Fiktionalität als formaler Disclaimer

Wenn ich mich als sogenannter Schriftsteller oder schreibender Mensch zu einem bestimmten Sachverhalt äußere, wirft man mir möglicherweise (und dann wahrscheinlich zu Recht) mangelnde Kompetenz vor. Wenn ich dagegen in jedem Satz meine persönliche Perspektive (im Hinblick auf Gott, mich selbst und die Welt) veröffentliche, also quasi zur Schau stelle, wird man mich unter Umständen der Egomanie oder des subjektivistischen Narzissmus’ zeihen (es sei denn, ich kleide meine eigenste Sicht der Dinge nach der neuesten Mode der „Kunst und Kultur schaffenden“ Kreise). Der klassische Ausweg aus diesem Dilemma ist die erzählerische Erfindung von Figuren als Blitzableiter für Vorwürfe aller Art.

Dieser literaturtypische Haftungsausschluss, die Umleitung der inhaltlichen Verantwortlichkeit oder moralisch-ideologischen Zuständigkeit als Weiterleitung der Kritik an die Adresse einer fiktiven Person verschafft dem Autor die Freiheit der Kompetenzanmaßung und der äußersten Subjektivität als Mittel seiner literarischen Kunstfertigkeit. Wodurch ich allerdings keine auktoriale Generalimmunität erlange. Wenn ich jetzt in der Kritik stehe, dann aber als Literat und nicht als Verfasser von Sachtexten oder egozentrischen Bekenntnissen.

Als potentiell scheiternder Schreiber hat man demnach (mindestens) die Wahl, ob man als schwacher Literat, als inkompetenter Sachbuch-Autor oder als ideologisch oder idiosynkratisch verirrter Subjektivist gelten möchte.