Künstlerische Theorie und digitale Praxis

Es gibt beim künstlerischen Tun kein absolut gutes oder schlechtes Werkzeug, ein Werkzeug (auch ein „tool“) ist immer nur in Bezug auf bestimmte Zwecke gut oder schlecht geeignet, um dieses oder jenes damit zu erreichen. Lässt man sich auf die mit einem konkreten Instrument gegebenen Möglichkeiten vorbehaltlos und ohne vorformulierte Absicht ein, dann ist das eine Mittel ebenso tauglich wie das andere. Die Höhlenmaler vor fünfzehn bis vierzigtausend Jahren schufen Großes und hatten doch nicht mehr als ihre Hände, irgendwelche Stöcke und Steine nebst Erde oder Ähnlichem zur Hand. Auch mit einem stumpfen Schnitzmesser kann man in „schlechtem“ Holz Beeindruckendes zustande bringen, wenn man es kann. (Natürlich darf man dann keine fein gearbeiteten gotischen Madonnen schnitzen wollen.) Auch mit einem einfachen und relativ bescheiden funktionierenden Zeichenprogramm kann man auf einem billigen Tablet schöne Bilder zeichnen und malen, wenn man es kann. (Hemmnisse können beim Zeichnen und Malen mitunter „kreativ“ machen, aber natürlich dürfen einem dann keine quadratmetergroßen, gestochen scharfen fotorealistischen Bilder vorschweben.) Der Dilettant zeichnet sich dadurch aus, dass er meint, nur mit dem avanciertesten technischen Apparat ließen sich die guten bis sehr guten Resultate erzielen.

So sprach der Künstler heute Vormittag in und aus mir. Der zunehmend mit seinem Tun und Lassen einverstandene und von seinem Werkzeug faszinierte digital artist, der ich „daneben“ auch noch bin, will und wird sich nichtsdestotrotz und sobald wie möglich ein iPad zulegen.

(Ich gehöre übrigens seit gestern Abend zur Autodesk-Community und stelle fest: Auch andere User leiden darunter, dass die jüngste Version von SketchBook nur mit einer höchst ärgerlichen Verzögerung – im Englischen: lag, oder lagging – auf meine beziehungsweise unsere zeichnerischen Griffel- oder Mittelfinger-Bewegungen reagiert.)