Daily Dali 18 – An der Madrider Kunstakademie

„Trotz meiner reichlich vorhandenen anfänglichen Begeisterung war ich schnell vom Lehrkörper der Kunstakademie enttäuscht. Ich begriff sofort, daß jene alten, mit Ehren und Auszeichnungen überhäuften Professoren mir nichts beibringen konnten. Das lag nicht an ihrem Akademismus oder ihrem Philistertum, sondern im Gegenteil an ihrer für alles Neue empfänglichen Fortschrittlichkeit. Ich hatte Schranken erwartet, Strenge, Wissenschaft. Man bot mir Freiheit, Faulheit, Annäherungen!“ (S. 196)

„Wieviel Zeit, wieviele Revolutionen, wieviele Kriege wären nötig, um die Menschen an jene oberste, reaktionäre Wahrheit zu erinnern, daß ‚Strenge‘ die Hauptbedingung für jede Hierarchie und Zwang das Wesen der Form ist. Professor für Malerei – Professor! Oh du Narr! Solange ich lebe, war meine Lage stets objektiv paradox – ich, der ich damals der einzige Maler in Madrid war, der kubistische Bilder verstehen und malen konnte, forderte von den Professoren Strenge, Wissen und die genaueste Zeichen-, Perspektiv- und Farblehre.“ (S. 197)

„Die Studenten hielten mich für einen Reaktionär, einen Feind des Fortschritts und der Freiheit. Sie nannten sich selbst Revolutionäre und Neuerer, weil sie plötzlich malen durften, wie es ihnen Spaß machte“. (S. 197)

„Alle machten sich über einen alten Professor lustig, der als einziger sein Geschäft gründlich verstand und außerdem als einziger ein echtes Berufswissen und -gewissen besaß. Ich selbst habe später oft bedauert, seinen Ratschlägen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Er war in Spanien sehr berühmt und hieß José Moreno Carbonero.“ (S.197 f. – Hier sein Wikipedia-Eintrag.)

„Aber die Professoren konnten sich nicht dazu durchringen, mich als ‚geborenen Künstler‘ anzusehen. ‚Er ist sehr ernsthaft‘, sagen sie, ‚er ist klug und erfolgreich in allem, was er sich vornimmt. Aber er ist eiskalt, seinen Arbeiten fehlt das Gefühl, er hat keine Persönlichkeit, er ist zu verstandesbetont. Vielleicht ein Intellektueller, aber Kunst muß aus dem Herzen kommen!‘ Wartet nur, wartet, dachte ich dann immer tief in meinem Innersten, ihr werdet bald merken, was Persönlichkeit ist!“ (S. 198 f.)

König Alfons XIII. hat seinen Besuch angekündigt: „Eine Woche vorher begann ein gründlicher Hausputz, der die Akademie aus einem fürchterlich heruntergekommenen Zustand in einen fast normalen versetzte. Ein sorgfältiger Schlachtplan wurde entwickelt, wie man das Aussehen der Königlichen Akademie verändern könne, und eine Reihe schlauer Tricks ausprobiert. Während der König die verschiedenen Klassen besuchte, sollten die Studenten über Innentreppen von einem Raum in den nächsten laufen und dort jeweils mit dem Rücken zur Tür ihre Plätze einnehmen, ehe der König einträfe, damit er den Eindruck hätte, daß es viel mehr Studenten gebe als es tatsächlich gab. Die Zahl der Schüler war damals sehr gering, und die großen Räume wirkten immer verlassen. Die Verwaltung tauschte auch die Aktmodelle – junge, aber sehr arme und nicht sehr ansehnliche Geschöpfe, denen man Hungerlöhne zahlte – gegen ganz entzückende Mädchen, die sonst sicher sehr viel sinnlichere Berufe ausübten. Man firnißte die alten Gemälde, brachte Vorhänge an und schmückte das Haus mit Grünpflanzen und allem möglichen anderen Zierrat.“ (S. 199)

„Alles, was mein Verstand nicht auf klare, schnelle Weise lösen konnte, rief in mir ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit hervor, das sich oft wirklich zu einem bösen Tagtraum auswuchs.“ (S. 205)

„Zu jener Zeit hatte ich gerade angefangen, Sigmund Freuds Traumdeutung zu lesen. Dieses Buch erschien mir als eine der Hauptentdeckungen meines Lebens, und mich befiel eine wahre Sucht nach Selbstanalyse; ich interpretierte nicht nur meine Träume, sondern alles, was mir passierte, wie zufällig es auf den ersten Blick auch aussehen mochte.“ (S. 205, Anmerkung)

Dali war auf die ihm eigene Weise konsequent: Warum mit dem Mittel der Traumanalyse nicht auch das eigene Leben jenseits der Träume einer Traumdeutung unterziehen? Kommen einem die Resultate plausibel vor? Je plausibler desto Paranoia. Gefährliches Terrain.

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)