Daily Dali 27 – Der September septemberte Wein und Maienmonde

„Sooft wir uns trafen, schienen wir einander zu sagen: ‚Wir müssen es hinter uns bringen!‘ Schon waren im einsamen Echo der Berge die Schüsse der Jäger zu hören, und auf den zum Verzweifeln ebenmäßigen und heiteren Augusthimmel folgten nun die Quellwolkendämmerungen des Herbstes, den es schon nach der nahenden saftvollen Weinlese unserer Leidenschaft dürstete. Gala saß auf einer Trockenmauer und aß dunkle Trauben. Es war, als werde sie mit jeder neuen Traube strahlender und schöner. Und mit jedem neuen schweigsam gerundeten Nachmittag unserer Liebesidylle fühlte ich, wie Gala im Einklang mit den Weintrauben an Süße gewann. Selbst Galas Körper fühlte sich an, als bestehe er aus dem ‚fleischgewordenen Himmel‘ einer goldenen Muskatellertraube. Morgen? dachten wir beide. Und als ich ihr zwei neue Trauben brachte, ließ ich sie wählen – weiß oder rot?“ (S. 294 f.)

„die Todesstunde, als Ziel der Prozession der Alterssymptome, die jener vorausgehen und auf sie vorbereiten.“ (S. 298)

„In diesem Buch möchte ich nur eine einzige Person sezieren – mich selbst! – und diese Vivisektion meines Ego vollziehe ich nicht aus Sadismus oder Masochismus, sondern aus Narzißmus. Ich vollführe sie mit Geschmack – meinem eigenen – und auf jesuitische Art. […]
xxxxxWir wollen deshalb Dalis Vivisektion ästhetisch und kunstvoll vornehmen und die Knochen vor Nüchternheit glänzen lassen, und zwar genau dort, wo es die herzzerreißendste Wirkung hervorbringen kann. ‚Man konnte seinen Knochen sehn! Man konnte seinen Knochen sehn! Man konnte den Knochen an der Spitze seiner dicken Zehe sehn!‘ [„Katalanisches Lied“]“ (S. 298 f.)

„Der September ’septemberte‘ Wein und Maienmonde; die Septembermonde säuerten den Mai meines Alters, das Alter erntete die Trauben der Leidenschaft …“ (S. 301)

„So entwöhnte mich Gala vom Verbrechen und heilte meine Verrücktheit. Danke! Ich will dich lieben! Ich wollte sie heiraten.
xxxxxMeine hysterischen Symptome verschwanden eins nach dem anderen wie von Zauberhand. Ich wurde wieder Herr meines Lachens, meines Lächelns und meiner Gesten. Im Zentrum meines Geistes wuchs eine neue Gesundheit heran, taufrisch wie eine Rose.“ (S. 301)

(Aus: Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)