Hundert Jahre vor den Zürns (Adventskalender IX)

Jesus mit den Aposteln, Predella des Hochaltars der Kirche in Weisweil (Kreis Emmendingen), ca. 1515/25, Malerei (Tempera) dem Umkreis von Hans Baldung Grien zugeschrieben, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Fotos: Lothar Rumold

Seit 1939 im Besitz des Badischen Landesmuseums befindet sich nach Manteuffel 1969 ein Heiliger Sebastian, der Michael Zürn zugeschrieben wird und 1635/40 entstanden sein soll. Obwohl es sich um eine 151 cm hohe vollplastische Figur aus Lindenholz handelt, wird der Heilige von Claus Zoege von Manteuffel kurz und apodiktisch knapp zum Relief erklärt. Von Manteuffel begründet das so: „Man merkt erst bei genauerem Hinsehen, daß der Karlsruher Sebastian zwei verschiedene Schultern und obere Brusthälften hat. Im Relief ist das alles möglich, bei einer Statue nicht.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 125) Das hätte ich mir gerne genauer angesehen, doch konnte ich vor ein paar Tagen den asymmetrischen Märtyrer im Karlsruher Schloss nirgends finden.

Was ich „ersatzweise“ fand und fotografierte, waren die oben im Bild zu sehenden Herren Apostel mit Jesus in ihrer Mitte (über den Bildschnitzer bzw. seine Werkstatt gibt es offenbar nicht einmal eine einigermaßen stichhaltige Vermutung). Auch nicht schlecht.

Virgil Moll (Adventskalender V)

Im letzten Advents-Beitrag ging es um die Anfänge des Holzbildhauers Jörg Zürn als Meister in und Bürger von Überlingen im Jahr 1607. Ohne eigene Werkstatt und den damit verbundenen Meistertitel wäre Zürn wohl kaum sechs Jahre später mit der Aufstellung des Marienaltars im Überlinger Münster beauftragt worden. Der Meister, dessen Nachfolge Jörg Zürn sowohl im Beruflichen wie auch im Privaten antrat, war Virgil Moll, der „von 1588 bis zu seinem Tode 1606 urkundlich greifbar“ ist, wie es in Manteuffel 1969 (Bd. 1, S. 140) heißt.

Unter Bezugnahme auf die ungedruckte Tübinger Dissertation von Hellmut Hell aus dem Jahr 1948 schreibt Claus Zoege von Manteuffel: „Sein Vater war Christoph Moll, Goldschmied in Überlingen. 1591 heiratete Virgil Moll Ursula Reichart [die 1606 Witwe und 1607 Jörg Zürns Ehefrau wurde, L. R.], die ihm 1603 und 1605 Kinder schenkte, während vorher 1599 und 1600 die Geburt zweier unehelicher Kinder Molls von verschiedenen Müttern verzeichnet ist. 1591 ging Moll nach Hechingen, um den dortigen Hochaltar zu schnitzen. Erst 1593 wurde er in Überlingen in die Fischerzunft, zu der die Bildhauer gehörten, aufgenommen. Er war, wie auch die Zürn, Bildhauer sowohl in Stein als auch in Holz, was nicht üblich war. […] 1604 erhielt er den Auftrag für einen Altar in Petershausen […]. Im gleichen Jahr 1604 gab es in Überlingen Ärger mit Moll, der sich tagelang mit dem Henker zusammen dem Trunke hingegeben hat. Hell vermutet, dass Moll bei seinem Tode 1606 noch keine 40 Jahre alt war. Immerhin kann auch seine Witwe nicht jünger als etwa 31 Jahre gewesen sein, also mindestens 7 Jahre älter als Jörg Zürn.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 140)

Es fällt auf, dass Virgil und Ursula Moll bereits 12 Jahre verheiratet waren, ehe das erste Kind zur Welt kam. Und es fällt weiter auf, dass zu diesem Zeitpunkt nach von Manteuffels Vermutung der aus Waldsee zugezogene Jörg Zürn bereits seit einigen Jahren in Molls Werkstatt (und womöglich nicht nur in dieser) als Geselle tätig gewesen ist.

Virgil Moll: Jesus und die Sünderin, 1575, Kalkschiefer, 61 x 52,5 x 10 cm
Foto: Bildarchiv Foto Marbach (Ausschnitt)

P. S.: Falls die Datierung des aus der Petershausener Klosterkirche stammenden Reliefs mit 1575 richtig und das Relief tatsächlich eine Arbeit von Virgil Moll ist, dann ist Hellmut Hells im Zitat erwähnte Vermutung, dass Moll bei seinem Tod noch keine 40 Jahre alt war (also nicht vor 1566 geboren worden wäre) offenbar falsch.

Und endlich die Bildhauer Zürn

Seit einem halben Jahr, wenn nicht schon länger, finde und finde (und finde) ich Holzbildwerke und -hauer in Oberschwaben oder, sagen wir, in der Region nördlich und östlich des Bodensees. Es fing, glaube ich, an mit dem Pfullendorfer Konrad Hegenauer (zweite Hälfte 18. Jahrhundert) und dessen Vater Felizian. Durch Hegenauer kam ich auf den Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager, der nicht nur ein Buch über die Werkstätten der Hegenauers (es gab noch mehr Schnitzer in der Familie) veröffentlicht hat, sondern auch eines (schmalrückig, aber gehaltvoll)  über Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Ruez (alle 18. Jahrhundert). Hinzu kamen der großartige Anton Sturm in Füssen (auch er ein Zeitgenosse von Konrad Hegenauer) und zuletzt der Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenck (ziemlich genau hundert Jahre vor Hegenauer geboren) und mit ihm die ganze Sippe der Schenck-Bildhauer.

Ein ums andere Mal begegnete mir bei meinen virtuellen Streifzügen durch Kirchen, Klöster und Museen der Name Zürn und ich ahnte schon, dass ich über Hans, Martin und Jörg Zürn eher früher als später den einen und anderen Beitrag ins Netz würde stellen wollen.

Das zweibändige Mammut-Werk (insgesamt 830 Seiten) über Die Bildhauerfamilie Zürn liegt für mich in der Badischen Landesbibliothek zur Abholung bereit und mit einer oxymerotischen Mischung aus Vorfreude und Grauen stelle ich mir vor, wie ich in Bälde Claus Zoege von Manteuffels Beitrag zur Kunstgeschichtsschreibung in Händen halten und mehr oder weniger schwer atmend nach Hause tragen werde. Es ist immer gut, wenn ich um Weihnachten herum eine Beschäftigung habe, der ich mich vor und nach den familiären Verpflichtungen widmen kann.

Der „Stammvater der berühmten oberschwäbischen Bildhauerfamilie Zürn“, wie es bei Wikipedia heißt, war Hans Zürn, mit dem Zusatz „der Ältere“, wobei es sich beim jüngeren Hans Zürn um seinen zirka 1585 geborener Sohn handelt. Zum Auftakt der Beitrags-Serie (denn eine solche wird es, mit Unterbrechungen, wohl werden) über die Zürns hier ein Heiliger Jakobus von Hans Zürn (ca. 1560-1631), leicht erkennbar an den beiden Muschel-Broschen:

Hans Zürn: Hl. Jakobus, um 1613, Lindenholz, Foto: Mattes
(Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)