Wer war gleich nochmal Zagreus?

Wer, Menschenskinder, war gleich nochmal Zagreus? Richtig, das war der, aus dessen mit Titanen-Asche vermengten Rückständen Prometheus die ersten Menschen, genauer gesagt: die ersten Männer geformt hat. (Die erste Frau wurde später in Gestalt der Pandora nachgeliefert und gleich ihrer Geschlechtsgenossin und Parallelmythos-Kollegin Eva brachte sie der Menschheit nichts Gutes, jedenfalls erzählte mann sich das so.)

Damit ist meine Kurzbiografie des Zagreus aber noch nicht zu Ende. Die ganze Geschichte kann mann und frau hier lesen. Sinn und Zweck dieser Website wird sich womöglich erst im Nachhinein aus epiprometheischer Perspektive voll und ganz erschließen.

Schnitzen und Schreiben am Bodensee – der Plan eines Plans

Rund um den Bodensee (wobei zu beachten wäre, dass es den einen Bodensee gar nicht gibt) wurde jahrhundertelang virtuos geschnitzt und wird bis heute auf hohem Niveau gedichtet und gedacht. Warum nicht beides in einem Projekt (es könnte zum Beispiel ein Buch daraus werden) synoptisch zusammenführen: Schnitzen und Schreiben am Bodensee.

Warum gerade diese Kombination? Gewissermaßen offiziell begründen lässt sich beinahe alles. Die inoffizielle Begründung lautet: weil hier drei Aspekte, die mich interessieren, zusammenkommen würden – der See, seine Schnitzer und seine Dichter und Denker.

Am (ja sogar stellenweise im) Bodensee spielt Martin Walsers Ein fliehendes Pferd. Darin der Satz: „Ich habe mich von der Selbstgenügsamkeit der Negativität hinreißen lassen.“ Peter Sloterdijk hat ihn sich am 1.8.2011 in Wien notiert (Neue Zeilen und Tage). So liegt oder lag also auch Wien in gewisser Weise einmal am Bodensee. Losgerissen von der Genügsamkeit der Negativität hat Sloterdijk sich selbst bekanntlich mit seiner zweibändigen Kritik der zynischen Vernunft. Sie erschien 1983, fünf Jahre nach Walsers Fliehendem Pferd.

Und noch ein Satz, den ich heute in Neue Zeilen und Tage fand und zwar nicht notiert, aber unterstrichen habe, könnte bei meinem Plan, das oben erwähnte Projekt zu planen, hilfreich sein: „Was bedeutet motivieren? Menschen dazu bewegen, ihre Leistungszurückhaltung aufzugeben.“ (Sloterdijk 2018, am 30.7.2011)

Holländisch 7

„Doch was war das biblische Motto ‚Macht euch die Erde untertan!‘ anderes gewesen als die adäquate Antwort von selbsthelferisch gesinnten Menschen auf den episodischen chronischen Terror einer unbezwingbar scheinenden Natur? Diese Natur muß überlistet werden – darum gibt es die mechané (den Kunstgriff, die List) und die Maschine (das Gefüge aus Kunstgriffen).“ (S. 86, 29.6.2011)

Adorno bezeichnete „den Rückschlag des technischen Geistes gegen die Natur-Schrecken (heute verborgen im Wort ‚Klima‘) als ‚verwilderte Selbstbehauptung'“. (Ebd.)

„Der Einzelne erbringt keinen größeren Beitrag zur Zivilisation, als wenn er darauf verzichtet, wahnsinnig zu werden. Wie gelingt ihm das? Indem er bei der Flucht aus dem Schmerz in den Wahnsinn, von dem bereits Schopenhauer sprach, auf halbem Weg stehenbleibt.“ (S. 90, 1.7.2011)

„Ein paar Zeilen am 4. Bild von Babylon. 90 km mit dem Fahrrad am Rhein, via Rastatt, Steinmauern, Durmersheim, die Rückfahrt im milden Sprühregen.“ (S. 92, 7.7.2011)

„Das alte Europa: der Kontinent, wo man meinte, mit Hilfe von leidenschaftlichen Denkfehlern Gott näherzukommen.“ (S. 94, 9.7.2011)

„Der gute Rühmkorf trifft meine Stimmung, wenn er sagt, ja, früher, da haben wir brustschwimmend die Ströme geteilt, jetzt reichen drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.“ (S. 96, 13.7.2011)

„Finde bei Karl Vossler (Romanisch Dichter, 1938) aus Vergils Abschied von Dante (Purgatorio, 27. Gesang) die Zeilen: ‚Du sei dein eigener Kaiser und dein Papst.‘ Wer eine Geschichte des erhöhten Selbstbewußtseins bei Europäern im Sinn hat, sollte an dieser Stelle beginnen.“ (S. 97, 16.7.2011)

Es sind „seit lange viel eher die Philologen als die Philosophen (‚vom Fach‘, ein alberner Zusatz) […], denen die originellen Wendungen zu verdanken sind.“ (S. 98, 16.7.2011)

„Das Elend der alternden Intellektuellen: Sie können nicht anders, als an den angefangenen Strümpfen weiterzustricken. Irgendwann ist so ein unfertiger Strumpf das ganze Leben. Nur durch ein Wunder käme in ihn ein unvorhergesehenes Muster.
Ob uns das nicht allen bevorsteht? der in die Jahre gekommene Intellektuelle feiert früher oder später die eiserne Hochzeit mit seinem ersten Irrtum.“ (S. 102, 17.7.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 6

„Zu alt für törichte Feindschaften, zu jung für Gleichgültigkeit.“ (S. 71, 11.6.2011)

Die Theologie „wird modern in dem Maß, wie sie sich von der Idee abkehrt, der Himmel könne Strenge zeigen. Sie sendet den zornigen Gott in den Ruhestand und behält einen Restgott zurück, der Aufsicht führt über die Telefonseelsorge.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Im Vorwort zum Joseph-Roman macht Thomas Mann eine Bemerkung, die mir jetzt mehr einleuchtet als bei früherer Lektüre […]: Für die mythische Rede sei das ‚Gesetz der Zusammenziehung‘ gültig. Das besagt, aus dem ähnlichen wird im Mythos das gleiche, ja dasselbe. Während die historische Rede in jedem Detail das immer wieder andere hervorhebt, als wolle sie die Möglichkeit der identischen Wiederholung bestreiten, betont der Mythos das Immergleiche. Er hat die Mission, die Differenzen so lange zu schwächen, bis es unter der Sonne tatsächlich nichts Neues gibt. Der effektive Mythos macht die Einzelheiten vernachlässigbar, gute Geschichtsschreibung dagegen läßt den Widerstreit zwischen dem Einmaligen und dem Typischen hervortreten.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Wenn Italien als ganzes träumt, kann nur Berlusconi entstehen. Was kommt zustande, wenn Rußland träumt, wenn Amerika träumt, wenn Deutschland träumt?“ (S. 76, 17.6.2011)

„Die Idee der Konsolidierung ist nicht nur konservativ, sie ist apokalyptisch geworden. Käme sie an die Macht, sie würde den babylonischen Turm der kreditbasierten Künstlichkeiten binnen kürzester Zeit zum Einsturz bringen.“ (S. 79, 18.6.2011)

„Wir verlieren mit unvorhergesehener Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten, die bisher eine Kultur ausgemacht haben.“ (S. 80, 19.6.2011) Eine Anmerkung von mir (L. R.) dazu: Wen wundert es da noch, dass eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung 2017 (also weitere sechs Jahre nach Sloterdijks Notiz) eine spezifisch deutsche Kultur „jenseits der Sprache“ (als dem letzten Residuum geprägter Gewohnheiten) nicht (mehr) identifizieren konnte.

Gran Torino, 2008, sehenswerter Film mit dem alten Clint Eastwood [geb. 1930, L. R.], der auch Regie führt. So ein Mann kann einem den Glauben an den Sinn des Älterwerdens einflößen.“ (S. 83, 26.6.2011)

„Religiöse Überlieferung. Sie lebt davon, daß die Kühlkette der Illusionen nie unterbrochen wird. Ist das Produkt einmal aufgetaut, zersetzt sich sein Inhalt. Ne jamais recongéler un produit décongelé.“ (S. 84, 28.6.2011)

„Das ‚Prinzip der Zusammenziehung‘ [s. o., L. R.] macht es möglich, den neptunischen Flutschrecken mit dem meteorischen Sternenschrecken in eins zu setzen.“ (S. 84, 29.6.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Falten-Stück in Wolle

Während der Arbeit am aktuellen (dem zweiten) Falten-Stück in Eiche fiel mein Blick auf meinen linken Unterarm und ich gewahrte ein Falten-Stück in Wolle.

Kunst ist, wenn man das meiste nicht sieht

Es gibt Kunstwerke, bei denen, wie bei Eisbergen, 90 Prozent ihres Seins für den gewöhnlichen Betrachter unsichtbar bleiben. Künstler, Kunstkritiker und Kunsthistorikerinnen berichten uns dann in mehr oder weniger glaubhaften Worten von der Schönheit des notwendig im Verborgenen wesenden größeren und womöglich sogar besseren Teils des Ganzen. Das Werk sei die Suche nach dem Werk, sagte Wolfgang Rihm einmal. Sie dagegen versichern uns: Das Werk ist das Tauchen nach dem Werk. Im Halbdunkel ihrer Umschreibungen werden dann für diejenigen, welche darin geübt sind, auch dort noch etwas zu erkennen, wo nicht wirklich etwas zu sehen ist, undeutlich Umrisse deutlich. Ah, ich sehe ein mächtiges Narrativ, sagt der eine und: oh, was für eine profunde Analyse unserer postmodernen Befindlichkeit, seufzt die andere.

Superlativismus

Peter Sloterdijk und einer meiner vielen Schwäger (eins, zwei, viele) haben gemeinsam, dass sie sich mit Vorliebe von Superlativ zu Superlativ schwingen und dabei als eine Art subsonaren Tarzan-Schrei implizit verlauten lassen: Ich weiß, dass ihr nichts wisst und ich alles besser weiß.

Holländisch 5

„Das Prinzip Pléiade: Nicht allein glänzen. In einem Sternbild mitleuchten.“ (S. 58, 31.5.2011)

Der US-amerikanische Standard: „nothing goes without saying, Explizitheitspflicht, Atmosphärelosigkeit, Ambivalenzverbot“. (S. 58, 31.5.2011)

„Es gehört zu den charakteristischen Denkfehlern der Modernen zu glauben, Utopien seien politisch, nur weil sie von anderen, vorgeblich besseren Welten reden. Politik hat nichts mit anderen Welten zu tun, nur mit anderen Entscheidungen.“ (S. 60, 31.5.2011)

„Noah Webster (1758-1843), der Herr der Wörterbücher […], verfaßte unter wechselnden Pseudonymen rühmende Rezensionen seiner eigenen Werke und machte die Publikationen der Konkurrenten beißend nieder.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Sein [Websters, L. R.] American Dictionary of the English Language, 1828, markierte die sprachliche Unabhängigkeitserklärung der vormaligen Neuengland-Kolonie.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Das britische Englisch klingt inzwischen so, als wollte ein ganzes Volk die Royals parodieren.“ (S. 61, 1.6.2011)

„Alle Politik ist Psychopolitik geworden. Jedes Reden vor der Öffentlichkeit wandelt sich in Postulieren, Anklagen und Zurückverlangen.“ (S. 64, 6.6.2011)

„Die Fiktion, wonach die Einzelnen dem Fiskus als Schuldner a priori gegenüberstehen, ist so alt wie die imperiale Anmaßung.“ (S. 66, 8.6.2011)

„Du bist alt genug, um zu begreifen, die Welt gliedert sich in zwei Gruppen, die Homoneurotiker und die Heteroneurotiker. Mit den letzteren hast du nur peripher zu tun. Sie kommen dir nicht näher als die polnischen Installateure, die dein WC für die Hälfte des Üblichen reparieren. Die ersten bilden deine Familie, die naturwüchsige und die erworbene. Im Umgang mit ihnen gewinnst du das, was das fatale Wort ‚Menschenkenntnis‘ zum Ausdruck bringt.“ (S.67 f., 10.6.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 4

Kultur ist ein Balanceakt über dem Abgrund der Barbarei: Der Absturz zur einen Seite droht dann, wenn das Unausgesprochene überwiegt, der zur anderen Seite dagegen, wenn ein Zuviel an Explizitheit gefordert wird. Wie ich darauf komme? Man lese die folgenden Zitate aus Sloterdijk 2018:

Über Philippe Nassifs Buch La lutte initiale: Quitter l’empire du nihilisme (2011): „Das Unternehmen erinnert von fern an die Verlegenheit junger deutscher Intellektueller in den frühen achtziger Jahren, als sie dem Dunstkreis der Kritischen Theorie entwuchsen. Sie merkten allmählich, daß sie außer der Ablehnung des Bestehenden nichts gelernt hatten. Sie wollten ins Positive umschulen. Doch wie?“ (S. 48, 27.5.2011)

Über die Pariser Intellektuellen: „Von résistance darf weiter geträumt werden. Noch immer bildet die Idee des Widerstands, wogegen auch immer, den nationalen Fetisch par excellence. Am Ende wird man den Krieg gewonnen haben, weil man kapituliert hat, ohne einverstanden gewesen zu sein.“ (S. 49, 27.5.2011) „Der parisianische Kampf-Kitsch“. (S. 49)

„Erwachsenwerden ist letztlich der einzige Einsatz, der zählt. Die unerträgliche Leichtigkeit der Existenz nach der Dekonstruktion der bodengebundenen Systeme fordert den Sinn für die Schwere heraus.“ (S. 51, 27.5.2011)

„Die einfachste Auskunft […] würde lauten, ergreife einen Beruf! Du wirst aufhören, mit allem zu spielen. Selbst wenn du spürst, die Gnade hat dich fallengelassen, leiste den Diensteid!“ (S. 52, 29.5.2011)

Über den 2011 hundert Jahre alten Schriftsteller Maurice Nadeau (er starb 2013): „Auch Einzelne stellen gelegentlich ihr Dasein unter Müdigkeitsverbot.“ (S. 54, 29.5.2011)

„Man kann sich in der Neuen Welt den Luxus alter Kulturen nicht mehr leisten: das Ruhen in geteilten stillen Voraussetzungen. Der amerikanische Kultur-Modus beruht deswegen auf zunehmender Armut an Latenz, Ungesagtheit und Implizitheit, umgekehrt produziert er immer größere Überschüsse an Explizitheit, Ausgesprochenheit, Manifestation – mitsamt den Reibungen, die sich aus der Überproduktion von manifesten Aussagen ergeben.“ (S. 55, 30.5.2011)

Der „täglich erlebte[…] freie Fall in die Verschlechterung“ (S. 56, 30.5.2011)

„Seit auch in den Einzelkulturen Europas die Ressourcen an Latenz, Implizitheit, Unausgesprochenheit in Auflösung begriffen sind, ist die These von der ‚Amerikanisierung‘ der Alten und der übrigen Welt berechtigt. […] Wir erleben, meist ohne zu wissen, wie uns geschieht und was wir dazu beitragen, einen zivilisatorischen Klimawandel, den man ablehnen, aber nicht aufhalten kann. Die Gletscher des kulturellen Unbewußten ziehen sich in die hohen Lagen zurück. […] Die Armut an gemeinsamen Prämissen macht unmöglich, was man bisher Bildung nannte. Komplimente unterliegen künftig der Zensur, die Freude an herzhaften Beleidigungen ist verdorben. Die guten Menschen legen ihre Duldsamkeit ab. Sie verwandeln sich in Nagelbretter und lassen nichts mehr auf sich sitzen. Eine kranke Wörtlichkeit löst die vormals kulturbegründende Ökonomie von Diskretem und Indirektem auf, indem sie soviel wie möglich auf die Seite des Expliziten zieht. Die Konsequenz hiervon ist eine Epidemie von aggressiven Überempfindlichkeiten. Auf der Gegenseite erlebt man das Anschwellen trotziger Kommunitarismen.“ (S. 56 f., 30.5.2011)

„Es gehört zu den großen Intuitionen Gumbrechts, daß er ‚Latenz‘ zu einem Schlüsselbegriff der humanities gemacht hat. Man muß von ihr reden, seit ihr Gegenteil, das Explizite, überall nach der Macht greift.“ (S. 57, 30.5.2011)

„War aber nicht jede vor-amerikanische Kultur, sofern sie ein lokales Ökosystem von Manifestem und Latentem bildete, ein von stillen Annahmen und inkarnierten Ausnahmen komponiertes Kunstwerk? Und werden nicht alle avancierten ‚Gesellschaften‘ endogen ‚amerikanisch‘?“ (S. 58, 30.5.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)