Daily Dali 12 – Lokalpatriotismus versus Lokalfanatismus

„Nachdem ich der Anstalt einmal mehrere Tage lang wegen meiner üblichen Halsentzündungen ferngeblieben war, kam ich eines Morgens zurück, um wieder am Unterricht teilzunehmen. Als ich eintraf, bemerkte ich eine aufgeregte Gruppe von Schülern, die im Kreis zusammenstanden und alle aus vollem Halse schrien. Plötzlich sah ich eine Flamme aus der Mitte des erregten Haufens emporschießen, gefolgt von einem Wirbel schwarzen Rauchs. Das war geschehen: Damals hatte sich eine starke separatistische Bewegung entwickelt, die mit gewissen gleichzeitigen politischen Ereignissen zu tun hatte, die gerade am Tag zuvor in den Zeitungen gemeldet worden waren, und die Schüler hatten nichts Geringeres getan, als eine spanische Flagge zu verbrennen!“ (S. 153)

Die Fahnen-Verbrennung bleibt natürlich an Dali hängen, wobei er wegen seiner Jugend nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann. Trotzdem meint er auf der Straße Blicke zu bemerken, „die bedeuteten: ‚Das ist der Sohn von Dali, dem Notar. Er hat die Fahne verbrannt!'“ Dali war indes weit davon entfernt, den von ihm als gewöhnlich und elend empfundenen Lokalpatriotismus der Separatisten zu teilen. (S. 155)

„Zu der Zeit fühlte ich mich als ‚hundertprozentiger Anarchist‘, aber es ging da um meine eigene, ganz besondere und unsentimentale Anarchie, eine Anarchie, in welcher ich als der oberste und launenhafte Chaot hätte herrschen können – eine anarchistische Monarchie, mit mir als dem absoluten König an der Spitze“. (S. 155)

„Ich entwickelte die Idee der anarchistischen Monarchie 1922 in Madrid weiter, wobei ich den bissigsten Humor mit einer Reihe asozialer und apolitischer Paradoxa verband, die zumindest den Vorzug hatten, eine schlagende polemische Waffe abzugeben, mit der ich mich amüsieren konnte, indem ich eine Saat des Zweifels ausstreute und die politischen Überzeugungen meiner Freunde erschütterte.“ (S. 155, Anmerkung)

„Meine Sommer waren heilig und ich erlegte mir einen strengen Zwang auf, um sie vom Makel des Verdrusses freizuhalten. Ich fieberte dem Ferienbeginn entgegen. Er war immer kurz vor dem Johannistag; und seit frühester Kindheit erinnere ich mich, diesen Tag immer am selben Ort, in einem weißgetünchten Dorf am Ufer des Mittelmeeres, in Cadaquéz verbracht zu haben! Das ist der Ort, den ich mein ganzes Leben und mit jedem Tag mehr mit fanatischer Treue geliebt habe.“ (156)

So etwas wie „Landschaft“ gibt es „einzig an den Küsten des Mittelmeers und nirgends sonst. Aber das Merkwürdigste ist, daß die Gegend, wo diese Landschaft am besten, am schönsten, am überragendsten und am intelligentesten wird, exakt die Umgebung von Cadaquéz ist“. (S. 158)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)