Bilder

Eine theoretische Phantasie

Die unter Bilder 01ff. eingestellten Bilder sind nicht als Abbildungen oder Dokumente oder Repräsentationen undsoweiter gemeint, auch wenn es häufig so aussieht, als wäre dem so. Sie bilden nur sich selbst ab, dokumentieren oder repräsentieren ausschließlich sich selbst. (Allenfalls könnte man sagen, sie repräsentieren ihr Ikonem, dazu gleich mehr.) Es ist auf ihnen nichts zu sehen. Wenn es so aussieht, als wäre auf ihnen etwas zu sehen, hat das mit den Entstehungsbedingungen zu tun. Um ein Beispiel zu geben: bei Bild 0001_151209 könnte man meinen, hier sei ein Holzrelief zu sehen. Das hängt damit zusammen, dass ich hier zum Zweck der Bildgenerierung auf ein Foto zurückgegriffen habe, das ich von einer von mir am 9. Dezember 2015 fertiggestellten Eichenlaubmaske aus Eichenholz gemacht hatte. Um das Bild als Bild ernst zu nehmen, ist das aber nicht nur nicht von Belang, sondern es stört geradezu, denn es lenkt vom Bild ab. Wobei mit „Bild“ nicht das Foto gemeint ist. Denn es geht hier auch nicht um „Das Gute Foto“ oder gar „Den Guten Scan“. Da es um die Bilder als Bilder geht, verbieten sich Materialangaben und absolute Größenmaße von selbst, denn: woraus bestehen Bilder und wie hoch oder wie breit sind sie?

In der Sprachwissenschaft signalisieren die auf -em endenden Begriffe einen hohen Abstraktionsgrad, sie sind Resultat und Ausgangspunkt funktionaler (distinktiver) Analysen. Ein Phonem (die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit) kann als eine Art Bauplan angesehen werden, nach dem nahezu unendlich viele Phone (vereinfacht: Laute) realisiert werden können. Parallel dazu könnte man von einem Ikonem als dem Inbegriff einer unendlichen Menge von einander ähnlichen Bildern sprechen. Das Ikonem selbst wäre dann logischerweise kein Ikon, also kein wahrnehmbares Bild, denn jedes wahrnehmbare Bild ist nicht mehr das Ikonem, sondern eine seiner Realisierungen. Gleichwohl postuliere ich für jedes meiner Bilder unter Bilder 01ff. den Status des Ikonems, genauer: eines jeweils durch eine seiner Realisationen repräsentierten Ikonems.

Alle Ikoneme zusammen genommen bilden die unendlich große Menge der möglichen Bilder. Bilder (und ihre Ikoneme) sind keine natürlichen Gegenstände, sondern arbiträre, teilweise auch konventionelle Gebilde. Die Ikoneme, die auf Konvention beruhen, bilden nur einen verschwindend geringen Teil der real und potentiell existierenden Ikoneme.

Ikonematisch verschiedene Bilder können sich zu Bildgruppen, Bildkompositionen oder Bildkonglomeraten usw. zusammenschließen. So bilden etwa die Altarbilder des Isenheimer Altars eine zusammengehörige Bildgruppe.

Die hier in Rede stehenden und unter Bilder 01ff. repräsentierten Ikoneme sind zweidimensional. (Es gibt allerdings keinen Grund anzunehmen, dass es nicht auch drei- oder drei+n-dimensionale Ikoneme gibt.) Sie haben in der Regel rechteckige Form, wobei grundsätzlich jede äußere Form für ein Ikonem in Frage kommt. Einzige Bedingung ist die Geschlossenheit des Umrisses. Bildlose Binnenbereiche sind durchaus in Erwägung zu ziehen, wobei natürlich auch die ernst zu nehmende Ansicht vertreten werden kann, dass es innerhalb eines zweidimensionalen Bild-Umrisses keinen bildfreien Bereich geben kann, da ja Bild (Ikonem) zu definieren wäre, als der Inbegriff des Sichtbaren im Rahmen eines Innerhalbs in Abgrenzung gegen ein Außerhalb.

In der Sprachwissenschaft werden Phon(em) und Morph(em) zu dem, was sie sind, durch Bezugnahme auf den Begriff der Bedeutung. Auch Ikoneme sind „bedeutungstragend“ (analog zu Morphem) und können in Ikonemverbindungen (s. o.) auch bedeutungsunterscheidend (analog zu Phonem) sein. Im Gegensatz zum sprachlichen Bereich sind es in der Sphäre der Bilder aber nicht bestimmten Regeln folgende syntagmatischen Verbindungen, deren Untersuchung zur Identifikation der Bilder (oder gar zur Definition des Bildbegriffs) unabdingbar wäre. Gleichwohl mögen syntagmatische Untersuchungen bei einem geringen Teil der möglichen Bilder sinnvoll sein.

Die Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken kann nur mit Hilfe anderer sprachlicher Ausdrücke angegeben werden. Ein Wort verstehen heißt sagen können, was es „bedeutet“. Für die Bedeutung eines Bildes postuliere ich analog: Ein Bild verstehen heißt, auf mindestens ein anderes Bild verweisen können, das zeigt, was es bedeutet.