Archiv der Kategorie: EKLEKTOLOG

24. Juni 2017

Albrecht Dürer war auch Kunsttheoretiker, vielleicht sollte man aber besser sagen: ein Geometer im Auftrag der Kunst. Sein umfangreicher schriftlicher Nachlass enthält ebenso akribische wie langatmige Untersuchungen der Proportionen von Mann und Pferd, Frau und Säulenordnung. Nicht zu vergessen die Studien zur Perspektive. Aber auch über den Umgang mit Auszubildenden machte Dürer sich detaillierte Gedanken. Typisch deutsch. Was hätte wohl Michelangelo dazu gesagt, der schon die Beschäftigung mit der Perspektive als Zeitverschwendung ablehnte: „Alla prospettiva non, che mi pareva perdervi troppo tempo“.

23. Juni 2017

Tablet-Zeichnung, 23.6.2017


Schon zum vierten oder fünften Mal in Folge habe ich mich mit unserem kleinen neuen alten Samsung-Tablet gegen Abend in den gleich nebenan gelegenen Stadtgarten gesetzt, um zu zeichnen. Das könnte zur Gewohnheit werden. Die meisten Besucher (mehrheitlich Mütter oder Großeltern mit Kindern) haben das weitläufige Gelände dann schon wieder verlassen. Die Tools des Zeichenprogramms sind mir mittlerweile einigermaßen vertraut. Und obwohl das Zeichnen auf dem Tablet eigentlich mehr ein Malen ist, traue ich mich an die Farbpalette noch nicht heran. Meine erklärte Absicht nach dem Abitur war es, Maler zu werden. Es entstand naturgemäß eine Reihe von kleinen Ölgemälden. Dann hat es sich anders ergeben. Und nun kommt es mit meiner Rückkehr zur Malerei auf ein paar Tage mehr oder weniger nicht an.

22. Juni 2017

Tablet-Zeichnung, 22.6.2017

Zufällig las ich heute in einem Tagebucheintrag vom 12. November 2008 diese damals von mir kommentarlos notierten Sätze aus einer Presseerklärung der Karlsruhe Kunstakademie: „Wenn Malerei jenseits ihrer klassischen Ordnung nur noch als Denkform existiert, ist einer bildkünstlerischen Recherche der Handlungsraum in alle Richtungen geöffnet. Dann ist das Verhältnis eines wahrnehmenden Menschen zu einem temporär existierenden Sehereignis neu zu definieren. Für S[. …] K[. …] entscheidend ist also nicht, was Malerei präsentiert oder repräsentiert, sondern wie Malerei untersucht wird.“ Dieser auf pseudo-intellektuellen High Heels daherstolzierende Text ist natürlich der pure Schwachsinn. Bemerkenswert finde ich allerdings das schon 2008 klar und deutlich formulierte Bekenntnis zur Malerei als bloßer Denkform. Der Abwicklung der Kunstakademien auf dem Wege ihrer Transformation in irgendwelche Module im Rahmen irgendwelcher kulturwissenschaftlicher Studiengänge sollte also spätestens heute (und schon aus Kostengründen) nichts mehr im Wege stehen.

Eigentlich könnte die Malerei von Glück sagen, wenn die Akademien im Allgemeinen nach 400 Jahren tatsächlich das Interesse an ihr verloren hätten. Alle Veredelungs-, Züchtungs- und Kreuzungsmöglichkeiten scheinen ausgeschöpft. Zur „Denkform“ entmaterialisisert, geistert das Gemäl vielleicht noch ein paar Jahrzehnte durch die Klassenzimmer des noch in Ausbildung befindlichen kunstakademischen Proletariats, während andernorts mit neuer Unbefangenheit lustvoller und freier denn je drauflos gemalt wird.

21. Juni 2017

Das perspektivische Sehen ist, wenn überhaupt eine Erfindung, dann eine Erfindung der Natur. In A History of Pictures wendet sich David Hockney also vollkommen zu recht gegen die kunsthistorische Lehrmeinung, Fillippo Brunelleschi habe die Zentralperspektive zu Beginn des 15. Jahrhunderts „erfunden“. Korrekt wäre es festzustellen, dass er auf sie als mögliches Mittel der künstlerischen Darstellung hingewiesen hat. Auch wenn dies so nicht auf seinem Grabstein steht: Er hat einen Vorschlag gemacht und wir haben ihn angenommen. Offene Türen hat er mit seiner Empfehlung wohl vor allem deshalb eingerannt, weil der zentralperspektivische Blick in die Welt derjenige ist, der uns aufgrund der physiologischen Beschaffenheit unserer Augen von Natur aus entspricht.

20. Juni 2017

Tablet-Zeichnung, 20.6.2017

Der Tablet-Zeichner und -Maler braucht kein Atelier. Tablet, Ladekabel und gelegentlich eine Steckdose genügen ihm fürs erste. Die Leinwand wird durch eine Glasscheibe in handlicher Größe, der Block durch einen Blog ersetzt. Stifte, Farbtuben, Pinsel, Pinselreiniger und nicht zuletzt ein Lagerraum für die fertigen Bilder: alles nicht erforderlich.

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Bei meiner Bestandsaufnahme in Sachen Ausstellungsaktivitäten komme ich zügig voran und ins Staunen. Was für ein fleißiger Exhibitionist ich doch eine Zeitlang gewesen bin. Ende der 1990er Jahre habe ich mir anscheinend keine Gelegenheit, mein Zeug zu zeigen, durch die Lappen gehen lassen. Nicht nur hier in der Region, sondern auch dort im hohen Norden und Nordosten Deutschlands konnte man dem ein oder anderen Werk (aber auch Machwerk) von mir begegnen. Nicht dass ich das alles vergessen hätte. Doch kommt es mir heute so vor, als habe es in einem anderen Leben stattgefunden.

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Hier ein 12 Minuten langer Youtube-Film, in dem sich die Autoren des von mir schon mehrfach erwähnten Buches A History of Pictures (David Hockney und Martin Gayford) über ihr Buch unterhalten. David Hockney wird in drei Wochen (am 9. Juli) 80 Jahre alt.

19. Juni 2017

Tablet-Zeichnung, 19.6.2017

David Hockney weist in A History of Pictures darauf hin, dass wir beim Sehen, also auch beim Zeichnen, ständig die Blickrichtung ändern. Auf der Zeichnung sieht man davon in der Regel nichts – es sieht stattdessen so aus, als hätten wir die Blickrichtung nie geändert, als wäre das Bild quasi zeitlos in einem einzigen Moment, also im Nu entstanden. Wir abstrahieren von unseren Richtungs- und Fokuswechseln und tun so, als hätten wir nicht gezeichnet, sondern fotografiert. Dieser fotografische Blick, den die Zeichnung dann festhält oder postuliert, wurde erfunden, als man die Zentralperspektive entdeckt hat. Wir fotografieren also nicht erst seit 1839. Die Skizze eines fünfundzwanzigstöckigen Hauses aus einer Entfernung von fünfunddreißig Metern gezeichnet, müsste ein Kontinuum von Perspektiven enthalten, wenn die Wahrnehmungsweise authentisch wiedergegeben sein sollte. Da regt sich der Verdacht, dass die Bildbrüche des Kubismus wenigstens teilweise als Versuche zu werten sind, unsere dynamische Sehweise realistischer wiederzugeben als eine statische Fotografie es tun kann.

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Gestern habe ich damit begonnen, eine vollständige Liste meiner öffentlichen Auftritte als Bildhauer, Zeichner, Fotograf, Videomacher und Performer zusammenzustellen. So eine Art Bestandsaufnahme oder Zwischenbilanz. Ich werde dabei das Gefühl nicht los, in der falschen Kunstszene unterwegs gewesen zu sein. Kann es eine richtige Kunst in der falschen Szene geben?

18. Juni 2017

Seit einer Woche lese und betrachte ich David Hockneys und Martin Gayfords dialogisch (vielleicht sagt man auch besser: duettartig) angelegtes Bilder-Buch A History of Pictures (2016). Plato, las ich heute, habe Vorbehalte nicht nur gegenüber der Dichtung, sondern auch gegen die Malerei geäußert. Ein Gemälde sei wie ein schlechtes Argument: nur aus der Distanz ähnele es der Wirklichkeit. Denn ein Bild gibt nicht wieder, wie ein Gegenstand wirklich ist, sondern zeigt nur, wie er zu sein scheint. Ich meine allerdings, das einzige, was nicht trügt, ist der Schein. Alle Aussagen darüber, was und wie etwas wirklich ist, haben sich als nicht haltbar erwiesen. Und da ist kein Ende in Sicht, auch wenn die Modernen noch so glaubensfest daran glauben, dass es nur noch einiger Experimente im CERN bedarf, bis wir mit endgültiger Gewissheit wissen, was den Kosmos im Innersten zusammenhält. David Hockney nimmt den Passus über Platos Bild-Skepsis zum Anlass, um sich zur Malerei als seinem persönlichen Lebenselexier zu bekennen: „I believe that painting can change the world. If you see your surrounding as beautiful, thrilling and mysterious, as I think I do, then you feel quite alive. I’ve always loved pictures; they give me ideas.“ Ich neige neuerdings wieder dazu, mich Solchem anzuschließen.

17. Juni 2017

Tablet-Zeichnung mit „Autodesk“, 17.6.2017

Das im zeichnerischen Kontext schwer zu übersetzende englische Wort mark (ungefähr: Zeichen, Spur, Mal, … so etwas wie das kleinste Element, aus dem eine Zeichnung besteht), kann für das Zeichnen auf der gläsernen Tablet-Oberfläche definiert werden als die Spur, die entsteht zwischen der Kontaktaufnahme mit der Oberfläche und dem Abbrechen des Kontakts. Marks in diesem Sinn können ganz leicht wieder zum Verschwinden gebracht werden. Es ist dann, als hätte man diese einzelne Linie nie gezogen, diesen Punkt nie gesetzt. Anders als beim Zeichnen mit Papier und Bleistift gibt es also von mark zu mark ein zweite, dritte, vierte usw. Chance. Man wird aber wohl im Sinne einer lebendigen Zeichnung gut daran tun, von dieser Möglichkeit der Perfektionierung keinen allzu peniblen Gebrauch zu machen.

Und aus heute gegebenem Anlass dann noch dieses:

„Die Windbö im Geranienkasten ist die kleine Schwester des Sturms im Wasserglas“ – Ch. D.-M. zum Geburtstag

16. Juni 2017

Die „Bedburger Mühle“ im rheinländischen Bedburg: Blick aus dem Fenster unseres Hotelzimmers. Es war idyllischer als es aussieht durch das, was hier nicht im Fokus ist: ein Wehr an der Erft (daher „Mühle“) samt Ufer-Gehölz im Hintergrund.

Auch über das, was als malerischer An- oder Ausblick (als picturesque view) gelten kann, lässt sich (nicht) streiten. Ich fand diese Dachlandschaft jedenfalls zeichnerisch so interessant, dass ich aus künstlerischen Gründen gerne noch ein, zwei Tage länger geblieben wäre. Dabei war schon diese eine Übernachtung gar nicht vorgesehen gewesen. Als Falschtanker könnte man jemanden bezeichnen, der falsch getankt hat – etwa indem er statt Diesel Super eingefüllt hat. Ein Falschtanker ist im ADAC-Jargon aber auch ein Auto (in diesem Fall unser Golf), das (der) einem Falschtanker (in diesem Fall mir) zum Opfer gefallen ist. Dieser malerisch-zeichnerische Blick auf ein reizvolles Dach-Ensemble war die … Euro, die er uns gekostet hat, durchaus wert. Um nicht zu reden von unserem Mahl auf der herrlich leeren, abendlich abendländischen Hotelterrasse (gleichfalls gleich beim Wehr) und den sprichwörtlich frohnaturellen Rheinländern, die sich um uns verdient machten: der vierschrötige, sehr hilfsbereite Typ mit dem Abschleppwagen, die beiden Damen im Hotel (eine junge Hellblonde, die ebenso hübsch wie schwanger war, sowie eine eher bodenständige Dunkelblondine) und last not least der Büroangestellte in der Werkstatt, der mir beim Abholen des Wagens versicherte, 95 Prozent aller Falschtanker (der ersten Art) seien Männer und nicht etwa Blondinen, wie Mann vielleicht meinen könnte. (Dies aber wohl nur deshalb, weil es in aller Regel die Männer sind, die tanken, auch wenn eine Frau am Steuer sitzt.)

15. Juni 2017

Before leaving Landsmeer today I sketched some „Leaves in Landsmeer“.

Man kann mit dem Bleistift eine lineare Welt erschaffen, in der es weder Licht noch Schatten gibt. Das hat seinen Reiz und seine eigene Ästhetik. Doch entsprechen Formen, die sich aus dem Wechsel von Hell und Dunkel ergeben, eher dem, was wir normalerweise wahrnehmen. In der Regel sehen wir keine Linien, sondern eine hellere Fläche, die an eine dunklere grenzt. Das Nichts im nicht existierenden Grenz-Bereich ist dann das, was wir eine Linie nennen und zeichnerisch als solche darstellen.

14. Juni 2017

„There were signs in the sky / But I did not know / I’d be caught in the grip / Of the undertow“ (Leonard Cohen)

Zeichen am Himmel: Zeichnungen. „Fifty ways to leave your lover“ unterschied Paul Simon – die Alten Chinesen kannten mindestens sechsundzwanzig Arten, einen Felsen zu zeichnen.  Wie viele Arten mag es geben, mit Hilfe eines Jets ein Porträt von „Lucy in the sky with diamonds“ zu zeichnen?

Bettwäsche vor holländischer Landschaft zum Trocknen aufgehängt. Malerisch? Zeichnerisch. Heute Vormittag in Landsmeer.

13. Juni 2017

Gestern Abend in der Amsterdamer Oper: Salome von Richard Strauss nach einem Drama von Oscar Wilde. Für den bildkünstlerischen Anteil zuständig: Jan Versweyveld (decor en licht), An D’Huys (kostuums) und Tal Yarden (video). Für die minimalistische Reduktion des Bühnen-Bildes auf ein mehr oder weniger hell ausgeleuchtetes Grau spricht zumindest, dass so der blutüberströmte Leichnam des auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Dame geschlachteten Jochanaan (Johannes) farblich perfekt zur Geltung kommt. Was ich mich gefragt habe: ob Oscar Wildes distanzierter Sprachwitz (inklusive Spott und Sarkasmus) und Strauss‘ (wunderbares) musikalisches Pathos eine nachhaltig überzeugende Verbindung eingehen können. Fürs erste waren wir jedenfalls von dem, was uns da alles in allem geboten wurde, sehr angetan. Irgendeine Art von Kunst-Amalgam ist es jedenfalls, vielleicht hätte man das auch im decor und den kostuums zeigen können. (Leichter gefordert als getan.)

Heute beim Zeichnen im Twiske.

12. Juni 2017

Robin im Profil

Der Gegenstand (welcher auch immer) sagt mir nicht, wie ich ihn darstellen, zeichnen, malen, fotografieren soll. Um beim Zeichnen zu bleiben: es gibt viele Arten, einen Hund, einen Wal (in der Gegend von Landsmeer, wo wir gerade sind, wurde bis 1790 Waltran gekocht) oder das aufgewühlte Meer zu zeichnen. Die „richtige“ ist nicht dabei. Man kann sich also ansehen, wie andere das Problem gelöst haben, wobei im Falle der Zeichnung nicht nur andere Zeichnungen oder Stiche, sondern auch Gemälde und Fotografien Hinweise geben können.

11. Juni 2017

„Rolling home, rolling home, / Rolliing home across the sea …“ Wir aber rollen heute nach Amsterdam. 

10. Juni 2017

Die Webseiten eines bildenden Künstlers sollten auch etwas von einem Kunstwerk haben. Ich müsste also versuche, von den mir zur Verfügung stehenden Mitteln in nicht unkünstlerischer Weise Gebrauch zu machen. Leichter geschrieben als getan.

Schön: David Hockneys Bühnenbildmodelle zu Richard Strauss‘ Oper Die Frau ohne Schatten.