Posthume Namensänderung

Als Clara Henriette Sophie Westhoff Rainer Maria Rilke ehelichte, war sie 22 Jahre alt. Fortan hieß sie Clara Rilke, allenfalls mit dem Zusatz: geborene Westhoff. Als die Bildhauerin und Malerin am 9. März 1954 in ihrem 76sten Lebensjahr starb, hatte sie praktisch während der ganzen Zeit ihres Erwachsenenlebens den Nachnamen Rilke getragen und noch in den 1950er Jahren, da war sie schon in ihren 70ern, ihre Bilder mit „Clara Rilke“ signiert. Gleichwohl nehmen es sich die Wikipedia-Schreiber heraus, Clara posthum von ihrem „Rilke“ zu befreien und ihr den (ironischerweise väterlichen) Namen Westhoff anzuhängen beziehungsweise zurückzugeben.  Der feministisch motivierten wikipedischen Zwangsnamensänderung vorangegangen sind die mittlerweile üblichen Halb-Umbenennungen in Rilke-Westhoff oder – schon in die politisch korrekte Richtung weisend – Westhoff-Rilke. Geschichtsklitterung im selbst erteilten Auftrag übergeordneter, vermutlich als überzeitlich verstandener Ideen und Ideale. „Gott ist tot“, sagte Nietzsche, doch muss man hinzufügen: das Prinzip Vergottung, nämlich der Vergottung sogenannter Werte, schreitet dennoch oder gerade deshalb ohne Rücksicht auf Verluste siegreich voran.
xxxxxClara Rilke war eine gute, Rodin hin oder her, tief in der Tradition wurzelnde (beinahe klassizistische) Porträt-Bildhauerin. Hätte sie nicht den 1901 noch weitgehend unbekannten Herrn Rilke geheiratet, sondern irgendeinen nachhaltig namenlosen Nobody, oder wäre sie ledig und also zeitlebens Clara Westhoff geblieben – niemand wäre auf die Idee verfallen, sie als Künstlerin rehabilitieren oder gar posthum ihren Familiennamen ändern zu sollen.
xxxxxUnten ein Landschafts-Bild aus ihrem letzten Lebensjahrzehnt, das mir sehr gut gefällt, und das ich zu Ehren aller anderen nicht verkannten, sondern einfach nur unbekannten Künstlerinnen und Künstler in meine Sammlung aufnehme.

Clara Rilke: Sonntagmorgen auf den Wümmewiesen, 1952, Öl auf Holz, 45 x 54cm, signiert: Clara Rilke, Fischerhude ’52

P. S.: Die Nazis fanden Clara Rilkes Kunst übrigens so tadellos, dass sie der Rilke-Witwe zwei Porträt-Köpfe ihres 1925 verstorbenen Ehemanns abkauften. Denn der Führer bewunderte den Dichter sehr. Anderen Künstlern hätte dieser Umstand den Vorbehalt „muss möglicherweise als ‚als umstritten geltend‘ bezeichnet werden“ eingetragen. Clara kam, soviel ich weiß, ungeschoren davon. Möglicherweise, weil sie schon als „im Schatten ihres berühmten Ehemanns stehend“ gilt. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Die Rilkes 1901

Ich habe mehrfach aus Rainer Maria Rilkes Briefen an seine Frau Clara zitiert. Hier sieht man die beiden nach ihrer Heirat (die Tochter Ruth war unterwegs) im Jahr 1901. Hatte der Fotograf vergessen, „bitte lächeln“ zu sagen – oder war das damals noch nicht üblich?