Archiv der Kategorie: EKLEKTOLOG

16. Oktober 2017

Lothar Rumold: „Nachts im Park 3“, 2017, Tablet-Zeichnung

15. Oktober 2017

Übungsziel für heute, morgen und übermorgen: Es durchaus voller Verachtung, gleichwohl gelassen hinnehmen lernen, dass beispielsweise ein Frankfurter Oberbürgermeister in einer Paulskirchen-Rede in demagogischer Manier alle, die in der sogenannten Flüchtlingsfrage grundsätzlich anderer Meinung sind als der merkeltreue Mainstream, damit der Demagogie für überführt erklärt und aus dem Kreis derer, deren Standpunkt als möglicher Standpunkt zu respektieren ist, kategorisch ausschließt. Apropos Buchmesse: „Rechte“ Verlagsstände (meines Wissens waren es insgesamt drei) dürfen attackiert, geplündert und beschädigt werden, ohne dass dies publik zu machen und öffentlich zu verurteilen wäre. Leben wir noch in einem Land, in dem jeder frei und unbehelligt seine Meinung sagen kann? Ja, sagt der Zyniker, der sich für einen Demokraten ausgibt, solange es eine Meinung ist, die ich als legitime anerkenne. Wehret den Anfängen! Wer würde dem nicht beipflichten, aber deine Anfänge, denen zu wehren ist, sind nicht meine Anfänge. Und die Spalter sind immer die anderen. Es reden uns die noch herrschenden Kreise Rede um Rede, Positionierung um Positionierung gegen „rechts“ weniger mutig (denn dazu gehört kein Mut) als vielmehr mutwillig in einen Kalten Bürger-Krieg hinein.

Aber damit dieser im meteorologischen Sinn durchaus sonnige Daily-Work-Tag nicht ganz der Überschattung durch die Lichtgestalten des gesellschaftlichen Diskurses und des offensiven Meinungs-Konsensualismus‘ zum Opfern fällt, weise ich rasch noch auf meine neu begonnene private Kunstsammlung (Menüleiste SAMMLUNG) hin.

14 Oktober 2017

Lothar Rumold: „Nachts im Park 2“, 2017, Tablet-Zeichnung

12. Oktober 2017

Lothar Rumold: „Hände 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

Nicht wenige meiner Tablet-Zeichnungen sehen fast aus wie Holz- oder Linolschnitte. Diese hier ist kein typisches Beispiel. Jene schon eher:

Lothar Rumold: „Nachts im Park 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

11. Oktober 2017

Lothar Rumold: „Skizzenbuch: Warten bei VW“, 2017, Tablet-Zeichnung

Lothar Rumold: „Skizzenbuch: Friedhofs-Baum“, 2017, Tablet-Zeichnung

Ein Tablet, vorausgesetzt es hat ein noch einigermaßen handliches, also jackentaschenkompatibles Format, eignet sich für tagebuchartige Skizzen natürlicherweise besonders gut. Gegenüber dem „analogen“ Skizzenblock hat es den Vorteil, dass es keine Blätter gibt, die geknickt oder zerknittert werden könnten, und dass der Stift nicht gespitzt werden muss und nur auf dem oder im Tablet, aber nirgendwo sonst Spuren hinterlässt. Abgesehen davon kann das Tablet zugleich zum Surfen, Schreiben, Telefonieren, Fotografieren, Filmen, als Spiegel, als Tablett und Gott weiß, wofür demnächst sonst noch verwendet werden. Genial.

Noch einmal zu dem gestern hier erstmals vorgestellten Félix Vallotton (1865-1925), der für mich nach David Hockney zur nächsten veritablen Entdeckung zu werden scheint. In einer Ausstellungskritik für die Gazette de Lausanne (erschienen am 25.3.1891) schrieb Vallotton über Henri Rousseau, der im Pariser Salon des Indépendants sein erstes großes Urwaldbild zeigte:  „Herr Rousseau überrascht von Jahr zu Jahr mehr. Er ist ein schrecklicher Nachbar; er erdrückt alles. Zu sehen ist ein Tiger, der eine Beute schlägt; dies ist das Alpha und das Omega der Malerei, und es ist so irritierend, dass selbst tief verwurzelte Überzeugungen nicht mehr weiter wissen und sich verunsichert fühlen ob soviel Selbstsicherheit und soviel kindlicher Naivität.“ Was man sich als Künstler ins Merkbüchlein schreiben kann: nichts von dem, was in der Sphäre der Kunst als unumstößliche Wahrheit gilt, ist eine unumstößliche Wahrheit. Die Gewissheiten von heute sind die obsolet gewordenen Vorurteile von morgen – aus dem Feld geschlagen von denen, die ebenso selbstsicher wie (scheinbar oder tatsächlich) naiv, neue Maßstäbe setzen. Womit Vallotton neue Maßstäbe setzte, waren die von ihm in den 1890er Jahren geschaffenen Holzschnitte. Zwar war er nicht der erste, der sich dieser seit dem 16. Jahrhundert in Vergessenheit geratenen Technik erneut bediente, doch hatten die von ihm hergestellten Drucke formal und inhaltlich etwas kompromisslos Intensives, das offensichtlich seinesgleichen suchte (und nur selten irgendwo fand). Hier zum Beispiel ein höchst bemerkenswerter und gelungener Versuch, mit einfachsten Mitteln ein sich in einem See spiegelndes Haus samt nächtlichem Sternenhimmel darzustellen:

Félix Vallotton: „La Nuit“, 1895, Holzschnitt, 17,8 x 22,2 cm

10. Oktober 2017

Bei meinem zweiten kunsthistorischen Blind-Date in der Badischen Landesbibliothek (ich berichtete davon am 4. Oktober) begegnete ich heute Félix Vallotton, ein gebürtiger Lausanner (1865), der mit knapp 35 (1900) französischer Staatsbürger wurde, kurz zuvor hatte er mit seinen formal und inhaltlich aufsehenerregenden Holzschnitten Aufsehen erregt. Vallotton malte die unglaublichsten Bilder (er hat allein 1.700 Gemälde hinterlassen), hier das, was Google zusammengestellt hat – für mich eine wahre Augenweide und schier unerschöpfliche Fundgrube. Angesichts solcher Buntheit und Vielfalt in jeder Hinsicht nimmt es nicht Wunder, dass Vallotton ab 1900 von der sogenannten Avantgarde, welcher er offenbar für den Zeitraum davor zuzuordnen ist, nichts mehr wissen wollte. Kaum zu glauben, dass etwa dieses Bild 1895 in Öl auf Leinwand gemalt worden ist (ich hätte es spontan für einen Fall von „Kaufhauskunst“ der 1970er oder von Photoshop-Artistik der 2010er Jahre gehalten):

Félix Vallotton: „Badende“, 1895, Öl auf Leinwand, 98 x 130 cm

Rudolf Koelle, der viel über Vallotton geschrieben hat, schreibt im Historischen Lexikon der Schweiz, Vallotton habe nach seiner Absage an die Avantgarde „nach einer zeitgemässen Form bürgerlicher Malerei“ gesucht, einer Malerei, „die sich an alten Meistern wie Poussin oder Ingres orientierte.“ Nun, diese zeitgemäße Form der bürgerlichen Malerei ist dann ja von der Avantgarde gefunden worden, ohne dass diese sich allerdings an Poussin oder Ingres orientiert hätte. Denn die Bürger waren irgendwann der Ansicht, dass sie in Sachen Kunst doch eher Avantgardisten als Bürger seien.

8. Oktober 2017

Das gestern gefilmte Video-Bild hängt seit heute bei Youtube an der Video-Wand:

Die Zeichnungen, die David Hockney in den 1980er Jahren gemacht hat (viele davon in Skizzenbüchern, einige Beispiele sind enthalten in dem Band „Zeichnungen 1954-1994“) sind nicht virtuos oder „meisterlich“, aber sie sind gut, sie protokollieren ein aktives und produktives Künstlerleben. Für mich sind sie so etwas wie Proben für ein („theatralisches“ oder musikalisches) Stück. Diese Proben finde ich in gewisser Hinsicht interessanter als die Aufführung selbst. Für mich war und ist es beinahe reizvoller, etwas einzustudieren oder zu proben oder bei Proben zuzusehen als die eigentliche Aufführung zu erleben. Aber ohne Aufführung keine Proben. Die Aufführungen sind, wenn man so will, ein notwendiges Übel. (Wie man auch Piet Mondrians Werk ab 1920 als unumgängliches Übel mit in den Kauf nehmen muss – denn ohne dieses wäre das Werk des Pieter C. Mondriaan vor 1920 gewiss in Vergessenheit geraten.)

Sozusagen aus meinem Tablet-Skizzenbuch.

7. Oktober 2017

Piet Mondrian, von dem hier in den letzten Tagen immer wieder die Rede gewesen ist, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Künstlervereinigung De Stijl (gegründet 1917 in Leiden), die eine Zeitschrift gleichen Namens herausgab. In einem Manifest von 1918 werden philosophisch-politisch-ästhetischen Leitlinien des Organs so skizziert:

1. Es gibt ein altes und ein neues Zeitbewusstsein. Das alte richtet sich auf das Individuelle. Das neue richtet sich auf das Universelle. Der Streit des Individuellen gegen das Universelle zeigt sich sowohl in dem Weltkriege wie in der heutigen Kunst.
2. Der Krieg destruktiviert [englisch: „is destroying“]  die alte Welt mit ihrem Inhalt: die individuelle Vorherrschaft auf jedem Gebiet.
3. Die neue Kunst hat das, was das neue Zeitbewusstsein enthält, ans Licht gebracht: gleichmäßiges Verhältnis des Universellen und des Individuellen.
4. Das neue Zeitbewusstsein ist bereit, sich in allem, auch im äußerlichen Leben, zu realisieren.
5. Tradition, Dogmen und die Vorherrschaft des Individuellen (des Natürlichen) stehen dieser Realisierung im Wege.
6. Deshalb rufen die Begründer der neuen Bildung alle, die an die Reform der Kunst und der Kultur glauben, auf, diese Hindernisse der Entwicklung zu vernichten, so wie sie in der neuen bildenden Kunst – indem sie die natürliche Form aufhoben – dasjenige ausgeschaltet haben, das dem reinen Kunstausdruck, der äußersten Konsequenz jeden Kunstbegriffs, im Wege steht.
7. Die Künstler der Gegenwart haben, getrieben durch ein und dasselbe Bewusstsein in der ganzen Welt, auf geistlichem [geistigem] Gebiet teilgenommen an dem Weltkrieg gegen die Vorherrschaft des Individualismus, der Willkür. Sie sympathisieren deshalb mit allen, die geistig oder materiell streiten für die Bildung einer internationalen Einheit in Leben, Kunst, Kultur.
8. Das Organ „Der Stil“, zu diesem Zweck gegründet, trachtet dazu beizutragen, die neue Lebensauffassung in ein reines Licht zu stellen.
[…]

Unterschrift der Mitarbeiter:
Antony Kok, Dichter
Theo van Doesburg, Maler
Piet Mondriaan [sic], Maler
Robt. van ´t Hoff; Architekt
G. Vantongerloo, Bildhauer
Vilmos Huszar, Maler
Jan Wils, Architekt

Durch die analytische Herausarbeitung angeblicher Grundprinzipien des Bildlichen sollten nach dem Willen von De Stijl die individualistische Willkür und die Tradition der natürlichen Form, die dem „reinen Kunstausdruck“ vorgeblich im Weg standen, aus der Kunst ausgeschaltet und vernichtet werden. Dieses Säuberungsprogramm braucht hinsichtlich seiner theoretischen und verbalen Radikalität einen Vergleich mit dem ab 1933 in der Sphäre der Kunst praktisch realisierten nicht zu scheuen. Dass sich die aufgrund einer (letztlich sprachlichen) Analyse des Bildraums postulierten elementaren Gestaltungsprinzipien umstandslos durch bildnerische Mittel repräsentieren lassen, um alsdann zu prinzipientreuen Muster-Bildern rekombiniert zu werden – daran hegten Mondria(a)n und seine Kampfgenossen offenbar keinen Zweifel. Nun endlich schien es möglich, Bilder zu malen, die der individuellen Beliebigkeit weitgehend ins Universelle enthoben waren. Als Maler machte man von seiner künstlerischen Freiheit optimalen Gebrauch, indem man einsah, dass es allgemeine Notwendigkeiten gab, denen man seine individuelle Willkür zu opfern habe – Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit (Hegel), in diesem Fall: in die Notwendigkeit, vor Rot, Gelb und Blau als Trinität des malerischen Nonplusultra demutsvoll und dem Individualismus abschwörend das Knie zu beugen, während man sich über der Brust vertikal und horizontal bekreuzigte. Dass damit zugleich der Weltfrieden auf ewig gesichert war, verstand sich quasi von selbst. Ich stelle mir, wenn ich so eine Predigt über das selbstlose Sich-Hingeben des Künstlers ans Universelle lese, eine Physik vor, die bestrebt ist, nach vollzogener Elementaranalyse unter Verwendung von Abbildungen (Modellen) der von ihr gefundenen Grundelemente neue Universen zu schaffen. Dass Physiker dazu so nicht in der Lage sind, leuchtet spontan ein. Dass man mit Abbildungen von elementaren Gestaltungsprinzipien nicht so ohne weiteres lebensfähige neue Bilder malen kann, glauben die meisten bis heute nicht. Die Moderne scheint das Gegenteil bewiesen zu haben.

Pieter C. Mondriaan: „Hof bei Duivendrecht“, um 1905, Aquarell und Gouache, 50 x 65,5 cm – Ein Bild …

… und was nach einer ersten Analyse und Rekombination der universellen Grundelemente daraus geworden ist.

6. Oktober 2017

Künstlerische Probleme sind erst dann wirklich von Belang, wenn von ihrer Formulierung oder gar Lösung nicht nur immateriell, sondern auch materiell etwas abhängt. Wenn letzteres nicht der Fall ist, haftet dem Umgehen mit ihnen und jedem Sprechen über sie etwas Irreales, Hobbymäßiges und unter bestimmten Umständen sogar Peinlich-Anstößiges an. Man muss sich seiner Sache schon ziemlich sicher oder materiell vollkommen unsensibel beziehungsweise immun (von Einkünften unabhängig) sein, um unter der Bedingung des ökonomischen Dauer-Flops über einen längeren Zeitraum Künstler sein oder heißen zu wollen.

Lothar Rumold: „Weg nach Wind im Gegenlicht 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

Wenn man im Bild etwas sieht, das man so ähnlich auch anderswo (also nicht in Bildern) schon sehen konnte und jederzeit wieder sehen könnte, dann handelt es sich um die sogenannte Darstellung oder Abbildung von etwas. Der Weg in die Abstraktion, wie ihn nicht nur Mondrian gegangen ist, macht Zug um Zug Schluss mit der Möglichkeit, im Bild etwas zu erkennen, das einem bekannt vorkommt. Was allein möglich bleibt, ist das Wiedererkennen von etwas, das man aus anderen Bildern schon kennt. Der Weg aus der Abstraktion ist eine Art Ausgang aus der selbstverschuldeten Unwirklichkeit der nur noch sich selbst abbildenden Bilder. Das etwas darstellende Bild nach der Abstraktion ist allerdings ein anderes als vor der Abstraktion. Worin der Unterschied besteht, wäre noch zu bestimmen oder zu umschreiben.

5. Oktober 2017

Auf einer Bilder-Website (→akg-images), die einen gewissen Überblick auch über Piet Mondrians Schaffen bietet (obwohl einige der schönsten Zeichnungen und Aquarelle fehlen), steht ein der gesamten Moderne die Richtung weisender Satz: „Mondrians Werk steht am Anfang einer Kunstrichtung, die versucht[,] nicht nur die bildnerischen Mittel vernunftmäßig zu analysieren, sondern sie auch auf das äußerste zu reduzieren und letztendlich zur ‚Minimal Art‘ führte.“ Auch in der Malerei sind die analytisch-vernünftige und die reduktionistische Bewegung zwei Seiten derselben Medaille. Das Leben verschwindet aus den modernen Bildern in dem Maße, in dem es der Analyse und der damit einhergehenden reduktionistisch-minimalistischen Leere Platz macht. Ein anderes Wort für diese Entleerung und Verarmung des Bildraums ist Fortschritt. Das Endziel der Entwicklung wäre folgerichtig die leere Wand, das Nicht-Bild als ultima ratio der Reduktion. Dazu passt ein Zitat, das ich heute bei Michael Klonovsky gefunden habe: „Der Reaktionär hat Gegenstände der Bewunderung, keine Modelle.“ (Nicolás Gómez Dávila) Egal, ob man sich unter der Überschrift „Reaktionär“ wohl oder unwohl fühlt, es stimmt schon: Wer sich auf den Standpunkt des Lebens in allen seinen Erscheinungsformen stellt und zu diesem bekennt, anstatt mit dem Moral-Kleber zusammengebastelte Daseins-, Verhaltens- und Welt-Modelle zur Orientierung in die Höhe zu halten, der gilt schon seit längerem als Reaktionär. Desgleichen, wer, nach „Werten“ gefragt, voller Bewunderung und Hochachtung auf Einzelnes deutet, anstatt abstrakte Gemeinplätze für allgemein verbindlich zu erklären.

Man beachte die vitale Schönheit dieser dynamisch skizzierten „Studie“ und vergleiche sie mit der theoretisch „inspirierten“ Langeweile des ins Kubistische spielenden Ölbildes „Paysage“ (1912), zu dessen Vorbereitung sie von Mondrian offenbar angefertigt wurde (das Ölbild ist auf den oben verlinkten Seiten, Seite 1 Mitte, abgebildet):

4. Oktober 2017

Viele, wenn nicht die meisten der Kunst-Bände im Bestand der Badischen Landesbibliothek sind frei zugänglich, sie werden nicht aus dem Magazin geholt, sondern man holt sie sich selbst aus einem der Regale im ersten Obergeschoss, wo ungefähr jeder dritte bis fünfte Band irgendetwas mit Kunst zu tun hat. Die Bücher sind nicht alphabetisch oder nach inhaltlichen Kriterien, sondern chronologisch geordnet. Es herrscht also ein ziemliches Durcheinander, das ich mir zunutze machen will, um meinen „kunstgeschichtlichen Horizont“ zu erweitern. Ich denke, wenn ich im ersten Regal links oben damit beginne, nach Betrachtenswertem Ausschau zu halten und mit meiner Durchsicht im letzten Regal rechts unten aufhöre, dann habe ich eine gute Chance, nicht nur allen großen Künstlern und einem Teil ihrer Werke begegnet zu sein, sondern auch den ein oder anderen interessanten Fund außerhalb des kunsthistorischen Kanons gemacht zu haben. Wie lange das dauern wird? Vermutlich nicht lange, denn ich werde dieses Vorhaben, wie ich mich kenne, in zwei, höchstens drei Wochen zugunsten anderer Arbeitsprogramme wieder aufgegeben haben.

Heute stieß ich, nachdem ich in einen Band mit Bildern von Watteau und zwei anderen Franzosen nur kurz hineingesehen hatte, auf einen Mondrian-Bildband: „Les Chemins de l’Abstraction“. Die abgebildeten Bilder stammen aus der Zeit zwischen 1892 und 1914 – Piet Mondrian (eigentlich wie sein Vater Pieter Cornelis Mondriaan) war da 20 beziehungsweise 42 Jahre alt. Die rot-gelb-blauen Farbflächen-Bilder, mit denen er berühmt werden sollte, hatte er noch nicht gemalt, sie entstanden erst ab etwa 1920.

Mit dem berühmten, geradezu sattsam bekannten Mondrian bin ich schnell fertig. Mit dem weniger bis un bekannten nicht ganz so schnell. Ich habe mir erlaubt, dem Mondrian vor 1920 mit dieser ersten Tablet-Zeichnung (weitere nach Mondrian könnten folgen) meine bescheidene Referenz zu erweisen:

Lothar Rumold: „Nach Mondrian 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

3. Oktober 2017

Man könnte es geradezu ein muttersprachliches oder deutsches Dilemma nennen: Anders als das Deutsche zwingt das Englische seinen Sprecher nicht, zwischen (profaner) Arbeit und (künstlerischem) Werk zu unterscheiden: Work meint sowohl das eine als auch das andere. Immer wenn meine Muttersprache mich dazu nötigt, entweder von „meinem Werk“ oder von „meiner Arbeit“ zu sprechen, wäre ich gerne Engländer oder Amerikaner. Auf die Frage, worum es hier (auf diesen Seiten) eigentlich geht, könnte ich dann schön bequem und undifferenziert antworten: It’s about my work, womit alles gesagt wäre. Dieses Werktagebuch (oder wie immer es heißen mag) lief bisher unter dem Titel „JOURNAL“. Von heute an heißt es aus oben genanntem Grund bis auf weiteres „DAILY WORK“. Hinter der Umbenennung steht also für dieses Mal nicht mein typisch provinzieller Pseudo-Internationalismus, sondern ein partielles Unbehagen an und in meiner ansonsten nicht ungeliebten Muttersprache.

Noch ein paar Sätze zu Sol LeWitts Satz „you are not responsible for the world – you are only responsible for your work“. Wer würde das heute noch (oder wieder) bedenkenlos unterschreiben? LeWitts Satz findet sich in jenem von mir wiedergegebenen Brief an Eva Hesse aus dem Jahr 1965. Der 1928 Geborene schrieb ihn nieder, während die sogenannte 68er Generation bereits damit begonnen hatte, die Schuld an ihren eigenen Defekten und denjenigen ihrer Werke anderen in die Schuhe zu schieben und im Gegenzug von sich und allen anderen zu verlangen, fortan für Wohl und Wehe der ganzen Welt in einem von ihnen und nur von ihnen bestimmten Sinn die Verantwortung zu übernehmen. Aus dieser angemaßten Pflicht leiteten sie für sich das Recht ab, sich nach Belieben in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen und aller Welt sagen zu dürfen, was gut und was böse ist, was geht und was „ja gar nicht“ geht. Diese als Moral missverstandene Hybris hat ihren Siegeszug durch die Redaktionen und Parteien (bis in die Köpfe und Herzen „der Menschen“ hinein) nach einem halben Jahrhundert des aggressiven Fremdschämens nun hinter sich und stößt endlich auf ernst zu nehmenden Widerstand. Beinahe verwundert stellt man fest, dass es einmal einen Sol LeWitt gab, der nichts dabei fand zu schreiben: „you are not responsible for the world – you are only responsible for your work“ – was das Sich-Einmischen in die eigenen Angelegenheiten im Umkreis des Werks und darüber hinaus (die Arbeit an den Bedingungen der Möglichkeit seiner Existenz) keineswegs ausschließt.

Lothar Rumold: „Licht und Schatten 5“, 2017, Tablet-Zeichnung

Lothar Rumold: „Licht und Schatten 6“, 2017, Tablet-Zeichnung

2. Oktober 2017

Gestern habe ich den Kunsthistoriker, den Moralisten und den Weltverbesserer in einem Atemzug als Nervensägen und Besserwisser bezeichnet, was noch das Mindeste von dem ist, was man gegen sie sagen könnte. Was aber hat der Kunsthistoriker in dieser tristen Trias zu suchen? Der Kunsthistoriker, meine ich, ist der natürliche Feind des Künstlers. Denn er will ihn begrifflich zu fassen kriegen, einsacken, analysieren, bestimmen, einordnen, zuordnen, kategorisieren, inventarisieren, etikettieren, bewerten und dermaßen traktiert und präpariert an die Wand nageln. Es soll ja Künstler geben, deren höchstes Ziel es ist, sich auf diese Weise museumsreif schlagen zu lassen. Ich gebe zu: auch ich kann mir Schlimmeres vorstellen. Dennoch empfiehlt es sich um der künstlerischen Bewegungs-Freiheit im Sinne von Sol LeWitt (siehe 1. Oktober) willen, um Kunsthistoriker gedanklich und real einen großen Bogen zu machen.

Den Brief des siebenunddreißigjährigen LeWitt an die neunundzwanzigjährige Eva Hesse gibt es auch als Rezitations-Kunst-Ereignis mit Benedict Cumberbatch, manchen vielleicht besser bekannt als der neue Sherlock Holmes:

1. Oktober 2017

Sol LeWitt (1928-2007) schrieb 1965 einen Brief an seine Künstler-Kollegin und -Freundin Eva Hesse (1936-1970), die, wie dem Brief zu entnehmen ist, sich mit Zweifeln an sich und ihrem Werk und mit Sinnlosigkeitsgefühlen herumschlug – für Künstler nichts Ungewöhnliches. Fast könnte man also sagen: Es war bei ihr soweit alles in Ordnung. Gleichwohl enthält LeWitts Antwort-Brief ein paar bemerkenswerte, gewissermaßen „verantwortungslose“ Sätze, die Kunsthistorikern, Moralisten, Weltrettern und anderen Nervensägen und Besserwissern kaum gefallen dürften (die Hervorhebungen stammen von mir):

Dear Eva,

It will be almost a month since you wrote to me and you have possibly forgotten your state of mind (I doubt it though). You seem the same as always, and being you, hate every minute of it. Don’t! Learn to say “Fuck You” to the world once in a while. You have every right to. Just stop thinking, worrying, looking over your shoulder wondering, doubting, fearing, hurting, hoping for some easy way out, struggling, grasping, confusing, itchin, scratching, mumbling, bumbling, grumbling, humbling, stumbling, numbling, rumbling, gambling, tumbling, scumbling, scrambling, hitching, hatching, bitching, moaning, groaning, honing, boning, horse-shitting, hair-splitting, nit-picking, piss-trickling, nose sticking, ass-gouging, eyeball-poking, finger-pointing, alleyway-sneaking, long waiting, small stepping, evil-eyeing, back-scratching, searching, perching, besmirching, grinding, grinding, grinding away at yourself. Stop it and just DO!

From your description, and from what I know of your previous work and you [sic] ability; the work you are doing sounds very good “Drawing-clean-clear but crazy like machines, larger and bolder… real nonsense.” That sounds fine, wonderful – real nonsense. Do more. More nonsensical, more crazy, more machines, more breasts, penises, cunts, whatever – make them abound with nonsense. Try and tickle something inside you, your “weird humor.” You belong in the most secret part of you. Don’t worry about cool, make your own uncool. Make your own, your own world. If you fear, make it work for you – draw & paint your fear and anxiety. And stop worrying about big, deep things such as “to decide on a purpose and way of life, a consistant [sic] approach to even some impossible end or even an imagined end” You must practice being stupid, dumb, unthinking, empty. Then you will be able to DO!

I have much confidence in you and even though you are tormenting yourself, the work you do is very good. Try to do some BAD work – the worst you can think of and see what happens but mainly relax and let everything go to hell – you are not responsible for the world – you are only responsible for your work – so DO IT. And don’t think that your work has to conform to any preconceived form, idea or flavor. It can be anything you want it to be. But if life would be easier for you if you stopped working – then stop. Don’t punish yourself. However, I think that it is so deeply engrained in you that it would be easier to DO!

It seems I do understand your attitude somewhat, anyway, because I go through a similar process every so often. I have an “Agonizing Reappraisal” of my work and change everything as much as possible = and hate everything I’ve done, and try to do something entirely different and better. Maybe that kind of process is necessary to me, pushing me on and on. The feeling that I can do better than that shit I just did. Maybe you need your agony to accomplish what you do. And maybe it goads you on to do better. But it is very painful I know. It would be better if you had the confidence just to do the stuff and not even think about it. Can’t you leave the “world” and “ART” alone and also quit fondling your ego. I know that you (or anyone) can only work so much and the rest of the time you are left with your thoughts. But when you work or before your work you have to empty you [sic] mind and concentrate on what you are doing. After you do something it is done and that’s that. After a while you can see some are better than others but also you can see what direction you are going. I’m sure you know all that. You also must know that you don’t have to justify your work – not even to yourself. Well, you know I admire your work greatly and can’t understand why you are so bothered by it. But you can see the next ones and I can’t. You also must believe in your ability. I think you do. So try the most outrageous things you can – shock yourself. You have at your power the ability to do anything.

I would like to see your work and will have to be content to wait until Aug or Sept. I have seen photos of some of Tom’s new things at Lucy’s. They are impressive – especially the ones with the more rigorous form: the simpler ones. I guess he’ll send some more later on. Let me know how the shows are going and that kind of stuff.

My work had changed since you left and it is much better. I will be having a show May 4 -9 at the Daniels Gallery 17 E 64yh St (where Emmerich was), I wish you could be there. Much love to you both.

Sol

Und es gibt ein neues Video-Bild. Da die Bewegung zwar nicht ganz minimal, aber doch minimalistisch ist, mag das Video gerade noch als minimal motion picture durchgehen:

29. September 2017

Eva Hesse sieht etwas oder jemanden im Spiegel – sich selbst?

Der Künstler sucht im Werk sich selbst, behaupte ich. Natürlich tut er das nicht, indem er sich selbst sucht, sondern indem er einen Elefanten zeichnet oder (abstakter) ein Formproblem löst oder zu lösen versucht. Auf direktem Wege findet man nicht sein Ich, sondern bestenfalls Kundschaft für Selbstverwirklichungs-Kitsch – neuerdings nicht selten in den gerade auch bei Kunstschaffenden populären Rot- und Grün-Tönen.

28. September 2017

Eva Hesse: „Accession II“, 1968/69, Stahl, Venyl, 78 x 78 x 78 cm

Lothar Rumold: „Inwendig“, 2001, Beton, Holz, 50 x 50 x 50 cm

Ich schwöre es: Ich kannte die Arbeit von Eva Hesse nicht, als ich rund 30 Jahre später diese, nun ja: Skulptur als Beitrag für eine alternative Grabzeichen-Schau auf dem Freiburger Friedhof schuf. Eva Hesse starb im Mai 1970, ungefähr ein Jahr nach „Accession II“, in New York. Im Katalog zur Grabzeichen-Ausstellung schrieb ich damals ein wenig pompös: „Ein Innenraum bleibt unzugänglich, Zeichenflut, zu viel Bedeutung. Hat Totsein seinen Ort? Hades. Himmel. Hölle. Kein Verstehen ist möglich, wo kein Missverstehen zwingend genug scheint. Alles endet im Rauschen der Selbstgespräche. Kommunikations-GAU, Sender-/Empfänger-Totalausfall. Inwendig werden wir und nur wir alles immer schon gewusst haben.“ Als deutsche Übersetzung für englisch „accession“ bietet das Online-Wörterbuch Leo u. a. diese Möglichkeiten an: „Antritt“, „Zugang“, „Beitritt“, „Anschluss“.

27. September 2017

Wer hier im Journal unter dem Datum von heute gerne etwas Neues lesen möchte, den darf ich bitten, sich von diesem Link intern zum neuesten Wortbeitrag von Michael Schneider weiterleiten zu lassen.

25. September 2017

Deutschland hat gestern gewählt und ich habe derweil gezeichnet (womit ich nicht sagen will, dass ich mich um den Urnengang gedrückt habe). Hier zwei weitere Beispiele (eines von gestern, das hell-dunkle Bild von heute) für das, was ich „Ungegenständlicher Naturalismus“ oder „Abstrakter Naturalismus“ nenne.

Lothar Rumold: „Ränder und Grenzen 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

Lothar Rumold: „Licht und Schatten 1“, 2017, Tablet-Zeichnung

24. September 2017

Heute setzte ich die Arbeit am hier eingerichteten Bildarchiv (siehe Menüleiste) fort. Ich habe mich für eine im Hauptstrang chronologische Ordnung des Archivs entschieden – nicht zuletzt, weil ich damit die Möglichkeit habe, unter der Jahreszahl einen Überblick über das Jahr in künstlerischer Hinsicht zu geben. Diese Jahres-Berichte unterliegen im Idealfall der ständigen Revision – nicht nur im Fall des noch laufenden Jahres. Auch die zurückliegenden Jahre bieten im Licht aktueller Entwicklungen neue Ansichten. Etwas, was einem zunächst zentral und gewissermaßen zukunftsträchtig zu sein schien, kann sich im Nachhinein als temporär und peripher erweisen und umgekehrt.

Wenn man beim Anordnen der Arbeitsresultate dem Zeitablauf folgt, entspricht dies dem natürlichen Ablauf der Ereignisse. Das Bilden von Werk-Gruppen zum Zweck ihrer Präsentation fällt so vermutlich leichter, auch wenn dabei unter Umständen Arbeiten in einem gemeinsamen Topf (hier hinter den Kulissen „Galerie“ genannt) landen, die unter einem anderen Aspekt in unterschiedliche Töpfe gehört hätten.

Nicht die eine und wahre Ordnung gibt es, sondern derer sind unendlich viele. Da ich dazu neige, mit der Lösung von Ordnungsproblemen (Sternbild Jungfrau) mehr Zeit zu verbringen als mit dem Zeichnen von Zeichnungen und dem Malen von Bildern, muss ich einer pragmatischen Lösung den Vorzug geben vor einer ausgeklügelten und „idealen“.