Daily Dali 11 – Vom Kinderkönig zum Anarchisten

„Meine Jugend war durch eine bewußte Verstärkung all der Mythen, Manien, Schwächen, Talente, Genie- und Charakterzüge gekennzeichnet, die sich bereits in meiner frühen Kindheit abgezeichnet hatten.
xxxxxIch wollte mich in keiner Weise verbessern, ich wollte mich nicht verändern; immer mehr beherrschte mich der Wunsch, meine Art zu leben auf jeden Fall durchzusetzen und zu forcieren.
xxxxxAnstatt mich weiter am stehenden Gewässer meines frühen Narzißmus zu erfreuen, kanalisierte ich es; die wachsende, heftige Bejahung meiner Persönlichkeit wurde bald in einem neuen sozialen Handlungsinhalt sublimiert, welcher bei den heterogenen, gut ausgeprägten Neigungen meines Geistes nur unsozial und anarchistisch sein konnte.
xxxxxDer Kinderkönig wurde ein Anarchist. Ich war gegen alles, systematisch und aus Prinzip. […] Mein fortwährendes, tolles Bedürfnis, mich ‚anders‘ zu fühlen, ließ mich vor Wut heulen, wenn eine Übereinstimmung mich zufällig in dieselbe Kategorie wie andere bringen sollte. Vor allem und um jeden Preis: Ich – nur ich! Nur ich! Nur ich!“ (S. 146)

„die geheiligte Sicherheit der blutigen Grenzen meiner Einsamkeit“ (S. 146)

„Vor Mädchen lief ich davon […]. Trotzdem faßte ich den Plan, ‚ununterbrochen verliebt‘ zu sein; doch war er völlig arglistig und einem subtilen jesuitischen Geist entworfen, welcher mich befähigte, von vornherein jede materielle Möglichkeit einer wirklichen Begegnung mit den Wesen, die ich zu Heldinnen meiner Liebschaften erkor, auszuschließen.“ (S. 146)

„Ich muß zugeben, daß katastrophalste Zufälle den theatralischen Charakter der banalsten meiner Handlungen steigerten und damit in entscheidender Weise zu dem Mythos beitrugen, der meine anfangs so unverständliche Person bereits in jungen Jahren mit den Nebeln göttlichen Ruhms zu umhüllen begann.“ (S. 149)

„Ich begann nun Gegenstand einer höchst interessanten Kontroverse zu werden: Ist er verrückt? Ist er nicht verrückt? Ist er halb-verrückt? Zeigt er die Anfänge einer außerordentlichen, aber abnormen Persönlichkeit? Letztere Meinung wurde von mehreren Lehrern geteilt – denen für Zeichnen, Handschrift und Psychologie. Der Mathematiklehrer andererseits behauptete, meine Intelligenz liege weit unter dem Durchschnitt. In einem Punkt wenigstens nahmen die Zweifel stetig ab: Wann immer etwas Ungewöhnliches geschah, wurde es automatisch mir zugeschrieben; und während ich ‚einsamer‘ und ‚einzigartiger‘ wurde, wurde ich eben dadurch jeden Tag ’sichtbarer‘ – je geheimnisvoller ich mich machte, desto mehr wurde ich beachtet. Schließlich begann ich meine Einsamkeit zur Schau zu stellen, war stolz darauf, als sei sie meine Geliebte, die ich zynisch vorführte im Glanz all des aggressiven Geschmeides meiner dauernden Huldigung.“ (S. 153)

(Aus Salvador Dalis „Das geheime Leben des Salvador Dali“.)