Daily Dali 17 – Von den Scheren und Lichtschwertern des Ruhms im kompromisslosen Kampf gegen den Tod

„Zu der Zeit [ca. 1920, Dali war ungefähr 16 Jahre alt, L. R.] hatte ich eine Schwäche für das, was ich Juan Gris‘ ‚Kategorischen Imperativ der Mystik‘ nannte. Ich entsinne mich, daß ich meiner Geliebten oft dunkle Verkündigungen machte, etwa: ‚Der Ruhm ist ein glänzendes, spitzes, schneidendes Ding, wie eine geöffnete Schere‘.“ (S. 185)

„Im Zentrum meines Hirns glänzte der Ruhm wie eine geöffnete Schere! Arbeite, Salvador, arbeite; denn wenn du für die Grausamkeit [damals insbesondere gegenüber der ungeliebten Geliebten, L. R.] begabt bist, bist du es auch für die Arbeit.“ (S. 186)

„Eins wußte ich ganz genau: Ich mußte durch den Kubismus, um ihn ein für allemal aus meinem System zu verbannen – und währenddessen könnte ich vielleicht wenigstens zeichnen lernen!“ (S. 186)

„Mein Leben war eine dauernde, wilde Bestätigung meiner wachsenden, imperialen Persönlichkeit, jede Stunde war ein neuer Sieg des ‚Ego‘ über den Tod. Andererseits sah ich um mich herum überall nur Kompromisse mit diesem Tod. Nichts für mich! Mit dem Tod würde ich nie einen Kompromiß schließen.“ (S. 187)

„Unerwartet starb meine Mutter [im Februar 1921, Dali war noch keine 17 Jahre alt, L. R.], und das war der schlimmste Schlag, den ich in meinem Leben erfahren hatte. Ich vergötterte sie; ihr Bild schien mir einzigartig. Ich wußte, daß die moralischen Werte ihrer frommen Seele hoch über allem Menschlichen standen, und konnte mich nicht mit dem Verlust eines Wesens abfinden, auf das ich mich verließ, wenn ich die uneingestandenen Fehler meiner Seele unsichtbar machen wollte – sie war so gut, daß ich glaubte, es werde ‚auch für mich reichen‘. Sie liebte mich so vollkommen und war so stolz auf mich, daß sie nicht unrecht haben konnte – auch meine Schlechtigkeit mußte etwas Wunderbares sein! Der Tod meiner Mutter kam mir als Affront des Schicksals vor – so etwas durfte mir nicht geschehen – weder ihr noch mir! Ich fühlte, wie mitten in meiner Brust die tausendjährige Libanonzeder der Rache ihre gewaltigen Äste ausbreitete. Weinend und mit zusammengebissenen Zähnen schwor ich mir, mit den Lichtschwertern, die eines Tages meinen ruhmreichen Namen umstrahlen würden, meine Mutter dem Tod und dem Schicksal zu entreißen!“ (S. 187)

Salvador Dalis Vater, von Beruf Notar, schreibt am 31.12.1925: „mein Sohn hat Talent zur Malerei und nur zur Malerei“, womit er nicht ganz recht hatte, denn sein Sohn hatte wohl auch Talent zur Philosophie und zur Schriftstellerei. In seinem Vorwort zu einer Art Presseartikel-Sammelmappe unterscheidet der Vater zwischen dem Künstler und dem Bürger Salvador Dali – und versteht Bürger als Synonym zu Mensch.

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)

Salvador Dali: Porträt der Mutter des Künstlers (Dofia Felipa Dome Domenech De Dali), 1920, Öl auf Leinwand, 40,1 x 27,2 cm