Meersburg winterlich oder: Mond und Madonnen

Grabstele aus Eichenholz auf dem Meersburger Friedhof, 1950er oder 1960er Jahre.

Eine schöne Variante der Madonna mit dem Jesuskind auf der Mondsichel begegnete mir gestern auf dem Meersburger Friedhof. Es hatte stark zu schneien begonnen (man sieht die Schneeflocken als weiße Striche im Bild), aber ich wollte mich dadurch von einem Gang über den Friedhof nicht abhalten lassen, auch wenn ich keinen Regen- bzw. Schneeschirm dabei hatte. Gibt es im Winter etwas Schöneres als einen mit frisch gefallenem Schnee bedeckten Gottesacker?

Die Verbindung von Madonna und Mondsichel, die irgendwann gar nichts Apokalyptisches mehr hatte, geht zurück auf eine Stelle in der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 12, 1-5):

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt.“

„In der Gotik wandeln sich die Züge der apokalyptischen Frau zunehmend ins Madonnenhafte“, heißt es bei Wikipedia. Und weil man Frauen auf schaukel- oder tablettförmigen Sicheln offenbar attraktiv fand, schreckte man nicht davor zurück, sichellosen Madonnen sogar nachträglich noch Halbmonde unterzuschieben.

Gewiss von Anfang an sichelständig war diese wundervolle Madonna in einem Seitenaltar des Überlinger Münsters, die ich einen Tag vor der Begegnung mit ihrer Schwester im (ikonologischen) Geiste fotografiert hatte:

Mondsichel-Madonna im Überlinger Münster, Gregor Erhart zugeschrieben (um 1500).

Und endlich noch diese Skizze aus meinem kleinen roten Skizzen-und-Notizen-Büchlein, eine Ab-Zeichnung aus einem Bändchen über Sakrale Schnitzplastik, entstanden im Sommer 2018 in der Provence. Auch auf der fotografischen Vorlage ist die Mondsichel nicht im Bild erfasst:

Wer krönt da wen und warum?

Ein Marienkrönungs-Relief aus der Werkstatt von Peter Breuer, Zwickau 1520.

Wenn eine Frau schwanger wird von dem, den sie dann gebiert, ist das Realtautologie vom Feinsten. Oder sind der Heilige Geist, Gott und sein Sohn nicht ein und derselbe? Und wenn diese Frau von diesem zwei- oder dreifach mit sich selbst Identischen nach dem Ende ihrer irdischen Tage zur Dritten oder Vierten im Bunde gekrönt wird, macht das die Lage nicht unkomplizierter.

Peter Breuer war ein gut verdienender Zwickauer Bildschnitzer, bevor die Reformation ihn 1521 arbeitslos machte. Da war er um die fünfzig und Vorruhestandsregelungen oder Verdienstausfallsentschädigungen für zur Untätigkeit verdammte Holzbildhauer hatten die Reformer nicht im Angebot. Nur eine Bibelübersetzung ins Deutsche und Worte, nichts als Worte, aber um Gottes Willen keine Bilder mehr. An manchen Tage kann ich das sehr gut nachvollziehen. Doch kann es passieren, dass ich schon am Abend eines solchen Tages genug habe von dem ganzen Gerede und Geschreibe (meinem eigenen und dem der anderen) und mich sehne nach ein paar Stunden wortlosen Arbeitens an einem Holzrelief, warum nicht an einer (tauto)logisch vertrackten Marienkrönung.

Hundert Jahre vor den Zürns (Adventskalender IX)

Jesus mit den Aposteln, Predella des Hochaltars der Kirche in Weisweil (Kreis Emmendingen), ca. 1515/25, Malerei (Tempera) dem Umkreis von Hans Baldung Grien zugeschrieben, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Fotos: Lothar Rumold

Seit 1939 im Besitz des Badischen Landesmuseums befindet sich nach Manteuffel 1969 ein Heiliger Sebastian, der Michael Zürn zugeschrieben wird und 1635/40 entstanden sein soll. Obwohl es sich um eine 151 cm hohe vollplastische Figur aus Lindenholz handelt, wird der Heilige von Claus Zoege von Manteuffel kurz und apodiktisch knapp zum Relief erklärt. Von Manteuffel begründet das so: „Man merkt erst bei genauerem Hinsehen, daß der Karlsruher Sebastian zwei verschiedene Schultern und obere Brusthälften hat. Im Relief ist das alles möglich, bei einer Statue nicht.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 125) Das hätte ich mir gerne genauer angesehen, doch konnte ich vor ein paar Tagen den asymmetrischen Märtyrer im Karlsruher Schloss nirgends finden.

Was ich „ersatzweise“ fand und fotografierte, waren die oben im Bild zu sehenden Herren Apostel mit Jesus in ihrer Mitte (über den Bildschnitzer bzw. seine Werkstatt gibt es offenbar nicht einmal eine einigermaßen stichhaltige Vermutung). Auch nicht schlecht.

Virgil Moll (Adventskalender V)

Im letzten Advents-Beitrag ging es um die Anfänge des Holzbildhauers Jörg Zürn als Meister in und Bürger von Überlingen im Jahr 1607. Ohne eigene Werkstatt und den damit verbundenen Meistertitel wäre Zürn wohl kaum sechs Jahre später mit der Aufstellung des Marienaltars im Überlinger Münster beauftragt worden. Der Meister, dessen Nachfolge Jörg Zürn sowohl im Beruflichen wie auch im Privaten antrat, war Virgil Moll, der „von 1588 bis zu seinem Tode 1606 urkundlich greifbar“ ist, wie es in Manteuffel 1969 (Bd. 1, S. 140) heißt.

Unter Bezugnahme auf die ungedruckte Tübinger Dissertation von Hellmut Hell aus dem Jahr 1948 schreibt Claus Zoege von Manteuffel: „Sein Vater war Christoph Moll, Goldschmied in Überlingen. 1591 heiratete Virgil Moll Ursula Reichart [die 1606 Witwe und 1607 Jörg Zürns Ehefrau wurde, L. R.], die ihm 1603 und 1605 Kinder schenkte, während vorher 1599 und 1600 die Geburt zweier unehelicher Kinder Molls von verschiedenen Müttern verzeichnet ist. 1591 ging Moll nach Hechingen, um den dortigen Hochaltar zu schnitzen. Erst 1593 wurde er in Überlingen in die Fischerzunft, zu der die Bildhauer gehörten, aufgenommen. Er war, wie auch die Zürn, Bildhauer sowohl in Stein als auch in Holz, was nicht üblich war. […] 1604 erhielt er den Auftrag für einen Altar in Petershausen […]. Im gleichen Jahr 1604 gab es in Überlingen Ärger mit Moll, der sich tagelang mit dem Henker zusammen dem Trunke hingegeben hat. Hell vermutet, dass Moll bei seinem Tode 1606 noch keine 40 Jahre alt war. Immerhin kann auch seine Witwe nicht jünger als etwa 31 Jahre gewesen sein, also mindestens 7 Jahre älter als Jörg Zürn.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 140)

Es fällt auf, dass Virgil und Ursula Moll bereits 12 Jahre verheiratet waren, ehe das erste Kind zur Welt kam. Und es fällt weiter auf, dass zu diesem Zeitpunkt nach von Manteuffels Vermutung der aus Waldsee zugezogene Jörg Zürn bereits seit einigen Jahren in Molls Werkstatt (und womöglich nicht nur in dieser) als Geselle tätig gewesen ist.

Virgil Moll: Jesus und die Sünderin, 1575, Kalkschiefer, 61 x 52,5 x 10 cm
Foto: Bildarchiv Foto Marbach (Ausschnitt)

P. S.: Falls die Datierung des aus der Petershausener Klosterkirche stammenden Reliefs mit 1575 richtig und das Relief tatsächlich eine Arbeit von Virgil Moll ist, dann ist Hellmut Hells im Zitat erwähnte Vermutung, dass Moll bei seinem Tod noch keine 40 Jahre alt war (also nicht vor 1566 geboren worden wäre) offenbar falsch.

Und endlich die Bildhauer Zürn

Seit einem halben Jahr, wenn nicht schon länger, finde und finde (und finde) ich Holzbildwerke und -hauer in Oberschwaben oder, sagen wir, in der Region nördlich und östlich des Bodensees. Es fing, glaube ich, an mit dem Pfullendorfer Konrad Hegenauer (zweite Hälfte 18. Jahrhundert) und dessen Vater Felizian. Durch Hegenauer kam ich auf den Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager, der nicht nur ein Buch über die Werkstätten der Hegenauers (es gab noch mehr Schnitzer in der Familie) veröffentlicht hat, sondern auch eines (schmalrückig, aber gehaltvoll)  über Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Ruez (alle 18. Jahrhundert). Hinzu kamen der großartige Anton Sturm in Füssen (auch er ein Zeitgenosse von Konrad Hegenauer) und zuletzt der Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenck (ziemlich genau hundert Jahre vor Hegenauer geboren) und mit ihm die ganze Sippe der Schenck-Bildhauer.

Ein ums andere Mal begegnete mir bei meinen virtuellen Streifzügen durch Kirchen, Klöster und Museen der Name Zürn und ich ahnte schon, dass ich über Hans, Martin und Jörg Zürn eher früher als später den einen und anderen Beitrag ins Netz würde stellen wollen.

Das zweibändige Mammut-Werk (insgesamt 830 Seiten) über Die Bildhauerfamilie Zürn liegt für mich in der Badischen Landesbibliothek zur Abholung bereit und mit einer oxymerotischen Mischung aus Vorfreude und Grauen stelle ich mir vor, wie ich in Bälde Claus Zoege von Manteuffels Beitrag zur Kunstgeschichtsschreibung in Händen halten und mehr oder weniger schwer atmend nach Hause tragen werde. Es ist immer gut, wenn ich um Weihnachten herum eine Beschäftigung habe, der ich mich vor und nach den familiären Verpflichtungen widmen kann.

Der „Stammvater der berühmten oberschwäbischen Bildhauerfamilie Zürn“, wie es bei Wikipedia heißt, war Hans Zürn, mit dem Zusatz „der Ältere“, wobei es sich beim jüngeren Hans Zürn um seinen zirka 1585 geborener Sohn handelt. Zum Auftakt der Beitrags-Serie (denn eine solche wird es, mit Unterbrechungen, wohl werden) über die Zürns hier ein Heiliger Jakobus von Hans Zürn (ca. 1560-1631), leicht erkennbar an den beiden Muschel-Broschen:

Hans Zürn: Hl. Jakobus, um 1613, Lindenholz, Foto: Mattes
(Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)