Bernhard Stüber, Kunstverein Bretten 2004

Platonische Welten gezeichneter Stille:  Wo sind wir, wenn wir in Bernhard Stübers Bildern sind?
Rede zur Eröffnung einer Ausstellung mit Kugelschreiberzeichnungen von Bernhard Stüber im Brettener Kunstverein am 11.1.2004

Meine Damen und Herren, um Ihnen vor Ohren zu führen, in welche Gefahrenzone Sie sich, vermutlich ohne etwas davon zu ahnen, heute Vormittag begeben haben, lese ich zunächst eine Passage aus Thomas Bernhards „Alte Meister“. Wir befinden uns im Sebastiano-Saal des Kunsthistorischen Museums in Wien; der Erzähler beobachtet gerade eine russische Besuchergruppe, geführt von einer ukrainischen Dolmetscherin:

„Ich sah nur die Rücken der russischen Gruppe und hörte, was die ukrainische Dolmetscherin zum besten gab, sie redete, wie alle anderen Führer im Kunsthistorischen Museum Unsinn, es war nichts als das übliche üble Kunstgeschwätz, das sie in die Köpfe ihrer russischen Opfer hineinstopfte. Da sehen Sie, sagte sie, sehen Sie den Mund, da, sehen Sie, sagte sie, diese weitausladenden Ohren, da, sehen Sie dieses zarte Rosa auf der Engelswange, da, sehen Sie im Hintergrund den Horizont, als ob nicht jeder auch ohne diese stupiden Bemerkungen alles das auf den Tintorettobildern gesehen hätte. Die Führer in den Museen behandeln die ihnen Anvertrauten doch immer nur als Dummköpfe, während sie doch niemals solche Dummköpfe sind, sie erklären ihnen vornehmlich immer das, was ja naturgemäß ganz und gar deutlich zu sehen ist und das also gar nicht erklärt zu werden braucht, aber sie erklären und erklären und zeigen und zeigen und reden und reden. Die Führer in den Museen sind nichts anderes als eitle Geschwätzmaschinen, die sie selbst so lange angestellt haben, solange sie eine Gruppe durch das Museum führen, diese Geschwätzmaschine redet immer dasselbe jahraus, jahrein. Die Museumsführer sind nichts anderes als eitle Kunstschwätzer, die von der Kunst nicht die geringste Ahnung haben, die die Kunst auf ihre widerwärtige Geschwätzweise skrupellos ausnützen. Die Führer in den Museen schnarren das ganze Jahr über ihr Kunstgeschwätz ab und kassieren dafür einen Haufen Geld.“ (S. 130 f.)

Nun haben Sie, meine Damen und Herren, es hier und heute nicht mit einer Museums-, sondern nur mit einer Art von Galerieführung in Vortragsform zu tun. Entspannen Sie sich also so gut es geht, obschon ich Ihnen gestehen muss: auch ich werde über das reden, was „naturgemäß ganz und gar deutlich zu sehen ist“, was sich aber gleichwohl erst bei genauerem und sozusagen intellekt- also sprachgestütztem Hinsehen in seiner ganzen immer schon vorhandenen Deutlichkeit zeigt. Der mich seit langem begleitende Satz von Frank Stella „what you see is what you see“ – „was man sieht, ist das (und nur das), was man sieht“ wäre also mindestens zu ergänzen um die Bemerkung: „Was man sieht, ist auch das, was man erst einige Gedanken später auf den zweiten und dritten Blick sieht“.

Als einen wichtigen Teilaspekt seiner künstlerischen Arbeit bezeichnet Bernhard Stüber seine Kugelschreiberzeichnungen, von denen er 43 für die Ausstellung im Brettener Kunstverein ausgewählt hat. Am Anfang stehen, wie Stüber sagt, „inspirierende Orte“, etwa die Ruine einer verlassenen Hotelanlage oder eine archäologische Ausgrabungsstätte in Mexiko, der Heimat von Ehefrau Louisa Stüber. Es folgen kleinformatige Entwurfsskizzen, die, wenn schon nicht in der Regel, dann doch wenigsten nicht selten im nächtlichen, unbebrillten Halbdunkel des Stüberschen Schlafzimmers entstehen, wo auf dem Nachttisch stets ein Skizzenbuch bereit liegt. (Welcher Kunstfreund, ich schließe mich da selbst mit ein, wäre nicht dankbar für solche intimen Details aus dem Nähkästchen; den Nachttisch habe ich allerdings dazu erfunden, ich weiß nicht, ob es bei Stübers ein solches Accessoire überhaupt gibt.) Der Schritt von der Entwurfsskizze zur Zeichnung ist dann allerdings ein spezifisch zeitgenössischer. Denn nun wird mit dem PC gearbeitet, das heißt, es entstehen nach den Skizzen lineare Computerzeichnungen, die ausgedruckt und mit Hilfe einer Glasplatte, einer Lichtquelle und eines Bleistifts auf das Papier oder den Zeichenkarton übertragen werden. Jetzt erst beginnt, wenn man so will, die eigentliche Arbeit, doch sieht man es Stübers Konstruktionen an, dass das Eigentliche längst begonnen hat, wenn endlich in letzter Entschiedenheit der Stift übers Papier bewegt wird. Ich zitiere aus einem Text von Bernhard Stüber: „Die Formen wachsen langsam auf vielen Blättern gleichzeitig, geometrische Figuren schälen sich aus dem grau-schwarzen Gestrichel, die Handschriften verschiedener Tage überlagern sich, das Blatt wird zum Zeichnen in alle Richtungen gedreht, die Papierfläche füllt sich mit einem Netzwerk fein gewebter Striche kreuz und quer, das Schwarz wird schwärzer und schließlich samtglänzend – die charakteristische Patina des Kugelschreibers.“ Sie werden es bemerkt haben: hier kann einer nicht nur zeichnen, sondern auch schreiben. Inspiration, Entwurfsskizze, Computerkonstruktion, Kugelschreiberzeichnung – dies sind, äußerlich betrachtet, die vier Hauptstationen der Werk-Genese.

Zu Beginn meines nun folgenden Versuchs zur inhaltlichen Deutung noch einmal eine aufschlussreiche Passage aus dem eben zitierten Text, verfasst im November 2001: „Unwirkliches Licht, weich, diffus und doch manchmal heftig Schatten-werfend besänftigt die kühle Geometrie und betont die gezeichnete Stille. Die fundamentale Schlichtheit, die Klarheit der von Alltagsspuren entkrusteten Formen, illusionistisch liegend oder schwebend, manchmal von einer nur auf dem Papier darstellbaren Glaubwürdigkeit begleitet, öffnen dem nachdenklichen Betrachter das weite Feld möglicher Entwürfe: für malerische Interpretationen, kleinste Objekte, Großplastiken aber auch architektonische Bezüge.“ Das hätte als Einführung fast schon genügt, aber manchmal ist es aus Deutlichkeitsgründen von Vorteil, wenn man noch ein wenig drumherum redet.

Wichtige Stichwörter für ein interpretierendes, also vermittelndes, erklärendes und auslegendes, auch übersetzendes Sprechen über diese Zeichnungen sind hier bereits gefallen: unwirklich, kühl, gezeichnete Stille, Schlichtheit, Klarheit, entkrustete Form, Illusion, Entwurf.

Dem am Ende des Zitats von Bernhard Stüber eingeführten „nachdenklichen Betrachter“ möchte ich allerdings raten, sich von seinen liebgewonnenen Assoziationen sobald es ihm möglich ist wieder zu verabschieden und zuzugeben, dass es sich hier eben nicht um die Darstellung von Miniaturobjekten, Großplastiken oder architektonischen Anlagen handelt. Ein anfängliches oder gar dauerhaftes Nicht-Verstehen ist für manchen Betrachter, ob nachdenklich oder nicht, so unerträglich, dass er allzu schnell Zuflucht sucht und findet bei banalen analogischen Interpretationsmustern, welche die Einsicht in das Spezifische dieser Werke zuverlässig verhindern. Interpretation im Sinne von Auslegung kann ja nicht heißen, dass man vorgibt, Dinge zu sehen, die nicht zu sehen sind, auch wenn einem das gerade ausgezeichnet ins Konzept von der eigenen Phantasiebegabtheit passen würde. Die zu Beginn meiner Rede im Text von Thomas Bernhard so übel traktierte ukrainische Dolmetscherin und Kunstführerin hat nämlich noch einen Bruder und der ist auch Kunst-Dolmetscher. Das Unerträgliche an ihm ist nicht, dass er das Publikum nur auf das aufmerksam macht, was ohnehin jeder sehen kann – er verfällt vielmehr ins andere Extrem und entfaltet einen Kosmos von Dingen, die es wohl alle geben mag, von denen aber auf den „übersetzten“ Bildern absolut nichts zu sehen ist.

Die von Bernhard Stüber selbst erlauschte und sprachlich benannte „gezeichnete Stille“ in seinen Bildern ist die Stille eines Raumes, dessen Ausdehnung in mehrfacher Hinsicht ungewiss ist. Ungewissheit ist ein weiterer Begriff, den ich der vorhin gegebenen Liste mit Schlüsselwörtern noch hinzufügen möchte. Stübers Räume sind in Ermangelung schon bekannter und größenmäßig bestimmter Vergleichsobjekte innerhalb des Bildraums nicht nur nicht vermessbar, sondern oft auch qualitativ mehrdeutig, das heißt, es herrscht Unsicherheit darüber, welche Dimensionen hier auf welche Weise eine Einheit bilden. Martin Heidegger sagt von der Plastik, dass sie eine Gegend öffne und damit dem Menschen ein Verweilen und Wohnen gewähre. Wenn wir den Ausdruck Plastik für Stübers gezeichnete Objekte vorübergehend zu akzeptieren bereit sind: welche Gegend wird hier geöffnet und kann man sich in dieser Gegend ein Verweilen und Wohnen vorstellen? Mit andern Worten: wo sind wir, wenn wir in Bernhard Stübers Bildern sind? Es lässt sich auf diese Frage nur antworten: Wir wissen es nicht und können es auch nicht herausfinden, da uns der Zugang zur Welt des Bildes zugleich offen steht und verwehrt ist. Wir können nicht sagen, ob wir uns in der Nachbarschaft relativ kleiner oder relativ großer Dinge befinden, immerhin: mit etwas Dinghaftem scheinen wir es zu tun zu haben, aber auch dessen materiale Beschaffenheit und mögliche Funktion ist ungewiss. Ob es geschaffen wurde oder einfach nur ist – wir wissen auch das nicht, können es nicht wissen und sollten es womöglich auch gar nicht wissen wollen. Die Klarheit der Darstellung kontrastiert in bemerkenswerter Weise mit der Unklarheit, die herrscht in Bezug auf das Dargestellte und den von ihm eröffneten Raum. Angesichts so vieler Fragwürdigkeiten läge es nahe, dass wir uns an etwas erinnern, was wir beinahe vergessen hatten: hier wird ja gar nichts dargestellt, das ist ja nur die Stübersche Fiktion einer Darstellung. Unser Rätselraten wäre dann ein weiterer Beleg für die Suggestivkraft der illusionistischen Geste. Diesen Schritt zurück auf den vermeintlich sicheren Boden des Brettener Kellergewölbes als Teil einer Welt der wiederholbaren Experimente sollten wir für einen Moment noch den Ingenieuren und den Kunstkritikern überlassen und stattdessen darauf beharren, dass hier wirklich etwas dargestellt wird.

Meine These ist die, dass es sich bei Bernhard Stübers gezeichneten Objekten um die Darstellung von Form-Entwürfen, Form-Modellen, wenn man will: Form-Ideen handelt. Bernhard Stüber erbringt den Nachweis, dass man Ideen zeichnen kann. Wem diese Entwürfe und Modelle dann wozu dienen, ja, ob sie überhaupt irgendwem zu irgendwas dienen, muss dahingestellt bleiben. Solche Form-Ideen sind Gegenstände nur in Anführungszeichen. Sie öffnen einen Raum, aber keinen vermessbaren, sie besitzen reale Substanz, aber das Material, aus dem sie bestehen, ist nur ideel und nicht materiell vorhanden, sie reflektieren Licht, aber die Lichtquelle ist ebenso immateriell wie die Objekte, die sie zur Erscheinung bringt. Ich versteige mich sogar zu der Behauptung: dieses Licht ist Licht von jenem Licht, das in Platons Höhlengleichnis die Schatten der realen Ideen an die Wand der für uns wahrnehmbare Welt projiziert. Im Lichte dieses, wie ich zugebe, verwegenen Vorstoßes müssten allerdings die eben erst gesetzten Anführungszeichen bei dem Wort Gegenstand für Stübers Objekte wieder entfernt und stattdessen mit Platon allen anderen Sachen verordnet werden, deren gegenständliche Realität ja nur eine sekundäre ist, während die primäre Wirklichkeit der Dinge außer in Platons Höhle nur noch in Stübers Bildern zu finden wäre.

Bernhard Stübers Zeichnungen gewähren uns einen Blick in einen Raum vor allen Räumen auf Gegenstände vor allen Gegenständen. Unsere, von mir oben nur mit Vorbehalt zur Kenntnis genommenen unwillkürlichen Assoziationen belegen die Zeitlosigkeit des Darstellungsraumes, indem sie eine Äonen übergreifende Zeitzone eröffnen. Das ganz Alte und längst Vergangene ist darin ebenso präsent wie Vorgriffe auf die Welt von übermorgen. Dieser Einblick ist zugleich ein Blick ins Ungewisse oder besser: Vor-Gewisse, da er uns eine Welt vor oder jenseits der quantifizierbaren Gewissheiten zeigt. Die gezeichnete Stille in Bernhard Stübers Welten ist somit, um weiterhin synästhetisch zu sprechen, ein Abbild der realen Stille einer anderen Wirklichkeit jenseits des lärmenden Lebens, von dem wir einer stillschweigenden Verabredung folgend sagen, dass es die Realität sei.