Die ersten Jogger

Wann und wo genau fing das mit dem Joggen eigentlich an? Es war am 13. Januar 1920 in München. Thomas Mann war Zeitzeuge dieses Ereignisses, welches für ihn offenbar so irritierend gewesen ist, dass er es im Tagebuch festgehalten hat: „Ging vorm Abendessen eine halbe Stunde im Wind bei reichem Föhn-Sternenhimmel spazieren. Halbnackte Turner kamen im Dauerlauf an mir vorüber.“

Wider den Reduktionismus

Man hört und liest jetzt allenthalben (als ob wir keine echten Probleme hätten), dass es neuerdings vollkommen inakzeptabel sei, wenn Männer Frauen Komplimente machen oder ihnen gar die Tür aufhalten. Man(n) reduziere frau damit  auf ihr Geschlecht und daher sei das Komplimente-Machen und das Türen-Aufhalten oder Ihr-den-Vortritt-Lassen etc. pp. (für die davon betroffene Frau) entwürdigend und sexistisch.

Es steht allerdings zu befürchten, dass die sexistischen männlichen Verhaltensweisen unter dem Deckmantel der sogenannten Höflichkeit oder das angeblich harmlosen Flirts nur die Spitze des Eisbergs sind. Ich habe einmal damit begonnen, eine Liste inakzeptabler oder zumindest bedenklicher, in Zukunft sehr wahrscheinlich als „umstritten“ geltender Verhaltensweisen und Handlungsmuster aufzustellen, also eine Liste dessen, was man künftig alles nicht mehr tun darf, weil es der oder dem Betroffenen die Würde nimmt, indem es sie oder ihn, pardon: ihn oder sie (geht eigentlich auch nicht) in gänze auf etwas reduziert, was s*i*e*r nur zu einem relativ kleinen Teil ist. Die Liste ist natürlich längst nicht vollständig, aber ein Anfang ist immerhin gemacht:

Kleinkinder und hilflose Greis*inn*en füttern – man reduziert sie damit auf ihr Alter und ihre Unselbständigkeit; Verurteilte Straftäter*innen einsperren – man reduziert sie damit auf ihr Fehlverhalten; Autofahrer*inne*n, die von rechts kommen, die Vorfahrt lassen – man reduziert sie damit auf ihr Von-rechts-Kommen; Kaufinteressent*inn*en etwas verkaufen – man reduziert sie damit auf ihr Haben-Wollen; Gläubiger*inne*n das ihnen zustehende Geld bezahlen – man reduziert sie damit auf ihre materiellen Interessen; Schüler*inne*n und Studierenden etwas beibringen – man reduziert sie damit auf ihr Nicht-Wissen; Schutzsuchende ins Land lassen – man reduziert sie damit auf ihre Schutzbedürftigkeit; Abgeordnete wählen – man reduziert sie damit auf ihre erklärten politischen Absichten; Verstorbene beisetzen – man reduziert sie damit auf ihr Totsein.

Am Ende gnadenlos schön

Das informelle oder auf Konvention (also auf eine unausgesprochene Übereinkunft) sich gründende diskutierende oder auch „nur“ parlierende Kollektiv löst sich gerade auf. Die sogenannte Gesellschaft, deren reale Einheit vielen längst ein Rätsel war und nicht wenigen eine Illusion zu sein schien, zerfällt unaufhaltsam. Echoartig durch die Medien hallende Sätze wie: Es ist „uns“ nicht gelungen, „den Menschen“ ihre Ängste zu nehmen oder ähnlicher Schwachsinn, gehören nicht zu den Folgeerscheinungen des Zerfalls, sondern mit zu seinen Ursachen. Der Wunsch (auch meiner), sich (mich) verständlich zu machen und sich (mich) zu verständigen, schwindet von Tag zu Tag. Bald nehme ich nur noch am eigenen „Diskurs“ teil. Die Gesprächspartner suche ich mir in den Büchern, Bildern, Filmen und so weiter die ich mir gefunden habe. Das macht frei und einsam. „I’m a lone-, lonesome rider“, sang Ulrich Roski (1944-2003), den heute keiner mehr kennt, schon vor Jahrzehnten. Bis auf weiteres gilt: Wir müssen uns den Lonesome Rider als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Unter diesen Umständen kann ich es mir dann auch erlauben, dieses gnadenlos schöne Bild des in China geborenen An He gnadenlos schön zu finden:

An He (*1956): Sitzende Frau, Öl auf Leinwand, 76 x 102 cm

Sondierungsgespräche?

Sogenannte Sondierungsgespräche, sollte man meinen, führt man, um herauszufinden, was Sache ist und mit wem man es bei den Gesprächspartnern zu tun hat. Am Ende entscheidet man über sein weiteres Vorgehen. Genau das hat Christian Lindner in der letzten Nacht buchstäblich fünf vor zwölf getan und sich gegen eine Koalition seiner FDP mit CDU/CSU und den Grünen entschieden. Heute ist von nicht wenigen seiner Gesprächspartner zu hören, man habe doch kurz vor einer Einigung gestanden. Wer solches sagt, gibt damit zu erkennen, dass er entweder Sinn und Zweck der Gespräche missverstanden oder unter einem irreführenden Titel Koalitionsverhandlungen geführt hat. Wie dem auch sei: Wenn ich aus dem Munde eines offensichtlich beleidigten CSU-Müllers vernehme, dass man sich doch so gut wie einig gewesen sei, frage ich mich irritiert, wer sich da eigentlich worüber einig gewesen ist und welche Rolle Lindner bei dieser Einigung, von der er offenbar nichts mitbekommen hatte, gespielt haben mag. Und weiter: welche Rolle die FDP in dieser Koalition der Sich-Einigen hätte spielen sollen. Im Nachhinein beweisen die Reaktionen derer, die einstweilen noch um ihre Pfründe bangen müssen, dass Lindner mit seinem Misstrauens-Votum vollkommen richtig lag.