Der Künstler als Vereinsmeier (2005)

Der Künstler als Vereinsmeier: Versuch über einen unzeitgemäßen Typus, Vortrag im Meidingersaal des Regierungspräsidiums am Rondellplatz in Karlsruhe am 10.4.2005

Der Künstler als Vereinsmeier, Versuch über einen unzeitgemäßen Typus – meine Damen und Herren, es war kein Geringerer als der Altmeister der deutschen Liedermacherszene Reinhard Mey, der vor rund 30 Jahren zum Thema meiner Bemerkungen über Künstlertum und Vereinsmeierei folgendes in Reimform gebrachte und normalerweise zur Gitarre zu singende Statement abgegeben hat: „Ich will in keinem Haufen raufen, / Lass mich mit keinem Verein ein!“ Und weiter: „Erinnert euch daran, sie waren zwölfe: den dreizehnten, den haben sie eiskalt / Verraten und verhökert an die Wölfe, / Man merke: im Verein wird keiner alt.“ Und schließlich apodiktisch: „Worum es geht, ist mir schnuppe: / Mehr als zwei sind eine Gruppe“. Dem schien damals und scheint auch heute noch nichts mehr hinzuzufügen zu sein.

Wenn der Umstand, dass man etwas nach dreißig Jahren noch mühelos aus dem Gedächtnis zitieren kann, einen Rückschluss auf den Grad der Verinnerlichung des Zitierten zulässt, dann müsste es zu allererst von mir selbst mit gewissem Erstaunen, wenn nicht sogar mit leichtem Befremden registriert werden, dass ich mich heute zur Mitgliedschaft in gleich mehreren Vereinen zu bekennen habe. Wie konnte es dahin kommen?

Ein Verein ist „eine vom Wechsel ihrer Mitglieder unabhängige, dauernde Verbindung einer Mehrzahl von Personen unter einem Gesamtnamen zur Erreichung eines bestimmten gemeinsamen Zwecks und mit einer Zweck- und Willensbildung dieser Personenvereinigung regelnden Satzung.“ So oder so ähnlich erklären uns die Lexika, was unter einem Verein zu verstehen sei.

Generationen von Mitgliedern kommen und gehen, der Verein bleibt. Es gibt einen gemeinsamen Zweck und es gibt eine geregelte Willensbildung. Es hat also den Anschein, als wäre der Verein seinen Künstlermitgliedern in Sachen Unsterblichkeit immer schon und für immer eine Knochenlänge voraus. Und dank der die Zweckbestimmung und Willensbildung regelnden Satzung muss das Vereinslokal, welches nicht immer ein Lokal sein muss, kategorial womöglich in der Nähe des Ameisenhaufens und des Bienenstocks eingeordnet werden. Was also, um alles in der Welt, mag Künstlerinnen und Künstler dazu bewegen, Teil einer solchen, die individuellen Lebensspannen und Willensbekundungen systematisch ignorierenden Personenvereinigung zu werden?

Konrad Lueg, Manfred Kuttner, Sigmar Polke und Gerhard Richter haben den Gesamtvorteil, den es für sie als Künstler womöglich bedeuten könnte, Teil eines Mehrpersonenverbands zu sein, vor 42 Jahren in sechs Einzelvorteile aufgegliedert, einige weitere wurden vermutet, aber nicht konkret benannt. Ich zitiere aus dem Konzeptpapier von 1963, das war zehn Jahre vor Reinhard Meys Absage an das Raufen im Haufen:

„Man sollte eine Gruppe gründen!
Eine Gruppe ist eine Interessengemeinschaft (keine Partei). Eine Gruppe bringt ihren Mitgliedern Vorteile:
1. Ausstellungsmöglichkeiten im größeren Rahmen
2. Finanzielle Zuschüsse von Stadt und Land
3. Eigene, gemeinsame Jurierung
4. Gute Kataloge
5. Kontakt mit Kritikern, Kunsthändlern und Sammlern
6. Austausch mit anderen Gruppen
7.
8.
u.s.w.“

Vor die Vitrine mit dem vergilbten Düsseldorfer Typoskript, in dem zur Gründung der „Gruppe 63“ aufgerufen wurde, trat ich bei einem meiner letzten Gänge ins ZKM. Die Ausstellung „Ganz am Anfang, Richter, Polke, Lueg & Kuttner“ ist Teil der Ausstellung „Exit – Ausstieg aus dem Bild“, sie läuft noch bis Mitte August. Wer sehen möchte, wie die Umgebungen die Kunstwerke ihrer Wahrnehmbarkeit berauben, indem sie die Kunstartigkeit zum Normalfall machen, dem empfehle ich einen Gang durch die Karlsruher Innenstadt. Wer sich andererseits vor Augen führen möchte, wie die Kunstwerke offenbar einem inneren Drang folgend, ihrer Nicht-Mehr-Unterscheidbarkeit von sich aus entgegeneilen, dem empfehle ich einen Besuch im ZKM, der für BBK-Mitglieder übrigens kostenlos ist. Von den immateriellen Kosten, die der drohende Verlust von liebgewordenen Vorurteilen über das Wesen von Kunst und Künstlertum bedeutet, einmal abgesehen.

Ich habe eben die Karlsruher Innenstadt erwähnt. Es gibt seit kurzem an der Kaiserstraße gegenüber von Karstadt einen Laden, an dessen Warenangebot man ein drittes Phänomen studieren kann. So wie manche harmlosen Käfer sich bemühen, äußerlich bekanntermaßen giftigen oder sonstwie gefährlichen Artgenossen zu gleichen, um sich mit solcher Camouflage einen Platz außerhalb der für sie eigentlich vorgesehenen, aber unvorteilhaften Nahrungsketten zu sichern, so bemühen sich in diesem Laden grundsätzlich harmlose Konglomerate von Leinwand, Holz und Farbe wie ernst zu nehmende Kunstwerke auszusehen, allerdings nicht um sich der Konsumption zu entziehen, sondern im Gegenteil, um als Träger eines ästhetischen Gebrauchswertes getarnt, in den Warenkreislauf Eingang zu finden.

Richter, Polke und die anderen wollten also eine Gruppe gründen. Meine Damen und Herren, wir vom Bezirksverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Karlsruhe e.V. haben schon vor mehr als hundert Jahren eine Gruppe gegründet. Indem ich so rede wird klar, dass das Vereins-Wir ein besonderes Wir ist, eines, das Personen mit einschließt, die längst nicht mehr unter uns weilen. Heterogen ist das Vereins-Wir aber nicht nur hinsichtlich des körperlichen Zustands seiner Mitgliederschaft. Mit den Toten könnte man ja gerade noch leben. Wie aber sieht das mit den Lebenden aus. „Dann freun wir uns und gehen weiter / Und denken noch beim Küssegeben: / Wie nah sind uns manche Toten, doch / Wie tot sind uns manche, die leben“, so trieb ein anderer Gitarrenpoet, Wolf Biermann, in seiner „Ballade vom Hugenottenfriedhof“ ebenso verblüffend wie treffsicher die real existierenden Paradoxien des soziokulturellen Beisammenseins auf ihre dialektische Spitze. Es lässt sich schwerlich leugnen, dass wir es bei einem Künstlerverein wie dem BBK-Karlsruhe mit einem Fall freiwilliger Zwangskollektivierung zu tun haben. Bedächtige Eigenbrötler sitzen im Vorstand mit dynamischen Teamworkerinnen am selben Tisch, sogenannte Autodidaktinnen konkurrieren mit ehemaligen Meisterschülern um die Gunst des größtenteils ungelernten Publikums, hemmungslose Egomanen trinken mit hoffnungslosen Altruistinnen aus ein und derselben Kaffeekanne, leicht verspätete Klassizisten teilen mit vielleicht zu früh gekommenen Akademieabsolventinnen Ausstellungswände und öffentliche Gelder. Ich habe die nicht allzu gewagte These hier bereits anlässlich der Ausstellungseröffnung vor drei Wochen formuliert: Hätten sich Polke und Richter vor 42 Jahren zwecks Erlangung der von ihnen selbst aufgelisteten Vorteile einfach dem BBK angeschlossen, anstatt die Gründung der „Gruppe 63“ anzustreben – es wäre wohl für alle Beteiligten eine interessante Erfahrung geworden.

Wer von den Existenzbedingungen im Soziotop des Künstlervereins reden möchte, der wird von den klimatischen Verhältnisse im wirklichen Leben außerhalb der berufsständischen Treibhaussituation nicht schweigen können. Versuchen wir uns also ein Bild von der Lage zu machen.

Bilder, die nie einer gesehen hat, sind ebenso fragwürdige Existenzen wie Götter, an die noch niemand oder niemand mehr glaubt. Nur wer seine Werke ausstellt, überwindet den, wie Hannah Arendt es nennt, „privativen“, den beraubenden Charakter des Privaten als dem weltfernen Ort. Arbeiten, die das Atelier nicht verlassen, sind in gewissem Sinn nicht wirklich da, weil nicht Teil der von jedem erfahrbaren Welt. Wer seine Werke nicht publiziert, beraubt sich erstens „der Wirklichkeit, die durch Gesehen- und Gehörtwerden entsteht“, zweitens „einer ‚objektiven‘, d.h. gegenständlichen Beziehung zu anderen“ und er begibt sich „schließlich der Möglichkeit etwas zu leisten, das beständiger ist als das Leben“ selbst. Nachzulesen in Hannah Arendts „Vita activa oder Vom tätigen Leben“, zuerst veröffentlicht 1958. Dass es Individuen gibt, zumindest in der Literatur gibt es diese, die wie ein gewisser Atzbacher in Thomas Bernhards „Alte Meister“ unter einem „Nichtveröffentlichungszwang“ leiden, weist nur darauf hin, dass auch im Publikationsgebaren tendenziell pathologische Ausnahmen von der Regel zu bemerken sind. Der gewagte Schritt der Künstlerinnen und Künstler aus der mehr oder weniger dunklen Verborgenheit des Ateliers hinaus ins, wie man wohl sagen muss, Zwielicht der Öffentlichkeit scheint somit nicht nur für erklärte Weltkinder unumgänglich zu sein. Von einem anderen, in Karlsruhe ansässigen Philosophen wird dieser Schritt auch als Wurf vorgestellt, von dem dann zu hoffen ist, dass es ein großer gewesen sein möge, der aber zunächst und vor allem dem Werfer und der Werferin die Chance gibt, „in die Lichtung hervorzutreten“ und so als Athlet überhaupt erst wahrgenommen zu werden. (Peter Sloterdijk: „Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen“, 1988)

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Kunst existiert in der Öffentlichkeit oder sie existiert nicht. Wir müssen also mit unseren Erzeugnissen raus aus den Ateliers, die Frage ist nur, was erwartet uns draußen.

Während der Mensch als Künstler das bereits erwähnte Privileg hat, Arbeiten auch nicht zu produzieren und hervorgebrachte Werke womöglich der Welt vorzuenthalten, hat der Mensch als Rezipient nicht in jedem Fall die dementsprechende Freiheit, Begegnungen mit künstlerisch Produziertem nach Belieben zu suchen oder zu meiden. Nicht erst seit Wirtschaftswissenschaftler die „wechselseitige Durchdringung […] von Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft“ fordern (so zum Beispiel Rolf Funk, zitiert nach einem BNN-Artikel), wird Öffentlichkeit für Kunst allerorten und jederzeit betont zwanglos und das heißt quasi erzwungenermaßen hergestellt. Was in den Geldinstituten und Rathäusern begann, ist mittlerweile bis in die Kirchen, Schwimmbäder und öffentlichen Verkehrsmittel vorgedrungen: Ausstellung ist überall. So konnte man vor einiger Zeit in einem BNN-Artikel lesen, dass eine Malerin einen ganzen Tag lang ahnungslosen Straßenbahnbenutzern ihre gleichfalls mitfahrenden Bilder erklärt hatte. Dagegen ist die Erzwingung der Kenntnisnahme intimer Details aus dem offenbar nicht mehr privaten Leben straßenbahnfahrender Mobilnetzuser ein vergleichsweise harmloses Delikt. Josef Beuys wollte seinerzeit Ähnliches nur einem Versuchs-Hasen und diesem auch nur posthum zumuten.

Als Zumutung empfindet mancher Kunstverächter, aber erst recht der fortgeschrittene Kunstliebhaber womöglich auch die bereits erwähnten, allerorts üblich gewordenen Ausstellungen in Rathäusern und anderen öffentlichen Gebäuden. Im Herbst 2003 hörte ein sonntägliches Vernissagen-Publikum den Bürgermeister einer Gemeinde bei Karlsruhe den Umstand loben, dass die ortsansässige Bevölkerung während einer im Rathaus stattfindenden Ausstellung beim Behördengang den Galeriebesuch gleich mit erledigen könne. Wohl dem, der in einer Gemeinde lebt, die ihm auf diese Weise Wege erspart. Für das bekannte Gemälde von Barnett Newman „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue“ („Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau“) eröffnen sich im Lichte dieser Entwicklung neue Interpretationsnotwendigkeiten. Nun, da die Kunst immer leutseliger wird und an allen möglichen und unmöglichen Orten um unsere immer schwerer zu erlangende Aufmerksamkeit wirbt, droht die noch hie und da aus alter schlechter Gewohnheit phantasierte angebliche Angst des Bürgers vor der Museumsschwelle umzuschlagen in den am eigenen Leibe erfahrbaren Horror des zwangsweise zum Rezipienten gemachten Straßenverkehrsteilnehmers vor der Kunst selbst.

Ein neuer Bildersturm scheint jedoch vorerst, aber auch auf längere Sicht nicht zu erwarten zu sein. Der epidemieartigen Ausbreitung kunstallergischer Reaktionen wirkt die bereits erwähnte Tendenz zum Verschwinden der Kunst in der allgemeinen Kunstartigkeit unserer städtischen Umgebungen entgegen. Peter Sloterdijk prognostiziert: In einer zunehmend künstlicher werdenden Welt wird es kein Bedürfnis und wohl auch keine Möglichkeit mehr geben, Kunst von Nicht-Kunst zu unterscheiden. Wo aber Kunst als solche nicht mehr identifizierbar ist, stehen auch keine entsprechenden Abwehrreaktionen zu befürchten.

Die Kunst der Maler und Bildhauer ist in einer immer lückenloser durchgestylten Umgebung im wörtlichen Sinn nichts Besonderes mehr. Der Anspruch der traditionellen Kunst, etwas Besonderes zu sein, wird mittlerweile durch die Alltäglichkeit von kunstvoll Gestaltetem in Frage gestellt. Allgemein und alltäglich ist der Gestaltungswille insofern als viele ihn haben (es gibt immer mehr Künstler bzw. solche, die sich dafür halten), aber auch insofern als die Gestaltungsroutinen immer mehr Umgebung mit einbeziehen.

Im Zuge der Profanisierung und Veralltäglichung von Kunst gerät der traditionelle Künstler zunehmend in die Rolle eines Kunsthandwerkers, der Bekanntes und oft allzu Bekanntes mehr oder weniger gelungen reproduziert und neuerdings sogar in eigener Person auf Messen feilbietet. Die Ähnlichkeiten zwischen einer Künstlermesse und dem mittlerweile ein wenig aus der Mode gekommenen Töpfermarkt sind ebenso offensichtlich wie beunruhigend (falls man dazu neigt, sich beunruhigen zu lassen). Wir vermarkten unsere Produkte jetzt zunehmend selber, der Galerist wird als Zwischenhändler und Qualitätsgarant in Frage gestellt oder an den Rand gedrängt. Künstler stehen immer mehr für die Qualität ihrer Produkte selbst ein, wie überall kauft der Konsument nicht mehr im Fachgeschäft, sondern am liebsten direkt am Factory Outlet oder via ebay. Auch dies ein Zeichen dafür, wie gewöhnlich die sogenannte Kunst mittlerweile geworden ist – man beachte, wie gesagt, im Gegenzug dazu die Verungewöhnlichung des Gewöhnlichen.

Der traditionelle Künstler verliert nach und nach die letzten noch glimmenden Reste seines Nimbus und wird zum Produzentenlieferanten für den Bedarf des gekonnten Wohnens, sei dies nun das individuelle Wohnen innerhalb eines Gebäudes oder das kollektive Wohnen im erweiterten Interieur des öffentlichen Raums. Ob man dann das Bild nach Vorgabe des Designersofas auswählt oder sich ein Sofa nach Vorgabe der kürzlich erstandenen Aquarelle von Chagalls Urenkeln eigens bauen lässt, bleibt eine Frage der individuellen Präferenzen und Möglichkeiten. Eines aber ist klar: es geht hier um Entscheidungen im Rahmen eines erweiterten Begriffs von Kunst und Gestaltung. Wer heute noch die Nase darüber rümpft, dass das Bild passend zum Teppich ausgewählt wird, so als würde man hier die Prioritäten falsch setzen, der hat nicht verstanden, dass der Spießbürger lange vor dem Bildungsbürger und dem Künstler erfasst hat, dass Kunst die Tendenz in sich trägt, ihren Rahmen im wörtlichen Sinn zu sprengen und die Umgebung als Teil des zu gestaltenden Feldes mit einzubeziehen. Heute vollzieht die Kunst das nach, was der vermeintliche Spießer immer schon wusste: das Bild endet nicht an der hard edge des Bildrandes, sondern hat in sich den Drang, das Ganze sein zu wollen.

In einer Umgebung, die eine Art Gesamtkunstwerk darstellt, werden das Tafelbild und die Plastik zu Kunstdingen neben anderen Kunstdingen, der Unterschied zwischen „echter“ Kunst, Hobbykunst, Camouflage-Kunst und kunstvoll gestalteten Gegenständen bis hin zu denen vom Typ Schaufensterdekoration kann nur noch von Fachleuten und von diesen manchmal auch nur mit Mühe wahrgenommen werden. In dieser Situation fangen, so darf man vermuten, vorübergehend die Gütesiegel an, eine hervorragende Rolle zu spielen – ein Akademiediplom, das Auflisten von exklusiven Ausstellungsorten, ja sogar der Hinweis auf die Mitgliedschaft im Berufsverband Bildender Künstler bei ebay soll Anbietern einen gewissen Marktvorteil verschaffen.

Wenn Kunst heute überall mit von der Partie und auf jeder Party dabei sein will, wenn sie mehr und mehr zu ihrer eigenen Reklame wird und daher von anderen Reklamen nicht mehr zu unterscheiden ist, wenn die „Kunst“ und ihre Umgebung den gleichen Grad an gestalterischer Raffinesse aufweisen, wenn also die Fähigkeit wie auch das Bedürfnis, zwischen Kunst und Nicht-Kunst zu differenzieren nur noch bei den am längsten und am besten trainierten Rezipienten anzutreffen ist, dann ist es trotz alledem nicht an der Zeit, zum defensiv-restaurativen Rückzug in die Museen und Künstlerhäuser, in die Zirkel und Vereine derer, die es angeblich oder tatsächlich besser wissen und besser können, aufzurufen. Es liegt mir fern, Ratschläge für einen angeblich richtigen, gewissermaßen kulturpolitisch korrekten Umgang mit Kunst zu geben. Und mein gedankliches Umherirren in der zeitgenössischen Kunstlandschaft endet nicht mit dem von einem Aufatmen des Publikums begleiteten Einzug in die bergenden Festungen der Berufsverbände und GEDOKen als den Orten, wo man noch weiß, was das Gute, Wahre und Schöne ist und nach welchen Kriterien es anzufertigen und zu erkennen sei. Ein relativ hohes Maß an Orientierungsnot, ja sogar an Orientierungslosigkeit im Felde der so genannten Kunst muss heute billigend in Kauf genommen werden. Dies klingt resignativ, ist aber durchaus aufmunternd gemeint.

Zu den Problemen mit der Gegenwart, kommen im Falle des BBK auch noch die Probleme mit der Vergangenheit. Künstler- und Künstlerinnenvereine vom Typ BBK-Karlsruhe und GEDOK-Karlsruhe sind, wie eingangs schon angedeutet, auch Erbenvereine und Nachlassverwaltungen, der BBK wahrscheinlich in höherem Maße als die GEDOK. Unsere Ausstellung in diesem Hause gibt ein praktisches Beispiel für tätige Nachlassverwaltung. Wir Vereinsmeier werden potentiell konfrontiert mit der Last und der Lust, Erben zu sein. Die grundsätzlich gut zu heißende Orientierungsnot, von der ich gesprochen habe, wird dadurch kaum gemildert. Eine gewisse Trägheit bei der Wahrnehmung, Aufnahme und Integration des jeweils Aktuellen mag als praktische Folge des institutionellen Angebundenseins an Denk- und Handlungsgewohnheiten der Altvorderen je nach Standpunkt zu begrüßen oder zu beklagen sein. Von der Aufgabe, sich der heute herrschenden Unübersichtlichkeit und Beliebigkeit zu stellen und individuell und kollektiv darauf zu reagieren, entbindet dieser konservative Grundzug den Künstler als Vereinsmeier nicht. Wenn mich nicht alles täuscht, dann stehen Künstlervereine wie der Künstlerbund Baden-Württemberg, dessen Leistungsschau bis vor einer Woche in der Städtischen Galerie erlebbar war, momentan vor ähnlichen Problemen.

Meine Damen und Herren, es gibt bei diesem Vortrag kein Happy End in Form einiger zukunftsweisender Postulate. Unzeitgemäß erweist sich der Künstler als Vereinsmeier insbesondere als Folge der Tatsache, dass er sich mit Rücksichtnahmenotwendigkeiten konfrontiert sieht, die ein unbefangenes Agieren im Raum der aktuellen Möglichkeiten deutlich erschweren. Dass die Spontaneität und die Intuition Einzelner im Morast der Vereinsgremien stecken bleibt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Dass der Kampf des Neuen gegen das Alte, um eine museumsreif gewordene Metapher des historisch-dialektischen Materialismus zu bemühen, nicht selten zugunsten des Alten entschieden wird, ebenso. Die gelegentlichen Rücksichtnahmen, die sich aufgrund der ebenso geschätzten wie dringend benötigten finanziellen Unterstützung aus öffentlichen Kassen ergeben, seien hier nur am Rande erwähnt (in der Tat haben wir dem Kulturreferat keinen inhaltlichen Rechenschaftsbericht vorzulegen). Zwischen der Skylla allgemeiner Orientierungsnot und der Charybdis ererbter Traditionspflege ist das Schifflein des BBK immer wieder munter hindurchgesteuert. Ansonsten war der Kurs des Vereinsboots wohl öfter als nötig bestimmt durch zufällig sich bietende Ausflugsziele. Der Künstler als ein an Entscheidungen im Verein aktiv beteiligter Vereinsmeier gleicht eben immer wieder dem Jongleur, der mit Federbällen, Chinavasen und Briefbeschwerern gleichzeitig hantieren soll. Die hohe Kunst solcher Jonglage beherrschen nur die wenigsten.

Das Happy End, das ich Ihnen anbieten kann, muss notwendigerweise bescheiden ausfallen. Da es mit Pragmatismus zu tun hat, handelt es sich wohl auch eher um einen Happy-End-Ersatz. Der Künstler als Vereinsmeier sollte, wie ich finde, seine Doppelrolle als Künstler und als Vereinsmeier bewusster ins Auge fassen und die Vorteile dieses Sowohl-als-auch klarer als bisher erkennen. Die Chance der Vereinsmeierei liegt nicht zuletzt in einer besonderen, innerhalb der Vereinsblase gegebenen Kommunikationssituation. Das lateinische communicare heißt auch so viel wie in Gemeinschaft treten. Am historischen Anfang der künstlerischen Berufsverbände stand das kollegial-gesellige Beisammensein im gewinnorientiert betriebenen Vereinslokal übrigens an oberster Stelle. Dass Künstlervereine Ausstellungsmöglichkeiten bieten, ist eine Neuerung der 1970er Jahre. Die Devise wird nun allerdings nicht lauten: zurück zu den Quellen, beziehungsweise: zurück zu den Zapfhähnen, Weinfässern und Festsälen des 19. Jahrhunderts.

Die Devise, wenn denn eine zu formulieren sein sollte, verbirgt sich vielleicht zwischen den Zeilen eines Satzes von Thomas Bernhard. Er steht in seinem bereits erwähnten Roman „Alte Meister“, wo es heißt: „unser Leben ist genau in dem Grade interessant, in dem wir unsere Redekunst wie unsere Schweigekunst haben entwickeln können.“ Was für das Leben im Allgemeinen gültig ist, wird für das Vereinsleben im Besonderen nicht ungültig sein. Interessant würde die Sache dann, wenn es uns gelänge, in ein angeregtes und anregendes niveauvolles Gespräch über sie zu kommen, wobei mit der Sache nicht allein und auch nicht in erster Linie Fragen der Vereinssatzung gemeint sein können. Sondern die Sache, über die zu sprechen und zu schweigen wäre, ist natürlich die Kunst und alles, was damit zusammenhängt (also letzten Endes alles). Die Schweigekunst, die nach Thomas Bernhard zusammen mit der Redekunst zu entwickeln wäre, mag hier als Synonym für die künstlerische Praxis im engeren Sinn stehen, ist doch die Kunst das, was vor und nach allen Paraphrasierungsversuchen gewissermaßen sprachlos für sich selbst spricht. Meine Überlegungen zielen also keineswegs auf die Umbenennung des BBK in, wie man in Karlsruhe wohl sagen dürfte, „Bezirksverband Babbelnder Künstlerinnen und Künstler e.V.“

Der Künstler als Vereinsmeier, wie ich ihn mir denken will und kann, wäre einer, der den Verein nutzt, um während der Arbeit im Gespräch und in der Auseinandersetzung über die Arbeit und deren Voraussetzungen und Folgen zu bleiben, um es einmal möglichst allgemein zu formulieren. Wie trivial oder nicht-trivial diese Arbeitsgespräche dann sein werden, hängt von den Gesprächsthemen, den Gesprächspartnern und den Gesprächssituationen ab. Das Vereinslokal wäre dann nicht mehr nur Verwaltungs- und Ausstellungsort, sondern auch Forum, Bühne, Kino, Labor, Seminar und Kirche – meinetwegen auch Schlachtfeld und Jahrmarkt, Tanzboden und Festzelt. Ausstellungen, die in diesem Rahmen stattfänden, hätten immer auch etwas von Versuchsanordnungen. Der Vielfalt und Kurzatmigkeit der Kunstübungen draußen entspräche vereinsintern eine permanent neu zu gewinnende situative Offenheit.

Der bereits mehrfach offen und verdeckt hinzugezogene Peter Sloterdijk konstatiert, es „geht in der Kunst um das Zeugnis und dann erst um die Kreation“ („Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen“, S. 21). Wenn dem so ist, dann wird es gerade auch im Künstlerverein sinnvoller Weise nicht vordringlich um die periodische Zur-Schau-Stellung von dinghaften Kreationen gehen können, auch wenn, wie Hannah Arendt sagt, es unsere Werke sind, über die wir in eine „‚objektive[…]‘, d.h. gegenständliche[…] Beziehung“ zu einander treten. Die Explikation des mit unserer objektiven Produktion implizit Gegebenen, wäre dann das Projekt hinter den Projekten, wäre das unausgesprochene Thema, die stillschweigende Voraussetzung von Ausstellungen und anderen Vereinsaktivitäten.

Unsere Satzung benennt als Zweck des Verbands die Förderung der Kunst im Allgemeinen und der bildenden Künste im Besonderen. Wer würde dem nicht spontan zustimmen wollen. Aber von Detailfragen einmal abgesehen, habe ich den Eindruck, dass man am Strang der Bildende-Kunst-Förderung heute gar nicht mehr ziehen muss, die Sache hat eine explosionsartige Eigendynamik entwickelt und springt einem von sich aus ständig entgegen, was nicht heißt, dass Einzelpersonen und Einzelinstitutionen es immer und überall leicht hätten. Förderungsbedarf sehe ich heute weniger bei der Kunst, verstanden als die Welt der Werke, als beim Künstler, weniger auf der sachlichen als auf der geistig-gedanklichen Ebene. Ein Verein wie der BBK böte die Möglichkeit dazu. Da das Geistige aber in der Kunst selbst, wie man nicht erst seit Kandinsky weiß, zu lokalisieren ist, wäre dazu erfreulicherweise noch nicht einmal eine Satzungsänderung nötig.