Falten-Stück in Wolle

Während der Arbeit am aktuellen (dem zweiten) Falten-Stück in Eiche fiel mein Blick auf meinen linken Unterarm und ich gewahrte ein Falten-Stück in Wolle.

Kunst ist, wenn man das meiste nicht sieht

Es gibt Kunstwerke, bei denen, wie bei Eisbergen, 90 Prozent ihres Seins für den gewöhnlichen Betrachter unsichtbar bleiben. Künstler, Kunstkritiker und Kunsthistorikerinnen berichten uns dann in mehr oder weniger glaubhaften Worten von der Schönheit des notwendig im Verborgenen wesenden größeren und womöglich sogar besseren Teils des Ganzen. Das Werk sei die Suche nach dem Werk, sagte Wolfgang Rihm einmal. Sie dagegen versichern uns: Das Werk ist das Tauchen nach dem Werk. Im Halbdunkel ihrer Umschreibungen werden dann für diejenigen, welche darin geübt sind, auch dort noch etwas zu erkennen, wo nicht wirklich etwas zu sehen ist, undeutlich Umrisse deutlich. Ah, ich sehe ein mächtiges Narrativ, sagt der eine und: oh, was für eine profunde Analyse unserer postmodernen Befindlichkeit, seufzt die andere.

Superlativismus

Peter Sloterdijk und einer meiner vielen Schwäger (eins, zwei, viele) haben gemeinsam, dass sie sich mit Vorliebe von Superlativ zu Superlativ schwingen und dabei als eine Art subsonaren Tarzan-Schrei implizit verlauten lassen: Ich weiß, dass ihr nichts wisst und ich alles besser weiß.

Holländisch 5

„Das Prinzip Pléiade: Nicht allein glänzen. In einem Sternbild mitleuchten.“ (S. 58, 31.5.2011)

Der US-amerikanische Standard: „nothing goes without saying, Explizitheitspflicht, Atmosphärelosigkeit, Ambivalenzverbot“. (S. 58, 31.5.2011)

„Es gehört zu den charakteristischen Denkfehlern der Modernen zu glauben, Utopien seien politisch, nur weil sie von anderen, vorgeblich besseren Welten reden. Politik hat nichts mit anderen Welten zu tun, nur mit anderen Entscheidungen.“ (S. 60, 31.5.2011)

„Noah Webster (1758-1843), der Herr der Wörterbücher […], verfaßte unter wechselnden Pseudonymen rühmende Rezensionen seiner eigenen Werke und machte die Publikationen der Konkurrenten beißend nieder.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Sein [Websters, L. R.] American Dictionary of the English Language, 1828, markierte die sprachliche Unabhängigkeitserklärung der vormaligen Neuengland-Kolonie.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Das britische Englisch klingt inzwischen so, als wollte ein ganzes Volk die Royals parodieren.“ (S. 61, 1.6.2011)

„Alle Politik ist Psychopolitik geworden. Jedes Reden vor der Öffentlichkeit wandelt sich in Postulieren, Anklagen und Zurückverlangen.“ (S. 64, 6.6.2011)

„Die Fiktion, wonach die Einzelnen dem Fiskus als Schuldner a priori gegenüberstehen, ist so alt wie die imperiale Anmaßung.“ (S. 66, 8.6.2011)

„Du bist alt genug, um zu begreifen, die Welt gliedert sich in zwei Gruppen, die Homoneurotiker und die Heteroneurotiker. Mit den letzteren hast du nur peripher zu tun. Sie kommen dir nicht näher als die polnischen Installateure, die dein WC für die Hälfte des Üblichen reparieren. Die ersten bilden deine Familie, die naturwüchsige und die erworbene. Im Umgang mit ihnen gewinnst du das, was das fatale Wort ‚Menschenkenntnis‘ zum Ausdruck bringt.“ (S.67 f., 10.6.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 4

Kultur ist ein Balanceakt über dem Abgrund der Barbarei: Der Absturz zur einen Seite droht dann, wenn das Unausgesprochene überwiegt, der zur anderen Seite dagegen, wenn ein Zuviel an Explizitheit gefordert wird. Wie ich darauf komme? Man lese die folgenden Zitate aus Sloterdijk 2018:

Über Philippe Nassifs Buch La lutte initiale: Quitter l’empire du nihilisme (2011): „Das Unternehmen erinnert von fern an die Verlegenheit junger deutscher Intellektueller in den frühen achtziger Jahren, als sie dem Dunstkreis der Kritischen Theorie entwuchsen. Sie merkten allmählich, daß sie außer der Ablehnung des Bestehenden nichts gelernt hatten. Sie wollten ins Positive umschulen. Doch wie?“ (S. 48, 27.5.2011)

Über die Pariser Intellektuellen: „Von résistance darf weiter geträumt werden. Noch immer bildet die Idee des Widerstands, wogegen auch immer, den nationalen Fetisch par excellence. Am Ende wird man den Krieg gewonnen haben, weil man kapituliert hat, ohne einverstanden gewesen zu sein.“ (S. 49, 27.5.2011) „Der parisianische Kampf-Kitsch“. (S. 49)

„Erwachsenwerden ist letztlich der einzige Einsatz, der zählt. Die unerträgliche Leichtigkeit der Existenz nach der Dekonstruktion der bodengebundenen Systeme fordert den Sinn für die Schwere heraus.“ (S. 51, 27.5.2011)

„Die einfachste Auskunft […] würde lauten, ergreife einen Beruf! Du wirst aufhören, mit allem zu spielen. Selbst wenn du spürst, die Gnade hat dich fallengelassen, leiste den Diensteid!“ (S. 52, 29.5.2011)

Über den 2011 hundert Jahre alten Schriftsteller Maurice Nadeau (er starb 2013): „Auch Einzelne stellen gelegentlich ihr Dasein unter Müdigkeitsverbot.“ (S. 54, 29.5.2011)

„Man kann sich in der Neuen Welt den Luxus alter Kulturen nicht mehr leisten: das Ruhen in geteilten stillen Voraussetzungen. Der amerikanische Kultur-Modus beruht deswegen auf zunehmender Armut an Latenz, Ungesagtheit und Implizitheit, umgekehrt produziert er immer größere Überschüsse an Explizitheit, Ausgesprochenheit, Manifestation – mitsamt den Reibungen, die sich aus der Überproduktion von manifesten Aussagen ergeben.“ (S. 55, 30.5.2011)

Der „täglich erlebte[…] freie Fall in die Verschlechterung“ (S. 56, 30.5.2011)

„Seit auch in den Einzelkulturen Europas die Ressourcen an Latenz, Implizitheit, Unausgesprochenheit in Auflösung begriffen sind, ist die These von der ‚Amerikanisierung‘ der Alten und der übrigen Welt berechtigt. […] Wir erleben, meist ohne zu wissen, wie uns geschieht und was wir dazu beitragen, einen zivilisatorischen Klimawandel, den man ablehnen, aber nicht aufhalten kann. Die Gletscher des kulturellen Unbewußten ziehen sich in die hohen Lagen zurück. […] Die Armut an gemeinsamen Prämissen macht unmöglich, was man bisher Bildung nannte. Komplimente unterliegen künftig der Zensur, die Freude an herzhaften Beleidigungen ist verdorben. Die guten Menschen legen ihre Duldsamkeit ab. Sie verwandeln sich in Nagelbretter und lassen nichts mehr auf sich sitzen. Eine kranke Wörtlichkeit löst die vormals kulturbegründende Ökonomie von Diskretem und Indirektem auf, indem sie soviel wie möglich auf die Seite des Expliziten zieht. Die Konsequenz hiervon ist eine Epidemie von aggressiven Überempfindlichkeiten. Auf der Gegenseite erlebt man das Anschwellen trotziger Kommunitarismen.“ (S. 56 f., 30.5.2011)

„Es gehört zu den großen Intuitionen Gumbrechts, daß er ‚Latenz‘ zu einem Schlüsselbegriff der humanities gemacht hat. Man muß von ihr reden, seit ihr Gegenteil, das Explizite, überall nach der Macht greift.“ (S. 57, 30.5.2011)

„War aber nicht jede vor-amerikanische Kultur, sofern sie ein lokales Ökosystem von Manifestem und Latentem bildete, ein von stillen Annahmen und inkarnierten Ausnahmen komponiertes Kunstwerk? Und werden nicht alle avancierten ‚Gesellschaften‘ endogen ‚amerikanisch‘?“ (S. 58, 30.5.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 3

Die „zweite Ethik“ im Sinne von Georg Lukács (und Brechts Die Maßnahme) postuliert: „Dem Guten, das den Lauf der Geschichte ändern möchte, muß schlechthin alles erlaubt sein.“ (S. 22)

„Eigentlich sind die Niederlande schon eine westchinesische Provinz. Während die Einheimischen sich ihren europatypischen Bequemlichkeiten hingeben, sorgen hochmotivierte Leute aus dem Osten, lächelnd und mit schnellen Schritten, für die unauffällige Übernahme der Geschäfte.“ (S. 28)

„Es sind nicht allein die sexuellen Merkmale, seien sie nun primär oder sekundär, die uns zu Handlungen geneigt machen, um den Weg von der Sympathie zur Fortpflanzung zu ebnen. Mir scheint, es gibt tertiäre Größen, in denen sich der tiefere Grund des Hingerissenseins verbirgt. Daß diese Wesen [gemeint sind holländische junge Frauen, L. R.] leuchten können, beweist mir, es sind noch andere Motive im Spiel.“ (S. 32)

„Einen immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse gibt es nicht […]. […] Der erwachsene Geist kennt den Einsatz für eine unvollkommene Sache.“ (S. 41)

„Wolf Wondratschek gestern zum Aperitiv getroffen. Wie unter Freunden üblich, die sich länger nicht gesehen haben, tastet sich das Gespräch über ein Durcheinander von Themen“. (S. 42)

„Sicher, du hast sieben Jahre im Venusberg des Wissens verbracht, um Sphären zu verfassen, die vielleicht den letzten Versuch darstellen, das absolute Buch zu liefern, oder fast. Daß niemand es so verstanden hat, ist wahrscheinlich ein weiterer Beweis seiner Unmöglichkeit.“ (S. 43)

„Mit Dylan wurde das Singen, ohne es zu können, zur Klanggestalt einer Ära. Das intensive Nicht-Können erwies sich mehr und mehr als ein Können eigener Art.“ (S. 44)

„Es ist leicht, ein wenig genial zu sein, wenn man zwanzig ist oder dreiundzwanzig. Es käme darauf an, es mit siebzig zu sein, in einem Alter, in dem Dylan einige Mühe hat, nicht als Kopist seiner selbst zu erscheinen.“ (S. 44)

Sacha Goldman hat im großen und ganzen recht, „wenn er gegen die UNO poltert, sie sei eine Mühle, die das Nichts mit Milliardenaufwand zu noch mehr Nichts zermahlt.“ (S. 45 f.)

„Lieben und dichten sind Ausdrücke für ein und dieselbe Bewegung. Shall I compare thee to a summer’s day? Nur zu, vergleiche mich, womit du willst, solange du der Antigravitation folgst.“ (S. 47)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländische Fundsachen 2

„Wer Notizen macht, wird irgendwann entdecken, daß alles, was er vorbringt, vom Moment der Niederschrift an gegen ihn verwendet werden kann.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 9)

„Es ist nicht zu verkennen, der Autor [i. e. Sloterdijk selbst, L. R.] ergreift im Streit zwischen Bewahrung und Verflüchtigung für die Bewahrung Partei.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

„Zur Ironie des Älterwerdens gehört, daß man sich fragt, wieviel Vergangenheit einem noch bleibt.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

Der Autor stellt fest, dass seine „Notizen in natürlicher Unordnung chronologisch aufeinanderfolgen“. (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Sculpo ist …

… Lateinisch und heißt ich schnitze. Aber nicht nur ich schnitze, sondern auch er, sie und es schnitzt, respektive hat geschnitzt. Womit der Themen- und Gegenstandsbereich dieser (meiner) Website hoffentlich ungenau genug umrissen wäre. Ungenau genug, weil: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Eine Zeitlang hielt ich es für angebracht, meine eigene Holzbildhauerei und die der anderen räumlich (Raum im Sinne von webspace) zu trennen. Ohne den Sinn von Grenzziehungen grundsätzlich bestreiten zu wollen, scheint mir mittlerweile das Prinzip der Verflechtung (oder der Kreuzung) das natürlichere und daher auf längere Sicht das kommodere zu sein.

Klein gedruckt findet sich oben der Hinweis darauf, dass ich nicht nur schnitze, sondern auch schreibe. Die Frage ist, ob sich dahinter mehr verbirgt als eine überflüssige Feststellung des Offensichtlichen. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass ich nicht weiß, welche der Tätigkeiten ich groß und welche ich klein schreiben soll.

Zeit des Aufbruchs, Zeit aufzubrechen

Schon werden die Tage (seit dem 14. Dezember) vom Ende her (will sagen: zum Ende hin) länger, noch fangen sie aber täglich etwas später an. Per saldo ergibt sich dabei jetzt schon (seit dem 21./22. Dezember) eine fortschreitende Verlängerung des Tags als die Kehrseite der Nacht. Wenn es also eine Phase des Jahres gibt, in der gewissermaßen mit objektiv-astronomischem Recht so etwas wie Aufbruchsstimmung entstehen und um sich greifen kann und darf, dann ist es die, in der wir uns jetzt befinden. Man sollte mal ein Buch oder wenigstens einen Essay über das Aufbrechen schreiben, aber wahrscheinlich gibt es das und den schon.

Teurer Sturm im Wasserglas oder: Ein Rechtsstreit im 18. Jahrhundert

Der von mir hochgeschätzte Bildhauer (Holz und Stein) Anton Sturm leistete sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Füssen einen 12 Jahre währenden Rechtsstreit (1727-39) mit seinem Nachbarn, dem Hufschmied Jacob Kloz. Es ging um einen an Sturms Haus angrenzenden Stadel, den der Hufschmied hatte bauen lassen, ohne dass der Bildhauer in der Bauphase dagegen Einspruch erhoben hätte. Sturm hatte sich darauf beschränkt, mit einem Stück Kohle an seiner Hauswand die maximale Höhe des Stadels zu markieren. Obwohl diese Obergrenze von Kloz nicht überschritten worden war, verlangte Sturm bald darauf den Abriss des Stadels oder aber die Veränderung des Satteldachs zur besseren Abführung von Regen- und Schmelzwasser, durch dessen schädlichen Einfluss er sein eigenes Haus in Mitleidenschaft gezogen sah.

Sturm selbst gab später an, dass ihn das juristische Verfahren insgesamt 300 Gulden gekostet habe. Für diese Summe hätte man den Stadel wahrscheinlich zehnmal abreißen und wieder neu aufbauen lassen können, denn für Sturms eigenes Haus, in dem sich Wohnung und Werkstatt befanden, wurde in dieser Zeit zum Zweck der Besteuerung ein Wert von 400 Gulden angesetzt. Von den 262 in die Steuerliste aufgenommenen Häusern erreichten insgesamt nur 24 den relativ hohen nominellen Wert von 400 Gulden, 10 von diesen 24 Häusern lagen im Wert über 400 Gulden, der Steuer-Wert des wertvollsten Hauses betrug 800 Gulden.

Diese lustige Geschichte aus dem Privatleben eines der großen schwäbischen Bildhauer des Spätbarock und Rokoko findet man in einem von der Stadt Füssen anlässlich einer Sturm-Ausstellung 1990 herausgegebenen Katalog-Heft, das man für 6,00 EUR (inklusive Versand) beim Füssener Kulturamt bestellen kann. Unbedingt kaufen, solange es noch nicht vergriffen ist!