Daily Dali 2 – Der objektive Zufall eines plötzlichen Herzversagens

„[…] im großen und ganzen habe ich den hysterischen und überstürzten Weg meines Verhaltens nie vorhersehen können, noch weniger das Endergebnis meiner Taten, deren erster Zuschauer oft ich selbst bin und die auf ihrem Höhepunkt immer das schwere, kategorische und verhängnisvolle Gewicht von Bleikugeln annehmen.“ (S. 23)

„1926. Ich studierte an der Kunsthochschule in Madrid. Das Verlangen, dauernd, systematisch und um jeden Preis genau das Gegenteil dessen, zu tun, was jedermann sonst tat, trieb mich zu Extravaganzen, die in Kunstkreisen bald berüchtigt wurden.“ (S. 29)

„Ich scheine zu trotziger Exzentrizität verurteilt, ob ich will oder nicht.“ (31)

„Ein nicht voraussagbarer, zuverlässiger und objektiver Zufall scheint systematisch mein Leben ausgewählt zu haben, um aus normalerweise belanglosen Vorfällen gewaltige, phänomenale und denkwürdige zu machen.“ (33) Gleich darauf folgt Anekdote XI des 1. Kapitels „Selbstporträt in Anekdoten“:
xxxxx„1928 hielt ich einen Vortrag über moderne Kunst in meiner Heimatstadt Figueras, wobei der Bürgermeister den Vorsitz führte und eine Anzahl bekannter Persönlichkeiten anwesend waren. Die Zuhörerschaft war ungewöhnlich zahlreich. Ich hatte meine Rede beendet, der man offenbar mit höflicher Verwirrung gefolgt war, und das Publikum gab nicht zu erkennen, daß es die Endgültigkeit meines letzten Absatzes begriffen hätte. In plötzlicher hysterischer Wut schrie ich aus voller Lunge: ‚Meine Damen und Herren, die Vorlesung ist BEENDET!‘
xxxxxIn diesem Moment sank mir der Bürgermeister, der sehr populär war und den wirklich die ganze Stadt liebte, tot zu Füßen. Die Erregung war unbeschreiblich, und das Ereignis schlug hohe Wellen. Die Witzblätter behaupteten, die in meinem Vortrag gebrachten Ungeheuerlichkeiten hätten ihn getötet. Tatsächlich war es einfach ein plötzlicher Todesfall – Angina pectoris, glaube ich -, der zufällig genau am Ende meiner Rede eintrat.“ (33)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)