Daily Dali 21 – Die Rückenlinie ist nicht so wichtig

„Ich habe niemals im Leben eine sehr schöne Frau getroffen, die zugleich sehr elegant war, da das eine das andere per definitionem ausschließt. In der eleganten Frau zeigt sich immer ein gesuchter Kompromiß zwischen ihrer Häßlichkeit, die nicht zu groß sein darf, und ihrer Schönheit, die ‚evident‘ sein muß, aber eben nur evident und kein bißchen mehr. Die elegante Frau kann und muß ohne jene Schönheit des Angesichts auskommen, deren fortwährendes Strahlen wie ein ständiges Trompetensignal ist. Wenn also das Gesicht der eleganten Frau sein exaktes Quantum Stigmata der Häßlichkeit, Ermattung und Unausgeglichenheit (die zusammen mit der Arroganz ihrer ‚Eleganz‘ die faszinierende und eindrucksvolle Kategorie des fleischlichen Zynismus bilden) besitzen muß, so wird die elegante Frau andererseits notwendiger- und unvermeidlicherweise Hände, Arme, Füße und Achselhöhlen von übertriebener Schöhnheit und größtmöglichem Exhibitionismus haben müssen.
xxxxx[…] Sie meinen, daß die Linie der Schultern von größter Bedeutung ist? Das stimmt nicht. Ich gestatte dieser Linie alle Freiheiten, und gleichgültig wie sehr und auf welche Weise sie mich aus der Fassung bringen sollte, ich wäre ihr dankbar.
xxxxxDer Ausdruck der Augen, ja – sehr wichtig; er muß sehr, sehr intelligent sein oder doch so aussehen. Eine elegante Frau mit einem dümmlichen Blick ist undenkbar; andererseits ist einer vollkommenen Schönheit nichts angemessener. Die Venus von Milo ist dafür das beste Beispiel.“ (S. 236 ff.)

„Die elegante Frau muß im übrigen unter der totalen Tyrannei ihrer Eleganz stehen, und ihre Kleider und Juwelen, ihr hauptsächlicher Daseinsgrund, müssen gleichzeitig der Hauptgrund für ihre Erschöpfung und ihr Dahinschwinden sein.“ (S. 238)

„Ja, darauf hatte ich es abgesehen – blasierte, reiche und luxuriöse Geringschätzung.“ (S. 238)

„Stets neue Vorfälle, mehr oder weniger wild, mittelmäßig oder erhaben, werden sich im Zusammenhang mit Kirschen und mit Krücken mein ganzes Leben lang ereignen, bis ich sterbe.“ (S. 241 f.)

„aus Mangel an paranoischer Inspiration“ (S. 242)

Als an der Kunstakademie ein neuer Professor für Malerei eingestellt werden soll: „Ich hätte einen richtigen alten Traditionalisten vorgezogen. Aber das war eine Klasse von Leuten, die verschwunden war, die man völlig ausgerottet hatte.“ (S. 242)

Als vermeintlicher Anführer einer kleinen Revolte an der Madrider Kunstakademie wird Dali für ein Jahr von der Akademie ausgeschlossen. Nach seiner Rückkehr nach Katalonien steckt man ihn dort unter dem Verdacht, ein anarchistisch-monarchistischer Revolutionär zu sein, für ein paar Wochen ins Gefängnis:
xxxxx„Die Zeit der Haft gefiel mir maßlos. Natürlich war ich bei den politischen Gefangenen, und deren Freunde, Glaubensgenossen und Verwandte überhäuften uns mit Geschenken. Jeden Abend tranken wir sehr schlechten heimischen Sekt. […]; ich ließ die Madrider Erlebnisse an mir vorüberziehen und zog aus jedem Vorfall und jeder Einzelheit die philosophischen Konsequenzen. Ich war glücklich, denn ich hatte soeben die Landschaft der Ebene von Ampurdán wiederentdeckt; und während ich durch die Gitterstäbe des Gefängnisses von Gerona auf die Landschaft blickte, erkannte ich plötzlich, daß ich es endlich geschafft hatte, ein wenig zu altern. Das war alles, was ich begehrte, und nur das hatte ich ja mehrere Tage lang aus meinem Madrider Leben herausreißen und herauspressen wollen. Es war schön, sich ein bißchen älter zu fühlen und zum ersten Mal in einem ‚richtigen Gefängnis‘ zu sein. Und für die Dauer dieses Aufenthaltes konnte ich mich endlich einmal so richtig entspannen.“ (S. 244)