Daily Dali 25 – Von Krankheit, Narrheit und Narrheiten

„Es ist eigenartig, daß ich jedesmal, wenn ich Leute zu lange über die Französische Revolution reden hörte, am folgenden Tag krank wurde.“ (S. 261)

„Ein Mensch, der wirklich Herr der Lage ist, wird niemals krank, selbst wenn sein Organismus zunehmend geschwächt, erschöpft und anfällig wird.“ (S. 265)

Nach einer Halluzination, bei der er eine Frau auf seinem Bett sitzen sieht, umwirbt Dali das Irrationale und kultiviert seine zunehmende psychische Abnormität: „Später, als ich einsah, daß die Früchte dieser Narrheit mein Leben in Unordnung zu bringen drohten, und so stark wuchsen, daß es schien, sie könnten mir die Luft zum Atmen nehmen, verstieß ich die Narrheit mit heftigen Tritten und unternahm einen Kreuzzug, um meinen ‚Lebensraum‘ zurückzuerobern. […] Das ‚Irrationale‘ also, das ich zunächst mit allen einer echten Gottheit gebührenden Ehren und Zeremonien behandelte, verwarf ich bereits nach einem Jahr völlig.“ (S. 271)

Die Surrealisten mit in den von ihm zelebrieten Untergang des Irrationalen zu reißen, gelingt Dali nicht. Diese zerstören sich, so Dali, vielmehr selbst durch „ihre politische Befangenheit wie durch ein Krebsgeschwür“. „Ich sah, daß ich fortan ohne jede Hilfe würde siegen oder untergehen müssen.“ (S. 271, Anmerkung)

Um 1929 zuhause in Figueras und Cadaquès: „In meiner Liebe zur Ausstaffierung hatte meine Zeit in Madrid wirklich ihre Spuren hinterlassen. In meinem Zimmer war ich immer vollkommen nackt, aber sobald ich im Dorf etwas zu besorgen hatte, brachte ich eine ganze Stunde damit zu, mich herauszuputzen, bekleisterte mein Haar mit Pomade, rasierte mich mit manischer Sorgfalt, trug immer frisch gebügelte weiße Hosen, extravagante Sandalen und reinseidene Hemden. Ich trug auch eine Halskette aus falschen Perlen und am Handgelenk ein Band aus Metallbrokat. Für den Abend hatte ich mir nach eigenem Entwurf Hemden aus festerem Stoff anfertigen lassen mit tiefem Ausschnitt und weiten Ärmeln, die mir ein ganz und gar feminines Aussehen gaben.“ (S. 275)

Dali hat sich mit Paul Eluard, dessen Frau Gala und einigen Surrealisten-Freunden zum Schwimmen verabredet und macht sich dafür zurecht. Seiner Zeit weit voraus, schneidet er sein bestes Hemd unten ab und reißt Löcher hinein: „Nachdem ich das Hemd an allen geeigneten Stellen zerrissen hatte, stand ich vor dem großen Problem der Gestaltung des Hemdkragens: Sollte ich ihn offen oder geschlossen lassen? Keins von beiden. Ich schloß den obersten Knopf, schnitt aber den Kragen mit einer Schere ganz ab. Das schwierigste Problem war jedoch die Badehose, die mir zu modisch vorkam und unmöglich zu jener Mischung aus bettelarmem Maler und exotischem Araber, die ich aus mir zu machen versuchte, paßte. Da kam mir der Gedanke, die Badehose umzudrehen. Sie war mit weißer Baumwolle gefüttert, die durch die Oxydierung meines Gürtels mit Rostflecken verfärbt war.
xxxxxWas sonst konnte ich noch zu dem notgedrungen begrenzten ‚Thema‘ eines Schwimmkostüms beitragen? Aber ich hatte ja gerade erst angefangen.“
xxxxxEs wurde dann eine Kreation aus Kleidungsfragmenten, Wunden und Blut, umweht von einem Parfum aus Fischleim, Ziegenmist und Lavendelöl, das dem „anmaßend potente[n] Duft eines Widders“ ähnelte, der auch an diesem Morgen in Mitten seiner Herde an Dalis Fenster vorbeigezogen war. (S. 276 ff.)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)