Daily Dali 24 – Salvador in der Métro und im Kino

„In dieser Gruppe [junge Maler, die der Kunsthändler Pierre Loeb unter Vertrag hatte, L. R.] meinem Gedächtnis vollkommen entschwundener Gesichter war die einzige Persönlichkeit der Maler Pavel Tchelitchew; auf dem Heimweg war er derjenige, der mich in die erste Métro bugsierte, die ich in meinem Leben benutzt habe. Um nichts in der Welt wollte ich sie betreten. Meine Furcht ließ ihn so herzlich lachen, daß seine Augen in Tränen schwammen. Als er mir ankündigte, er müsse eine Station vor der meinen aussteigen, klammerte ich mich verängstigt an seinen Mantel. ‚Sie steigen an der nächsten Haltestelle aus‘, wiederholte er mir mehrfach. ‚Sie sehen das Schild Ausgang in großen Buchstaben. Dann gehen Sie ein paar Stufen hoch und hinaus. Im übrigen brauchen Sie nur den Leuten zu folgen, die mit Ihnen aussteigen.‘
xxxxxUnd wenn niemand ausstieg?
xxxxxIch kam an, steig hoch und ging hinaus. Nach dieser schrecklichen Bedrückung in der Métro kam mir alles ganz leicht vor. Tchelitchew hatte mir soeben den Weg durch den Untergrund gezeigt, und damit genau die Formel für meinen Erfolg. Von nun an sollte ich immer die okkulten, esoterische Untergrundbahnen des Geistes benutzen.“ (S. 258)

Le chien andalou [Film mit Luis Buñuel (1928), L. R.] war der Film von Jugend und Tod, den ich dem geistreichen, eleganten und intellektualisierten Paris mit der ganzen Realität und der vollen Wucht des iberischen Dolchs mitten ins Herz stoßen wollte, dessen Heftholz aus dem blutroten, versteinerten Boden unserer Vorgeschichte gewachsen und dessen Klinge in den inquisitorischen Flammen der Heiligen Katholischen Inquisition geschmiedet ist unter den Lobgesängen des glühenden Stahls der Auferstehung des Fleisches.“ (S. 259)

„Der Film hatte den von mir gewünschten Erfolg. Meiner Voraussage gemäß drang er wie ein Dolch in das Herz von Paris. An einem einzigen Abend machte unser Film ein Jahrzehnt pseudo-intellektuellen Nachkriegs-Avantgardismus zunichte.
xxxxxDiese Gemeinheit, die man so konkret abstrakte Kunst nennt, fiel uns tödlich verwundet vor die Füße, um nie wieder aufzustehen, nachdem sie gesehen hatte, wie ‚das Auge eines Mädchens von einer Rasierklinge durchschnitten wird‘ – so begann der Film. Es war kein Platz mehr in Europa für die manischen Rechteckchen von Herrn Mondrian.“ (S. 260)

„Der chien andalou lenkte mich von meiner gesellschaftlichen Karriere ab, in die mich Joan Miró gerne eingeführt hätte.
xxxxx‚Ich fange lieber mit verwesten Eseln an‘, sagte ich zu ihm. ‚Das ist das Dringlichste; das andere kommt dann von selbst.‘
xxxxxIch täuschte mich nicht.“ (S. 261)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

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