Daily Dali 6 – Das erste Atelier

„Seit einiger Zeit fragte mich meine Mutter: ‚Schatz, was möchtest du gern? Schatz, was wünschst du dir?‘ Ich wußte, was ich wollte. Ich wollte eines der beiden Waschzimmer oben auf dem Dach, die zur Terrasse gingen und, da sie nicht mehr benutzt wurden, bloß noch Lagerräume waren. Und eines Tages bekam ich es und durfte es als Atelier benutzen. Die Hausmädchen gingen hinauf, räumten alle Sachen heraus und steckten sie in einen nahen Hühnerkorb. Und am nächsten Tag konnte ich von der Waschküche Besitz ergreifen, die so klein war, daß das Zementbecken fast den ganzen Raum einnahm, bis auf die Standfläche, die unbedingt für die Wäscherin benötigt wurde. Aber die äußerst begrenzten Abmessungen meines ersten Ateliers entsprachen perfekt den Erinnerungen an die intrauterinen Freuden, die ich beschrieben habe.
xxxxxDemgemäß richtete ich mich dort folgendermaßen ein: Meinen Stuhl setzte ich in das Zementbecken, und das hochstehende Holzbrett (das die Kleidung der Wäscherin vor dem Wasser schützt) legte ich waagrecht oben drüber, so daß es das Becken halb bedeckte. Das war mein Arbeitstisch! An sehr heißen Tagen zog ich mich manchmal aus. Dann brauchte ich nur den Hahn aufzudrehen, und das Wasser, das das Becken füllte, stieg an meinem Körper bis zur Gürtellinie hoch. Dieses Wasser, das aus einem Reservoir kam, auf das den ganzen Tag die Sonne brannte, war lauwarm. Man fühlte sich wie in Marats Badewanne.“ (S. 92 ff.)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)