Im Dialog mit Michael Schneider

Der Dialog mit dem in Karlsruhe lebenden Maler Michael Schneider (geboren 1956, → Homepage) begann im Frühjahr 2017 als E-Mail-Gespräch über eine mögliche gemeinsame Ausstellung – wann und wo auch immer. Der sachliche Informations- und Meinungsaustausch weitete sich unversehens zu einem Dialog über Gott und die Welt, also über alles und nichts – unter besonderer Berücksichtigung ästhetischer und künstlerischer Aspekte. Dass dieser Dialog eines Tages enden wird, ist so gut wie sicher. Wann das der Fall sein wird, wird sich zeigen; wir haben es mit dem Fertigwerden nicht eilig.

Juni 2017

LR: 
Ich studiere gerade einen Text-und-Bild-Band von David Hockney und Martin Gayford: A History of Pictures, das Buch ist im letzten Jahr herausgekommen (→ Youtube). Gayford ist Kunstkritiker, Hockney ist, wie wir wissen, Maler, Zeichner, Bühnenbildner und Fotograf. Gayford sagt darin, schon im 15. und 16. Jahrhundert, also lange vor der Erfindung der Fotografie, habe man nach einer Maschine zum Bildermachen gesucht. Eine dieser Maschinen war die Camera obscura, die dann zum Fotoapparat weiterentwickelt wurde. Eine andere Bilder-Maschine ist auf einem Holzschnitt (1525) von Albrecht Dürer zu sehen. Links sieht man eine halbnackte Frau, rechts den Künstler, der sie zeichnet. Zwischen den beiden steht ein Rahmen mit einem Raster, das es dem Zeichner ermöglicht, eine perspektivische und wohlproportionierte Zeichnung von der nach damaligen Vorstellungen Wohlproportionierten anzufertigen. Raster-Rahmen, Camera obscura, Fotoapparat – mein Schwager hat als Professor für Informatik vor ein paar Jahren einen Mal-Roboter namens e-David mitentwickelt (→ Youtube). Bei der Suche nach immer wieder neuen Maschinen zum Bildermachen scheint kein Ende in Sicht zu sein. Welche Maschinen verwendest Du eigentlich zum Bildermachen?

MS:
Die Antwort, ich rede jetzt vom Malen, wäre (wenn ich weglasse, was bereits im Material und Werkzeug steckt): In der Art der Hilfsmittel Dürers benutze ich wenig. Beim Übertragen von Skizzen sind Quadratraster oder Fotokopien von Umrisszeichnungen hilfreich: so ging ich vor bei Entwürfen für eine Wandmalerei, die nicht zustande kam; ich hätte schließlich 1:1 Kartons gemacht. Einen Beamer habe ich nicht. Ein Lineal hing auch im Atelier Caspar David Friedrichs, wenn man einem Bild des Malers Kersting glauben darf. Ich würde also sagen: so wenig „Maschinen“ wie möglich. Hier nehme ich mich selbst (L’Homme Machine vom Franzosen La Mettrie) mal aus. Das Einfachste ist immer das Beste. Zu Dürers erwähnter Vorrichtung (er hatte mehrere) und überhaupt zur Perspektive hat sich einst der Russe Pavel Florenski sehr kritisch geäußert, aber das führt woanders hin. Den Roboter finde ich Klasse – wie eine zeitgemäße Ergänzung zum damals (70er Jahre ?) malenden Affen. Das kann noch sehr perfekt werden. David Hockney kenne ich vielleicht nicht gut genug. Ich denke Fotografie und Projektor spielen in seiner Generation eine große Rolle? Sehr entspannt wie die beiden sich unterhalten. Fragwürdig scheint mir der Ausdruck „Bildermachen“, ist er nicht sehr allgemein?

LR:
Wir Briefmarkensammler neigen naturgemäß dazu, nur Briefmarken für Bilder zu halten. In ihrem Vorwort zu A History of Pictures bekennen sich die Autoren Hockney und Gayford zu einem extrem allgemeinen und undifferenzierten Interesse an jeder Art von bildlich-zweidimensionaler Darstellung der dreidimensionalen Welt. Und wenn der mittlerweile beinahe achtzigjährige David Hockney so ein Bekenntnis im Jahr 2016 als nach wie vor aktiver Maler ablegt, dann kann man dieses Bekenntnis, wie ich finde, nicht kunsthistorisch relativieren und als idiosynkratischen Defekt seiner Generation abtun. Zumal Hockney meint, nachgewiesen zu haben, dass es Kontinuitäten und Wechselwirkungen zwischen Malerei, Fotografie und Film immer schon gegeben hat – und zwar pikanterweise schon Jahrhunderte vor dem „official birth date of photography, 1839“.
xxxxxDie Feststellung, dass sich ein bildender Künstler, welcher Generation und mit welcher frei gewählten Spezialisierung auch immer, heute als Bildermacher unter Bildermachern wahrnehmen muss, kommt mir trivial vor. Trivial und äußerst beunruhigend. Denn ich sehe mich mit meinen idyllischen Bleistiftskizzen nun plötzlich in Konkurrenz mit Hyper-Mega-Bild-Ereignissen wie dem Blockbuster Transformers 3, den ich gestern Abend (medial absolut inkompatibel) auf unserem Röhrenfernseher mit kollegialem Respekt vor der bildschöpferischen Leistung gesehen habe. Ich suche seither nervös nach der Steinschleuder, mit der wir oder unser gemeinsamer Freund e-David diesen Goliath zu Fall bringen können.

MS:
Ich meine, Bildermachen klingt im Deutschen so naiv oder unschuldig. (Wie ist es englisch? – war neulich im Konzert, bei einem Stück Elgars war im Chortext ein vergleichbarer Ausdruck „music makers“ von ihm gebraucht.) Die Pop-Art scheint doch immerhin sowas (angenehm) Unbeschwertes gepflegt zu haben. Nach all den vorangegangenen Öl-Krawall-Schinken mehr Distanz, Ratio, Beobachtung etc. Und da gehört der zwanglose Umgang mit Technik dazu. Bald darauf aber hat Baselitz wieder mit Fingern gemalt und Lüpertz sagte, er habe gar keinen Fotoapparat.
xxxxxDass wir in einer quantifizierten Welt (wenn ich sie so nennen darf) Bildermacher unter Bildermachern sind, hängt wohl mit eben dem Weltbild zusammen. Dieses scheint sich durchzusetzen und kommt auch angeblich so herrlich moralinfrei daher.
xxxxxRaffinierte Illusionstechnik gab’s m. E. schon in der Antike. Und Perfektion: im Barock gab’s Leute, die haben das komplette Vaterunser auf einen Kirschkern geschnitzt. Winkelmann fand den komplizierten Lorbeer Berninis bei Apoll und Daphne nicht erstaunungswürdig.
xxxxxDie Steinschleuder hast Du schon: Franz Marc hatte auch nur einen Bleistift an der Front. Auf dem historischen David ruhte allerdings der Geist des Herrn … .

LR:
Ich beneide Dich um Deine Fähigkeit, Dich unbeeindruckt zu zeigen. Der Ökonom und Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hat am letzten Wochenende hier in Karlsruhe in seinem Vortrag im Rahmen eines Peter-Sloterdijk-wird-siebzig-Symposiums gesagt: „Es gilt aber auch, dass wir alle jeden Tag versuchen müssen, Sieger zu bleiben und nicht verrückt zu werden.“ Das ist also nicht allein mein Eindruck, habe ich gedacht.
xxxxxDu hast Franz Marc mit dem Bleistift im Ersten Weltkrieg erwähnt. Eine sympathische Vorstellung, obwohl man weiß, wie die Sache für ihn ausgegangen ist. Und ich fürchte, dass auch wir, nur mit einem Bleistift bewaffnet, heute im jederzeit und überall tobenden Krieg der Bilder auf verlorenem Posten stehen werden. Wer haut wen womit um – das ist doch eine der Sein-oder-Nichtsein-Fragen, um die es beim professionellen Bildermachen geht. Die Zahl derer, die so strukturiert sind, dass sie wie Du und ich schon von einer Bleistiftzeichnung umgehauen werden können, nimmt (absolut und relativ gesehen) ständig ab. Das meine ich mit „auf verlorenem Posten stehen“. Das sind objektive Umwelt- und damit Arbeitsbedingungen, gegen die wir weder mit dem Leugnen der Tatsachen, noch mit moralischen Appellen etwas ausrichten können. Ich will es auch gar nicht. Denn ich gebe zu, dass ich den Krieg der Bilder packend finde, auch wenn ich als Kombattant eher zu denen gehöre, die nicht nur mit der Steinschleuder kämpfen, sondern dann auch noch ihr Ziel verfehlen.
xxxxxEines möchte ich noch anfügen. Dein Verdacht gegen mein deutsches Wort vom Bildermachen als etwas zu naiv und harmlos klingend für den Kontext, in dem es verwendet wird, war intuitiv richtig. Ich wüsste zwar nicht, wie man to make pictures anders übersetzen sollte als mit Bilder machen (substantiviert: das Bildermachen), doch ist im Englischen der Maker (groß geschrieben) eben auch der Schöpfergott, den wir im Deutschen normalerweise nicht als den Ersten Macher bezeichnen würden. (Wobei man ja bei der um sich greifenden anti-vertikal-nivellistischen Einer-von-uns-Mentalität in den christlichen Kirchen auf alles gefasst sein muss.)

MS:
Deine letzte Klammer ist leider allzu wahr, man braucht eine gewaltige Opferbereitschaft wenn man dort hineingeht!
xxxxxAls einzelner Künstler gegen die Kunstmarkt-Giganten und den Goliath der Kulturindustrie: die Aussichten sind in der Tat schlecht. Dass diese beiden uns die Interessenten wegnehmen, glaube ich allerdings nicht. Zwar nehmen künstlerische Bildung und das Gespür für die tradierten bildnerischen Werte meines Erachtens ab, aber vielleicht mehr bei den Leiter*innen mancher avantgardistischer Kunstvereine als bei unseren Kunstfreunden.
xxxxxDie Wörter: Es gibt doch entsprechend den verharmlosenden Begriff des „Autobauers“, den ich in den Nachrichten erst etwa ab den Ereignissen der Finanzkrise hörte. Riesige Konzerne wurden genannt, als hätten sie eine Werkstatt im Hinterhof. Na ja, sie fingen oftmals so an. Von Dosso Dossi gibt es ein schönes Bild des Schöpfergottes: Jupiter als Maler an der Staffelei kreiert Schmetterlinge … (→ zum Bild)
xxxxxIch gebe zu, ich kann dieses übergreifende Wort „Bildermachen“ vielleicht trotz allem gebrauchen; wenn ich etwas künstlerisch beurteile, ist der Marktanteil nicht entscheidend. Die Zeichnung kann meistens den Blockbuster besiegen. Es ist dann ein Sieg für mich vielleicht im Sinne Heinsohns.

Juli 2017

LR:
Du hast vermutet, dass künstlerische Bildung und das Gespür für tradierte bildnerische Werte in (nicht ganz unwesentlichen) Teilen des potentiellen Publikums verlorengegangen sind. Vielleicht lohnt es sich, einmal ein paar Worte darüber zu verlieren, was unseres Erachtens unter dem Verlorengegangenen zu verstehen ist? (Verblüffenderweise habe ich am 29. Juni in meinem Web-Journal unter eine Abbildung geschrieben: „Das Neue ist das verlorengegangene Alte“.)
xxxxxIch erlebe mich derzeit als eine Art Spätheimkehrer zur Malerei, zur Zeichnerei, ja zur Kunst überhaupt, obwohl ich mich ja seit knapp dreißig Jahren mit wechselndem Enthusiasmus als Künstler verstanden habe, zwanzig Jahre lang Mitglied im Bezirksverband Bildender Künstler und zwei Jahre lang Mitinhaber einer Kunstgalerie gewesen bin. Auf diese oder jene Weise habe ich während dieser Zeit immer wieder „Kunst gemacht“ und am Kunstbetrieb teilgenommen. Du bemerkst zwischen den Zeilen die rückblickende Skepsis gegenüber meinem Tun und Lassen?
xxxxxSkeptisch bin ich vor allem wegen der naiven Ahnungslosigkeit, mit der ich mich ins Getümmel gestürzt habe. Gewiss, ich habe Adornos Ästhetik studiert und Boris Groys und andere gelesen. Und auch das, was mein Hausphilosoph Peter Sloterdijk in seiner pointierten Weise an klugen Bemerkungen über die Kunst von sich gegeben hat, ist mir nicht entgangen. Was aber aus meiner heutigen Sicht (die im übrigen wieder meiner Sicht von 1975 ähnelt – darum „Spätheimkehrer“) gefehlt hat, war die Auseinandersetzung mit der Sache selbst, sprich: mit dem, was man im Rückblick auf die letzten fünfzehn- bis dreißigtausend Jahre „Kunst“ nennt.
xxxxxMit „Auseinandersetzung“ meine ich nicht, ich hätte Kunstgeschichte studieren sollen, was sicher kein Fehler gewesen wäre. Sondern ich meine damit das praxisnahe Studium auf der handwerklichen Ebene. So wie ein Schreiner sich fragt, wie sein Konkurrent es schaffen konnte, diesen geilen Nachttisch mit Geheimfach für die geheim zu haltenden Liebesbriefe der Dame des Hauses zu schreinern, so hätte ich mich beispielsweise fragen sollen, wie es Vermeer gelingen konnte, das Muster des Teppichs bei seiner Kupplerin von 1656 so fotografisch naturgetreu ins Bild zu setzen. (→ zum Bild)
xxxxxNun gut. Nach diesem unter Umständen etwas strapaziösen Ausflug in meine merkwürdige Vergangenheit frage ich Dich ohne Umschweife: Was meinst Du, wenn Du von künstlerischer Bildung und dem Gespür für die tradierten Werte sprichst?

MS:
Die Betonung lag auf künstlerischer Bildung und tradierten bildnerischen Werten. Also bildgestalterische Fähigkeiten und entsprechendes Verständnis. Der Kunsthistoriker Klaus Lankheit, der hier in Karlsruhe an der Universität Professor war, schrieb einstens, dass an Stelle des Bild- und Gestaltungsdenkens ein unanschauliches Begriffsdenken getreten sei – seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts schon.
xxxxxGenuin künstlerische Mittel werden weniger, fachfremde nehmen zu oder werden zu solchen erklärt. Der künstlerische Sinn entschwindet auch und geht verloren, wenn Hierarchien eingeebnet werden und Ungleichwertiges gleichgestellt wird. Das kann doch gar nicht anders sein. Alles wird heute Kunst genannt … doch eine Dokumentation ist beispielsweise keine Kunst, die Knopfsammlung der Großmutter eines Künstlers auch nicht. Über modernste Formen und die jetztzeitliche Ununterscheidbarkeit von Kunst und Wirklichkeit bist Du wahrscheinlich noch viel besser informiert als ich.
xxxxxBeim Vermeer scheint der Fall zwar klar, aber die Perfektion allein ist es nicht, und fotografische Treue gewährleistet auch nichts. Doch eine ganze Reihe von Komponenten ist hervorragend gehandhabt. Thema, Motiv, Komposition, Proportion, Anordnung, Licht-Schatten, Farbigkeit, Ausarbeitung, Vortrag. Und er hat die Schönheit gekannt, denn der gute Wille allein war’s sicher nicht.
xxxxxIch habe diese Zeichnung mit dem Text von Roland Begenat von Dir. Die würde ich im Bereich „gemachte Bilder“ (und im Hinblick auf die oben genannte Reihe) wie den Vermeer der Abteilung „Kunstwerk“ zuordnen. Ich wüsste nicht welche Gegenargumente Du da vorbringen könntest.

LR:
Diese Bilder habe ich damals, vor rund 20 Jahren, mit großer Hingabe und viel Fleiß gemacht. Ich habe meine grafisch-handwerklichen Sachen, denen man ihre Herkunft aus der Holzbildhauer-Werkstatt auch im Falle der Papier-Arbeiten (von denen Du eine besitzt) deutlich ansieht, vermutlich für Kunst gehalten. Dass Du das heute auch noch so siehst, nehme ich errötend zur Kenntnis und danke für die Blumen. Den Ausdruck „Kunst“, den ich selber am liebsten nur noch in Verbindung mit „große“ verwende, würde ich gerne für Werke reservieren, vor denen ich gewissermaßen in Ehrfurcht ver- und erblasse, bei denen mir die Tränen des Berührtseins kommen. Damit will ich selbstverständlich eine rationale Analyse solcher Werke nicht ausschließen, dazu habe ich viel zu viel Freude am begrifflichen Sezieren und an den analytischen Tautologien, auf die jede Begründung der künstlerischen Qualität eines Werkes unweigerlich hinausläuft. Die Plausibilität eines Kunst-Urteils hängt doch zuerst und zuletzt davon ab, welchen Axiomen man zustimmt und welchen nicht. Die Kunst kommt aber, wenn man so will, zu uns und über uns aus einem vorregulären Raum jenseits der Axiome und Begründungen.
xxxxxDeshalb meine ich auch – und Du wirst mir da womöglich zustimmen -, dass sogar eine sogenannte Dokumentation große Kunst sein kann. Man weiß es erst, wenn man es weiß. Wir müssen uns, wie ich finde, wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen, dass alles Kunst sein kann. Dieses in unvermeidlicher Resignation zuzugestehen, heißt aber keineswegs zu sagen, alles sei Kunst.
xxxxxDas Fotografische in Vermeers Kupplerin habe ich übrigens deshalb erwähnt, weil ich gerade in der History of Pictures von Hockney und Gayford etwas darüber gelesen habe. Die Autoren vermuten, dass Vermeer eine Camera obscura verwendet hat, was den künstlerischen Wert der Bilder in keiner Weise schmälert. Du hast kurz und bündig gesagt, was dazu zu sagen ist. Vermeers Werk steht am Anfang einer Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossenen Phase der Geburt der Fotografie aus dem Geist der technologisch nachgerüsteten Malerei. Es ist sehr spannend und plausibel, was Hockney und Gayford darüber zu sagen haben und an Beispielen zeigen können.

MS:
Geburt der Fotografie aus dem Geist der technologisch nachgerüsteten Malerei – Du beschreibst es wie Nietzsche und Wagner und es klingt sehr interessant. Was sagen sie denn darüber? Die Camera obscura bei Vermeers Bild hätte ich auch vermutet. Dali, ein großer Bewunderer Vermeers, behauptete bekanntlich, die Fotografie habe die Malerei gerettet und benutzte sie (und andere Techniken, etwa Stereoskopie) ausgiebig und auch erfolgreich, wie ich meine. Sein Bild Thunfischfang etwa ist großartig und löste bei mir, als ich ein junger Mensch war, Gefühle aus wie Du sie oben nennst, vielleicht mehr solche der Begeisterung. Leider sah ich nie das Original, obwohl es in den frühen 1970ern, glaub‘ ich, in Baden-Baden ausgestellt war. In kunstakademischen Kreisen durfte man aber den Namen Dali nicht nennen, wie ich bald merkte. Er galt wohl als exaltiert, barock und theatralisch. Mein eigener Professor war sehr skeptisch, als ich eine Zeitlang die reine Lehre der flächigen Malerei verließ und das, was man „Löcher“ nannte, dazu nutzen wollte, eine räumliche Schichtung zu erzielen.
xxxxxDas Verlassen des statischen Bilds ist auch so ein Dauerthema. Es hat mal der Österreicher Curt Stenvert (er war mal, vor meiner Zeit, mit Lehrauftrag an der Karlsruher Akademie – ein interessanter Objektkünstler) die funktionelle Malerei des 21. Jahrhunderts propagiert: „Prozessillusion statt Raumillusion“, hört sich originell an! Man kehrt aber bald zur reinen Lehre zurück, ich jedenfalls, denn alle Effekthascherei ist unbefriedigend. Übrigens werden bei 3D-Filmen die Effekte nach einer Weile zurückgefahren (denn sie werden durch den Betrachter nivelliert), um sie später erneut wieder gezielt einsetzen zu können.
xxxxxKunst als aus dem vorregulären Raum kommend, ja. „Große“ Kunst (das klingt nach Adorno?), ist es nicht ein Versuch, ein berechtigter, den Begriff zu retten? Kunst ist ein Qualitätsbegriff scheint mir. Ich nehme ihn hingegen oft altmodisch als Sammelbegriff der verschiedenen Künste wie Malerei, Bildhauerei, Musik usw. Weswegen ich Spurensicherung und Dokumentation und manches andere erstmal nicht dazuzählte. Auch der „neue Kuratorentyp“ geriert sich heute als Künstler, wie Harald Klingelhöller beim Akademiejubiläum vor mehreren Jahren so ähnlich in seiner Rede bemerkte.
xxxxxJetzt hab ich bei Adorno nachgeschlagen: „Die von Benjamin urgierte Unterscheidung zwischen dem Kunstwerk und dem Dokument bleibt soweit triftig, wie sie Gebilde abweist, die nicht in sich vom Formgesetz determiniert sind; manche sind es objektiv, auch wenn sie gar nicht als Kunst auftreten.“ (Ästhetische Theorie, S.272)
xxxxxIch finde, manche künstlerischen Zeitgenossen sehen in der Buchhalterei wohl ein Formgesetz und treten von vornherein als Kunst damit auf. Der Begriff „Kunstwerk“ statt „Kunst“ ist mir manchmal lieber. Wie erkenne ich ein Werk als Kunst oder Kunstwerk? Und gar als großes? Die physische Reaktion beschreibst Du selbst oben, das ist vor aller Begrifflichkeit. Es werden Dinge angestimmt und angeschlagen in einem selbst; trotzdem mussten sie auch einst von außen genährt worden sein, weswegen die Tradition wichtig ist. Große Künstler geben weiter, was sie selbst empfangen haben, der eigene Anteil kann manchmal gering dabei sein. („Accepi quod et tradidi vobis“, fällt mir hierzu ein, „ich habe euch überliefert was ich selbst empfangen habe“ – biblischer Satz, in heutigen „Gottesdiensten“ nicht ohne weiteres befolgt, siehe Deine passenden Bemerkungen einige Abschnitte weiter oben).
xxxxxDass der Künstler im Prinzip immer alles zum ersten Mal macht, worin er sich vom Handwerker unterscheidet, der alles perfektioniert, ist für mich kein Widerspruch. Der Künstler fügt selbstverständlich Neues zum Alten, aber das Ziel aller Künste, das Kunstwerk, ist von Anfang an da.

LR:
Ich bin unverfroren genug, mir diese Gelegenheit, mich selbst zu zitieren, nicht entgehen zu lassen. Am 28. März 2003 habe ich im Karlsruher Haus des Handwerks im Rahmen einer Ausstellungs-Eröffnungs-Rede (die Malerin Ursula Maria Steinbach und ich mit Holz-Arbeiten) folgendes gesagt:
xxxxx„Von Alberto Giacometti stammt der Satz: ‚Ich habe nur dann das Gefühl voranzukommen, wenn ich nicht mehr weiß, wie ich das Messer, mit dem ich modelliere, halten soll.‘ Im heißen, produktiven Kern des Kunstschaffens zeigt sich als dessen benennbares Charakteristikum ein Mangel an Kenntnissen und Fertigkeiten. Überspitzt gesagt, heißt Künstler sein zugeben müssen, dass man im entscheidenden Moment sein Handwerk nicht mehr beherrscht und daher für nichts garantieren kann. (Dem Handwerker, der aus Reklamegründen unter dem Pseudonym des Künstlers auftritt, sollte das zu denken geben.) Im Zentrum der Kunst steht, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, ein Nicht-Können; im Zentrum des Handwerks steht und soll stehen der zuverlässige Gebrauch von Kenntnissen und Fertigkeiten.“
xxxxxIch finde das nach wie vor gar nicht so übel. Nicht zuletzt, weil ich damals en passant zu verstehen gab, dass auch ein Künstler sein Handwerk beherrschen muss und nur in quasi Giacomettischen Momenten über den künstlerisch begabten Handwerker hinauswächst und zum Künstler-Schöpfer wird. Kennst Du solche ekstatischen Momente, wo sich gewissermaßen eine Tür zum Numinosen öffnet oder ist das alles doch reichlich übertrieben (wobei gegen Übertreibungen ja grundsätzlich nichts zu sagen ist)?

MS:
Also ich gebe zu, das kenne ich. Es „hellt sich mir Blödem der Blick“ (Rheingold?) und ich stelle fest, was ich da zustande brachte. Erwähnter Franz Marc schrieb auch, von seinen besten Sachen wisse er gar nicht, wie er das gemacht habe. Dem Numinosen, dem von den Göttern, bin ich halt aus ganz anderen tiefen Schichten verbunden als der Zweckmäßigkeit. Hoffentlich bleibt’s so. Mich würde hier doch mal interessieren, ob ein Künstler wie Hockney so was erwähnt oder ob er ganz cool sachlich bleibt (aus Mentalitätsgründen vielleicht). Ich wünsche oder wünschte mir oft, alles rationalisieren und systematisieren zu können, zu meiner Entlastung. Aus solchen Vorsätzen wurde nie was.

LR:
Jedenfalls sagt David Hockney mehr als nur ein Mal, dass das Geheimnis eines außergewöhnlichen Bildes nicht gelüftet werden kann, indem man die Art und Weise seines Zustandekommens im technisch-handwerklichen Sinn analysiert. Wer solches einräumt, gibt damit doch zu, dass man gute Bilder, oder sagen wir stattdessen einfach mal „Kunst“, nicht „machen“ kann. Also wir und Hockney wären in diesem Punkt gewiss einer Meinung: Es gibt keinen rational rekonstruierbaren Weg zur Kunst beziehungsweise (bescheidener) zum guten Bild. Bei den guten Bildern scheint etwas Trans-Faktisches im Spiel zu sein, etwas, das in diesem Sinne nicht von dieser Welt ist.
xxxxxIch möchte mich aber davon, also vom künstlerischen Suchen oder Tasten nach dem Transzendenten, nicht bestimmen lassen. Was mir an Hockney unter anderem gut gefällt, ist seine künstlerische, oder vielleicht sollte ich sagen: menschliche Unbekümmertheit. Wenn ihn eine neue Möglichkeit, Bilder zu machen, interessierte, dann war für ihn die Frage, ob das Kunst ist oder nicht, irrelevant. Also wenn er zum Beispiel mit der Fotokamera experimentierte oder Bilder, in Segmente zerlegt, von Kalifornien nach Brasilien faxte. Näher mein Gott zu dir auf dem Königsweg der Kunst? Ich male, zeichne oder skulptiere nicht, um damit dem Jenseits näher zu kommen, sondern weil es mir Freude macht. Wenn mir die Götter meine kindlich spielerische Selbstbezogenheit nicht übel nehmen und mir trotzdem mit dem ein oder anderen Wink (numen) zu Hilfe kommen, habe ich nicht nur nichts dagegen, sondern sage auch gerne: Habt Lob und Dank dafür! Amen.