Ratlosigkeit

Das, was man Ratlosigkeit nennt, ist unter den Bedingungen der Möglichkeit der publikatorischen Aktivität eine eher kontraproduktive. Der österreichische Philosoph Peter Strasser schreibt über sie: das „Gewärtigsein“ sei „am Ende die Stimmung der Ratlosigkeit“, wobei (vermutlich absichtsvoll) unklar bleibt, ob „Stimmung“ auf „Gewärtigsein“ oder auf „Ratlosigkeit“ (oder auf beides) zu beziehen ist. Unter „Gewärtigsein“ verstehe ich den psychophysischen Modus des Auf-alles-gefasst-Seins und des Beinahe-alles-für-möglich-Haltens. Fernöstliche Kampftechnik fällt mir dazu ein. Zugleich hält Strasser sie, die Ratlosigkeit, für potentiell tröstlich – sie werde „zum Seelentrost in der entseelten Welt“. Und gibt zu, dass ihm sein eigenes Diktum weitgehend dunkel bleibt. Gegen Trostlosig- und Untröstlichkeit gefeit ist und bleibt, wer auch das vermeintlich Unmögliche für möglich hält. So oder so ähnlich. Zen und die Kunst des Trostfindens in der alles gewärtigenden Ratlosigkeit.

Von einem Extrem ins andere

Es heißt nicht selten, angesichts der unermesslichen Größe des Universums sei doch unser Dasein auf diesem putzigen Planeten vollkommen unbedeutend, eine zu vernachlässigende Winzigkeit, um nicht zu sagen: ein Eintagsfliegenschiss. Man könnte aber auch umgekehrt mutmaßen, dass unserer Existenz eine nicht überschätzbare Bedeutung zukommen muss in Anbetracht des immensen Aufwands (um noch das Mindeste zu sagen), der getrieben werden musste, um sie zu ermöglichen. Alles eine Frage der Perspektive und des sogenannten Selbstbewusstseins. Die Beantwortung der Frage, ob es außer unserer eigenen Unvernunft noch die Unvernunft von anderen protointelligenten Lebewesen im All gibt, spielt bei der Entscheidung für die eine oder andere Variante der Selbstbewertung übrigens keine Rolle. Falls es da und dort oder gar überall noch andere Zivilisations- und Kulturträger gibt oder gegeben hat, kann man deren Existenz aus dem oben genannten Grund und nach derselben Logik zum Anlass nehmen, sich klein oder groß, extrem unbedeutend oder über die Maßen bedeutend vorzukommen. Denn in einem kohärenten System kann jedes Element als Bedingung des Da- und So-Seins jedes anderen Elements gelten.

Tablet-Zeichnung am 6.6.2018

Glaube und Form

Glauben im religiösen Sinn heißt dem Leben eine bestimmte Form geben. Die gelebte Glaubens-Form oder die geglaubte Lebens-Form greift über („färbt ab“) auf alles Geformte und umgekehrt. Jede Form-Arbeit ist in gewissem Sinn Glaubens-Arbeit. Wenn Glaube eine Lebens-Form ist, spielt der Inhalt nicht die Hauptrolle. Wahrscheinlich kann man als Gläubiger sogar auf den Inhalt (auf das „Glauben an“) verzichten. Die dürftigen (sprachlichen, nicht-sprachlichen, musikalischen, bildlichen, rituellen) Formen, in denen sich heute der christliche Glaube bewegt (Ausnahmen bestätigen die Regel), sind nicht Zeichen für dessen Niedergang und Verfall, sondern sie sind der Niedergang und der Verfall selbst. Denn es gibt keinen Glauben jenseits der Form und der Formen.