Daily Dali 23 – Picasso, Bordelle, Miró

„Als ich Picassos Wohnung in der Rue de la Boétie [in Paris im April 1926, L. R.] betrat, war ich so tief bewegt und voller Respekt, als sei ich beim Papst in Audienz.
xxxxx‚Ich bin zu Ihnen gekommen, bevor ich den Louvre besuchte‘, sagte ich.
xxxxx‚Daran tun Sie recht‘, antwortete er.
xxxxxIch hatte in kleines, sorgfältig verpacktes Gemälde mitgebracht, Das Mädchen aus Figueras. Er schaute es sich mindestens fünfzehn Minuten lang ohne irgendeinen Kommentar an. Danach stiegen wir ein Stockwerk hinauf, wo mir Picasso zwei Stunden lang zahlreiche seiner eigenen Bilder zeigte. Er ging hin und her, zog große Leinwände hervor und stellte sie auf die Staffelei. Dann holte er aus einer Unmenge von reihenweise an die Wand gelehnten Leinwänden weitere herbei. Ich sah, daß er sich besonders große Mühe gab. Vor jeder Leinwand warf er mir einen Blick von solcher Lebhaftigkeit und Intelligenz zu, daß ich erzitterte. Ich schied von ihm, ohne meinerseits den geringsten Kommentar geäußert zu haben.
xxxxxZuletzt, als wir uns auf dem Treppenabsatz verabschiedeten, tauschten wir einen Blick miteinander, der genau folgendes ausdrückte:
xxxxx‚Haben Sie verstanden, was ich will?‘
xxxxx‚Ich habe verstanden!'“ (S. 253 f.)

„Für mich muß […] Erotisches immer häßlich, Ästhetisches immer göttlich und der Tod schön sein.“ (S. 255)

1928 zum zweitenmal Paris angekommen, lässt sich Dali als erstes von einem Taxifahrer verschiedene Bordelle zeigen:
xxxxx„Gefiel mir auch die Innenausstattung der Bordelle über die Maßen, die in ihnen angebotenen Mädchen schienen mir unangemessen. Ihre nüchterne und vulgäre Art stand genau im Gegensatz zu dem Muster an Eleganz, das die Grundbedingung meiner libidinösen Phantasien bildet. Ich schlug das Bannkreuz über diese Mädchen, die so gewöhnlich waren, daß sie, wenn auch vielleicht schön, stets, ganz gleich zu welcher Zeit, mit einer Miene im Salon erschienen, als bedauerten sie, daß man sie gerade aus dem Schlaf gerissen habe, den sie nun noch zwischen den Zähnen kauten. Man konnte also nur die durch das Dekor geschaffene Atmosphäre genießen und sich äußerstenfalls als ‚Gehilfin‘ eine jener Kreolinnen vom Dienst mit dem tierischen Dauerlächeln nehmen. Man hätte sich die Frauen woanders suchen und hierher bringen sollen.“ (S. 255)

Joan Miró führt Dali in die Pariser Künstler-Szene ein:
xxxxx„Die Rechnung im Bateau Ivre bezahlte Miró mit einer Lässigkeit, um die ich ihn beneidete; dann gingen wir nach Hause, wir beide allein. ‚Es wird hart für Sie werden‘, sagte er zu mir, ‚aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Reden Sie nicht zu viel (da begriff ich, daß sein Schweigen vielleicht nur Taktik war), und versuchen Sie, etwas Sport zu treiben. Ich habe einen Boxlehrer und trainiere jeden Abend.‘
xxxxxZwischen den einzelnen Sätzen pflegte er den Mund zu einem Ausdruck von Energie zusammenzuziehen.
xxxxx‚Morgen werden wir Tristan Tzara, den einstigen Führer der Dadaisten, besuchen. Er hat viel Einfluß. Vielleicht wird er uns zu einem Konzert einladen. Das müssen wir ablehnen. Musik müssen wir meiden wie die Pest.‘
xxxxxEr schwieg eine Weile, dann begann er erneut zu sprechen.
xxxxx‚Das Wichtigste im Leben ist, hartnäckig zu sein. Wenn bei meinen Bildern nicht das Erwartete herauskommt, stoße ich meinen Kopf vor Wut gegen die Wand, bis er blutig ist.‘ Als er ging, rief er mir ein ‚Salud!‘ über die Schulter zu.“ (S. 257)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)