Jenseits von Kunst und Nicht-Kunst

Nach Adolf von Hildebrandt („Das Problem der Form in der Bildenden Kunst“, zuerst 1893) kann im Falle der Plastik als Kunst nur gelten, was, obwohl es „kubisch“, also voluminös ist, nicht voluminös, sondern flach und reliefartig wirkt. Hildebrandt schreibt:

„Solange eine plastische Figur sich in erster Linie als ein Kubisches geltend macht, ist sie noch im Anfangsstadium der Gestaltung, erst wenn sie als ein Flaches wirkt, obschon sie kubisch ist, gewinnt sie eine künstlerische Form. Durch die konsequente Durchführung dieser Reliefauffassung unserer kubischen Eindrücke erhält die Darstellung erst ihre Weihe, und die geheimnisvolle Wohltat, die wir vom Kunstwerk empfangen, beruht nur auf ihr.“ (Zitiert nach Wilhelm Worringer: „Abstraktion und Einfühlung“, zuerst 1908, Neuausgabe 1959, S. 130)

Meine beiden Pastior-Würfel von 1998, meine Schriftkugeln und ‑halbkugeln der darauffolgenden Jahre wären demnach über das Anfangsstadium der Gestaltung nicht hinausgekommen, denn von einer Reliefauffassung kann bei ihnen kaum die Rede sein. Der Würfel sieht aus wie ein vollplastischer Würfel, die Kugeln wirken nicht flach, sondern kugelig rund. Und auch an den Halbkugeln kann ich, von ihrem „Innenleben“ einmal abgesehen, nichts Reliefartiges entdecken. Bedenklich? Nun, es ist, wie es ist. Ich wollte damals keine Würfel- und Kugel-Ansichten reliefartig gestalten, sondern ich wollte Würfel und Kugeln machen. Und wichtiger als das künstlerisch formvollendete Verfehlen der stereometrischen Formvollendung war mir damals der externe Textbezug. Der mir heute allerdings unwichtig vorkommt, d. h. mich nicht mehr besonders interessiert. Was jenseits von Kunst und Nicht-Kunst bleibt, sind also Dokumente des In-die-Irre-Gehens der einen wie der anderen Art. Das gefällt mir gut. Fast möchte ich sagen, ich empfange davon eine „geheimnisvolle Wohltat“.

Durchsicht bei der Durchsicht

Ich unterziehe mein Werklein anlässlich meiner Ausstellung im InfoCenter am Hauptfriedhof gerade einer kritischen Durchsicht. Dabei ist mir heute diese Skizze vor Augen gekommen, eigentlich sind es zwei Skizzen, genauer gesagt: zwei Ausschnitte aus zwei größeren Skizzen auf ein und demselben Blatt eines Zeichenblocks (33 x 24 cm). Wenn man das Blatt gegen’s Licht hält, sieht man auf der einen Seite dies, auf der anderen Seite das. Glück gehabt.

Bleistift auf Papier, 7.10.2000
Bleistift auf Papier, 7.10.2000

Creatio quasi ex nihilo

Womöglich eine Möglichkeit, an ein so gut wie nicht vorhandenes Werk anzuknüpfen und ein vorhandenes daraus entstehen zu lassen.

Skizze nach einer Skizze vom 7.10.2000, 2018, Tablet-Zeichnung, 10:17

Sonosphärisches

Wenn ich etwas nicht ertragen kann, dann sind es jugendliche Badegäste, die im Schwimmbad sozusagen unter lautem Schmatzen, Rülpsen und … ihre mitgebrachten Musik-Konserven verzehren – dachte ich immer. Heute war es anders. Schon zum zweiten Mal in diesem Frühsommer, der nicht wenige der von mir erlebten Hochsommer in seinen Schlagschatten stellt, waren wir heute am Ettlinger Buchtzig-See. Es war nicht so schön leer wie beim ersten Mal, um uns her wurde Ball und eben auch da, da und dort Musik gespielt, jedoch in durchaus moderater Lautstärke, so dass ich das akustische Ambiente, nicht zuletzt wegen der neutralisierend wirkenden Mischung des verhaltenen Gewummers, sogar als angenehm empfand: Die Sonosphäre eines Sommertags am Strand, auch wenn es nur der Strand eines ehemaligen Baggersees war und in diesem keine Haifische, sondern „nur“ veritable Hechte schwammen, von denen einer einmal 140 Zentimeter lang und 20 Kilo schwer geworden war, als Dieter Lumpp (wer sonst) ihn 1984 aus dem Wasser zog.

Kunst und Dekoration

Am Ende des 19. Jahrhunderts (1897) kam, wie hier schon gesagt wurde, eine Zeitschrift auf den Markt, die sich Deutsche Kunst und Dekoration: illustrierte Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst und künstlerisches Frauen-Arbeiten nannte (hier zum Digitalisat der Uni Heidelberg). Dass Kunst etwas mit Dekoration und gelungenes Dekorieren etwas mit Kunst zu tun hat, leuchtet wohl jedem ein, der schon einmal eine Ausstellung eingerichtet hat. Mit der Rede vom „Bespielen“ eines Ausstellungsraums versuchen Ausstellungsmacher seit einigen Jahren vom scheinbar profanen Dekorateur zum potentiell namhaften Regisseur einer dramatischen Inszenierung aufzusteigen – jedenfalls halten sie es für einen Aufstieg. Die gängige Rede vom „Dialog“ zwischen Exponaten, die sozusagen im Sichtfeld voneinander platziert sind, wies ja schon etliche Jahre früher in diese Richtung der Expositions-Metaphorik.

Bei einer Ausstellung mit Bildern an den Wänden und plastischen Arbeiten am Boden geht es aber zunächst um Statik und ums Be- oder Verharren, nicht um Dynamik und Handlung. Statt von einem Dialog möchte ich daher lieber von gemeinsamer gleichzeitiger Präsenz sprechen. Es macht einen großen Unterschied, ob man alleine oder zu zweit oder selbdritt und so weiter real präsent ist. Die Unterschiede, um die es dabei geht, haben nichts mit Rede und Gegenrede zu tun. Durch gemeinsame Real-Präsenz am selben Ort wird ein, wenn man so will, protodialogischer Raum eröffnet, in dem Dialog stattfinden kann aber nicht muss. Die Implikationen des gemeinsamen Da-Seins (wobei es natürlich alles andere als gleichgültig ist, wer mit wem zusammen da ist) reichen tiefer und weiter zurück als die Dreh- und Textbücher nachfolgender Inszenierungen. Insofern kommt „Dekoration“ vor „Drehbuch“, das Casting vor den Anweisungen des Regisseurs. Am Anfang schuf Gott das Setting und war für die Besetzung zuständig, der Teufel machte daraus das Drama, das wir Geschichte nennen.

Wilhelm Michel und Michel Seuphor über Futurismus und anderes

Wie kam ich nochmal auf Michel Seuphor? Nun, wer sich für die Anfänge der sogenannten Moderne interessiert (nach Seuphor waren deren malerische Anfänge bereits ihr Höhe- und Endpunkt), stößt irgendwann auf ihn, den Über-Kunst-Schreiber, Schriftsteller, Maler und Zeichner, geboren 1901 in Antwerpen, gestorben 1999 in Paris. Die Hälfte seines Lebens war er Belgier, dann wurde er Franzose. Aber Seuphor erwähne ich nur, weil ich in seiner 1965 zuerst veröffentlichten Essaysammlung „Le style et le cri“ (deutsch: „Gestaltung und Ausbruch in der modernen Kunst“) etwas über die Futuristen las. Gino Severinis zweimal (zuerst 1911, dann noch einmal 1959) gemaltes Monumental-Bild „La danse du pan-pan au ‚Monico'“ ist für Seuphor „das Meisterwerk der futuristischen Malerei“. Und wegen Severinis Bild kam ich via Wikipedia zu einem Bericht des deutschen Schriftstellers Wilhelm Michel, 1874 geboren in Metz, 1942 gestorben in Frankfurt. „Sein umfangreiches Schaffen ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten“, heißt es in Michels Wikipedia-Artikel, der sich dann auch in der Logik dieses Vergessenseins zu einem Drittel mit dem späteren Schicksal von Michels Ex-Frau Rosa Eva Storck befasst, was zwar nichts mit Michel, dafür aber viel mit dem zu tun hat, was Wikipedia-Schreiber für wichtig halten. Zurück zu Michels Beitrag, der 1912 in der Rubrik „Kleine Kunst-Nachrichten“ der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration: illustrierte Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst und künstlerisches Frauen-Arbeiten“ erschienen ist. Und dieser Bericht, den die Uni-Heidelberg hier digitalisiert hat (sehr schön auch in diesem Viewer der Deutschen Forschungsgemeinschaft), ist der eigentliche Grund für diese Skizze, die allmählich zum wirren Linien-Gewirr zu werden droht. Hier ein paar Zitate aus Michels kurzem Text, die zum Lesen, wenn nicht gar zum Nachdenken anregen sollen. Es geht um das Treiben in der Kunstszene von Paris, das Wilhelm Michel vergleicht mit dem in Deutschland, insbesondere demjenigen in München. Und es geht um Kubismus und Futurismus, die die deutschen Maler und Kunstfreunde insofern das Fürchten lehren, als sie nun Angst haben, „den Anschluß an die Zukunft zu verlieren“:

„Man tobt sich auf der duldsamen Leinwand kubistisch aus, aber man hört deshalb nicht auf, ein gesellschaftlich höchst diskutabler Mensch zu sein. Man entfesselt auf dem Papier futuristischer Aufrufe unermeßliche Feuersbrünste, die alle Vergangenheit verzehren, aber man achtet sorgfältig darauf, sein Haupt nach wie vor mit dem konservativen Zylinder zu schmücken. Jede heftige Individualisierung begegnet hier einem verzeihenden und verständnisvollen Lächeln. Was in Deutschland eine neue Weltanschauung wäre, ist hier nur ein etwas lautes Plakat, ein Hilfsmittel zur Karriere. Man lebt hier auf altem revolutionären Boden; man kennt die Technik und die Psychologie der Revolutionen zu gut, um umstürzlerische Programme buchstäblich zu nehmen. Paris ist laut; jeder weiß, daß man laut schreien muß, um gehört zu werden, und jeder zieht deshalb von vornherein von der Fanfare des anderen etwas ab.“

„Den deutschen Malern und Kunstfreunden, die, beunruhigt und voll Angst, den Anschluß an die Zukunft zu verlieren, vor den kubistischen Kundgebungen stehen, möchte man zurufen: Kaltes Blut! In die Zukunft führen viele Wege, und man tut besser, einer so deutlich markierten Straße wie der kubistischen zu mißtrauen. In der Tat, von allen Äußerungsformen des neuen Geistes, der das malende Europa ergriffen, scheint mir der Kubismus am einfachsten zu erledigen.“

Da diese Skizze ohnehin ziemlich verzeichnet ist, kommt es auf ein paar Linien und Striche mehr oder weniger nicht an. Ich will am Ende noch einmal zu Michel Seuphor zurückkommen. Während Wilhelm Michel 1912 (zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg) die vom Futurismus kultivierte Verherrlichung der Apokalypse mit einer Mischung aus Nachsicht und Spott zur Kenntnis nimmt, urteilt Michel Seuphor, der 1965 wusste, welche Taten anderer diesen Worten des Dichters gefolgt waren, deutlich strenger:

„Der Krieg, die einzige Hygiene der Welt … Die schönen mordenden Ideen! Das sind selbstverständlich Ausschreitungen in Worten. Marinetti [sein Manifest von 1909 war die Initialzündung für den Futurismus, L. R.] ist weder ein Folterknecht noch ein Sträflingsaufseher, er ist Dichter und nicht Gangster. Leider haben aber die Wortübertreibungen Funken geschlagen und sind zu alltäglichen Realitäten geworden. Und es ist das futuristische Manifest, welches ihnen den Einlaß in unser Jahrhundert gewährt hat.“

Am besten: sich hinlegen

„Man schließe die Fenster, wenn’s von draußen zu laut hereindröhnt. Es herrscht viel Lärm zur Zeit. Wer etwas sagen will, stampft und brüllt, um vernommen zu werden. Das bringt einen leicht aus seinem eigenen Rhythmus und Klang. Darum schließ die Fenster beizeiten und laß Ruhe einkehren, bevor du ein weiteres Wort, einen weiteren Satz auf den Weg schickst. Oder am besten: Leg dich hin.“ (Matthias Zschokke: Ein neuer Nachbar, Zürich 2002, S. 149)

Manchmal bin ich selber der, der mich aus dem Rhythmus bringt. Nicht nur indem ich stampfe und brülle, um vernommen, sondern auch, indem ich eine Ausstellung mache, um gesehen zu werden. Das ist dann mit viel Extra-Aufwand verbunden: Bilder und so weiter transportieren und aufhängen, eine Extra-Ausstellungs-Website basteln und last not least Einladungen verschicken. Wobei ich mich nach dem Inkrafttreten eines neuen, vielgepriesenen Datenschutz-Gesetzes (es gilt bekanntlich seit heute), frage, ob ich das überhaupt hätte tun dürfen: die Daten nicht nur von Freunden und Bekannten, sondern auch von Kunden nutzen, um sie ungebeten auf meine Ausstellung hinzuweisen, also Reklame für mich zu machen.

Schon heute Vormittag habe ich dazu eine Art Text-Skizze angefertigt, indem ich schrieb: In einem offenen und freien Gemeinwesen sollten eigentlich alle mit allen zwanglos Kontakt aufnehmen und halten können. Durch das immer lauter und hysterischer werdende Datenschutz-Getöse (aber nicht nur durch dieses) wird Kontaktaufnahme in jeder Form zu einer anderen Art von Übergriff. Man traut „den Menschen“, wie es jetzt immer heißt, nicht mehr zu, dass sie ihre Beziehungen selber regeln. Gesetze müssen her, die für den Verkehr in der zukünftigen zivilisatorischen Ameisen-Gesellschaft dieselbe Rolle spielen wie die Duftspur in der natürlichen. Und so weiter.

Vielleicht hätte ich, anstatt auf diese Weise in meinem Tagebuch (in ihm findet sich diese Skizze) herum zu stampfen und zu brüllen, lieber Ruhe einkehren, besser noch: mich hinlegen sollen.

Apotheose der Abstraktion – das Leben als Störung

„Wir stellen also den Satz auf: die einfache Linie und ihre Weiterentwicklung in rein geometrischer Gesetzmäßigkeit mußte für den durch die Unklarheit und Verworrenheit der Erscheinungen beunruhigten Menschen die größte Beglückungsmöglichkeit darbieten. Denn hier ist der letzte Rest von Lenbenszusammenhang und Lebensabhängigkeit getilgt [meine Hervorhebung, L. R.], hier ist die höchste absolute Form, die reinste Abstraktion erreicht; hier ist Gesetz, ist Notwendigkeit, wo sonst überall die Willkür des Organischen herrscht.“

Der Abstraktionsdrang charakterisiert sich „als ein Drang, in der Betrachtung eines Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen des Menschseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allgemeinen organischen Existenz. Das Leben als solches wird als Störung des ästhetischen Genusses empfunden.“

Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie. München 1959 (zuerst: 1908), S. 54 f. und S. 59

Das Reich der Abstraktion war, als Wilhelm Worringer seine 1907 verfasste Dissertation veröffentlichte, gerade im Kommen, ihr Wille sollte bis zum Ende des Jahrhunderts immer ausschließlicher geschehen. Und erlösen sollte sie uns von dem Übel des Lebenszusammenhangs und des Menschseins. (Piet Mondrian ging ein paar Jahrzehnte später nicht ganz so weit, als er die abstrakte Kunst als wichtigen Schritt auf dem Weg zum Großen Kollektiv, zur bald vollendeten Entindividualisierung feierte.)