Der Spiegel-Test

Der Stand der Dinge (gespiegelt) am 27. Juni 2020.

Beim Blick in den Spiegel stellt der „Nackte Mann“ erwartungsgemäß fest, dass er noch nicht fertig ist. Alle paar Tage eine Dreiviertelstunde – das wird wohl noch eine Weile dauern.

Nicht nur für ihn, sondern auch für mich ist der Spiegel-Blick informativ und hilfreich bei der Beantwortung der Frage nach dem wirklichen Stand der Dinge. Ich habe das erst vor kurzem zufällig bemerkt: Das Spieglein, Spieglein an der Wand (oder sonstwo) sagt mir, ob meine in Arbeit befindliche Arbeit wirklich die schönste im ganzen Land ist – wofür ich sie naturgemäß gerne halte. Oder ob diese Linie mit dem Schnitzeisen noch ein wenig nachgezogen, jene Kontur noch deutlicher herausgearbeitet werden muss und so weiter und so fort.

Woran liegt das? Der indirekte Blick auf ein flächiges Spiegel-Bild scheint mehr oder noch etwas anderes erkennen zu können als der direkte Blick auf das mit mir im selben Raum befindliche Objekt. Um es zu verallgemeinern: Der Spiegel entwirft eine Art reduziertes Modell meiner Figur; und an diesem Modell erfahre ich trotz oder wegen der Reduktion etwas über das Original, das ich an diesem selbst nicht ohne weiteres wahrnehmen kann.

Man zitiert mich

Hauptfriedhof Karlsruhe, Feld 11, „Kerzenhain“

Die von mir 2003 zum ersten Mal auf dem Karlsruher Hauptfriedhof („Mein letzter Garten“) realisierten Namensstämme (Eichenstämme oder Stammstücke mit den Namen der Verstorbenen, deren Asche in der Nähe beigesetzt wurde) gibt es nun schon seit 2019 in der, wenn man so will, dritten Auflage. Unter dem Namen „Kerzenhain“ wurde das Feld (Nummer 11), in dem sie liegen, vor kurzem offiziell in Betrieb genommen. Wie im Bild unten zu sehen ist, hat man sich bei der Gestaltung des Steins am Eingang der Anlage meines quadratischen Schrift-Rasters bedient. Ich verstehe das als Zitat und fühle mich geehrt. Mit jedem Zitiertwerden wird der Zitierte ein wenig realer, erhöht sich der Grad seiner Präsenz in der wahrnehmbaren Wirklichkeit. Ein Anfang ist gemacht.

Der neue alte nackte Mann

Vor mehr als zwei Jahren habe ich damit angefangen und zwischenzeitlich immer mal wieder daran gearbeitet. Jetzt will ich ihn entweder fertig machen oder endgültig verwerfen.

Und wie ein missing link zwischen der Lorbeer-Hand „Daphne“ und der neuen alten Arbeit begegnete mir dann „zufällig“ diese Abbildung aus einem Lehrbuch des Londoner Astrologen und Arztes John Case, über dessen Haustür geschrieben stand: „Within this place / lives Doctor Case“. Mit diesem Zweizeiler, so Joseph Addison in „The Tatler“, habe Case mehr Geld verdient als John Dryden mit seinem dichterischen Gesamtwerk.

John Case: Compendium anatomicum nova methodo institutum, Amstelodami 1696, p 52
(zwischen dem Kapitel über die inneren und dem über die äußeren Venen)