Daily Dali 8 – Disziplin und heißer Milchkaffee: bei den Pichots

„Ich war ausdauernd und bin es immer noch. Meine Einsamkeitsmanie wuchs, pathologisch durchblitzt“. (S. 99)

„Ich sah verkleinerte Bilder hin und her wandern – Karren und Menschen, die sich auf der Straße bewegten -, die auf den Kopf gestellt an die Decke projiziert wurden“. (S. 101)

„Meine Liebe zu Dullita (deren Gesicht ich noch nicht gesehen hatte) verbreitete sich auf alles und wurde ein so allgemeines Gefühl, daß die Vorstellung auch nur der leisesten Möglichkeit, sie könnte wirklich anwesend sein, mich erschreckt und enttäuscht hätte; ich wollte sie anbeten und gleichzeitig einsamer, auf grausame Weise einsamer sein als je zuvor!“ (S. 104)

„und von da an konnte das stehende, faulig werdende Gewässer meiner Ungeduld stürmisch vorwärtsfließen, so wie Kaskaden von Schwindligkeit auf stagnierende Gefühle folgen, die lang vom Damm der Zensur zurückgehalten wurden, der den melancholischen Lauf des majestätischen Kanals des Lebens lenkt.“ (S. 105)

„Weiter weg sah man den langsamen Lauf eines Flüßchens in den Mühlendamm strömen; dahinter begannen die Grenzen jener irdischen Paradiese der Küchengärten, die als Vordergrund fungierten und wie Girlanden einer ganzen Landschaftstheorie aussahen, die von den gestaffelten Hochebenen gekrönt wurde, deren leonardeske Geologie in der Strenge des Aufbaus mit den harten analytischen Silhouetten der bewundernswert gezeichneten Wolken des katalanischen Himmels wetteiferte.“ (S. 105)

„Das systematische Prinzip, das den Ruhm des Salvador Dalis ausmacht, begann sich also zu dieser Zeit in einem wohlbedachten Programm, das all meine Impulse abwog, zu manifestieren, einem jesuitischen und peinlich genauen Programm, in welchem ich nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Gefühle, die ich aus ihnen gewinnen würde, für die gesamte Dauer meines Aufenthalts, der so bedeutsam zu werden versprach, vorausplante. Aber mein systematisches Prinzip bestand ebenso aus dem perversen Vorbedacht dieses Programms wie aus der Strenge und Disziplin, die ich, war der Plan einmal beschlossen, bei seiner strikten und kompromißlos genauen Ausführung walten ließ.“ (S. 105)

„Im Eßzimmer gab es einen Karaffenverschluß aus Kristall, durch den alles ‚impressionistisch‘ wurde. Diesen Stöpsel trug ich oft in der Tasche, um die Gegend durch das Kristall zu betrachten und sie ‚impressionistisch‘ zu sehen.“ (S. 107)

„Hier ist also das neurotische Programm meiner intensiven Frühlingstage.“
xxxxx[Gemeint sind die „kostbaren Tage in jenem unvergesslichen Mulì de la Torre“ bei Familie Pitchot (oder Pichot), zu der Dali als knapp zehnjähriger Knabe zur Erholung geschickt worden war.]
xxxxx„Zehn Uhr morgens – Aufwachen, ‚variierter Exhibitionismus‘, ästhetisches Frühstück vor Ramon Pitchots impressionistischen Gemälden, heißen Milchkaffee über die Brust gießen, ins Atelier. Elf bis halb eins – Bilderfindungen, Wiedererfindung des Impressionismus, Bestätigung und Wiedergeburt meines ästhetischen Größenwahns.“ (S. 112)

Bei Wikipedia heißt es über jenen Ramon Pitchot oder Pichot, vor oder unter dessen Gemälden der junge Dali sein ästhetisches Frühstück zu sich nahm: „Pichot i Gironès war bekannt als früher Mentor des jungen Salvador Dalí. Dalí lernte Pichot als Zehnjähriger in Cadaqués, Spanien, kennen. In Cadaqués hatte die Familie Pichot ein Sommerhaus.“

Ramon Pichot: Sa-Sabolla-Bucht bei Cadaqués, ca. 1900