Maxime

Kultiviere also deine Zerrissenheit. (Zerrissen sein kann jeder, auf kultivierte Weise zerrissen zu sein, das ist die Kunst und darauf kommt es an.)

(Passt auf wundersame Weise über die sprach- und bildlosen Wochen hinweg zum GEDULD-Beitrag.)

Zwei Nymphen nach Dannecker

Nach Johann Heinrich Dannecker: Wasser- und Brunnennymphe, 1810-15, Sandstein, überlebensgroß (Skizze 9 x 14 cm)

Johann Heinrich Dannecker wurde (auf den Tag genau 171 Jahre vor meinem Vater) am 16. Oktober 1758 in Stuttgart geboren (Berthold Friedrich R. dagegen in Ludwigshafen, das damals erst embrional, nämlich als Brückenkopf der Festung Mannheim existierte). Danneckers Vater war Stallknecht und Kutscher im Dienst des württembergischen Herzogs Carl Eugen. Erst sollte er Balletttänzer werden, dann doch lieber Bildhauer. Nach Studien-Aufenthalten in Paris und Rom etablierte sich Dannecker im Stuttgarter Bürgertum mit eigener Kunstschule. Seine letzten sechs Lebensjahre, er wurde 83, verbrachte er „in geistiger Umnachtung“.

Ohne Anschluss

Im Werküberblick 1989-2018 habe ich heute die schönen, am Strand von Samos entstandenen Zeichnungen (mit Tintenstift und Kaffee) von 2006 ergänzt. Sie sind die einzigen ihrer Art geblieben. Meine Versuche, Ähnliches in ähnlich gelungener Weise zustande zu bringen, haben mich nicht überzeugt. Im Umfeld der damaligen Arbeiten fallen sie (mir jedenfalls) aufgrund ihrer formalen Andersartigkeit ins Auge.

Überall Wind und heiße Luft

Draußen der 34 Grad warme Westwind, drinnen (im schattigen Zimmer und in Sloterdijks Neue Zeilen und Tage) der Satz, der Mensch sei „ein Hohlgefäß, durch das der Wind pfeift.“

Und noch einmal Sloterdijk. Was inzwischen jeder bei Wikipedia sehen kann, ohne nach Rom reisen und die Kirche Santa Maria della Vittoria aufsuchen zu müssen, hat Peter Sloterdijk am 7. Dezember 2012 anlässliche eines „Achtungsbesuchs“ bei Gian Lorenzo Berninis Heiligen Theresa „autoptisch“ festgestellt: Die Behauptung Lacans, „der Pfeil des komplizenhaft lächelnden Engels müsse statt des Herzens die Genitalien der Heiligen treffen“, ist falsch, denn: „Der Lokaltermin ergibt, daß der Pfeil, verlängert man seine Bahn, weder cordial noch genital auftreffen wird, da er knapp rechts am Körper der Verklärten vorbeifliegt.“

Wenn es sich nicht aus Respekt vor den bedeutenden Männern verbieten würde, müsste man allerdings konstatieren, dass Lacan und Sloterdijk übereilte Schlüsse gezogen haben. Denn wir sehen keinen fliegenden, sondern einen von einem Engel mit den Fingerspitzen gehaltenen Pfeil. Und es ist eher unwahrscheinlich, dass bei oder nach einem eventuell nachfolgend vollendeten Wurf der Pfeil dort auftreffen würde, wo er in Berninis „Momentaufnahme“ hinzielt.

„Schließlich vereinigen sich Erotik, Algolagnie und Sehnsucht nach dem Übernatürlichen zu jener bizarren Mischung, deren überwältigendster Ausdruck Berninis Heilige Therese ist, ein Werk, das zugleich ewig denkwürdig bleiben wird durch die sublime Kunst der raffiniertesten Illusionswirkungen, wie sie sonst nur die Bühne erreicht. Es ist ganz ohne Zweifel eine tief religiöse Konzeption; und doch spürt man überall, in der Gesamtkomposition wie im Arrangement jeder Einzelheit, geheime Schminke und Rampe.“ (Egon Friedell, 1931)

Von antiken Mythen verfolgt: August Gauls Hermes

In einem 1962 erschienenen Band über die Plastik des 20. Jahrhunderts schreibt Gert von der Osten: „Viele Bildhauer folgen noch antiken Mythen. […] Doch werden die alten Geschichten nicht mehr eigentlich erzählt.“

Hermes alias Merkur, der bei Gauls zwei Meter hoher Bronze-Plastik seinen Zauberstab (Kerykeion, lateinisch: Caduceus) anscheinend als Pendel benutzt. Er ist unter anderem der Schutzpatron der Kunsthändler. Versucht er gerade Echtes von Gefälschtem zu unterscheiden?

Umbilicus figurae – umbilicus mundi

Der Nabel (Umbilicus) der Figur (Form, Gestalt) ist dem Bildhauer der Nabel seiner Welt.

Das Einzelwerk als relativ unabhängiges Beziehungsgefüge kommt nicht aus dem Nichts. Fluchtpunkt Werk als Resultat einer Methode? Der Künstler als vergleichender Bild-Wissenschaftler. Arbeiten im modus coniunctivus: das (wo)mögliche Werk als Ergebnis des Herstellens (Stiftens) von Beziehungen. Systemcharakter des Werks.

Die Götter im Hades zu Paris

Es war einmal eine Göttin, deren steinernes Bildnis stand auf der Insel Samos oder einer anderen der vielen griechischen Inseln. Vielleicht auch in Syrakusai auf Sizilien oder irgendwo in Kleinasien. Und wenn die Ortsansässigen in Gleichnissen sprachen, dann wurde regelmäßig ihr Name genannt. Heute sieht sie sich in Gestalt ihres in Marmor gehauenen Ebenbilds in die Katakomben des Pariser Louvre versetzt. Sie steht dort eingereiht in die Warteschlange einer kleinen, musealen Ewigkeit zusammen mit anderen Göttinnen und Halbgöttern. Jeder kennt hier jede, meist ist man miteinander verwandt, viele verband einst eine innige Feindschaft, die hier aber keine Rolle mehr spielt. Denn sie alle treten nur noch in einer einzigen Rolle auf, nämlich in der des historischen Kulturguts, das darauf wartet, restauriert oder ausgeliehen oder exhibiert zu werden. Missbrauch folgt auf Missbrauch. Es geht ihnen im Museum nicht viel anders als den Tieren der afrikanischen, arktischen oder sonst einer Wildnis in den Exponat-Gehegen der sogenannten Zoologischen Gärten. Freiheit, Ansehen, Anbetung und Würde – das war gestern. Heute ist Kultur.

Skulpturen im Magazin des Louvre, Foto: Peter Willi, Paris

Antonio Pollaiuolo: Herakles und Antaios

Nach Antonio Pollaiuolos Bronze-Statuette „Herakles und Antaios“
(zweite Hälfte 15. Jahrhundert).

Antonio Pollaiuolo (ca. 1431-1498) war einer der ersten Künstler in Florenz, die sich mit mythologischen Themen befasst haben. Und dann gleich Herakles und ein knapp 30 Meter großer beziehungsweise hoher Riese, der dem Halbgott den Zugang zu den Gärten der Hesperiden verwehren wollte! Bevor Herakles ihn umschlingen, in die Höhe heben und erdrücken konnte, musste er wohl irgendwie die Luft aus Antaios rausgelassen oder ihn auf andere Weise auf ein technisch zu bewältigendes Normalmaß reduziert haben.