Daily Dali 22 – Figueras, Madrid, Figueras – Paris?

Im Oktober 1924 kehrte Dali für ein Jahr ins katalanische Figueras zurück. Der Grund dafür war sein befristeter Ausschluss aus der Akademie in Madrid:
xxxxx„Jetzt aber stand ich früh auf, und desto kraftvoller äderte mein Stift mit harter Spitze das Papier, um den Grundstrom meiner Gedanken darauf zu übertragen; je mehr ich allen Versuchungen des Körpers zu widerstehen vermochte, desto besser konnte ich die Kräfte meiner Libido kanalisieren und mit ihnen die Streitkräfte für den Kampf, Widerstand und Triumph im Kreuzzug der Intelligenz anschwellen lassen, welcher mich eines Tages zur Eroberung des Königreichs meiner eigenen Seele führen sollte; je mehr ich mich auslaugte und meinen Körper zu verleugnen verstünde, desto schneller würde ich altern.
xxxxxAm Ende des außerordentlich heißen Sommers war ich zum Skelett abgemagert. […] Ich war tatsächlich eine Art Ungeheuer, das anatomisch nur aus Auge, Hand und Hirn bestand.“ (S. 246)

„Eines Abends [Dali ist seit Ende 1925 wieder in Madrid, L. R.] mußte ich mir die vertraulichen Mitteilungen eines Künstlers anhören, der meine Kunst aufrichtig bewunderte. Naiv und ohne die geringste Zurückhaltung schüttete er mir sein Herz aus, wobei die Einzelheiten seiner Lebensgeschichte einen Fall geistiger Armut offenbarten, die seiner geldlichen Bedrängnis ebenbürtig war.“ (S. 248 f.)

„Nach einem Jahr voller Libertinismus teilte man mir meine endgültige Ausweisung aus der Kunstakademie mit. Diesmal erschien die Sache in einer amtlichen Verlautbarung am 20. Oktober 1926 in La Gaceta, als eine vom König unterzeichnete Anordnung.“ (250)

„An einem Nachmittag preßte ich bis zum letzten Tropfen die ganze Substanz dieser Stadt [Madrid, L. R.] aus, in der es keine Übergänge zwischen dem Volk, der Aristokratie und der Vorgeschichte gibt. Sie leuchtete in dem verkürzenden, durchsichtigen Oktoberlicht wie ein ungeheurer, entfleischter Knochen in leicht blutig-rosa gefärbten Tönen.“ (250)

„Ich beteiligte mich an mehreren Gruppenausstellungen in Madrid und Barcelona und hatte eine Einzelausstellung in der Galerie Dalmau – dieser Galerist war der Patriarch des Avantgardismus in Barcelona und sah aus, als sei er soeben einem Gemälde El Grecos entstiegen.
xxxxxDiese ganze Aktivität [nach 1926, Dali ist ungefähr 23 Jahre alt, L. R.], während der ich keine Sekunde lang mein Atelier in Figueras verließ, erregte die Gemüter zutiefst, und die durch meine Werke ausgelöste Polemik drang bis an die aufmerksamen Ohren von Paris. Picasso hatte mein Mädchen von hinten in Barcelona gesehen und sehr gelobt. In der gleichen Angelegenheit empfing ich einen Brief von Paul Rosenberg mit der Bitte um Photos, die ich ihm aber aus reiner Nachlässigkeit nicht schickte. Ich wußte, daß ich am Tage meiner Ankunft in Paris sie alle mit einem Griff in die Tasche stecken würde. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm von Miró, der im damaligen Paris schon recht berühmt war; er kündigte mir an, er werde mich in Begleitung seines Kunsthändlers Pierre Loeb in Figueras besuchen.“ (S. 252)
xxxxxWährend der Kunsthändler sich vorerst noch bedeckt hält, schreibt Joan Miró (so kann man es jedenfalls bei Dali lesen) an den Vater: „Ich bin absolut überzeugt, daß Ihr Sohn eine glänzende Zukunft hat!“

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)