mit Latour auf sich hat (ich las auch was von einer Akteur-Netzwerk-Theorie), darf ich nochmals den Altmeister Dali erwähnen. Er hielt einmal den (angeblich) von Urin angefressenen Metallring eines Kugelschreibers ganz nah an eine laufende Kamera und drehte ihn, es war ein phantastischer, schöner Film mit imaginären Landschaften und Dalis Kommentar, der sie entstehen ließ: „Impressions de la Haute-Mongolie“ hieß er. Ich sah ihn einst im Fernsehen und war beeindruckt (→ Youtube). Da war natürlich jede Menge Gestaltung im Spiel. Aber man bräuchte letzten Endes gar nichts dergleichen, wenn man frei und unvermittelt sozusagen seine Libido auf alles mögliche werfen kann.

LR:
Bruno Latour habe ich letztes Jahr im ZKM live erlebt. Da hatte ich allerdings schon einiges von ihm gelesen. Er hat mich und zwanzig andere Besucher durch die von ihm mit eingerichtete Ausstellung Reset Modernity geführt (Du hast auf seine Zusammenarbeit mit Peter Weibel hingewiesen). Ich muss zugeben, dass ich ZKM-Ausstellungen in der Regel und in vielerlei Hinsicht verwirrend finde. Das soll wahrscheinlich auch so sein. Wer durchschaubare Strukturen bevorzugt, sollte sich vom ZKM fernhalten. An Details der Ausstellung erinnere ich mich nicht. Ich fürchte, da gab es auch nichts, woran man sich erinnern könnte oder sollte. Unter dem 13. Mai 2016 habe ich im Tagebuch notiert: „Gruppe von rund zwanzig Personen. Latour sympathisch, sein Englisch gut zu verstehen. Ein Vortrag mit ein paar Beamer-Bildern wäre womöglich ertragreicher (und erträglicher) gewesen.“ Da ich, wie gesagt, schon einiges von ihm gelesen hatte, habe ich mich irritiert gefragt, warum sich der große Franzose auf diesen Blödsinn wohl eingelassen hat.
xxxxxDenn Latour kann man ansonsten gar nicht überschätzen. Ein wunderbares Buch ist Pandora’s Hope (1999). Ich vermute oder hoffe, es wurde von Gustav Roßler unter dem Titel Die Hoffnung der Pandora (Untertitel: Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft) gut genug ins Deutsche übertragen. Davor las ich Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory (2005). Hier lässt schon der deutsche Titel vermuten, dass die Übersetzung wahrscheinlich nichts taugt: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft – skandalöser Unfug! Denn das Buch ist zu einem nicht geringen Teil eine ausgedehnte und erfreulich scharfe Polemik gegen die Annahme, es gebe so etwas wie eine „Gesellschaft“ (englisch: „society“).
xxxxxAber zurück zur Kunst. Das, was Latour für die Wissenschaftsforschung postuliert, könnte man in gleicher Weise auch für die Kunstforschung ins Auge fassen. Das liefe dann, wie Du richtig vermutest, auf eine schwindelerregende Bestands- und Beweisaufnahme in großem Stil hinaus. Was macht der Künstler wirklich, wenn er ein Bild malt, und wie geht es danach ganz konkret weiter? Und, parallel etwa zu der Frage, wie eine wissenschaftliche Tatsache zu einer wissenschaftlichen Tatsache geworden ist: Wie wird aus einer mit Farbe bedeckten Leinwand ein sogenanntes Kunstwerk? Welche Akteure (menschlicher und nicht-menschlicher Art) sind am so verstandenen realen Kunst-Schöpfungsprozess beteiligt?
xxxxxWas jedoch, wie mir scheint, auch über diesen mühsamen Weg des Nachvollzugs von Aktionen und Transaktionen nicht beantwortet werden kann, ist die Frage nach den Gründen für den sublimen Unterschied zwischen dem nur Guten und dem Außergewöhnlichen. Doch es ist ja keineswegs diese Differenz, die der moderne Kunstbegriff meint, wenn er „Kunst“ sagt. Eine mit Latours Methoden arbeitende empirische Kunstforschung könnte voraussichtlich zeigen, wie Kunst (verstanden als soziales oder Akteur-Netzwerk-Phänomen) entsteht, ohne dass der einzelne Künstler damit in die Lage versetzt wäre, im Do-it-yourself-Verfahren Kunst zu machen.
xxxxxVielleicht käme man mit den Mitteln Latours aber auch zu der Feststellung, dass es „Kunst“ ebensowenig gibt wie „Wissenschaft“ oder die „Gesellschaft“. Es ginge uns dann wie den Astrophysikern, die zugeben müssen, dass es die sogenannten Neutrinos, denen sie auf der Spur sind, als veritable „Teilchen“ eigentlich gar nicht gibt und wir schon zufrieden sein können, wenn es uns gelingt, mit Hilfe von riesigen Messfeldern im arktischen Eis die Leuchtspuren ihrer materiellen Nicht-Existenz zu beobachten und aufzuzeichnen. Vielleicht ein brauchbares Bild auch für den Künstler: Künstler sein hieße dann, Spuren sensibel zu erahnen und nachzuzeichnen, welche die „passierende“ Kunst auf dem Papier, auf der Leinwand oder in welchem Medium auch immer en passant und ungeachtet ihrer faktischen Nichtexistenz möglicherweise hinterlassen hat.

MS:
Bei wissenschaftlichen Tatsachen stelle ich mir vor, dass der Großteil der Wissenschaftler einig sein muss, dass es eine Tatsache ist. Ich weiß nicht, ob Objektivität da möglich ist. Wenn festgestellt würde, etwas ist ein Kunstwerk, müsste doch auch erst eine Definition her; oder aus den vielen Beschreibungen oder Erforschungen von Kunstwerken könnte danach der Begriff erläutert oder präzisiert werden.
xxxxxDen „Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc hätte oder hat der Kunsthistoriker Klaus Lankheit sicher zu den außergewöhnlichen Kunstwerken gezählt auch wegen der Bedeutung die das Werk erlangte (nicht zuletzt wegen des Einsatzes von Lankheit selbst) für eine ganze Generation und mehr. Solche Inkunabeln sind durch den Künstler angelegt aber nicht herstellbar. Allerdings verstehe ich nicht, was Latour jetzt mehr aufzeigen könnte als Lankheit das tat.
xxxxxAls weitere Frage käme mir, wie es sich mit der grade gemachten Kunst verhielte, denn eine ausführliche Untersuchung setzt gewiss einen zeitlichen Abstand voraus.
xxxxxDas letzte Beispiel verstünde ich so: Einer schnitzt ein Bild, es kommt heraus, es war keine Kunst, man stellt aber fest, es gilt als solche, also hat er doch Kunst gemacht … ist es eine Art spannender Universalienstreit?

LR:
Lankheit hat sich für Franz Marc und seine Bilder interessiert. Latour würde sich nicht für Franz Marc und sein Werk, sondern für die „Erfindung“ des Künstlers Marc und die „Erfindung“ oder „Entdeckung“ eines Kunstwerks mit dem Titel „Turm der blauen Pferde“ interessieren. Das ist etwas ganz anderes.
xxxxx„Wo waren die Mikroben vor Pasteur?“ lautet der Untertitel des fünften Kapitels in Die Hoffnung der Pandora. Gemeint ist: Wo war die Milchsäure-Hefe, bevor Pasteur sie „entdeckt“ hat? Gab es sie überhaupt? Auf Franz Marc bezogen könnte die Frage entsprechend heißen: Wo war Marcs „Turm der blauen Pferde“, bevor die Kunstwelt ihn entdeckte? Gab es das Werk überhaupt schon? Im Anschluss an Latour könnte die Antwort lauten: Nein, es gibt das Werk in einem bestimmten Sinn erst, seitdem Kunsthistoriker wie Klaus Lankheit und andere Akteure es für der Rede und der Schreibe wert erachten. Man wäre mit so einer Auffassung gar nicht weit entfernt von der Philosophin Hannah Arendt, die in The Human Condition (1958, 1967 deutsch: Vita activa oder Vom tätigen Leben) von einer „Wirklichkeit, die durch Gesehen- und Gehörtwerden entsteht“, spricht und von einer „‚objektiven‘, d.h. gegenständlichen Beziehung zu anderen“.
xxxxxApropos objektiv: Du hast, wie ich finde zurecht, die Möglichkeit von wissenschaftlicher Objektivität bezweifelt. Latour zeigt, dass und wie es sie als geschichtliches Phänomen durchaus gibt, sofern man mit „Objektivität“ nicht irgendetwas ahistorisch oder transzendent Absolutes meint, von dessen erkennbarer Realität ja der typisch moderne Mensch nach wie vor überzeugt ist. Und in seinem ahistorisch-irrationalen Glauben lässt der moderne Alles-erklären-Könner sich auch durch keinerlei wissenschaftliche Aufklärung über die Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft und Aufklärung beirren.
xxxxxFür uns als künstlerisch tätige Menschen (möglicherweise Proto-Künstler mit Proto-Werken) könnte es interessant sein zu erfahren, was wir – ausgestattet mit Latourschem Knowhow – selbst dazu beitragen können, dass wir und unsere Werke einen immer höheren Grad an Wirklichkeit und Objektivität erlangen. Eine empirische Kunstforschung nach Latour hätte also, anders als Lankheits Elogen auf Franz Marc, für alle Künstler und Möchtegern-Künstler einen unmittelbar praktischen Nutzen. Ich ahne schon, dass Dich so etwas nicht besonders interessieren würde und ich selbst bin ja mit meiner so verstandenen Selbst-Verwirklichung auch nicht besonders weit gekommen.

MS:
Ist Latour mit seiner Forschung nicht sozusagen einen Schritt weiter dahinter oder davor, indem er quasi über die Forschung forscht? Mir ist allerdings doch noch nicht ganz klar, was an der empirischen Kunstforschung ganz anders wäre als an der herkömmlichen Kunstwissenschaft.
xxxxxWenn höherer Wirklichkeitsgrad und Objektivität größere Bekanntheit ist – so verstehe ich das – dann kann man sicher einiges hierfür unternehmen. Oder hätte einiges unternehmen können oder sollen … jetzt treten wir wohl schon ins (gleichsam wenig wirkliche) Spätwerk ein.

LR:
Du verführst mich dazu, „Präliminarien zur einer Kunstforschung im Rahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour“ zu formulieren und (an welchem Ort auch immer) alsbald zu veröffentlichen. Eine reizvolle Aufgabe. Dabei wollte ich doch gerade ein Bild-Programm für die nächsten Monate und die immer später werdenden, hoffentlich noch kommenden Jahre entwerfen und mir dessen Verwirklichung (also die Verwirklichung des zunehmend Unwirklichen, wie Du sagst) zur Hauptaufgabe machen.
xxxxxLatour ist empirischer Wissenschaftsforscher. Also zugleich hinter, vor, über, unter und in der Wissenschaft tätig. Von der herkömmlichen Kunstwissenschaft, falls es die gibt, unterscheidet sich seine beziehungsweise „meine“ Kunstforschung vor allem methodisch und natürlich in der Begrifflichkeit. In seinem (ich glaube, noch immer nicht abgeschlossenen) Internet-Projekt AIME entwickelt Latour ein atemberaubendes terminologisches System. Es wird wohl ein wahrer Palast der Wissenschafts- und möglicherweise auch Kunst-Wissenschaft werden, für den er in Die Hoffnung der Pandora bereits den Grundstein gelegt hat. Es ist kein großes Wagnis, zu bezweifeln, dass es eine kunst- und kulturwissenschaftliche Schule gibt, die ähnlich hohe Ansprüche an die Systematizität (also die Wissenschaftlichkeit im engeren Sinn) ihrer Forschungen stellt wie Latour und seine Eleven es tun. Man muss es nicht so machen wie sie, ich selbst neige eher zum Versuch als zum Versuch, also zum Schreiben von Essays und nicht zum Sammeln von Daten. Doch wenn sich jemand auch und gerade im Bereich des Kulturellen dazu entschließt, die Sache mit dem Forschen und der Wissenschaft wörtlich zu nehmen, dann finde ich das nicht nur sehr respektabel und bemerkenswert, sondern nachgerade schön. Einer wohlgeformten, „durchstrukturierten“ wissenschaftlichen Theorie wird man die Schönheit im ästhetischen Sinn weder absprechen können noch wollen.

MS:
Beide Vorhaben verlangen mir etlichen Respekt ab. Ein Entwurf eines Bildprogramms ist schwierig und begeisternd zugleich, es beweist die Autonomie des Künstlers und verlangt von ihm aber weniger Künstler zu sein. Vor vielen Jahren schrieb der Maler und Schriftsteller A.P. Gütersloh: „Der Künstler ist jenes einzigartige Wesen, das am wenigsten zu sagen hat, aber alles zu Sagende am besten zu sagen versteht. Von ihm Inhalte, Entdeckungen, Neuerungen zu erwarten heißt, das Was über das Wie stellen; heißt ferner nicht wissen, ja nicht einmal ahnen, daß alle Inhalte, Entdeckungen, Neuerungen vorgrammatische Zustände oder Aktionen sind, die erst dann, wenn sie Wort, Bild, Ton geworden sind, des Schöpfers Absicht vollkommen verwirklicht haben.“ usw. („Der innere Erdteil“, 1966) Meinerseits wäre die große Schwierigkeit die, ein Programm, wäre es erstellt, nicht anschließend ständig abzuändern; was bei Auftragskunst, also gegebenem Bildprogramm, so einfach nicht ginge.
xxxxxEine kunstforschende wissenschaftliche Arbeit oder Vorarbeit verlangt wohl gleichfalls Fähigkeiten und Talente die über das Künstlerische hinausgehen. Was ich selbst im Nebenfach Kunstgeschichte kennenlernte, erschloss mir immerhin einige Einsichten, die ich nicht missen möchte. Wissenschaft und Forschung haben wahrscheinlich Fragestellungen als Ausgangspunkt und eine Art Objektivitätspostulat und betreiben alles „ohne Zorn und Eifer“, was dem künstlerischen Temperament vielleicht schwerfällt. Immerhin begreife ich umstandslos die Möglichkeit und Wirklichkeit von Schönheit in Aufbau, Struktur, Aufgaben und Lösungen in den Wissenschaften. Bei mir ist das trotzdem meistens noch irgendwie mit Sichtbarem verbunden. Wenn ich – weil ich die Werke Latours nicht kenne – einen oberflächlichen Blick ins AIME-Projekt im Internet werfe, sehe jedenfalls was sehr Ansprechendes. Ich stelle mir vor, dass es elegant zugehen kann, wie bei mathematischen Aufgaben. Ich wäre da schon gespannt, wie es in Deinem Fall mit der Vorgehensweise und von den Begriffen sich vorstellt.

September 2017

LR:
Ich glaube nicht, dass ich meine Karriere (das heißt wörtlich soviel wie „Karrenbahn“) als Theoretiker beschließen werde. Lass uns daher lieber über die künstlerische Praxis reden.
xxxxxDeine Bedenken in Bezug auf die Nachhaltigkeit eines Bildprogramms sind auch meine Bedenken. Aber es kann motivierend wirken, sich in der Maske des Auftraggebers selbst gegenüberzutreten – um es nicht nur bildlich, sondern auch noch theatralisch zu formulieren.
xxxxxApropos Maske: Dieses Motiv (im engeren und im weiteren Sinn) ist für mich nach wie vor virulent und könnte im Zentrum eines wie auch immer gearteten Bild- oder Arbeitsprogramms stehen. Und wenn ich mir Deine Bilder ansehe, meine ich, auch sie könnten in Ausführung eines selbsterteilten Auftrags entstanden sein. Solche Handlungsanweisungen, die der Künstler sich selber gibt, können ja durchaus vage oder offen oder beweglich sein. Sogar den Begriff der Choreographie halte ich in diesem Zusammenhang für brauchbar. Letzten Endes geht es um Muster, die man erkennen kann, und um die Frage, inwieweit man als Künstler in Bezug auf die Musterbildung Herr im eigenen Hause sein kann und sein will.
xxxxxWenn ich Dich richtig verstehe, dann hältst Du künstlerische Freiheit und programmatische Bindung für letztlich nicht miteinander zu vereinbarende Konzepte. Könnte es nicht sein, dass es in Wahrheit „nur“ um die Frage geht, ob sich ein Werk in Gänze naturwüchsig und sogenannt zufällig oder eben teilweise geplant entwickelt? (Wobei ich jetzt nicht auch noch die Frage stellen will, wie viel Zufall und naturgesetzliche Notwendigkeit in der sogenannten Planung zum Zuge kommen.)

MS:
Künstlerische Freiheit und Bindung ans Programm finde ich schon vereinbar, die fehlende Möglichkeit bei von außen gestellten Themen, diese ständig abzuwandeln, kann sogar erst richtig die Fähigkeiten beflügeln und die Konzentration auf die Aufgabe fördern. Unter solchen Umständen muss ich nämlich meine Energie nicht in kunstfremde Dinge wie Inhalte stecken. Was nicht heißen soll, dass ich die Freiheit, mir selbst Themen zu formulieren und Motive zu wählen, nicht schätze. Ich kann es mir kaum anders vorstellen.
xxxxxVor Jahren hast Du mal eine Rede zu einer Ausstellung mit Werken von mir verfasst, wo dargelegt wurde, wie ich die Abfolge der Herstellung eines Bilds wie etwa der Romantiker Ph. O. Runge sie aus seiner Auffassung heraus für nötig erachtete, oftmals von hinten her durchlaufe, also erst allmählich zum Thema oder Motiv usw. vordringe. Und alles das fällt mir ungeheuer schwer angesichts der Möglichkeiten an Gestaltung, die ich habe. Ich meine da gar nicht Fertigkeiten oder Können, das alles ist bei mir wohl durchschnittlich und ist sekundär. Wie viele unzählige Wege und Richtungen, in die man eine Arbeit vorantreiben kann, gibt es doch, wenn man wie ich nicht mit feststehendem Entschluss und Endziel loslegt, sondern einigermaßen mehr auf Empfang als auf Sendung eingestellt bleibt. „Wollen und nicht wissen was“, sagte mal Marées. Außenstehenden wird er nichtsdestoweniger recht entschieden erschienen sein. Den mehr von der Grafik herkommenden Künstlern (wie Vasarely, Mavignier) war es normal, von der Planung zur Ausführung vorzurücken, und das konnte auch ein Angestellter machen. Das Organische der Entstehung wäre hier vielleicht anders als gewohnt zu sehen, je nachdem, was man alles zum Werk zählt. Ausgangspunkt ist mir jedenfalls schon eher was Sinnliches oder Gefühlswelten als eine gedachte Idee. Freie Absichtslosigkeit gern, aber reiner Selbstausdruck ist hingegen nicht meine Sache. In vielen Fällen habe ich auch eine Reihe von begleitenden Arbeitsmaximen im Kopf, an denen ich mehr oder weniger festhalte, ein Beispiel könnte sein: keine Form- und Farbwiederholungen, oder andere Reduzierungen und Regeln, die aber oft nur dazu da sind, dass ich sie dann doch nicht einhalte. – Der Künstler ist autonom, schon lange, seit J. A. Carstens, der (glaube ich) einer der ersten war, die Autonomie für sich beanspruchten. Eine schöne und quälende Situation zugleich, vor allem wenn man wie ich das Talent hat, sich’s schwer zu machen. Wenn ich mich frage, ob ich ein Zentrum finden kann oder mehrere Zentren, wie Du mit der Maske eines hast, komme ich ins Schwimmen, wie wäre das Wort dafür? Nenne ich Begriffliches oder Titel, wird es schnell ungefähr oder irreführend.
xxxxxIn vielen Fällen bin ich besser damit gefahren, mir die Reaktionen der Betrachter anzuhören. Also ohne Titel anzubieten. Aber ich habe solche schon im Kopf oder erstellte manchmal richtige Listen oder Begriffsreihen, um irgendwie die Bildwelten zu begleiten. Mein Kunsterzieher am Gymnasium (Walter Schautz), ein Künstlerlithograf, war darin vorbildlich. Der hat parallel immer dazu geschrieben und tut das heute noch. Es gab eine Zeit, da kreiste er um das Thema des Vogelmenschen, als geborener Ulmer schuf er mal eine Lithografie „der Schneider von Ulm“. Ich habe eine zehnseitige Beschreibung der Entstehung dieser Farblithografie, die er in ein Lithografietechnikbuch, das er herausgab, mit aufnahm. Ausgangspunkt war ein gefundener Vogelflügel, Ideen, eine Ideenmappe, Arbeitsstadien und -vorgänge, jahrelang, ganz am Schluss wurde der eigentliche Titel gefunden.
xxxxxIch habe mal was gemalt, was wie eine Frauenfigur aussah, und auch ausgestellt in verschiedenen Stadien, die Gottseidank keiner mehr wiedererkannte. Der jetzige letzte Zustand ist gar nicht unbedingt der beste. Aber es fiel mir dazu irgendwann der Titel „Bikini-Atoll“ ein, der sich mir seither im Kopf festgesetzt hat, ohne dass ich ihn auf die Ausstellungslisten geschrieben hätte. Ein Zwischenstadium hier als Beispiel. So gäbe es vieles. Was eint das alles? Ein wenig geht es mir wie den Romantikern. Diese wollten die Vergangenheit wiederaufleben lassen, sie wollten gotische Bilder malen, und ein wenig finde ich mich selbst in einer vergleichbaren Lage vor.

LR:
Du sprichst eindringlich und überzeugend von der Freiheit der Motivwahl, von der Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten, von unzähligen möglichen Wegen und Richtungen, von der Autonomie, die Du nicht missen möchtest. Und beantwortest die Frage nach der Einheit in der Vielfalt mit dem Hinweis auf das gotisch-romantische Element in alledem. Andererseits ist Dein Hingezogensein zu bestimmten Formen, Farben und Farbverläufen (natürlich wäre dazu noch mehr zu sagen), worüber Du damit noch nichts gesagt hast, deutlich erkennbar.
xxxxxFür mich ist Kunst die Suche nach mir selbst in einer äußeren Gestalt, in einer Form, in der ich mich wiedererkenne. Damit meine ich etwas anderes als den von Dir erwähnten und abgelehnten reinen Selbstausdruck, den ich für Kitsch halte, weil er einen direkten Weg gehen will, wo man, wenn überhaupt, nur auf Umwegen zum Ziel kommt. Der Künstler, wie ich ihn verstehe, ist in seiner Arbeit auf der Suche nach sich selbst und wenn er am Mittag meint, sich gefunden zu haben, rollt der Stein kurz nach zwölf den Berg wieder hinunter und er muss von vorne anfangen. Im Grunde sind das alles Selfies, die ganzen Bilder und Skulpturen und Installationen: lauter Selfies auf mehr oder weniger hohem Niveau. Aber wir sind mit diesen Selbstporträts nie wirklich zufrieden, immer meinen wir, sie zeigen uns doch noch nicht so, wie wir eigentlich sind. Sie sind uns noch nicht ähnlich, noch nicht authentisch genug – glücklicherweise, könnte man sagen.
xxxxxIch meine, bei Dir ist das auch so. Deshalb sind unsere Reden von den vielfältigen Möglichkeiten und autonomen Freiheiten letztlich illusionär. Denn es geht zuerst und zuletzt um ein authentisches Selbstporträt – und das hat mit Freiheit, Wahlmöglichkeit und Gestaltungsvielfalt nur sehr bedingt etwas zu tun. Wir wähnen, frei zu sein, aber immer wird der Versuch eines Selbstporträts daraus. Bei Dir erkennbar an Deiner Farb- und Form-Palette, zu der Du unwillkürlich immer wieder greifst. Bei mir liegt der Fall komplizierter, aber im Prinzip ähnlich.
xxxxxWenn wir authentisch sind, sind wir unfrei und verfügen keineswegs über eine Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten. Das müssen wir den Beltracchis überlassen. Der Fälscher hat die freie Wahl. Seine „Gestaltungsmöglichkeiten“ sind so vielfältig wie die Kunstgeschichte, in deren Wäldern und Auen er als Freischütz seine Beute findet. Er ist frei, weil er sich selbst los ist. Wenn Beltracchi einen authentischen Beltracchi malt, wird er plötzlich sehr einfältig und muss es werden, denn er ist im Grunde ein Einfaltspinsel und deshalb ein Einfaltspinsler, sobald er echt wird oder zu sein versucht. Mir ist er übrigens sehr sympathisch.
xxxxxIn diesem Zusammenhang noch ein Wort zum Politischen in der Kunst, das neuerdings wieder im Brustton der rechthaberischen Rechtschaffenheit, die den Zeitgeist in und hinter sich weiß, eingefordert wird. (Auch in der momentan in Karlsruhe geführten Debatte um die möglichen Lüpertz-Reliefs in den zukünftigen U-Strab-Bahnhöfen wurde Lüpertz das Unpolitische seiner Kunst vorgeworfen, zugleich sah man in ihr etwas Rechtes und Reaktionäres, was kein Widerspruch zu sein scheint.) Du hast Inhalte im allgemeinen als kunstfremd bezeichnet. Das würde ich so hart nicht sagen. Wenn ich aber den Künstler verstehe als den, der im Bild oder worin auch immer sich selbst auf die Spur zu kommen sucht, dann ist die Forderung nach politisch eindeutiger Kunst identisch mit der Forderung, ein „Porträt des Künstler als politischer Aktivist“ nach dem anderen zu malen. Ob mir das dann ähnlich sieht oder nicht, spielt keine Rolle. Ich soll also nicht mehr suchen, sondern immer schon gefunden haben. Das hatten wir in Deutschland mindestens schon zweimal. Das erste Mal kam es von rechts, das zweite Mal von links (hüben wie drüben). Jetzt kommt es von lechts oder von rinks. Indem „links“ und „rechts“ endgültig zu moralischen Kategorien, zu Synonymen für „gut“ und „böse“ geworden sind, können diese Wörter zwar nach wie vor im Straßenverkehr, aber für politische Unterscheidungen kaum noch verwendet werden.

MS:
Lüpertz sagte doch vor langer Zeit, Frauen könnten nicht malen. Ich glaube seine Argumentation war damals etwa so, dass sie mit sich und ihrer Situation in der Gesellschaft beschäftigt seien und sich deshalb nicht in der Lage befänden, der Größe der Malerei gerecht zu werden. Ich kann in diesen provokanten und seinerzeit zu Recht umstrittenen Äußerungen immerhin eine Verteidigung der Kunst wahrnehmen: dass sie nicht durch wesensfremde Angelegenheiten und Interessen besetzt und angeeignet werden sollte.
xxxxxDie Diskussion über die geplanten U-Strab-Reliefs hat wahrlich groteske Formen angenommen, und recht interessant ist die Auseinandersetzung über das Thema, das er wählte und die Äußerungen und Forderungen hierzu, zu denen sich seine Gegner versteigen. Wahrscheinlich darf Haydns Schöpfung bald nur noch in Kirchen gesungen werden und nicht etwa in der Stuttgarter Liederhalle.
xxxxxWas wäre, wäre Gerhard Richter angetreten? Man hätte ihm, der meines Erachtens stets opportune Inhalte anbietet, wenig widersprochen. Für mich wäre er übrigens in der von Dir genannten Hinsicht des Selbstporträts im Hinblick auf seine Stil-Palette – Meister aller Klassen – vielleicht nicht weniger authentisch, aber charakterloser.
xxxxxKunstwerke haben natürlicherweise Inhalte. Vom Inhalt zu trennen wäre auch der Gehalt. Wenn ich an oder mit Inhalten arbeite, ist das aber doch eher nicht der genuin künstlerische Teil meiner Arbeit, wenn man überhaupt hier trennen oder unterscheiden kann. Künstlerisches Vorgehen ist doch so, dass ich mit dem Bilden Stellung beziehe und aus meiner formenden Tätigkeit und deren Ergebnis sich die „Aussagen“ „ablesen“ lassen. Wenn Plato in Raffaels Fresko „die Schule von Athen“ den Finger hebt (und Aristoteles streckt die Hand aus), ist das eine künstlerische Leistung ohnegleichen. Auch Menzels Monumentalbild der Krönung Wilhelms des I. war ein Werk, ein Auftrag, wo ich sagen würde, der Inhalt wurde erst richtig durch Menzels Mittel zur Kunst.
xxxxxIn der Karlsruher Sonntagszeitung las ich einmal von Neo Rauch die Sätze: „Ich mag die politischen Aktivisten auf dem Felde der Kunst nicht. Sie ist mir hochgradig zuwider, die Attitüde des Kommissars“. Er sei ein politischer Mensch, aber kein politischer Maler. „Ich reflektiere sehr wohl, was geschieht, aber ich bin der Meinung, dass ich meine Leinwände weitestgehend freihalten muss von Anspielungen auf Vorgänge im politischen Raum. Das wären nur lächerliche Versuche, die Malerei der Propaganda oder Agitation aufzuschließen.“ – Das ist heute auch meine Meinung. Aber ich habe ebenfalls den Eindruck, inzwischen werden Stellungnahmen gewünscht, es wird irgendwie erwartet, dass Künstler sich zu gesellschaftlich relevanten Themen äußern und eben am besten politisch eindeutig Stellung beziehen, wenn etwa Förderung oder Auftrag erfolgen soll. Und nach rückwärts wird offenbar neu durchforstet, ob Kunst, Literatur usw. heute politisch korrekt ist.
xxxxxHell-Dunkel jedenfalls ist für mich ein Stilmittel der Malerei und sollte es bleiben. Sind unsere Ansichten zu ähnlich?

LR:
Wenn Du mit dieser Frage andeuten willst, dass wir nicht kontrovers genug parlieren – also ich gehe Streitgesprächen nicht aus dem Weg, aber ich suche sie auch nicht. Ehrlich gesagt, genieße ich es, Dir nicht ständig widersprechen zu müssen. Das passiert mir leider allzu oft: dass ich gar nicht weiß, wo ich mit meiner Gegen- oder richtiger: Dagegen-Rede ansetzen soll, weil mir das Meiste von dem, was mein Gegenüber von sich gibt, total daneben vorkommt.
xxxxxAber unsere Ansichten sind wahrscheinlich gar nicht so ähnlich, wie es auf den ersten Blick aussehen mag. Wenn ich es darauf anlegen würde, wären wir vielleicht im Handumdrehen in einen „interessanten“ verbalen Schlagabtausch verwickelt: „Die Studien blühen, die Geister platzen aufeinander, es ist eine Lust zu leben“, soll Ulrich von Hutten gesagt haben – er starb mit fünfunddreißig in der Schweiz an Syphilis und gilt als einer der geistigen Gründungsväter der deutschen Nation. Aber, wie gesagt, ich empfinde es als angenehm, dass meine Gegenrede einmal nicht an einen Gegner gerichtet ist, sondern an einen im Großen und Ganzen Gleichgesinnten.
xxxxxEin bisschen widersprechen möchte ich gleichwohl. Aber nicht Dir, sondern mir selber. Meine ziemlich steile These, der Künstler mache sich, indem er ans Werk gehe, auf die Suche nach seinem notorisch unauffindbaren Ich, kann ich nur aufrechterhalten unter Beifügung folgender Fußnote.
xxxxxWolf Biermann singt in seinem Lied „Die Elbe bei Dresden“: „Und weißt du, warum ich dich suchen will? / Weil ich mich ja finden muss.“ In der Kunst ist es nicht anders als in der Liebe: Man sucht nach seinem Vis-à-vis, um sich selbst zu finden. Ich bin aber keineswegs der Meinung, wie man nach meinen letzten Auslassungen möglicherweise meinen könnte, der Künstler geht jeden Morgen, Mittag oder Abend mit dem Vorsatz an die Arbeit, sich selber heute wieder ein Stück näher zu kommen. Sondern natürlich will man einen Baum zeichnen oder abstrakter: Formprobleme lösen. Alles andere wäre fatal. Wer ein Werk in Angriff nimmt in der Absicht, sich darin selbst zu finden und zu verwirklichen, wird am Ende nicht selten einem Konglomerat von modischen Parolen, ungeprüften Vorurteilen und gängigen Klischees gegenüberstehen. In diese Richtung zielte womöglich auch Lüpertz‘ „unerhörtes“ Wort. Um sich im Werk wiederzufinden, muss man das Werk schaffen (sich ins Werk hinein arbeiten) und nicht das Ich entdecken oder darstellen wollen.
xxxxxWas Du von Neo Rauch zitiert hast, sollte man auf T-Shirts drucken lassen und Künstlern zum Kauf anbieten. Ich glaube nicht, dass viele es kaufen würden. Und noch weniger würden sich trauen, es öffentlich zu tragen. Etwa anlässlich eines „Karlsruher Kulturfrühstücks“, wenn es einmal mehr um den Beitrag der Kunstschaffenden im Kampf für das Gute und gegen das Böse geht. Solche Sätze wie die von Rauch stehen also in der kostenlos verteilten Sonntagszeitung?! Und ich werfe die immer ungelesen weg.
xxxxxHeute erhielt ich übrigens per E-Mail eine Einladung zum nächsten „Kulturfrühstück“, es geht um „Feminismus in Kunst und Kultur“. Ich kann nachvollziehen, dass eine Kulturamtsleiterin real existierende kulturelle Phänomene thematisieren und diskutieren will. Was ich schwer erträglich finde, ist, dass sich der Einladungstext liest wie die Fortsetzung des feministischen Kampfes unter amtlicher Schirmherrschaft und unter Einsatz (man könnte auch sagen: Missbrauch) öffentlicher Gelder. Grundsätzlich würde ich mir vom Karlsruher Kulturamt mehr politische Neutralität wünschen. Schließlich sollte man sich amtlicherseits allen Bürgern der Stadt verpflichtet fühlen und nicht nur denen, die die eigene politisch-ideologische Position teilen. Aber das Deutlich-Stellung-Beziehen und Klare-Kante-Zeigen (sofern man dabei auf der „richtigen“ Seite steht) scheint ja, wie auch von Dir wahrgenommen wird, mehr und mehr zur ersten Bürger- und damit offenbar auch zur ersten Amtsstubenhocker-Pflicht zu werden. Gleichzeitig wirft man den sogenannten Rechten vor, dass sie es seien, die die Gesellschaft spalten. Wenn Dir da ähnlich mulmig zumute wird wie mir, stört mich das nicht im Geringsten. Im Gegenteil.

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