Meersburg und Umgebung im Winter

Wer es für eine gute Idee hält, dann an den Bodensee zu fahren, wenn die anderen nirgend- oder anderswohin reisen, um dann weitgehend ungestört die historischen Kunstschätze ganz für sich allein zu haben, der wird feststellen müssen, dass diese Idee unter musealem Aspekt vielleicht doch nicht die beste war. Oder er begnügt sich mit dem, was auch außerhalb der Saison zugänglich ist und besichtigt werden kann.

Dass das Feuchtmayer-Museum in Mimmenhausen von November bis März geschlossen ist, wusste ich schon vorher. Dass auch die Schlosskirche des Neuen Schlosses in Meersburg im Winter nur am Sonntag während des Gottesdiensts geöffnet hat … Überraschung! Joseph Anton Feuchtmayers Altar-Figuren aus Stuck konnten wir uns immerhin vom zweiten Obergeschoss des neben der Kirche befindlichen Museums aus ansehen. Dort gibt es ein paar Fenster, durch die man in den Kirchenraum hinab blicken kann:

Feuchtmayer-Altar (1741) in der Schlosskirche zu Meersburg, fotografiert am 3.1.2019.

Was ich dann aber beinahe ungestört von Nahem sehen konnte, waren zwei schöne kleine Holzskulpturen von Dominikus Hermenegild Herberger (1694-1760), der ab 1748 erst in Meersburg, ab 1751 in Immenstaad lebte. Die beiden Heiligen von Herberger befanden sich in einer Vitrine gegenüber den oben erwähnten Fenstern. Mehr zu Herberger hier.

Dominikus Hermenegild Herberger: Hl. Aloysius (links) und Hl. Stanislaus Kostka

Feuchtmayer-Museum zu, Feuchtmayer-Altar im Neuen Schloss nur am Sonntag während des Gottesdienstes zugänglich. Und auch das Museum in Überlingen hatte geschlossen, allerdings nicht wegen der Jahreszeit, sondern wegen Umbauarbeiten. Dafür gab es in der Überlinger St.-Nikolaus-Kirche holzgeschnitzte Altäre beinahe ohne Ende. Allein der Hochaltar der Bildhauer Zürn, dem mein hauptsächliches Interesse galt, lag unzugänglich im Dunkeln. Anscheinend arbeitet man gerade an den Kirchenfenstern, die innen wie außen gehäuseartig von Holzplatten umgeben sind.

Hochaltar von Jörg Zürn und Familie (1613-1616). Dass hier alles hell ausgeleuchtet aussieht, liegt nur an der digitalen Aufnahmetechnik. Tatsächlich war es zappenduster und das Lindenholz wirkte dunkler als erwartet.

Ein Weihnachtsengel von Johann Joseph Christian (Adventskalender XXII)

Johann Joseph Christian ist mit den Bildhauern Zürn weder verwandt noch verschwägert und lebte zudem mehr als 100 Jahre nach diesen, wenngleich in derselben Gegend, nämlich am Bodensee, genauer gesagt in Riedlingen, wo er 1706 geboren wurde und etwas mehr als 71 Jahre später gestorben ist.

Ich schicke dies als „Zwar“ voraus, weil mein Adventskalender die Bildhauerfamilie Zürn im Titel hat. Aber immerhin hat Christian, wie ich im letzten Beitrag gezeigt habe, möglicherweise eine Immaculata kreiert, die einer Katharina von David Zürn nicht ganz unähnlich sieht. Und er hat zudem einen Engel geschnitzt, der sich nicht nur sehen lassen kann, sondern als solcher hervorragend in die Weihnachtszeit passt. Außerdem braucht man es mit den Grundsätzen, wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, nicht mehr so genau zu nehmen. Man hat trotz bester Vorsätze während der letzten 12 Monate oft genug gegen diesen und jenen verstoßen, da kommt es jetzt auf eine Inkonsequenz mehr oder weniger nicht an.

Johann Joseph Christian: Engel, um 1760, Linde (vergoldet), Foto: Wikimedia

Wie sich die Holz-Bilder gleichen (Adventskalender XXI)


Obere Bildhälfte: David Zürn zugeschriebene Hl. Katharina, um 1625/30, Foto aus Manteuffel 1969, Bd. 2; untere Bildhälfte: Maria Immaculata, vielleicht von Johann Joseph Christian (1706-1777), um 1750, Foto aus Eckener 1987

Zwischen Zürns Katharina (mit dem exohrbitanten Hör-Gerät) und Christians Immaculata liegen wahrscheinlich mehr als hundert Jahre. Ihre Ähnlichkeit finde ich ebenso augenfällig wie verblüffend. Dass beide Schnitzer dasselbe Modell hatten bzw. in dieselbe Maria Katharina verschossen waren, kann ausgeschlossen werden. Vielleicht hat der Jüngere den Älteren ein bisschen kopiert? Oder Johann Joseph hatte was mit der Ururenkelin von Katharinas lebendem Vorbild? Von Überlingen (Zürn) bis ins weiter nördlich gelegene Riedlingen (Christian) sind es etwa 60 Kilometer.

Von den Zürn über die Schenk zu Feuchtmayer (Adventskalender XVIII)

Jörg und Martin Zürns Sich-Sträuben vor der Renaissance, das von Manteuffel im letzten Beitrag beklagte, hatte aber auch sein Gutes. Denn dadurch hatten sie wesentlichen Anteil an einer „bodenständige[n] Strömung“, die in Deutschland ein Hauptstrom wird, der im süddeutschen Rokoko des 18. Jahrhunderts gipfelt, „das den gleichzeitigen europäischen Kunstleistungen nicht nur ebenbürtig, sondern in vielem überlegen ist“. (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 135) Und schließlich: „Im Bodenseegebiet scheint eine direkte Spur von Jörg Zürn über die Schenk zu Joseph Anton Feuchtmayer zu führen.“ (S. 137)

Joseph Anton Feuchtmayer: Anna Selbdritt (Ausschnitt), 1750, Foto: Andreas Praefcke (Wikimedia)