Im Atelier

2004 sind sie von Karlsruhe nach Kehl (zur Landesgartenschau) und wieder zurück gerollt, da waren sie noch unbunt und gerollt sind genau genommen nur die Räder des Omega-Kombis. Jetzt liegen sie im Atelier und warten auf ihren kleinen großen Auftritt im InfoCenter am Karlsruher Hauptfriedhof im Rahmen der Ausstellung HolzBilder (Tablet-Skizze am 19.5.2018).

Kleiner Wutanfall aus permanent gegebenem Anlass

Das Schöne ist nicht zuletzt das, was Menschen verbindet jenseits ihrer politischen und sonstigen Meinungen, es sei denn, jemand ist durch das Partei-Politische schon so verdorben, dass er nicht mehr dazu in der Lage ist, das Schöne schön zu finden und zu nennen, sondern zuerst einmal wissen will, wer das wann und in welchem politisch-sozialen Kontext geschaffen beziehungsweise gemacht hat. Das Schöne ist das Verbindliche, sobald man seine Verbindlichkeit anerkennt. Als Künstler, besser gesagt: Proto-Künstler, entscheidet man sich entweder für den Positionismus oder für das Schöne, das die einzig mögliche, universelle Position eines Künstlers ist. Jeder der als angeblicher Künstler eine sogenannte Position einnimmt, ist keiner. Das Schöne ist verbindlich, die Position ist unverbindlich, zufällig, von momentanen Interessen bestimmt, ein letztlich medial definierter (also nur scheinbar frei gewählter) Ort, an dem man eine Pose einnimmt, solange es politisch opportun oder finanziell einträglich ist oder aus anderen Gründen angebracht zu sein scheint. Man nenne mir einen Künstler, der sich zum Schönen bekennt und gleichzeitig eine sogenannte Position für sich reklamiert. Statt „zeitgenössische Kunst“ sage man getrost „Positionentheater“. Der Abstand zwischen der Kunst und der zeitgenössischen Kunst, also dem Positionen-Schaulaufen von Saison zu Saison, wird von Jahr zu Jahr größer. Welcher bildende Künstler, dem es um die Kunst im Sinne des Guten, Wahren und Schönen geht, mag sich noch Künstler nennen, wenn dieser Name zugleich und vor allem von den bedenkenlos drauflos bastelnden Kreativen und den akademisch (un)geschulten Positionen-Behauptern beansprucht wird. Ende des Wutanfalls.

Der Stoff, aus dem die Bäume sind

Der Stoff, aus dem Bäume sind, heißt Lignin. „Lignin stellt chemisch ein aus Phenylpropaneinheiten durch dehydrierende Polymerisation aufgebautes hochmolekulares, dreidimensionales Netzwerk dar und wirkt als der eigentliche Stützbaustoff der verholzten Pflanzenteile. Es wird bei verstärkter Druckbelastung in die Zellwände eingelagert (Lignifizierung), wo es kovalent mit Cellulose und anderen Polysacchariden verknüpft vorliegt.“ (Lexikon der Biologie auf Spektrum.de)

Ein Tablet-Bild, das ich vor einigen Tagen angefangen habe, nenne ich bis auf weiteres „Lignin 365“, da es einen Zellverband in 365facher Vergrößerung zeigt, bei dem das eingelagerte Lignin durch eine chemisch provozierte Farbveränderung in den Zellwänden „sichtbar“ gemacht wurde. Nicht zuletzt wegen dieser Farbdifferenz weiß man, dass man es mit Holz-Zellen zu tun hat. Die Makro-Morphologie des Holzes ist eine andere als seine Mikro-Morphologie. Der Vorwand „Holz“, im Grunde also nur ein Wort, erlaubt es mir, ganz unterschiedliche Form-Phänomene als thematisch zusammengehörige etwa im Rahmen einer Ausstellung plausibel zu vergesellschaften. Als „Konzept“ genügt manchmal ein einziges Wort. HOLZ zum Beispiel. Die Ausstellung, die ich meine, findet unter dem Titel HolzBilder im Info-Center des Karlsruher Hauptfriedhofs statt. Sie wird am 6. Juni eröffnet und dauert bis September.

Worringer und Lipps versus Picasso

Mein Dialogpartner Michael Schneider wies mich auf Wilhelm Worringers 1908 in Buchform erschienene Dissertation Abstraktion und Einfühlung hin. Worringer kommt im Anschluss an den Psychologen und Philosophen Theodor Lipps (1851-1914) zu seiner Kern- und Ausgangsthese: Ästhetischer Genuss ist objektivierter Selbstgenuss. Lipps erklärt, bei positiver Einfühlung (ein, wenn nicht der Grundbegriff bei Lipps) empfinde man Formen als schön: „Ihre Schönheit ist dies mein ideelles freies Sichausleben in ihnen. Dagegen ist die Form häßlich, wenn ich dies nicht vermag, wenn ich mich in der Form oder in ihrer Betrachtung innerlich unfrei, gehemmt, einem Zwange unterliegend fühle“, so Lipps .  Man halte daneben Picassos Maxime: „immer dagegen arbeiten, auch gegen sich selbst“. Entweder wollte Picasso das Hässliche (von den meisten wurden seine Demoiselles d’Avignon ja so wahrgenommen) oder seine Schönheit war eine andere als die von Lipps und Worringer. Das Kriterium der Reibungslosigkeit beim Wahrnehmen galt für das von Picasso Angestrebte jedenfalls nicht. Im Gegenteil.

Comme il faut

Wer sich Holzbildhauer nennt, weil es der Beruf ist, den er nach den Regeln der Zunft und der Handwerksordnung gelernt hat, handelt comme il faut. Dass es jenseits oder, besser gesagt, diesseits der opportunen Moral und der politischen Willkür noch gewisse Standards und Gepflogenheiten, geltende Normen und objektiv feststellbare Sachverhalte als Restbestände sozialer Verbindlichkeit gibt – ich hätte nicht gedacht, dass mir das einmal positiv auffallen würde. Wenn es auch nicht viel mehr als ein symbolischer Rückhalt ist: von heute an bin ich bis auf weiteres wieder Holzbildhauer und führe da und dort und dann und wann den Titel eines Holzbildhauermeisters.

Mit anderen Worten

Wenn ich sage, dass ich Inhaber, Leiter und Mitarbeiter eines Bureau-Ateliers für peripher künstlerische Aktivitäten bin, ist das womöglich meine Art zu sagen, dass ich Künstler bin.  Und wahrscheinlich gehört es zum Künstler-Sein dazu, dass man sich jeden Tag neu dazu entschließen muss.

Eine postrevolutionäre Kunst ist nicht in Sicht

Man müsse „immer dagegen arbeiten, sogar gegen sich selbst“, soll Picasso gesagt haben. Als er 1906/07 auf beinahe sechs Quadratmetern seine Demoiselles d’Avignon malte, scheint das nötig gewesen zu sein. Sein Freund André Salmon traf ihn während der Arbeit, wie man liest, in einem prekären geistigen Zustand an. Den „Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Malerei“ (Wikipedia) mochten zunächst die Wenigsten. Henri Matisse soll empört gewesen sein. Picasso selbst war es womöglich auch. Aber es galt ja: „immer dagegen arbeiten, sogar gegen sich selbst“. Also die permanente Revolution. Das Ziel habe Picasso gesucht „in der kraftvollen Wirkung der malerischen Schrift aus sich selbst heraus“, schreibt Dorothea Eimert in ihrem lesenswerten Buch über den Kubismus. Sein künstlerisches Brot musste Picasso also schwer und hart gegen sich selbst erarbeiten. Um etwas zu erreichen, das heute jedem zur Verfügung zu stehen scheint, der geistig und praktisch nicht einen Finger dafür krumm gemacht hat: eine (damals) neue Möglichkeit des Ausdrucks „in den Linien, Farben, Formen, in Pinselstrichen und den Strichen selbst“ (Eimert). Mehr gelangweilt als souverän wählen wir zwischen figürlichen, abstrakten oder konzeptuellen „Positionen“. Wen wundert es da, dass sich beinahe niemand mehr wirklich für Malerei interessiert, jedenfalls nicht für die rezente. „Immer dagegen arbeiten, sogar gegen sich selbst“ – was könnte das heute heißen? Ist das überhaupt noch eine Maxime, die man sich ins Merkbuch schreiben möchte? Was wäre das für eine Kunst, der man ansieht: sie ist froh darüber, dass sie die Zeit der permanenten, zwanghaft die eigenen Kinder fressenden Revolutionen hinter sich hat?