Falten- und andere Studien

Am Vormittag: Atelier (heute mal wieder „Atelier“, was ja auch nichts anderes als „Werkstatt“ heißt), zweites Falten-Stück. Dazu im Radio der Flötist (Block-, Travers- und jetzt Quer-) Martin Sandhoff als Studio-Gast.
Am Abend: Skizze im roten Büchlein.

Lichteffekte

Werkstatt, Wand
Faltenskizze nach Foto im Gegenlicht der Schreibtischlampe (Format 8,9 x 13,8 cm)

Bald wieder an den Lake Constance

Skizze nach einer Abbildung einer „Maria Magdalena“ von Christoph Daniel Schenck (1633-1691).

Beim Blättern in den Büchern meiner im Aufbau befindlichen kleinen Holzbildhauer-Bibliothek stelle ich fest, dass ich dem großartigen Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenk bei unserem jüngsten Aufenthalt dortselbst fast keine Beachtung geschenkt, besser: geschenckt habe. Seinen Thomas-Altar im Münster habe ich zwar en passant fotografiert, aber nicht als Schenck-Altar wahrgenommen. Dementsprechend ist die (eine und einzige) Aufnahme von ziemlich schlechter Qualität. Da hilft nur eines: bald wieder an den (wie wir Anglisten sagen) Lake Constance. Nein, nicht an den in Neuseeland und auch nicht an den in New Hampshire oder Washington, sondern an den am Bodensee.

Immerhin habe ich hier gestern etwas von ihm gezeigt.

Meersburg winterlich oder: Mond und Madonnen

Grabstele aus Eichenholz auf dem Meersburger Friedhof, 1950er oder 1960er Jahre.

Eine schöne Variante der Madonna mit dem Jesuskind auf der Mondsichel begegnete mir gestern auf dem Meersburger Friedhof. Es hatte stark zu schneien begonnen (man sieht die Schneeflocken als weiße Striche im Bild), aber ich wollte mich dadurch von einem Gang über den Friedhof nicht abhalten lassen, auch wenn ich keinen Regen- bzw. Schneeschirm dabei hatte. Gibt es im Winter etwas Schöneres als einen mit frisch gefallenem Schnee bedeckten Gottesacker?

Die Verbindung von Madonna und Mondsichel, die irgendwann gar nichts Apokalyptisches mehr hatte, geht zurück auf eine Stelle in der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 12, 1-5):

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt.“

„In der Gotik wandeln sich die Züge der apokalyptischen Frau zunehmend ins Madonnenhafte“, heißt es bei Wikipedia. Und weil man Frauen auf schaukel- oder tablettförmigen Sicheln offenbar attraktiv fand, schreckte man nicht davor zurück, sichellosen Madonnen sogar nachträglich noch Halbmonde unterzuschieben.

Gewiss von Anfang an sichelständig war diese wundervolle Madonna in einem Seitenaltar des Überlinger Münsters, die ich einen Tag vor der Begegnung mit ihrer Schwester im (ikonologischen) Geiste fotografiert hatte:

Mondsichel-Madonna im Überlinger Münster, Gregor Erhart zugeschrieben (um 1500).

Und endlich noch diese Skizze aus meinem kleinen roten Skizzen-und-Notizen-Büchlein, eine Ab-Zeichnung aus einem Bändchen über Sakrale Schnitzplastik, entstanden im Sommer 2018 in der Provence. Auch auf der fotografischen Vorlage ist die Mondsichel nicht im Bild erfasst:

Einigermaßen auf dem richtigen Holzweg?

Notizzettel-Skizze, 9 x 9 cm

Wenn man bzw. ich ein Ohr nach dem anderen schnitzt bzw. schnitze, dann kann man das Ohr nach kurzer Zeit auswendig. Und dann tauchte nicht erst heute die Frage auf, ob das überhaupt stimmt, was ich da schnitze. Oder ob das nicht mein persönliches Fantasie-Ohr ist, eine Form, die sich verselbständigt hat, gewissermaßen autonom geworden und dem Abbildungs-Kontext entkommen ist. Das wäre ja noch schöner: entlaufene autonome Ohren! Die kommen für mich derzeit überhaupt nicht infrage. 

Also habe ich mein anatomisch korrektes Anatomie-Buch aufgeschlagen und das dort objektiv richtig (Einwände wurden heute nicht zugelassen) dargestellte Ohr abgezeichnet und obigen Zettel mit Klebeband in Augenhöhe (mit dem Ohr auf Augenhöhe) an die Wand neben meiner Werkbank geklebt. So konnte ich mich während der Schnitzarbeit immer wieder vergewissern, dass ich noch einigermaßen auf dem richtigen Holzweg bin.

Was dabei herausgekommen ist, sieht man hier.

Apropos Allerheiligen

Von links nach rechts: die Apostel Paulus, Petrus, Jakobus und noch einmal Petrus – die Figuren wurden um 1740 geschnitzt von Franz Anton Kälin, sie befinden (oder befanden) sich in St. Verena im oberschwäbischen Wurzach.

Gestern im Badischen Landesmuseum

Skizze im roten Skizzenbüchlein: Gewandfalten einer österreichischen „Maria mit Kind“ (um 1500) aus Lindenholz, Badisches Landesmuseum.

Von meinem Besuch bei den Madonnen im Karlsruher Schloss habe ich hier erzählt. Unter dem „hier“ verbirgt sich ein Link zu meinem neuen Blog Sulpo, (auch über das obere Menü erreichbar) das ist Lateinisch (sculpere, sculpo, sculpsi, sculptum) und heißt so viel wie „ich schnitze“.

Cioran über die Hand

Smartphone-Zeichnung, 20.9.2018, Format 16:9

„Alle haben wir Hände, doch keinem fällt es ein, sie zu verfeinern und absolute Ausdruckskraft vermittels ihrer zierlichen Nuancen und anmutigen Stellungen zu erlangen. Es gefällt uns, sie in Gemälden zu bewundern, über ihre Bedeutung zu schwätzen, aber wir sind außerstande, unsere eigene Persönlichkeit durch sie zum Ausdruck zu bringen und alle unsere innerlichen Erregungen durch sie zu offenbaren. Eine gespenstische Hand haben, eine Hand wie ein immaterieller Abglanz, eine nervöse, zur letzten Verkrampfung gespannte Hand. Seien die Gegenwart und das Vorzeigen der Hände mehr als ein Diskurs, mehr als Weinen, mehr als Lächeln oder Gebet. Denn die Hände können Augen haben, wo die Augen ins Leere blicken. Die absolute Ausdrucksfülle, als Frucht einer beständigen Verklärung, einer unablässigen innerlichen Erregung mit unauslöschlichen Feuersbrünsten und sich türmenden Wogen, mit unendlichen Bebungen und unwiderstehlichen Zuckungen, wird unsere Anwesenheit in einen die Sonne übersteigenden strahlenden Quell verwandeln. Nicht allein die Hände, sondern auch das Angesicht und alles, was unsere Einzigartigkeit ausmacht, mögen diese Ausdrucksform erreichen, in der sich unser Wesensinnerstes jenseits aller Grenzen vertieft.“

E. M. Cioran: Banalität und Verklärung, in: Auf den Gipfeln der Verzweiflung (1934, deutsch 1989), S. 137 f.

Von einer „unablässigen innerlichen Erregung mit unauslöschlichen Feuersbrünsten und sich türmenden Wogen“ zeugt diese Hand nicht wirklich. Aber vielleicht trügt der Schein?